Christentum

Wunder in Bibel?

 Plagen, Heilungen und Auferstehung: Die Bibel ist voll wundersamer Ereignisse. Jahrtausendelang glaubte man, darin das göttliche Wirken erkennen zu können. Naturwissenschaftler bieten jetzt erstaunliche neue Erklärungen an. 

Am Anfang war ein gigantischer Knall. Der Vulkan auf der Kykladeninsel Santorin brach aus, schleuderte binnen zwei Jahren vierzig Milliarden Kubikmeter Magma an die Erdoberfläche und stürzte die antike Welt in eine Katastrophe. Es ist in der Mitte des Jahres 1602 v. Chr., als das Unheil auch das rund 800 Kilometer entfernte Ägypten erreicht. Die Hochwassersaison am Nil hat gerade begonnen, als giftiger Ascheregen fällt. Es sind Schauer

mit hohen Anteilen von Schwefel- und Salpetersäuren. Der Nil färbt sich rot. Die Fische sterben. Die Frösche entfliehen dem kontaminierten Wasser, verenden an den Ufern. Ihre Kadaver wiederum sind der Nährboden für Bakterien aller Art, Würmer und Insekteneier – also für ein Massenaufgebot von Ungeziefer, für die biblischen Plagen drei und vier.

 

Die hohen Schwefelwerte im Boden führen zum großen Viehsterben, der fünften Plage, die giftigen Niederschläge verursachen bei Mensch und Tier milzbrandartige Ätzwunden. Weitere Eruptionen führen zu Wetteranomalien im ganzen Mittelmeerraum und bringen dem Pharaonenreich vernichtenden Hagelsturm, laden über Ägypten zudem Myriaden von Heuschrecken ab. Ein letzter Ausbruch verursacht schließlich die dreitägige Finsternis.

 

Somit wären neun der berühmten zehn Plagen des Alten Testaments geklärt – wenn man dem kanadischen Mikrobiologen Siro Igino Trevisanato folgt. Er spricht von einer »ökologischen Kettenreaktion«, die einer Klimakatastrophe gleichkam, und stützt sich dabei auf neue Erkenntnisse aus Geologie und Archäologie, untermauert durch Papyri aus dem Alten Ägypten. Während die Fachwelt über seine These heftig diskutiert, betont der Wissenschaftler: »Die biblischen Texte beschreiben glaubhaft ein historisches Ereignis.« Die zehnte Plage, das Massensterben der Erstgeborenen, deutet er übrigens als Menschenopfer der Ägypter. Sie wussten sich keinen anderen Rat mehr und versuchten so, den Schöpfergott Re milde zu stimmen.

 

Auch die Durchquerung des Roten Meeres durch Moses und das Volk Israel muss kein Wunder gewesen sein – davon sind russische Forscher überzeugt. Der Mathematiker Naum Wolzinger berichtet von einem Riff, das von einem Ufer des Golfes von Suez zum anderen reicht, heute bis sieben Meter unter der Meeresoberfläche liegend. In der Antike soll es deutlich weniger tief gelegen haben. Wenn die Gezeiten extrem günstig waren und zugleich ein starker Nordwind das Wasser nach Süden drückte, wäre eine Durchwanderung zumindest »physikalisch möglich« gewesen.

 

Das Nachlassen des Windes habe schließlich dazu geführt, dass das Wasser mit einer großen Welle wieder zurückströmte und das ganze Riff binnen kurzer Zeit überflutete. Gott sprach bekanntlich zu Moses: »Du aber hebe deinen Stab auf, recke deine Hand über das Meer, und teile es mittendurch.« Auf diese Weise entkamen die Israeliten der Knechtschaft durch die Ägypter. Ihre Verfolger aber, die Streitkräfte des Pharaos, kamen in den zurückströmenden Fluten um.

 

Andere Mirakel des Exodus lassen sich noch leichter erklären. Beispielsweise das Hervorzaubern von Wasser aus einem Felsen. Im Sinai, durch den auch Moses gezogen sein soll, erlebte in den 1930er-Jahren ein britischer Gouverneur ein derartiges »Wunder« live mit. Ein Soldat seines Kamelkorps schlug beim Graben nach Wasser zufällig mit voller Wucht gegen einen Felsen. Die Oberschicht platzte ab, und aus dem weichen Kalkgestein schoss Wasser, das dort in vielen Jahren und Jahrzehnten eingesickert war.

 

Eindrucksvoll soll auch die Eroberung Jerichos gewesen sein. Sieben Tage lang marschierten die israelitischen Krieger um die Stadt herum, am letzten Tag allein siebenmal. Sieben Priester bliesen in sieben Posaunen, Kriegsgeschrei erhob sich. Und die mächtigen Stadtmauern stürzten ein. So weit das Buch Josua. Haben allein die Schallwellen der Widderhörner – quasi als antike Wunderwaffe – dieses Werk vollbracht? Diese Frage wird bis heute diskutiert. Der entscheidende Schönheitsfehler aller Theorien: Archäologen haben jüngst herausgefunden, dass Jericho im 13. Jahrhundert v. Chr., als die Landnahme stattgefunden haben soll, nicht mehr befestigt und zudem höchstwahrscheinlich unbewohnt war.

 

Wie verhält es sich aber nun mit den Wundertaten Jesu im Neuen Testament? Sind sie Wahrheit – oder doch Legende? Wissenschaftler lieferten in den vergangenen Jahren gerade für die wundersamsten Geschichten erstaunliche Erklärungen. Etwa für das Wunder am See Genezareth, wo Jesus über das Wasser zu seinen Jüngern wandelt. Dem US-Meereswissenschaftler Doron Nof zufolge könnte der Heiland tatsächlich über Wasser gegangen sein – allerdings über gefrorenes Wasser. Vor 1500 bis 2500 Jahren, als die Durchschnittstemperatur mindestens drei Grad Celsius niedriger war als heute, kam es immer wieder zu Kälteeinbrüchen. Auch in der Region um Tabgha, in der sich Jesus aufhielt. Dort gibt es warme Salzwasserquellen. Aufgrund der höheren Dichte sammelt sich das Salzwasser am Boden des Sees und verhindert, dass das Oberflächenwasser bei Kälte absinken kann. Somit konnte sich einst ungewöhnlich schnell eine Eisschicht bilden. Forscher sind überzeugt, dass dieses dünne Eis Jesus tragen konnte.

 

Doch er war nicht nur ein Mann mit beinahe magischen Fähigkeiten. Jesus wird in der Bibel auch als Wunderheiler präsentiert. Seinen Freund Lazarus von Bethanien soll er sogar von den Toten erweckt haben. Im

Johannesevangelium wird berichtet, dass Lazarus schon vier Tage bestattet war. Als Jesus aber vor der Grabhöhle steht, befiehlt er seinem Freund aufzustehen und herauszukommen. Und so geschieht es.

 

»Hier könnte es sich um einen Fall von Scheintod durch Gifteinwirkung handeln«, erklärt Werner Kissling,

Mediziner am Klinikum »Rechts der Isar« in München. Möglich wäre eine Vergiftung durch Bilsenkraut, jenes Gewächs, das im Alten Griechenland den Priesterinnen von Delphi zu ihren Orakeln verholfen haben soll. Alle Pflanzenteile sind hochgiftig, und die Wirkungsweise des Krautes war wohl auch in Palästina bestens bekannt. Ein Toxikologe: »In geringer bis mittlerer Dosierung führt Bilsenkraut zu Erregungszuständen, in sehr hoher Dosierung zu tiefer Bewusstlosigkeit.« Lazarus hätte so bis zu 24 Stunden und mehr in einen Tiefschlaf fallen können, bewegungslos und regungslos. Sein Atem wäre wohl kaum spürbar gewesen. Jesus hätte dann nur zum rechten Zeitpunkt zu des Lazarus »Erweckung« kommen müssen.

 

Eine andere Theorie besagt, dass Lazarus nach einem schweren psychischen Schock unter schlimmen Angstzuständen gelitten haben könnte. Mediziner sprechen in diesem Fall von »Katatonie«. Eine mögliche Folge: Betroffene reagieren nicht mehr, liegen nur wie zu Tode erstarrt da. Laut Experten kann dieser Zustand fünf Tage und mehr andauern.

 

Die fast unglaubliche Macht der Seele – sie könnte auch der Schüssel zu weiteren Wundern sein. Denn wie nur gelang es Jesus immer wieder, Blinde, Besessene oder Gelähmte zu heilen? Tatsache bleibt: Es ist durchaus bekannt, dass Menschen unter Lähmungen oder Blindheit leiden können, ohne dass es dafür einen echten Befund gibt. Die Blockade geht dann nicht von defekten Nerven, Knochen oder Muskeln, sondern direkt vom Gehirn aus. In der Regel nach einem Schockerlebnis, einem Unfall, Trauma oder tragischen Verlust. »Konversionssyndrom« heißt das in Fachkreisen. Denn es ist stets ein Organ betroffen, das in direktem Zusammenhang zu den Seelenqualen steht. Ärzte berichten von Patientinnen, deren Arm gelähmt wurde, weil ihre Männer sie oft geschlagen haben – und sie selbst aber nicht zurückschlagen wollten. Oder auch von Menschen, die Augenzeugen eines schrecklichen Verbrechens waren und erblindeten. Dann spricht man auch von »hysterischer Blindheit«. Bartimäus, der blinde Bettler aus dem Markusevangelium, könnte darunter gelitten haben. Jesus heilte ihn.

 

Heinz Golling, Münchner Facharzt für psychosomatische Medizin: »Eine klassische Therapie ist schwierig und langwierig. Eine Behandlung unter Hypnose und im Trancezustand kann aber unter Umständen sehr schnell wirken.« Wer daran glaubt, hat gute Heilungschancen. Positiv kann sich zudem auswirken, wenn es sich um ein »Massenphänomen« handelt, wenn viele Menschen in Wundererwartung zusammenkommen. Wie in Kafernaum am See Genezareth, als man sogar das Hausdach abdeckte, um einem Gelähmten den Weg zu Jesus zu bahnen. Der sprach den Kranken von seinen Sünden los und sagte: »Steh auf, nimm dein Bett und geh!«

 

Was bleibt, ist das Wunder der Auferstehung. Auch hier beginnen die Berichte mit einem vermeintlich historischen Befund, mit einem Grab, das am Ostermorgen dann plötzlich leer ist. Jesus erscheint zuerst den Frauen, die zur Totensalbung an Jesu Grab eilen, dann Petrus und einem weiteren Jünger. Der Evangelist Lukas lässt ihn dann später sogar mitten unter den Aposteln auftauchen und sagen: »Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst. Fasst mich doch an und begreift.«

 

Der Berliner Sterbeforscher Bernard Jakoby sieht in den verschiedensten Schilderungen der Evangelisten »alles vorweggenommen, was Menschen bis in die Gegenwart erleben«. Er spricht von Tausenden Berichten über Nachtod-Kontakte, die ihm Betroffene übermittelten. In erster Linie seien das Träume, kleine Zeichen, Berührungen oder zumindest das »Gefühl unbeschreiblicher Wärme« und Nähe des Verstorbenen.

 

Nach dem Tod Jesu könnten sich also Visionen ereignet haben, Tiefenerlebnisse, die in Bilder und Botschaften übersetzt werden mussten. Experten wie der Bamberger Theologe Volker Eid sind davon überzeugt, er schränkt jedoch ein, der Gegenstand historischer Untersuchung könne nur der Glaube an die Auferstehung, nicht aber diese selbst sein.

 

Vielleicht war es sogar eine Art Trotzreaktion, die diesen Glauben beflügelte. Seine Anhänger dachten: Jesus, der Messias, der Gottessohn, konnte doch nicht durch die Hinrichtung vernichtet sein! Im Gegenteil: Der Fürsprecher der Armen und Entrechteten wurde in ihren Augen nicht trotz, sondern wegen seines elenden Todes am Kreuz nur noch glaubwürdiger. Andere mochten das als Schande begreifen, für die frühen Christen war es ein weiteres Indiz für die Weisheit des Herrn. Nicht nur die Auferstehung, alle Wunder der Bibel sollen natürlich die allmächtige Gegenwart Gottes dokumentieren. Die Verfasser des Neuen Testaments wollen damit auch »beweisen«, dass Gott in Gestalt seines Sohnes Jesus in die Welt kam.

 

Die Kraft ihrer Worte ist ungebrochen. Im Heiligen Land ist in den letzten Jahrzehnten ein wahrer Archäologie-Boom ausgebrochen. Internationale Grabungsteams lassen kaum einen Landstrich unberührt, Forscher spüren noch immer dem Wahrheitsgehalt der Bibelwunder nach – wobei natürlich nicht auszuschließen ist, dass diese schlicht der Fantasie ihrer Autoren entsprungen sein könnten. Doch was wir heute auch über das Buch der Bücher wissen – wir wissen noch längst nicht alles …

 

 

 

Autor(in): Claudia Detsch

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