Fragen und Antworten

Wie spät ist es?

Wie verabredet man sich ohne Uhr zum Abendessen, und wie hält man wichtige Ereignisse fest, wenn man nicht weiß, was ein Terminkalender ist? Der Händler Phillipos zeigt uns an einem Tag in seinem Leben den Weg zu griechischer Pünktlichkeit.

Für die Menschen im Jahr 421 v. Chr. ist es ein ganz besonderer Tag: Nach über zehn Jahren Krieg haben Athen und Sparta endlich Frieden geschlossen. Am Stand der Sonne erkennt der Händler Phillipos, dass es gerade Nachmittag sein muss, als ihn die Botschaft erreicht. Er befindet sich in Sparta, am viertletzten Tag des Monats mit der Bezeichnung »Artemisios unter dem Ephorat Pleistolas«.

Wie üblich zu jener Zeit, wird das Jahr nach dem in Sparta herrschenden Regierungsbeamten Pleistolas benannt. Als Ephorat ist er so etwas wie ein Aufseher und beruft zum Beispiel die Volksversammlung ein. In Athen dagegen wird dieser Tag ganz anders, aber nicht weniger umständlich genannt: als der sechstletzte des Monats »Elaphebolion unter dem Archon Alkaios«. Hier hat ein Mann namens Alkaios das Amt eines Archon inne, eines hohen Beamten (Plural: Archonten).

Neben den Jahren haben auch die Monate in den verschiedenen Städten Griechenlands unterschiedliche Namen. Was heute aller Wahrscheinlichkeit nach der März wäre, wurde 421 v. Chr. in Sparta als »Artemisios« und in Athen als »Elaphebolion« bezeichnet. Auch der Jahresanfang wird in den verschiedenen Städten individuell festgelegt – meist zwischen den Monaten Juni und Juli.

Den gemütlichen Phillipos kümmert das allerdings wenig an diesem Tag. Als reisender Händler ist er besonders froh über die Nachricht des Friedens. Er beschließt seine Arbeit niederzulegen, um früher als gedacht der Einladung seines Freundes Petros zu folgen. In bester Stimmung schlendert er an der neuen Sonnenuhr vorbei, die der Astronom Metos aufgestellt hat. Ein senkrecht aufgestellter Stab zeigt durch den Schatten der tief stehenden Sonne eine recht späte Stunde an.

Der Händler ist es ohnehin gewohnt, die Uhrzeit am Stand der Sonne abzulesen. Er wacht am Morgen mit den ersten Strahlen auf, isst zu Mittag, wenn die Sonne am höchsten steht und geht oft mit ihr zu Bett. Auch wenn Wolken die Sicht verdecken, kann der Grieche dank jahrelanger Übung meist recht genau schätzen, wie spät es ist.

Nach kurzem Weg trifft Phillipos im Haus seines Freundes ein. Einige Gäste sitzen schon hinter dampfenden Suppen, und immer wieder werden weitere Speisen hereingetragen. Auch Wein gibt es reichlich an diesem Abend. Phillipos unterhält sich angeregt mit den Männern, die kommen und gehen, wie es ihre Geschäfte erlauben. Gefeiert wird gerne im antiken Griechenland, auch zu offiziellen Anlässen: Etwa 60 bis hundert religiöse Feiertage pro Jahr bestimmen den Kalender. Die Monate werden oft nach ihnen benannt und richten sich nach der Zeit zwischen zwei Neumonden. Der Mondkalender dieser Zeit ist mit seinen 354 Tagen allerdings recht ungenau, sodass regelmäßig Korrekturen gemacht werden müssen.

Das Alltagsleben der Griechen ist aber ohnehin nicht genau durchgeplant. Zeitangaben in Minuten oder gar Sekunden gibt es nicht, und sie werden auch nicht benötigt. Man verabredet sich für den »Nachmittag« des folgenden Tages oder macht ein Treffen in drei Tagen »zur Marktzeit« aus.

Wenn präzise Zeitangaben bei offiziellen Anlässen unumgänglich sind, greifen die Griechen auf Wasseruhren zurück. Sie funktionieren nach einem einfachen Prinzip: Wasser fließt aus einem mit einer Zeiteinteilung versehenen Gefäß durch eine kleine Öffnung in ein zweites Gefäß. Ansonsten sind die Tage eben so lang, wie die Sonne scheint.

 

 

 

 

Autor(in): Isabelle Bareither

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