Antike Zeiten und Kulturen

Wie die Antike bis heute weiterlebt

Auf den ersten Blick sind es vor allem Säulen, Steine und Skulpturen – aber in Wirklichkeit haben uns die alten Griechen weitaus mehr hinterlassen. Zum Beispiel jede Menge Wörter, die wir täglich in unserer Spache benutzen. 

Auf den ersten Blick sind es vor allem Säulen, Steine und Skulpturen – aber in Wirklichkeit haben uns die alten Griechen weitaus mehr hinterlassen. Zum Beispiel jede Menge Wörter, die wir täglich in unserer Spache benutzen. 

So ein megageiles Auto! Guck mal auf den Tacho, wie das abgeht!« Wer so spricht, ahnt meist nicht, dass er Wörter einer Sprache verwendet, die nach allgemeiner Auffassung als »tot« gilt: mega, auto und tacho sind altgriechische Wortstämme. Und von ihnen gibt es viele. »Etwa 40 Prozent des intellektuellen Wortschatzes in den modernen westlichen Sprachen sind griechischen Ursprungs«, sagt Professor Joachim Latacz, Experte für Altgriechisch (Gräzistik) an der Universität Basel. »Und auch in unserer Alltagssprache spielen Wörter griechischen Ursprungs eine Rolle. Wir merken es gar nicht, wie sehr wir noch immer griechisch reden und griechisch denken.«

 

Dass es im Deutschen – noch mehr als im Französischen, Englischen und Italienischen – so viele griechische Überbleibsel gibt, liegt an der »Griechenbegeisterung der Deutschen in der Vergangenheit. Sie ist einmalig auf der Welt«, sagt Joachim Latacz.

 

Zwei Wellen gab es: zuerst den Humanismus in der frühen Neuzeit (14. bis 16. Jahrhundert). Damals übersetzte Martin Luther die Bibel aus dem Altgriechischen ins Deutsche, und mancher Gelehrte legte sich einen griechischen Namen zu – zum Beispiel der Theologe Philipp Melanchthon, der eigentlich Philipp Schwartzerdt hieß.

 

Dann kam die deutsche Klassik um Goethe und Schiller (Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts). »Die Deutschen kämpften damals gegen Napoleon. Um sich von den Franzosen abzugrenzen, wandten sie sich vom romanischen Erbe ab und werteten das Griechische höher«, erklärt Latacz. Die Gymnasien unterrichteten neben Latein verstärkt Griechisch, und in Wissenschaft und Technik wurden sogar neue griechische Wörter erfunden, die die alten Griechen gar nicht gekannt hatten. So beschrieben Mediziner 1873 erstmals das Krankheitsbild der Anorexie (Appetitlosigkeit, eigentlich »Un-Hungrigkeit«), und die ersten Kraftfahrzeuge nannte man Automobil – ein Mix aus Griechisch (auto = selbst) und Latein (mobilis = beweglich).

 

Für die griechischen Wörter, die in der deutschen Sprache überlebt haben, gibt es oft interessante Erklärungen. Hier eine kleine Auswahl in alphabetischer Reihenfolge:

 

 

Alphabet

 

Eine der größten Errungenschaften, die wir den alten Griechen zu verdanken haben, ist unser Alphabet. Zwar konnten schon die Sumerer im 4. Jahrtausend v. Chr. schreiben und wenig später auch die Ägypter, aber diese alten Schriften mit ihrer Mixtur aus Bildern und Silben waren unvollkommen. Erst als um 800 v. Chr. ein paar aufgeweckte Griechen mit der Schrift des Seefahrervolks der Phönizier (heute Libanon) in Kontakt kamen, verfielen sie auf die geniale Idee, eine konsequente Lautschrift daraus zu entwickeln.

 

Die neue Schrift hatte 26 Buchstaben, darunter nicht nur Konsonanten wie bei den Vorgängern, sondern auch Vokale (a, e, i, o, u). Dieses Buchstabensystem, das mit dem Vokal alpha (a) anfängt und mit dem Konsonanten beta (b) weitergeht, überarbeiteten später die Römer, und von denen haben wir es geerbt.

 

 

Atom

 

Demokrit, ein griechischer Philosoph, äußerte um 400 v. Chr. die Vermutung, dass die Welt aus unteilbaren Teilchen (atomos = unteilbar) bestehe und drum herum nur leerer Raum sei. Alle Eigenschaften der Stoffe ließen sich laut Demokrit aus einer Anziehung oder Abstoßung dieser kleinsten Teilchen erklären. Wie er in einer Welt, die für die meisten Zeitgenossen von Göttern bevölkert und gelenkt war, auf eine so abstrakte naturwissenschaftliche Deutung verfiel, ist schwer nachzuempfinden. Doch hatte bereits sein Lehrer Leukippos über Atome nachgedacht. Rund zwei Jahrtausende lang blieb die Idee dieser frühen Atomisten unbeachtet, dann konnte die moderne Physik die Existenz von Atomen beweisen. Unteilbar sind sie allerdings nicht, wie man heute weiß.

 

 

Barbaren

 

Die Griechen entwickelten zwar erst in den kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Persern im 5. Jahrhundert v. Chr. so etwas wie Nationalstolz. Für Völker, die nicht griechisch sprachen, hatten sie aber schon in alten Zeiten ein leicht herablassend klingendes Wort: »barbaroi« oder »barbarophonoi« – die Stammler. Es ist ein lautmalerisches Wort, das signalisiert, dass der Zuhörer nur »blabla« oder eben »barbar« versteht, wenn er einen solchen Ausländer reden hört. Schon Homer benutzte, als er um 700 v. Chr. die Ilias schrieb, die Bezeichnung »barbarophonoi« für das mit den Trojanern verbündete Volk der Karer.

 

Die Bedeutung »ungebildete Rohlinge«, unter der wir es heute noch benutzen, bekam das Wort »Barbaren« erst viel später. Übrigens stammt auch der Mädchenname Barbara aus derselben Wurzel – kein Wunder, dass sich manche Barbara lieber Babs rufen lässt.

 

 

Cyberspace

 

Das griechische Wort »kybernetes« (Steuermann eines Schiffs) hat Karriere gemacht: Es ist nicht nur der Stammvater der Kybernetik (Regelungstechnik), sondern über das lateinische Wort »gubernator« auch mit dem Gouverneur verwandt. Aber woher kommt der Begriff Cyberspace? Ursprünglich nicht aus der Computertechnik, sondern aus der Science-Fiction-Literatur: William Gibson dachte sich 1984 in seinem Roman »Neuromancer« einen »kybernetischen Raum« (cyber space) aus, in dem Menschen, deren Gehirne mit Implantaten an Computer angeschlossen sind, in einer künstlich erzeugten Umwelt miteinander kommunizieren. Heute wird der Begriff oft für das weltumspannende Internet verwendet und bezeichnet den gemeinsamen Erfahrungsraum seiner Nutzer.

 

 

Europa

 

In der griechischen Mythologie ist Europa eine Prinzessin aus Phönizien (heute Libanon), die Tochter des Königs Agenor von Tyros. Göttervater Zeus persönlich verliebte sich in sie.

 

Er näherte sich ihr in Gestalt eines zahmen weißen Stiers, als sie am Strand des Mittelmeers spielte. Kaum war Europa auf seinen Rücken geklettert, entführte er sie – übers Meer schwimmend – auf die Insel Kreta. Dort soll sie dem Göttervater drei Söhne geboren haben.

 

Dass die alten Griechen den Kontinent Europa nach einer orientalischen Prinzessin benannten, begründet Professor Joachim Latacz, Experte für Altgriechisch, so: »Die Griechen wussten, dass sie den orientalischen Völkern viel an Kultur und Wissen verdankten.« Von den Phöniziern übernahmen sie zum Beispiel das Alphabet (siehe oben).

 

Auf der ersten Weltkarte, die in der antiken Stadt Milet gezeichnet wurde, unterschieden die Griechen nur zwei Kontinente: Europa im Norden und Asia im Süden. (Milet, laut Latacz »die erste Kulturhauptstadt Europas«, liegt heute in der Türkei, 80 Kilometer südlich von Izmir.) Neben den Städten an der kleinasiatischen Küste gründeten griechische Siedler auch in Sizilien und Unteritalien Kolonien, ebenso wie in Spanien und Frankreich. So sind zum Beispiel die Städte Marseille, Nizza und Neapel griechische Gründungen.

 

 

Gymnasium

 

Das griechische Wort »gymnos« bedeutet »nackt« und »gymnasion« die »Nackt-Stätte«. Gemeint ist der Sportplatz, auf dem die griechischen Knaben mit nacktem Oberkörper trainierten. Meist befand er sich, wie auch heute noch üblich, in der Nachbarschaft einer Schule – und so ging der Begriff allmählich auf die gesamte Einrichtung über.

 

Aber warum war für die alten Griechen der Sportplatz wichtiger als die Schule? »Das hängt mit der Knabenliebe zusammen«, erläutert Joachim Latacz. »Auf dem Sportplatz konnte man in Athen oder in anderen griechischen Städten besonders gut die jungen Männer beobachten.« Der Begriff ist geblieben, auch wenn heutige Gymnasiastinnen und Gymnasiasten meist von voyeuristischen Blicken verschont bleiben.

 

 

Logisch

 

Kaum ein Wort war für die Griechen wichtiger als der Begriff »logos«. Seine Bedeutungen sind vielfältig: Wort, Bezeichnung, Satz, Rede, Text, aber auch Gesetzmäßigkeit, Vernunft und Verstand – das alles kann »logos« bedeuten. Der Glaube an den Logos, ein in der ganzen Welt wirkendes Vernunftprinzip, half den Griechen, sich von der Religion und der Willkürherrschaft ihrer Götter zu emanzipieren. Noch heute steckt der Wortstamm in vielen Bezeichnungen für die Wissenschaften: von »Anthropologie« (die Lehre vom Menschen) bis »Zytologie« (die Lehre von den Zellen).

 

 

Lyrik

 

Die Griechen verstanden darunter Lieder, die zur »lyra« (Leier) gesungen wurden, ein Saiteninstrument, das man auch unter dem Namen »kithara« (daher Gitarre) oder »phorminx« kannte. Es gab Dichter von Klageliedern (Elegien) und Spottversen. Uns heute am nächsten stehen die Liedermacher (melopoioi) mit ihren Liebesgedichten. Von den Melodien dieser Lieder wissen wir nichts, aber ein paar Textfragmente existieren.

 

Von der berühmten Sappho von Lesbos, bekannt für ihre Liebe zu Frauen, sind zum Beispiel folgende Zeilen überliefert: » … doch Eros hat geschüttelt mir die Sinne wie ein Sturm, der auf dem Berg in Eichen fällt«. Ihr Nachfolger Anakreon widmete seine Verse Mädchen ebenso wie Knaben: »Knabe du mit dem Mädchenblick, ich verfolg’ dich, doch du bist taub! Weißt nicht, dass du beständig mein Herz am Zügel herumführst.«

 

 

Politik

 

Politik war eine Herzensangelegenheit der Griechen. Kein Wunder, dass sie es waren, die die Demokratie erfanden. Schon der Athener Solon, der nicht nur Politiker, sondern auch Dichter war, versuchte um 600 v. Chr. in Athen Adel und Volk zu versöhnen. Nachdem er zum Herrscher (archon) und »diallaktes« (Wieder-ins-Lot-Bringer) gewählt worden war, gab er der Stadt eine neue Verfassung. Er erließ verarmten Kleinbauern ihre Schulden und betrieb eine aktive Friedenspolitik.

 

Später widmete der berühmte Philosoph Aristoteles, der über nahezu alle Wissensgebiete forschte und schrieb, ein ganzes Werk der Politik. Darin vergleicht er die zu seiner Zeit bekannten Herrschaftsformen miteinander: die Monarchie (Herrschaft eines einzelnen), die Aristokratie (Herrschaft der Besten), und die Politeia (geregelte Herrschaft unter Beteiligung aller). Andere Formen kritisierte er als entartet: die Tyrannis (Gewaltherrschaft), die Oligarchie (Herrschaft einiger weniger) und die Demokratie – sie diente seiner Meinung nach nur den Armen, jedoch nicht der Allgemeinheit.

 

Aristoteles nannte den Menschen ein »zoon politikon«, ein gesellschaftliches Lebewesen. Doch woher kommt das Wort? Ganz schlicht von »polis«, was Burg oder Stadtbefestigung bedeutet. Akropolis, das ist nichts anderes als eine Gipfelburg, zum Beispiel in Athen.

 

 

Technik

 

Das Wort kommt von griechisch »techne« (Handwerk, Kunst, Kunstfertigkeit) und kam im 18. Jahrhundert auf dem Umweg über das Französische ins Deutsche. Die Griechen legten sehr viel Wert auf handwerkliche Fähigkeiten, selbst bei ihren Sklaven und Sklavinnen. So suchten sich die homerischen Helden, wenn sie im Krieg auf Frauenraub gingen, ihre Beute nicht nur nach Jugend und Schönheit aus – sie sollten auch »in vielen Künsten bewandert« sein, also zum Beispiel weben und nähen können.

 

Auch Ärchäologen haben viele Hinweise gefunden, dass die Griechen keine weltfernen Grübler waren, sondern praktischen Verstand bewiesen: »Fast jedes Haus in Milet betrieb ein Gewerbe«, hat der Bochumer Ausgräber Volkmar von Graeve in der heutigen Türkei festgestellt. Schmiede, Knochenschnitzer und Töpfer lebten nah beieinander. Hippodamos von Milet, der berühmteste Architekt des Altertums, entwarf sogar ganze Städte auf dem Reißbrett, mit Straßen im Schachbrettmuster.

 

 

Zynisch

 

Der Begriff, der über das Lateinische zu uns gekommen ist, geht auf die griechische Philosophenschule der »kynikoi« zurück. Das Wort ist von »kyon« (Hund) abgeleitet, und schon in der Antike war nicht klar, ob man die Philosophen dieser Schule wegen ihrer Bedürfnislosigkeit oder wegen ihrer Bissigkeit mit Hunden verglich.

 

Der berühmteste Kyniker war Diogenes von Sinope, der im 4. Jahrhundert v. Chr. in Athen wirkte. Er lebte als Bettler, war mit Wanderstab, Rucksack und Almosenschale unterwegs und fühlte sich dabei als Weltbürger – nicht als Bürger einer Stadt oder eines Staates. Dass er in einer Tonne übernachtete, hat ihn berühmt gemacht, ist aber wohl nur Legende.

 

Diogenes und seine Schüler stellten Macht und Reichtum respektlos infrage und suchten nach dem einfachen Leben. Im Begriff »zynisch« hat der ätzende Spott überlebt, der schon die Unterhaltungen des Diogenes mit seinen Zeitgenossen prägte. So heißt es, dass der berühmte Herrscher Alexander der Große den in selbst gewählter Armut lebenden Denker besuchte und ihm sagte, er habe einen Wunsch frei. Diogenes, der auf dem Boden saß, antwortete: »Geh mir aus der Sonne!«

 

 

 

 

Autor(in): Judith Rauch

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