Wissenwertes

Weshalb bringt der Storch die Kinder?

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Mit Kindern über Sex zu sprechen – wie peinlich! Dachten die Eltern jedenfalls früher.

Statt Aufklärung gab es die Geschichte vom Klapperstorch, der die Kinder bringt und dabei der Mutter ins Bein beißt, sodass sie ein paar Tage das Bett hüten muss. »Populär wurde diese Geschichte im 19. Jahrhundert, als die prüde bürgerliche Gesellschaft in Europa das Thema Sexualität verdrängt hat«, erklärt Michael Simon, Professor für Volkskunde an der Universität Mainz.

Doch dahinter stecken sehr viel ältere Fruchtbarkeitsmythen. Wasser ist in vielen Kulturen ein Symbol für das Unbewusste und gilt als Aufenthaltsort ungeborener Seelen. Und weil der Storch sich bevorzugt in Tümpeln tummelt, ist er geradezu prädestiniert für die Rolle des Fruchtbarkeitsvogels. Außerdem liebten (und lieben) ihn die Menschen in Europa, weil seine alljährliche Rückkehr signalisiert: Der kalte Winter ist vorbei.

Was den Deutschen ihr Klapperstorch, ist den Franzosen der Kohl: Möglicherweise als Assoziation zum kugelrunden Bauch der Schwangeren wachsen kleine Franzosen in Kohlköpfen heran. Die Schweizer wiederum suchen ihre Nachkommen hinter Steinen und Felsen. Ähnlich ist die mythologische Vorstellung der Isländer: Für sie findet die Entwicklung des Lebens unsichtbar und gut behütet in den heiligen Felsen statt.

Neben diesen verbreiteten Traditionen existieren überall auch regionale Legenden: In Böhmen und Ostpreußen sind Krähen und Eulen die Kinderbringer, im Böhmer-wald ist es der schlaue Fuchs, der bei seinen nächtlichen Streifzügen ein Baby abliefert. Im Westen und Süden Deutschlands, in den Niederlanden, Belgien und der Schweiz wird mancherorts auch erzählt, dass Babys wie reife Früchte aus einem »Kinderbaum« geschüttelt werden. Und woher kommen die kleinen Amerikaner? Vom Himmel natürlich, und bei ihrem Sturz auf die Erde müssen sie durch den Kamin.

Statistisch erwiesen?

Thomas Höfer vom Bundesinstitut für Risikobewertung, hat gemeinsam mit zwei Koautorinnen »Neue Beweise für die Theorie vom Storch« vorgelegt. Statistisch belegt er, dass in Niedersachsen sowohl die Zahl der Störche als auch jene der Neugeborenen von 1970 bis 1985 sank. Danach blieben beide Werte konstant. Zufall?

Das zweite Untersuchungsgebiet der Forscher war Brandenburg. Und siehe da: In Berlin nahm zwischen 1990 und 2000 die Zahl der Hausgeburten zu, die Storchenpopulation in Brandenburg ebenfalls. Fazit: Brandenburger Störche bringen die Babys in die Stadt. Wirklich? Natürlich nicht. Die Untersuchung sollte nur zeigen, dass sich mit Statistik auch unsinnige Behauptungen scheinbar belegen lassen.

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