Christentum

Urkirche & Christentum

Die Nachlassverwalter Jesu Christi 

Viele Gläubige berufen sich auf das »wahre Christentum«. Aber was war diese Urkirche? Und was hat sie mit der Kirche von heute zu tun?

Bei dieser Interviewfrage stutzte Piuspater Franz Schmidberger kurz. Ob denn die Ansichten der traditionalistischen »Piusbruderschaft« nicht auf einem längst überholten, 200 Jahre alten Glaubens- und Theologieverständnis gründeten? »Nein«, antwortete der Kleriker, die liegen »nicht 200 Jahre, sondern 2000 Jahre zurück.« Ein Anflug von Stolz umspielte dabei seine Mundwinkel. Der Grund: Schmidberger wähnt sich und seine Bruderschaft in der direkten Nachfolge der Urkirche. Nur dort, in der ersten Jerusalemer Gemeinde, läge die volle christliche Wahrheit und auch die Kirche in unverfälschter Form vor.

Der Piuspater, dessen »Bruderschaft« im Februar 2009 den Vatikan in Erklärungsnot brachte, wendet hier eine bewährte, aber höchst problematische Methode an, den eigenen Glauben als »rein« herauszustellen. Bewährt, weil Nicht-Theologen in der Regel mangels Fachwissens über die Zeit der ersten Christen kapitulieren müssen. Problematisch, weil es eine Urchristenheit mit einem eindeutigen Glaubenskanon nie gegeben hat. Schon die frühen christlichen Gemeinden waren konfliktträchtige Versammlungen von Männern und Frauen, die den Glauben an Jesus Christus auf sehr unterschiedliche Weise lebten und die unmittelbar bevorstehende Wiederkunft des Messias erwarteten. Ähnlich jener anschließenden Periode, die als »Alte Kirche« in die Geschichte einging (in etwa die Zeit bis zum Tod des Kirchenlehrers Aurelius Augustinus, der 430 starb): Hier wurden in teilweise heftigem Streit die Grundlagen gelegt für das Gebilde, das sich bis heute »Kirche« nennt.

Voller Glaubenseifer stritten die Theologen und ersten Amtsträger der Christenheit darum, welche Schriften in die Bibel aufgenommen werden sollten, wie die Ämter der Kirche am sinnvollsten strukturiert werden konnten und wie mit Irrlehren und abtrünnigen Glaubensbrüdern umgegangen werden sollte. Mit heute kaum nachvollziehbarer Leidenschaft debattierten sie beispielsweise über die Wesensmerkmale Gottes. Ist Jesus »nur« der Sohn Gottes, ein Geschöpf also – oder ist er »wesenseins« mit ihm? Und wie ist die »Dreieinigkeit Gottes« zu verstehen, wie ist Gott zu denken, wenn er aus Gottvater, Christus und dem Heiligen Geist besteht?

Mit Hilfe der Evangelien und den Schriften des Apostels Paulus waren solche komplexen Probleme nicht zu lösen. In einer atemberaubenden Synthese christlicher Anschauungen und philosophischer Ideen wuchsen die Grundlagen der abendländischen Theologie heran. Ein kühnes, lange Zeit überdauerndes geistiges Konstrukt entstand, das älteste biblische Überlieferungen mit den Erfahrungen der ersten Christengemeinden, heidnischen Ritualen und philosophischen Lehren verband. Eines der mitreißendsten Zeugnisse dieses synkretistischen Glaubens findet sich am Beginn des Johannesevangeliums, das am Ende des 1. Jahrhunderts geschrieben wurde. Da ist nicht, wie etwa bei den Evangelisten Lukas und Matthäus, von der Geburt Jesu die Rede, nein: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott.« Mit solchen Formulierungen bahnten die Christen der antiken Philosophie einen Weg in ihre Heilige Schrift. Grandiose philosophische Spekulationen über den »Logos« (das Wort) setzen einen Kontrapunkt gegen derb bäuerliche Krippenromantik und die Jesusgeschichten aus der galiläischen Provinz.

Eine »reine« Lehre gab es also auch in den Anfangstagen der Christenheit nicht – auch wenn Leute wie Piuspater Schmidberger es behaupten. Die »Urkirche«, die oft beschworen wird, war kein harmonisches Glaubensparadies, sondern die Kinderstube abendländischer Frömmigkeit. Mutig lernten die Nachfolger Jesu laufen; unzählige Gehversuche scheiterten kläglich, andere gelangen erstaunlich gut. In Keilereien siegte einmal der kräftemäßig Überlegene, dann aber wieder der gewieftere Stratege.

Am Ende des 4. Jahrhunderts betrat schließlich ein dogmatisch gefestigtes und politisch erstarktes Christentum die Bühne der Welt. In Konstantinopel wurde 381 das (bis heute in allen Kirchen gültige) Glaubensbekenntnis formuliert. »Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil«: Dieses Motto ist Ausdruck des Selbstbewusstseins der Kirche, die nach grausamen Verfolgungen im selben Jahr in den Rang einer Staatsreligion aufgestiegen war. Auf fast wundersame Weise war die im Grunde schlichte Botschaft des jüdischen Wanderpredigers Jesus von Nazareth innerhalb von etwa 350 Jahren in eine machtvolle christliche Religion verwandelt worden. So stark und eigenständig, dass sie sogar den Zerfall des römischen Weltreichs überlebte.

Dennoch: Einen Stillstand gönnte sich die Kirche nicht. Neue Zeiten erforderten eine Anpassung der Lehre. Die Kirche wurde zum Spagat genötigt: Einerseits durfte sie die Verbindung zur Urchristenheit nicht aufkündigen; andererseits wurde der zeitliche Abstand immer größer und schwerer zu überwinden. Eine einfache, fast magische Vorstellung hilft dieser Kirche bis heute, den »garstigen Graben der Geschichte« (wie Gotthold Ephraim Lessing ihn nannte) zu überwinden. »Damit aber das Evangelium in der Kirche stets unversehrt und lebendig bewahrt werde, haben die Apostel als ihre Nachfolger Bischöfe zurückgelassen, denen sie ihr eigenes Lehramt übergaben«, erklärt der »Katechismus der katholischen Kirche«; durch das Sakrament der Priesterweihe werden Macht und Herrschaft per Handauflegen durch die Zeiten bis in unsere Tage weitergegeben. Eine mittlerweile also fast 2000 Jahre ununterbrochene Linie, so besagt diese Lehre, führe von Jesus über Petrus bis zum Papst, der damit folgerichtig den Titel »Stellvertreter Christi auf Erden« beansprucht. Als solcher darf er im Namen Christi ewig gültige und verpflichtende Glaubenssätze formulieren – dank der »Unfehlbarkeit« ist ein Irrtum ausgeschlossen.

Die römisch-katholische Kirche entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein wenig mysteriöses, vielmehr perfekt ausgeklügeltes System. Einen direkten Rückgriff auf das Urchristentum hat sie gar nicht nötig. Der offizielle katholische Katechismus ist ein kühnes Zitate-Dickicht aus vermeintlichen Jesusworten und Erkenntnissen der Kirchenväter, aus frühkirchlichen Schriften, neuzeitlichen Konzilsbeschlüssen und päpstlichen Sendschreiben. Was Jesus eigentlich wollte, gerät auf den 800 Seiten leicht aus dem Blick. Ein direkter Zusammenhang mit der Bibel oder der zaghaften, aber glaubensbegeisterten Jerusalemer Urgemeinde lässt sich da nur schwerlich herauslesen.

Aus dem schlichten Abendmahl, bei dem die Anhänger Jesu in Erinnerung an ihren Herrn mit Brot und Wein Gottesdienst feierten, wurde die »Transsubstantiation«, nach der sich Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandeln. Dass das so verwandelte Brot angebetet werden soll, war den ersten Christen ebenso fremd wie die spätere kirchliche Vorstellung, mit dem Abendmahl den verstorbenen Gläubigen die Zeit im Fegefeuer zu verkürzen.

Die Aussage, dass Maria, die Mutter Jesu, frei von jeder Sünde war und sogar bei der Geburt Jesu Jungfrau geblieben sei, dürfte die Urchristen einigermaßen amüsiert haben. Gemäß der traditionellen Auslegung vieler jüdischer Gelehrter, nach der Jesus der Spross einer ganz normalen jüdischen Familie gewesen sei, gingen vermutlich auch die frühen Christen davon aus, dass mindestens einer der leiblichen Brüder Jesu zur Jerusalemer Urgemeinde gehörte.

Auch von der 1950 beschlossenen Aufnahme Marias »mit Leib und Seele in die Herrlichkeit des Himmels« wussten die frühen Christen noch nichts. Ebenfalls dürfte ihnen die straff durchorganisierte römisch-katholische Kirchenhierarchie heute befremdlich erscheinen, an deren Spitze ein Papst steht, der sich mit allerlei güldenem Habitus als Nachfolger eines ärmlichen galiläischen Fischers inszeniert. »Jesus hat das Reich Gottes verkündet, und gekommen ist die Kirche«, kommentierte 1902 der französische Priester Alfred Loisy die Kluft zwischen katholischer Lehre und Neuem Testament; der Bibelwissenschaftler wurde erst seines Professorenamtes enthoben, dann exkommuniziert.

So viele Kirchenkritiker Loisys These auch zustimmen mögen: Sie ist im Grunde nur eine plausiblere Variante der anfangs zitierten Aussage des Piuspaters Schmidberger. Auch Loisy stellt einen Rückbezug auf eine ursprüngliche, unverfälschte Lehre her, die es so aber nie gab. Auch was über Jesus bekannt ist, geht auf erst Jahrzehnte später verfasste Evangelien zurück. Auf Schriften also, die Glaubensausdruck früher Christen sind, keinesfalls historische Lebensbeschreibungen Jesu.

Sollte die gesamte Kirchengeschichte also ein Abfall vom ursprünglich Gemeinten sein? Gegen diese Sicht erhebt der Berliner Kirchenhistoriker Christoph Markschies entschieden Einspruch. »Solche Dekadenzmodelle sind sehr beliebt: ›Am Anfang war alles schön, hell, rein und klar – und dann kamen böse Menschen und haben das verdorben.‹« Seinen Studenten und seriösen Wissenschaftlern rät Markschies: »Flieht nicht in Dekadenzmodelle!«

Das haben in der abendländischen Geistesgeschichte freilich viele getan. Mit der Parole »Zurück zu den Anfängen« haben sie immer wieder Sand ins Getriebe der in Selbstgefälligkeit erstarrten Amtskirche gestreut. Im Mittelalter setzten Bettelorden wie die Franziskaner der prunkvollen Kirche das jesuitische Armutsideal entgegen. Zur Zeit der Renaissance bezichtigten die Reformatoren den dekadenten Klerus des Teufels. Pietistische Gruppen riefen in der Neuzeit die Christen zur evangeliumsgemäßen Frömmigkeit. Auch an den Rändern der katholischen Kirche leben Gruppen urchristliche Modelle; eine der bekanntesten war die Bauernkommune auf den nicaraguanischen Solentiname-Inseln, geleitet von Ernesto Cardenal. Wie andere Befreiungstheologen beschwor der Priester den Mythos einer »kommunistischen« Urkirche, in der alles geschwisterlich geteilt wurde.

So reizvoll solche Rückgriffe auch sein mögen – die Zukunft der Kirche dürfte im genauen Gegenteil liegen. Darin, die Vielfalt der Glaubensspielarten als gottgewollt anzuerkennen. Das ist die Grundvoraussetzung für eine Zusammenarbeit der Kirchen. Im »Ökumenischen Weltrat der Kirchen« sind 349 evangelische und orthodoxe Konfessionen aus über 110 Ländern zusammengeschlossen. Trotz aller Unterschiede erkennen sich fast alle gegenseitig an. Die einzigen, die sich dem beharrlich widersetzen, sind die Katholiken. Für sie gelten evangelische Christen allenfalls als »kirchliche Gemeinschaft«.

Der Blick in die Vielfalt, die einst die antike Christenheit kennzeichnete, könnte Papst Benedikt XVI. und seinen Klerus vor solcher Selbstüberschätzung vielleicht bewahren. »Wenn es wieder gelingt, deutlich zu machen, dass – wie in der Antike – das Christentum in der Fülle seiner Facetten doch von einem großen Willen zur Einheit geprägt ist, dann könnte es sich im Vergleich zu den vielen auch sehr bunten Erscheinungen auf dem religiösen Markt als die stärkere Form erweisen«, meint Christoph Markschies.

Für die Zukunft lernen von der Antike? Für den Papst könnte das bedeuten, vom hohen Ross des rechten Glaubens herabzusteigen – statt sich in konfessionellen Grabenkämpfen zu verschleißen. Dann würde der Vatikan nicht nur die kleine lautstarke Piusbruderschaft mit ihren radikal-abstrusen Ideen anerkennen, sondern die Fülle der gesamten nichtkatholischen Christenheit.

 

 

Autor(in): Uwe Birnstein

Comment here