Antike Zeiten und Kulturen

Homer

 

Ein Dichter aus Kleinasien schuf vor 2700 Jahren das erste große Kriegsepos des Abendlandes 

Dem griechischen Dichter Homer verdanken wir die »Ilias«, worin das letzte Jahr des Troianischen Krieges beschrieben wird. Lange betrachtete man Homer als fiktive Persönlichkeit, heute glaubt man, dass er um 750 v. Chr. in den griechischen Kolonien in Kleinasien gelebt hat. Ob er auch die »Odyssee« verfasst hat, worin die zehnjährigen Irrfahrten des Odysseus nach dem Krieg beschrieben sind, wird heute angezweifelt . 

 Wenn es um den Troianischen Krieg geht, ist Homers »Ilias« zweifellos das Buch der Wahl: Das in Hexametern geschriebene Großepos umfasst rund 16000 Verse und füllt selbst in der klein gedruckten Reclam-Fassung mehr als fünfhundert Seiten. Doch das Werk lässt – leider – auch viele Fragen offen. Es beginnt schon bei der Person Homers. Gab es ihn überhaupt? Und wenn ja: Ist er der Verfasser von Ilias und Odyssee? Nicht einmal das ist gesichert. Jedenfalls war Homer kein Augenzeuge: Die Archäologen vermuten, dass der Troianische Krieg – wenn überhaupt – Ende des 13. Jahrhunderts v. Chr. stattgefunden hat. Homer aber lebte im 8. Jahrhundert v. Chr. Der Kampf um Troia, alias Ilion, war damals bereits Legende. Homer liefert zudem nicht die ganze Geschichte, sondern beschreibt nur eine kurze Episode der insgesamt zehnjährigen Belagerung. Die Ilias – oder zumindest das, was uns davon überliefert ist – beginnt mitten im zehnten Kriegsjahr und endet noch vor der Eroberung der Stadt durch die Griechen. Wie lange die beschriebene Episode dauerte, ist ungeklärt: vielleicht nur ein paar Wochen oder aber viele Monate.

Worum ging es überhaupt in diesem Troianischen Krieg? Homer beschränkt sich auf Andeutungen: Der Anlass des Feldzugs der griechischen Stadtstaaten war demnach die Entführung der schönen Helena. Der troianische Königssohn Paris hatte sie Menelaos, dem König von Sparta, geraubt. Agamemnon, der Bruder des Menelaos, scharte daraufhin die Krieger der verbündeten Städte um sich und führte die Flotte nach Troia. Neun Jahre belagerten die Griechen die Stadt, plünderten zwischendurch benachbarte Ansiedlungen, doch in Troia kam es zu keiner Entscheidung – weil sich die Troianer und ihre Verbündeten aus Angst vor Achill nicht aus ihrer Festung heraus trauten. Erst im zehnten Jahr kam Bewegung in das Geschehen. Hier beginnt die Ilias, in deren Zentrum der griechische Held Achill steht. Das Protokoll folgt dieser Dramaturgie Homers. Die Darstellungen weiterer Autoren, die ebenfalls die Geschichte des Troianischen Krieges beschrieben haben, bleiben unberücksichtigt.

Der erste Tag der Ilias: Der Zorn des Achill

Nach neun Jahren Belagerung ist die Stimmung im griechischen Lager auf dem Nullpunkt. Die Soldaten würden am liebsten ihre Schiffe besteigen und nach Hause fahren. Auch der Heerführer Agamemnon ist genervt. Als ein troianischer Priester, der Vater der gefangenen Chryseis, im Lager auftaucht, um seine Tochter auszulösen, fährt er den alten Mann barsch an: »Dass ich dich Alter, nicht mehr bei den bauchigen Schiffen hier treffe … Denn dann nützte dir nichts der Stab und die Binde des Gottes. Die hier geb ich nicht frei. « Der gedemütigte Vater wendet sich Hilfe suchend an den Gott Apollon. Der erhört das Gebet und steigt grollend vom Olymp herab. Umgehend beginnt das himmlische Strafgericht: Die Griechen werden zehn Tage lang mit spitzen Pfeilen bombardiert, und eine Seuche breitet sich aus. Der Seher Kalchas empfiehlt schließlich dem verzweifelten Agamemnon, Chryseis frei zu lassen, sie reich zu beschenken und nach Hause zu schicken, um den zürnenden Gott zu besänftigen.

Agamemnon willigt ein, beansprucht aber als Ersatz Briseis, die Lieblingssklavin des Achill. Der empfindet diese Forderung als persönliche Beleidigung – die jungfräuliche Briseis hat er erst vor kurzem als Ehrengeschenk von Agamemnon erhalten. Wutentbrannt geht Achill mit gezücktem Schwert auf den Oberbefehlshaber los: »Trunkenbold du, mit dem Blick eines Hundes und dem Herz eines Hirsches! « Doch da taucht plötzlich die Kriegsgöttin Athene auf und verhindert Handgreiflichkeiten. Achills Zorn kann sie allerdings nicht besänftigen. Der Held schwört, nicht mehr für die Sache der Griechen zu kämpfen, wenn ihm Briseis genommen wird. Agamemnon lässt diese Drohung kalt. Er befiehlt, das Mädchen in sein Zelt zu bringen. Achill setzt sich nun weinend an den Strand und ruft nach seiner Mutter, der Göttin Thetis: »Mutter, da du mich nur für ein kurzes Leben geboren, sollte mir der Olympier doch wohl Ehre verbürgen. Der in der Höhe donnernde Zeus; nun ehrt er mich gar nicht. Hat doch … Agamemnon mich entehrt; der behält das Geschenk, das er mir selber wegnahm. « Thetis, die ihren Sohn schluchzen hört, steigt aus dem Meer und verspricht, Zeus persönlich um Hilfe zu bitten.

Der zwölfte Tag der Ilias: Das Nicken des Zeus

Achill zieht sich schmollend in sein Zelt zurück, die Griechen setzen die erfolglose Belagerung fort. Es kommt zu keinem Entscheidungskampf, denn Zeus ist gerade verreist. Erst als der Herrscher des Olymp nach zwölf Tagen zurückkehrt, kann Thetis bei ihm vorsprechen: »Mach die Troer so lange stark, bis die Achäer meinen Sohn geehrt und ihm die Ehre noch mehren. « Zeus ist gnädig und nickt Thetis zu – seine Gemahlin Hera und die anderen Götter sollen den Deal nicht mitbekommen. Dann schickt er einen trügerischen Traum zu Agamemnon, der ihm Hoffnung auf einen leichten Sieg macht. Angespornt durch das Traumbild will der griechische Heerführer am nächsten Morgen sofort in die Schlacht ziehen, doch seine Soldaten sind gänzlich unmotiviert. Der kluge Odysseus überredet die Truppe schließlich dazu, zu kämpfen, indem er den Soldaten reiche Kriegsbeute in Aussicht stellt. Der erfahrene greise Nestor heizt die Stimmung weiter an, indem er fordert, keiner dürfe an Rückzug denken, bevor er nicht »bei einer der Frauen der Troer« geschlafen und für »Helenas Bangen und Seufzen Rache genommen« habe. Die Reden verfehlen nicht ihre Wirkung: Die Krieger aus den verbündeten Stadtstaaten ziehen ihre Rüstungen an und stürmen los. Doch auch die Troianer machen sich gefechtsbereit – Zeus hat ihnen geraten, gegen die Griechen anzutreten. Und so stürmen schon bald die Krieger aus den mit Troia verbündeten Städten unter der Führung Hektors aufs Schlachtfeld.

Der dreizehnte Tag der Ilias: Der Kampf um Helena

Um ein Haar wäre die Schlacht vorbei gewesen, noch bevor sie begonnen hat: Hektor, der troianische Königssohn und Heerführer, hat seinen Bruder Paris als »Unglücks-Paris« und »Frauenverführer« beschimpft. Der Beleidigte will seine Ehre retten und lässt sich auf einen Zweikampf mit Menelaos, dem gehörnten Exgatten Helenas, ein. Die beiden Armeen vereinbaren umgehend einen Waffenstillstand, um dem Duell zuzusehen. Es geht um Leben und Tod, und es geht um die schöne Helena. Der Sieger soll sie bekommen. Alle hoffen, dass der Krieg jetzt gleich vorbei sein wird: Wenn der Fall Helena gelöst ist, gibt es für die Griechen keinen Grund mehr, Troia weiter zu belagern oder zu bekämpfen. Menelaos ist seinem Gegner haushoch überlegen. Er packt Paris am Helm und schleift ihn über den Platz. Der Troianer röchelt, denn der Riemen seines Helms schnürt ihm die Luft ab. Sein Gesicht färbt sich schon blau, da greift die Liebesgöttin Aphrodite ein: Sie zerreißt den Riemen, hüllt Paris in Nebel und bringt ihn in den Palast zu Helena. Agamemnon, der den Kampf aus nächster Nähe verfolgt hat, steht auf und ruft: »Hört mich an, ihr Troer, Dardaner, Bundesgenossen! Sieger ist offenbar Menelaos, der aresgeliebte; also gebt Helena, mit ihr die Schätze jetzt heraus. « Helena, die enttäuscht ist von der Schwäche und Feigheit ihres zweiten Gatten, wäre mit dieser Lösung durchaus einverstanden, doch die Götter wollen es anders.

Zeus schickt Athene aufs Schlachtfeld. Die Kriegsgöttin soll dafür sorgen, dass der Waffenstillstand gebrochen wird und der Kampf weitergeht. Kurz darauf trifft Menelaos ein Pfeil, im nächsten Moment stürzen sich die Griechen wutentbrannt auf ihre Gegner. Es folgt eine gnadenlose Schlacht, in der die Götter fleißig mitkämpfen: Hera und Athene besteigen einen flammenden Wagen, um den Soldaten Agamemnons beizustehen. Aphrodite, Apollon und der Kriegsgott Ares unterstützen tatkräftig die Troianer. Blut spritzt, Köpfe rollen, Verwundete röcheln. Hektor eilt in den Palast, um seinen Bruder Paris wieder aufs Schlachtfeld zurückzutreiben. Dann verabschiedet er sich von seiner Frau Andromache und seinem kleinen Sohn – er befürchtet, die beiden nie wieder zu sehen. Der mörderische Kampf geht weiter, bis Athene und Apollon beschließen, dem Gemetzel Einhalt zu gebieten. Sie kommen überein, den Tag mit einem unblutigen Zweikampf zu beenden. Und so kämpfen Hektor und Aiax der Telamonier bis zum Einbruch der Dämmerung, während alle Übrigen zusehen. Die Herolde des Zeus schicken schließlich die tapferen Krieger nach Hause: »Nicht mehr länger, ihr lieben Söhne, gekämpft und gefochten … Es naht schon die Nacht, und gut ist, der Nacht zu gehorchen. «

Die zweite große Schlacht: Lasst die Sterblichen kämpfenVor Troia werden die Verletzten versorgt und die Toten verbrannt. Da ruft Zeus die Götter zu sich. Mit strenger Miene verbietet er jede weitere Einmischung in das irdische Kampfgeschehen: »Keine der weiblichen Götter und keiner der männlichen trachte, dies mein Wort zu vereiteln, sondern ihr alle zusammen heißt es gut, dass ich diese Werke aufs schnellste vollende«. Die Götter und Göttinnen ahnen es schon: Zeus will den Sieg der Troianer, den er Thetis versprochen hat. Nun lässt er die schnell fliegenden Pferde anspannen und fährt ins Idagebirge, um das weitere Kampfgeschehen zu beobachten. Die zweite große Schlacht vor Troia verläuft zur Zufriedenheit des Göttervaters: Hektors Heer drängt die Griechen zurück. Der troianische Oberbefehlshaber ruft schon nach Feuer, um die Schiffe anzuzünden, da halten es Hera und Athene nicht länger aus. Sie besteigen einen Streitwagen, um Agamemnons Männern zu Hilfe zu eilen. Doch sofort befiehlt Zeus seiner Botin Iris, die beiden wieder zurückzuholen. Grollend fügen sich die Göttinnen. Als die Nacht hereinbricht, müssen sich die Griechen hinter den Wall, den sie zum Schutz ihrer Schiffe aufgeschüttet haben, zurückziehen. Die Troianer dagegen feiern auf dem Schlachtfeld. Agamemnon ist so verzweifelt, dass er seinen Stolz besiegt und Boten zu Achill schickt. Odysseus soll dem schmollenden Helden Geschenke anbieten und ihn um Versöhnung bitten. Doch Achill bleibt hart. Er hat seine Gründe: »Meine Mutter, die Göttin Thetis mit silbernem Fuße, sagt, dass zweifache Lose mich führen zum Ziele des Todes: Wenn ich hier bleibe und kämpfe um die Feste der Troer, wird mir verloren die Heimkehr, doch unvergänglicher Ruhm sein. Kehre ich aber zurück zum lieben Land der Väter, wird mein Ruhm verloren, doch lang wird die Dauer des Lebens. « Der Held ist fest entschlossen, die zweite Alternative zu wählen: Er will in die Heimat zurückkehren und dort in Frieden alt werden. Nur falls die griechische Flotte bedroht wird, sagt er Agamemnon seine Unterstützung zu.

Die dritte Schlacht: Die Launen der Götter

Agamemnon muss also weiter ohne Achill auskommen. Am nächsten Morgen schreitet er an der Spitze seines Heeres in die Schlacht, doch schon bald wird er verletzt. Hektor jubelt. Der Troianer rast wie ein Wirbelwind über das Schlachtfeld und schlägt alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt. Erst der tapfere Diomedes kann ihn durch einen Speerwurf aufhalten. Die Griechen atmen schon auf, da schießt Paris aus dem Hinterhalt einen Pfeil auf Diomedes. Der Getroffene ist entrüstet über so viel Feigheit: »Dreister Schütze mit prangendem Haarschopf, Mädchenbegaffer; wenn du es Mann gegen Mann mit mir in den Waffen versuchtest, nichts wohl nützte der Bogen dir. « Doch Schimpfen hilft nichts mehr: Der Pfeil steckt fest im Fuß des Diomedes, und auch Odysseus wird kurz darauf verletzt. Die Griechen müssen sich hinter ihren Schutzwall zurückziehen. Hektor, dem Apollon übermenschliche Kräfte verleiht, durchbricht jedoch mühelos das massive Haupttor und stürmt, gefolgt von seinen Kriegern, in das Lager. Die Griechen fliehen schon zum Strand, da packt Poseidon das Mitleid. Er steigt aus dem Meer und feuert die Bedrängten an: »Ihr werdet das Volk der Achäer erretten, wenn ihr der Kampfkraft gedenkt und nicht des lähmenden Schreckens. « In diesem entscheidenden Moment verführt Hera ihren Gemahl. Um Zeus abzulenken und Poseidon den Rücken freizuhalten, hat sie sich mit Ambrosia gewaschen und Aphrodites verführerisches Busenband angelegt. Der König der Götter wird überwältigt von Liebe und sinkt schließlich in tiefen Schlaf. Als er wieder erwacht, sind die Troianer schon auf dem Rückzug: Hektor ist verletzt, seine Soldaten fliehen. Sofort ruft Zeus Poseidon zurück und schickt Apollon zu den Troianern. Er soll Hektor Kraft einhauchen und seine Wunden heilen.

Troia darf noch nicht fallen. Erst muss Achill Hektor töten, erklärt der Herrscher des Olymp: »Vorher lasse ich nicht vom Zorn und will keinem anderen der Götter gestatten, den Griechen Beistand zu leisten, ehe Achills Wunsch in Erfüllung gegangen, wie ich ihm …. versprochen, als die Göttin Thetis mir flehend die Knie umfasste. « Unverletzt taucht Hektor wieder auf dem Schlachtfeld auf. Die Griechen sind entsetzt. Sie weichen zurück und verteidigen mit dem Mut der Verzweiflung nur noch ihre Schiffe – wohl wissend, dass keiner die Heimat wiedersehen wird, wenn es den Troianern gelingt, die Flotte zu vernichten. Patroklos bittet seinen Freund Achill, doch nun endlich seinen Zorn zu überwinden und einzugreifen. Doch der Held ist immer noch beleidigt. »Sende doch wenigstens mich«, schlägt Patroklos vor. »Lass mich … mit deinen Waffen mich rüsten, dass die Troer vielleicht, mich für dich haltend, vom Kampfe lassen. « Achill ist einverstanden. Das erste Schiff steht schon in Flammen, als Patroklos in der glänzenden Rüstung seines Freundes eintrifft. Der Auftritt verfehlt nicht die gewünschte Wirkung: Die Troianer fliehen. Patroklos folgt ihnen bis zur Stadt – die Vorstellung, Troia erobern zu können, ist so verlockend, dass er alle Vorsicht vergisst. Dreimal versucht er die Mauer zu erklimmen, doch Apoll stößt ihn immer wieder hinunter. Beim vierten Mal donnert er: »Weiche, zeusentsprosster Patroklos, nicht ist dir Bestimmung, dass dein Speer die Feste der mutigen Troer zerstöre! « Dann schlüpft Apollon in die Gestalt eines alten Mannes und verrät Hektor, dass sich unter der strahlenden Rüstung nicht Achill, sondern dessen Gefährte verbirgt. Sogleich beginnt eine wilde Verfolgungsjagd. Und wieder greift Apollon ein: Er gibt Patroklos einen Schlag ins Kreuz und entreißt ihm die Rüstung. Hektor versetzt dem Wehrlosen den Todesstoß. Kurz bevor Patroklos sein Leben aushaucht, prophezeit er seinem Gegner noch ein frühes Ende: »Schwerlich lebst du selbst noch lange, sondern es wartet in deiner Nähe bereits der Tod. «

Der große Countdown: Achill rüstet zum Kampf

Achill ist verzweifelt, als er vom Tod seines besten Freundes erfährt. Er streut Asche auf sein Haupt, rauft sich die Haare und schwört, Patroklos zu rächen. Die sichere Heimkehr und ein langes Leben sind ihm nun nicht mehr wichtig. Am liebsten würde er sofort auf Hektor losgehen. Doch Thetis, die das Jammern ihres Sohnes gehört hat und aus dem Meer gestiegen ist, um ihn zu trösten, rät ihm, einen Tag zu warten. Derweil will sie ihm neue Waffen besorgen. Hephaistos, der Gott des Feuers und der Schmiedekunst, fertigt über Nacht eine herrliche Rüstung. Am Morgen übergibt Thetis Schild, Helm, Brustpanzer und Beinschienen an Achill. Der Held strahlt und ist nun auch endlich bereit, sich mit Agamemnon auszusöhnen: »Aber lassen wir nun das Geschehne, so sehr es uns kränkte, lasst uns das Herz in der Brust … bezwingen. « Agamemnon ist überglücklich über das Versöhnungsangebot und gibt seinem tapfersten Krieger sogar die – wie er betont – immer noch jungfräuliche Briseis zurück. Achill zieht die neue Rüstung an und ermuntert seine Pferde, gut auf ihn aufzupassen. Der Hengst Xanthos, dem Hera eine menschliche Stimme verleiht, erwidert: »Wohl, wir werden dich jetzt noch retten, starker Achill; nah ist dir der Tag des Verderbens, aber nicht wir sind schuldig, sondern der große Gott und das mächtige Schicksal. «

Die Entscheidungsschlacht: Ein Kampf der Götter

Die Zeit der göttlichen Diskretion ist vorbei: Zeus gestattet den Unsterblichen, sich aktiv am Kampf zu beteiligen, da er befürchtet, der aufgebrachte Achill könnte Troia zerstören – und dafür ist die Zeit noch nicht reif. Hera, Athene, Poseidon und Hermes mischen sich unter die Griechen; Apollon, Artemis, Ares, Aphrodite und Leto ergreifen Partei für die Troianer. Schon bald kämpfen Götter gegen Götter: Poseidon streitet mit Apollon, Ares mit Athene, Hera mit Artemis. Achill ist in Höchstform: Er stürmt los, seine Rosse galoppieren über Tote und Verwundete, die Räder seines Wagens zermalmen Lanzen und Schilde. Endlich findet er Hektor. Doch in dem Moment, in dem er sich auf den Troianer stürzen will, lässt Apollon seinen Schützling in dichtem Nebel verschwinden. Außer sich vor Wut brüllt Achill: »Wieder entkamst du dem Tod jetzt, Hund; und wahrlich sehr nahe kam dir das Übel; dich rettete wiederum Phoibos Apollon … Jetzt geh ich gegen die anderen Troer, wen immer ich treffe. « Der Held stürzt sich auf die Feinde und schlägt wahllos zu. Abgehackte Köpfe fallen zu Boden, Gedärme quellen aus aufgeschlitzten Bäuchen. Achill spürt weder Müdigkeit noch Hunger und Durst, denn Athene persönlich hat ihm göttliches Ambrosia eingeflößt. Priamos, der betagte König Troias, verfolgt das Blutbad vom Turm aus. Als er die Not seiner Soldaten sieht, befiehlt er, die Tore der Stadt zu öffnen, um die Flüchtenden hereinzulassen. Auch Achill will in die Festung eindringen, doch durch ein Ablenkungsmanöver Apollons verpasst er den Anschluss. Die Tore Troias haben sich wieder geschlossen. Vor der Stadt steht nur noch Hektor, bereit sich seinem Gegner zu stellen. Er will siegen oder sterben.

Das Ende der Ilias: Hektors Tod

Schon kommt Achill in seiner funkelnden Rüstung näher. Hektor, der sonst so furchtlose Kämpfer, spürt wie die Angst seinen Magen zusammenschnürt. Er läuft davon, Achill rennt hinterher – dreimal um die ganze Stadt. Derweil wirft Zeus die Todeslose der beiden Kontrahenten auf die Waage. Hektors Los sinkt, da muss Apollon seinen Schützling verlassen. Athene aber darf zu Gunsten Achills eingreifen: Sie tritt auf als Hektors Bruder Deiphobos und empfiehlt dem Troianer, sich zu stellen. Hektor, der sich auf die Bruderhilfe verlässt, beginnt einen Zweikampf mit Achill. Zu spät bemerkt er, dass er betrogen wurde: »Weh mir, da haben die Götter mich wahrhaft zum Tode gerufen. « Mit der Lanze versetzt Achill seinem Gegner den tödlichen Stoß in die Kehle. Dann bindet er Hektor mit den Füßen an seinen Streitwagen und schleift ihn in das Lager der Griechen. In der Nacht erscheint Achill der tote Patroklos, der ihn bittet, bald bestattet zu werden: »Jetzt begrabe mich schnell, dass ich des Hades’ Tore durchschreite. Denn mich verscheuchen die Seelen, die Schattenbilder der Toten, und sie lassen mich nicht über den Strom. « Umgehend lässt Achill Holz für einen Scheiterhaufen sammeln und die Leiche seines Freundes zusammen mit zahlreichen Opfertieren und zwölf gefangenen Troianern verbrennen. Des Patroklos Gebeine werden gesammelt und in eine goldene Urne gelegt – in der sollen auch Achills sterbliche Reste die letzte Ruhe finden. Über der Grabstätte wird ein mächtiger Hügel aufgeschüttet. Achill hat den Freund gerächt und ihn in allen Ehren bestattet. Doch er findet noch immer keine Ruhe. Tag für Tag bindet er Hektors Leiche an seinen Streitwagen und schleift sie um den Grabhügel. Schließlich können die Götter dieses schreckliche Treiben nicht mehr mit ansehen: Zeus beauftragt Thetis, mit ihrem Sohn ein ernstes Wort zu reden: Er soll König Priamos den toten Sohn übergeben. Achill ist einverstanden: »Gut, so sei’s. Wer das Lösegeld bringt, führe fort dann den Toten. « Die Götterbotin Iris holt derweil Priamos herbei, der, von Hermes beschützt, ins griechische Lager eindringt. Achill empfängt ihn freundlich und bewirtet ihn, schließlich weinen die beiden sogar gemeinsam um die Angehörigen, die sie verloren haben. Im Morgengrauen kehrt der König mit Hektors Leiche nach Troia zurück. Neun Tage lang wird Holz gesammelt für den Scheiterhaufen, dann feiert die ganze Stadt das Begräbnis des tapferen Heerführers. Die Griechen stören die Trauerfeier nicht – Achill hat den Troianern für die Bestattung des Toten Waffenruhe versprochen, und er hält Wort.

Schlussbemerkung

Die Ilias endet abrupt. Man kann das Ende aber erahnen: Mehrmals wird Achill sein baldiger Tod prophezeit. Auch die Zerstörung Troias ist absehbar, Zeus hat sie längst beschlossen. Hinweise auf die letzten entscheidenden Tage sucht man bei Homer allerdings vergebens. Die Legenden vom Troianischen Pferd, in dem sich die tapferen Griechen versteckten, von Laokoon, der vor dem Pferd warnte und zur Strafe von Schlangen angefallen wurde, oder von Kassandra, die das Unheil kommen sah, jedoch wegen eines Fluchs des Gottes Apollon nicht gehört wurde, stammen aus anderen antiken Quellen. In dem zweitem großen Epos, der Odyssee, die, wie man heute glaubt, von einem Schüler Homers stammt, ist der Kampf der griechischen Bündnispartner gegen die östlichen Mittelmeerstädte bereits Geschichte. Odysseus befindet sich auf der Heimreise, Troia liegt längst in Schutt und Asche. Nur in kurzen Rückblicken erinnert sich der listenreiche Held an seine Erlebnisse. Viel Zeit, seinen Erinnerungen nachzuhängen, hat er allerdings nicht. Unter anderem gelangt er zu den Lotophagen, einem Märchenvolk, das Blumen verspeist, wird dann mit seinen Gefährten vom einäugigen Kyklopen gefangen, den er blendet. Nach weiteren Abenteuern landet er auf der
Insel des Gottes Helios. Dort schlachten seine Freunde dessen Rinder, wofür sie samt Schiff zur Strafe vom Blitz zerschmettert werden. Allein muss Odysseus nun noch allerlei Gefahren überstehen und kehrt erst nach zwanzigjähriger Abwesenheit zurück zu seiner Gattin Penelope

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