Aktuelles

Situation der einheimischen Kirchen in der Türkei

Türkei: Situation der einheimischen Kirchen

Alle einheimischen christlichen Kirchen unterstützen einen EU-Beitritt der Türkei. Das wurde im Rahmen des Symposiums „Vienna-Istanbul 2010: Crossroads of Faiths and Cultures in Turkey“ in Istanbul deutlich. Sowohl der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I., wie auch der armenische Vikar des Patriarchen, Erzbischof Aram Ateşyan und der syrisch-orthodoxe Metropolit Yusuf Çetin von Istanbul sprachen sich eindeutig für einen Beitritt aus. Eine bessere Etablierung der Menschenrechte und im besonderen auch der Religionsfreiheit würde nicht nur den Minderheiten im Land sondern allen Bürgern zugute kommen, sagte Patriarch Bartholomaios I. Es brauche eine neue Definition der Beziehungen zwischen Staat und Religionsgemeinschaften auf der Basis der Religionsfreiheit.
Erzbischof Aram Ateşyan und Metropolit Çetin zeigten sich unglücklich darüber, als Minderheit in der Türkei bezeichnet zu werden. Die armenischen wie auch die syrischen Christen würden seit jeher in der Türkei leben, viel länger als die Muslime. Er wolle sich daher auch nicht für Minderheiten-rechte aussprechen, so Ateşyan, sondern schlicht für die Gleichheit aller türkischen Bürger. Und Metropolit Çetin fügte hinzu: „Wir haben eine 5.500-jährige Geschichte hier. Unsere Kirche ist auf dem Boden der Türkei gegründet worden.“
Ateşyan erinnerte daran, dass es in der Türkei Anfang des 20. Jahrhunderts noch 2.200 Kirchen und über 1.000 kirchliche Schulen der armenisch¬apostolischen Kirche gegeben habe. Heute seien es noch 45 Kirchen und 15 Schulen.

Erzbischof Ateşyan vertrat den armenischen Patriarchen Mesrob II, der aufgrund einer schweren Erkrankung seit längerer Zeit amtsunfähig ist. Der 54-jährige leidet an einer fortschreitenden Gehirnerkrankung. Ateşyan wurde deshalb Anfang Juli vom erweiterten „Rat der Geistlichen“, in dem er selbst den Vorsitz führt,

zum Stellvertreter des Patriarchen gewählt. Die Wahl gilt innerkirchlich aber als umstrittenen.
Ein positives Signal des türkischen Staates war hingegen die Erlaubnis der türkischen Behörden, dass künftig jedes Jahr ein Gottesdienst in der Heilig-Kreuz-Kathedrale auf der Insel Aktamar im Van-See in Ostanatolien stattfinden darf. Der erste diesbezügliche Gottesdienst im September wurde zu einem vielbeachteten Medienereignis. Diesem ersten Gottesdienst nach 95 Jahren stand Erzbischof Ateşyan vor.
Die armenisch-apostolische Kirche hat in der Türkei noch rund 70.000 Gläubige. In Istanbul gibt es vier Diözesen, in Anatolien eine. Daneben gibt es auch noch rund 3.000 armenisch-katholische Christen in Istanbul.
Auch der syrisch-orthodoxe Metropolit Çetin forderte mehr Rechte für seine Kirche. So gebe es beispielsweise in Istanbul für die Gläubigen nur eine Kirche, die im Stadtteil Tarlabaşı in Beyoglu liegt. Aus diesem Grund nutze die Gemeinde Kirchen anderer Konfessionen, wie die katholische Kirche Saint Etienne im europäischen Teil der Metropole im Stadtteil Yeşilköy. Man wolle aber eine zweite eigene Kirche bauen, das würden die Behörden aber nicht zulassen.
Der Metropolit kritisierte auch, dass die Syrer keine eigenen Schulen unterhalten dürften. Ohne eigene Schulen sei es kaum möglich, dass die syrischen Kinder und Jugendlichen die eigene Sprache entsprechend erlernen können. Der türkische Staat erkennt nur die griechisch-orthodoxe Kirche, die Armenier und das Judentum als religiöse Minderheiten an, denen er – allerdings auch nur beschränkt – Rechte wie eigene Schulen einräumt.
Die syrisch-orthodoxe Kirche wie auch die katholische und andere Kirchen werden aufgrund einer umstrittenen Auslegung des Friedensvertrags von Lausanne von 1923 nicht als Institutionen anerkannt. Derzeit leben in der Türkei noch 20.000 syrisch-orthodoxe Christen. Davon 15.000 in Istanbul und 5.000 im Südosten des Landes, im Tur Abdin.
Istanbul, 13.10.10 (KAP)

Comment here