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Recep Tayyip Erdogan

Der Präsident der Türkei und ehemalige Parteivorsitzende der konservativen AKP gilt einigen als verkappter Islamist – anderen als Staatsmann der Zukunft.
Bürgermeisterkandidat Recep Tayyip Erdogan machte 1994 keinen Hehl aus seinen Plänen: In Istanbul sollten künftig Männer und Frauen in den Bussen getrennt sitzen, die Oper und das Ballett würde er schließen und den Alkoholkonsum stark einschränken. Dennoch siegte der bekennende Moslem. In der säkularen Republik schätzte man seine Ehrlichkeit. Zwar durfte er seine Wahlversprechen nicht einhalten, dafür schaffte er es, die Müllentsorgung und die Wasserversorgung der Millionenstadt deutlich zu verbessern.
Der Charismatiker Erdogan genießt große Popularität in seinem Land. 2003 wurde er zum ersten Mal zum Ministerpräsidenten gewählt, 2007 von einer noch größeren Mehrheit erneut. Seine AKP (Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei) ist heute stärkste Macht. Seine Leistungen können sich sehen lassen: Er hat der Türkei nicht nur Wirtschaftswachstum und niedrige Inflation beschert, sondern auch Griechenland und Armenien mit versöhnlichen Gesten bedacht und eine neue Toleranz gegenüber Kurden eingeleitet.
Doch was bedeutet »bekennender Moslem«? Kritiker halten ihn für einen getarnten Islamisten, dessen langfristiges Ziel es ist, die säkulare Türkei zu islamisieren. So stand er 1998 vor einer Moschee in Istanbul und trug folgendes Gedicht vor: »Die Moscheen sind un¬sere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten. « Er skandierte damals, dass die moslemische Welt auf den Aufstand des türkischen Volkes warte. Prompt wurde er verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe wegen Volksverhetzung verurteilt.
Er habe von seinen Fehlern gelernt, meint der geläuterte Ministerpräsident. Er sei Pragmatiker geworden und halte den Islam und die Demokratie für kompatibel. Der türkische Journalist Ferhat Boratav vergleicht die Politik Erdogans und seiner AKP mit jener der christlich- demokratischen Parteien Europas, nationalkonservativ also. Der am 26. Februar 1954 in Istanbul geborene Erdogan stammt aus bescheidenen Verhältnissen. Sein Vater war Matrose bei der Küstenwache. In Istanbul besuchte Recep eine islamische Schule und studierte dann Betriebswirtschaft an der Marmara- Universität. Bereits während des Studiums wurde er politisch aktiv – genauer gesagt, er trat der islamischen »Nationalen Heilspartei« bei und spielte bald eine führende Rolle. Seine zweite Liebe galt dem Fußball. Bis 1980 spielte er als Profi und trug den Spitznamen »Imam Beckenbauer«.
Die islamischen Parteien waren der Armee – in der Türkei gilt sie als Wächter über den säkularen Kemalismus – stets ein Dorn im Auge. Gerade in diesen Parteien hat Erdogan immer gewirkt. »Wenn ich zu Hause bin, bin ich Moslem«, sagt er, »im Büro arbeite ich für die Demokratie. « Vielleicht stimmt das sogar. Immerhin strebt er seit Jahren einen EU-Beitritt an (obwohl er die EU einst als »Christenklub« verhöhnt hatte). Das lange bestehende Bündnis mit Israel hat er ebenfalls nicht aufgekündigt, obwohl er den Krieg im Gazastreifen heftig kritisiert hat. So sorgte er beim Weltwirtschaftsforum im Januar 2009 für einen Eklat, als er nach einem Streit mit Schimon Peres vom Podium stürmte – weil er auf eine emotional gefärbte Rede des israelischen Präsidenten kaum antworten durfte.
Er ist also immer für Überraschungen gut. Zum Beispiel, als er 2008 während eines Deutschlandbesuchs hiesige Türken dazu aufrief, sich nicht zu assimilieren. Kanzlerin Merkel legte er nahe, türkischsprachige Schulen und Universitäten in Deutschland zu gründen. »Es gibt mehrere Erdogans«, erklärt sein Biograf, der Journalist Ruşen Çakir. Er könne sich muslimisch, modern oder nationalistisch zeigen. Kritiker bleiben jedoch skeptisch. Was will er wirklich? Vermittler zwischen den Welten sein? Manche munkeln sogar, er strebe eine Wiederbelebung des Osmanischen Reiches an.

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