Antike Zeiten und Kulturen

Philosophen -Vordenker

Sie lebten vor mehr als 2300 Jahren, und ihre Ideen beeinflussen uns noch heute. Wer waren die Männer mit den wegweisenden Gedanken, und was haben sie uns zu sagen?

Wie befreit man einen Freund aus dem Gefängnis? Der Athener Bürger Kriton glaubt, es zu wissen. An diesem Sommermorgen im Jahr 399 v. Chr. will er dem Philosophen Sokrates, der seit Kurzem hinter Schloss und Riegel sitzt, zur Flucht verhelfen. Wegen angeblicher Gottlosigkeit und jugendgefährdender Umtriebe hat man den Siebzigjährigen zum Tod durch den Schierlingsbecher verurteilt.

Als Kriton die Gefängniszelle betritt, flüstert er Sokrates zu: »Ich habe die Wärter bestochen. Heute Nacht kannst du fliehen.« Der Gelehrte bleibt ruhig und nickt. »Ich bin bereit.« Doch dann sagt er etwas, was Kriton nicht erwartet hat: »Vorher aber sollten wir gemeinsam überlegen, ob es überhaupt richtig ist, dass ich fliehe.« Denn in Athen könne man doch nur deshalb gut und in Frieden leben, weil es die Gesetze gebe, gibt Sokrates zu bedenken. »Und du möchtest, dass ich irgendwohin gehe, wo die Menschen womöglich in Unordnung und Ausschweifung leben, nur um mein Leben um ein paar Jährchen zu verlängern? Wie könnte ich hinterher noch über Tugend und Gerechtigkeit reden?«

Sokrates bleibt in der Zelle. Am nächsten Tag trinkt er in einem Zug den giftigen Saft des Schierlingspilzes und stirbt.

Wie man ein gutes, glückliches Leben im Einklang mit seinen Ideen führt, war für den Gelehrten zeitlebens eine wichtige Frage. Er war der erste griechische Philosoph, der sie systematisch anging und andere damit entsprechend beeinflusste: Nach ihm befassen sich zahlreiche Denker Athens mit der Frage nach dem erfüllten Leben – unter ihnen so herausragende Köpfe wie Platon, Aristoteles, Epikur und Zenon.

Was verstehen diese frühen Philosophen unter einem glücklichen, guten Leben? Setzen sie ihre Erkenntnisse auch in ihrem eigenen Alltag konsequent um? Und was haben sie uns heute, nach mehr als 2000 Jahren, noch zu sagen?

 

Sokrates (ca. 470 – 399 v. Chr.)

 

Der anspruchslose Querkopf: »Sorge dich nicht um Geld und Ehre«

 

»Bester Mann, der du ein Athener bist, aus der größten und an Weisheit und Macht angesehensten Stadt!«, ruft Sokrates auf dem Marktplatz von Athen den Passanten zu, »du schämst dich nicht, dich um möglichst viel Geld, Ruhm und Ehre zu sorgen, aber um Einsicht, Wahrheit und darum, dass die Seele so gut wie möglich werde, kümmerst du dich nicht?« Viele Athener kennen Sokrates schon. Täglich spaziert der kräftige Mann mit nackten Füßen und ärmlichem Mantel im Stadtzentrum umher und spricht die Leute an: »Entschuldigung, was ist Gerechtigkeit?«, fragt er mit Vorliebe die Richter. Oder die Händler: »Wozu nützen Geschäfte?«

Viele machen einen großen Bogen um den Sonderling. Manche lassen sich auf ein Gespräch ein. Und dann passiert es: Der scheinbar unbedarfte, ärmliche Mann erweist sich als genialer Logiker, der seine Gesprächspartner richtig in die Mangel nimmt. Am Ende müssen sie meist zugeben, dass sie im Grunde gar nichts wissen. Dass alle Prinzipien, auf denen sie bisher ihr Leben gründeten, haltlos waren. Damit hat der Philosoph sein Ziel erreicht: Jetzt haben sie seiner Meinung nach den entscheidenden Schritt in Richtung Glück getan.

Eine bestimmte Lehre will Sokrates nicht verbreiten. »Ich weiß, dass ich nichts weiß«, lautet sein bekanntester Ausspruch. Doch indem er den Menschen hilft, sich Fragen zu stellen, bringt er sie dazu, ihre ganz eigenen unabhängigen Grundsätze zu finden – und auf dieser Basis ein erfülltes Leben aufzubauen.

»Ich werde nie aufhören, euch anzustacheln – wie eine stechende Bremse.« Dieser Aufgabe verschreibt Sokrates sich ohne Rücksicht auf Verluste. Das Steinmetzhandwerk gibt er auf. Seine legendär-zänkische Frau Xanthippe keift ihn täglich an, dass er nicht genug Bares nach Hause bringe. Die paar Münzen, die er auf der Straße aufliest oder von Verwandten oder Anhängern bekommt, reichen vorn und hinten nicht. Doch Sokrates nimmt es gelassen. Vor einem Geschäft mit verlockenden Waren ruft er aus: »Wie zahlreich sind doch die Dinge, derer ich nicht bedarf!«

Bei jungen Leuten kommt Sokrates gut an. Das alarmiert das Athener Establishment: »Sollen unsere Söhne denn werden wie er?«, fragt ein Richter bei Sokrates’ Prozess, »immer nur auf der Agora herumwandeln und sich gegenseitig fragen: Was ist gut? Was ist böse? Nein! Schaffen wir uns Sokrates endlich vom Hals!«

Doch das Todesurteil nützt nur kurzfristig. »Sokrates hat durch alle Jahrhunderte bis heute einen starken Einfluss behalten«, meint Klaus-Dieter Eichler, Professor für Philosophie an der Universität Mainz. »Er regt vor allem dazu an, Festgefügtes aufzulösen und Dogmatismus zu misstrauen.«

 

Platon (ca. 427 – 347 v. Chr.)

 

Der Idealist: »Man kann es kein glückliches Leben nennen, wenn man sich zweimal pro Tag vollstopft und keine Nacht allein schläft«

Sokrates hat nichts Schriftliches hinterlassen. Dass wir überhaupt etwas von ihm wissen, ist vor allem seinem Schüler Platon zu verdanken: Er zeichnet Leben und Ideen seines Lehrers auf. Als erster Philosoph gründet der Adelssohn um 387 v. Chr. eine philosophische Schule, die platonische Akademie.

Wie für seinen Lehrer ist Philosophie auch für Platon nicht irgendein Zeitvertreib, sondern der Schlüssel zu einem erfüllten Leben. Anders als Sokrates hat er jedoch eine umfangreiche Lehre entwickelt, wie dieses glückliche Leben zu erlangen sei: die so genannte Ideenlehre. Sie besagt, dass die Seele jedes Menschen vor der Geburt etwas Wunderbares gesehen hat – die ewigen Urbilder, von Platon Ideen genannt. Sie sind perfekte, unvergängliche Urzustände all dessen, was wir auf der Erde nur unvollkommen erfahren: das Gute, die Gerechtigkeit, die Liebe, die Schönheit. Zeitlebens sehnt sich der Mensch nach diesen Urbildern zurück. Und er ist überglücklich, wenn er auch nur einen Hauch davon im Diesseits erlebt.

Und weil die Philosophie den Menschen aus seinem Alltag herausführt, ermöglicht sie es, sich den Urbildern wieder zu nähern: »Philosophie ist das größte Gut, das als Geschenk der Götter dem sterblichen Geschlecht zukam«, schreibt Platon. Auf das Diesseits und die sinnlichen Genüsse solle man nicht viel geben. Denn sonst friste man ein trauriges Dasein: als Mensch, der in einer Höhle gefesselt ist und nur die hintere Wand sieht. Vor der Höhle liegt zwar die wunderschöne Welt der Urbilder – doch der Gefesselte sieht davon nur die dunklen Schatten, die sich auf der Höhlenwand abzeichnen.

Platon selbst lebt vierzig Jahre in der Gemeinschaft seiner Akademie, bleibt ledig und ohne Kinder. Den Athenern gefällt es gar nicht, dass junge Männer scharenweise und oft jahrelang zum Philosophieren in die seltsame Einrichtung im heiligen Hain strömen. Zwar zählt Philosophie zum anerkannten Bildungsgut des Athener Bürgers, aber dauerhaft will niemand seinen Sohn an die Denkschule verlieren. Wer sich trotzdem auf das Philosophieren versteift, muss mit Spott und Ablehnung rechnen.

Das nimmt Platon in Kauf – und träumt in seiner Utopie »Der Staat« ungerührt von einer städtischen Gemeinschaft, die von Philosophen weise gelenkt wird. Auch wenn sich dieser Wunsch nicht erfüllt: Platons Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele und einer besseren, jenseitigen Welt hat das abendländische Denken geprägt, vor allem das Christentum.

 

 

Aristoteles (384 – 322 v. Chr.)

 

Der Gelehrte und die Vernunft: »Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen«

Zwanzig Jahre lang lernt der Sohn eines königlichen Leibarztes bei Platon. Nach dessen Tod wünscht er sich sehnlich, die Akademie zu übernehmen. Als das nicht klappt, unterrichtet er am Hof des Makedonier-Königs Philipp II. dessen Sohn – der später als Alexander der Große berühmt wird.

Im Jahr 335 v. Chr. gründet Aristoteles in Athen seine eigene Schule, das Lykeion. Anders als sein Lehrer sucht er die Erfüllung nicht nur in der Welt der Ideen: »Alles, was Natur ist, trägt etwas Göttliches in sich«, schreibt er. Es existiere nicht außerhalb der Welt (wie Platon meinte), sondern ein Funken davon sei in allem Lebenden. Deshalb strebe alles auf der Welt nach Vollkommenheit. Doch was heißt das für den Menschen?

Aristoteles zieht einen Vergleich mit den Tieren: Das einzige, was wir ihnen voraus haben, sei die Vernunft. Entsprechend kann der Mensch nur glücklich werden, wenn er diese ihm vorbehaltene Gabe entfaltet und nutzt, um die Welt zu erkennen. Genau das tut Aristoteles am Lykeion. Er pflegt die Wissenschaften, schreibt über Logik, Metaphysik, Naturphilosophie, Ethik, Poetik, Rhetorik, Astronomie, Botanik und Zoologie. Das Lykeion wird zu einem Vorläufer der modernen Universität – mit verschiedenen Fächern, Stundenplänen, Vorlesungen und Lehrbüchern.

 

 

Epikur (341 – 271 v. Chr.)

 

Der Genießer: »Lebe heute, vergiss die Sorgen der Vergangenheit!«

Sehr nah mag sich unsere heutige Spaßgesellschaft auf den ersten Blick diesem Philosophen fühlen, der die sinnlichen Freuden preist. In seinem berühmten Garten im Norden Athens bringt der Lehrersohn von der Insel Samos ab 306 v. Chr. seine lustvolle Philosophie unter die Leute. Fast wie ein moderner Atheist meint Epikur, dass es für den Menschen nur diese eine Welt und dieses eine Leben gebe.

Seiner Ansicht nach schwirren überall unsichtbare Atome umher, die sich vorübergehend und zufällig zu Landschaften und Lebewesen zusammensetzen. Wenn ein Mensch stirbt, löst sich die Verbindung der Atome, die seinen Körper und seine Seele gebildet haben, wieder auf. Und das bedeutet: Der Mensch muss sich keine Sorgen machen, dass Götter in sein Leben eingreifen oder ihn nach dem Tod bestrafen. Folglich kann er sein Erdendasein unbekümmert und frei genießen.

Trotzdem würde Epikur sich auf den Amüsiermeilen unserer Zeit nicht wohlfühlen, denn von Exzessen will er nichts wissen: »Wir bauen auf die Mäßigkeit, um weniger Sorgen zu haben.« Doch was bedeutet Glück für Epikur? Vor allem: Freunde zu haben. Mit ihnen zu philosophieren, Musik zu hören oder Kunstwerke zu betrachten, das ist für den Philosophen der höchste Genuss.

Dieses Ideal lebt er in seinem Garten geradezu revolutionär aus, denn zu seiner Gemeinschaft gleichberechtigter Freunde gehören nicht nur Adlige und Bürger, sondern auch Frauen und Sklaven. Kein Wunder, dass im 19. Jahrhundert Karl Marx über Epikur seine Doktorarbeit schreibt und die französischen Aufklärer sich auf ihn berufen. »Auch uns heute spricht besonders sein Freundschaftsideal an«, meint der Mainzer Philosophieprofessor Klaus-Dieter Eichler, »gerade weil sich traditionelle Lebensformen immer mehr auflösen.«

 

 

Zenon (334 – 263 v. Chr.)

 

Der Disziplinierte: »Jeder Mensch kann frei sein, wenn er sich von den weltlichen Bedürfnissen loslöst«

Dass Epikur unverhohlen die Freude in den Mittelpunkt seiner Philosophie rückt, geht einem hageren, asketischen Denker gegen den Strich. Mit anderen Epikur-Gegnern trifft sich Zenon von Kition ab 300 v. Chr. in einer Säulenhalle im Zentrum Athens, der Stoa. Sie gibt dem neuen Zirkel den Namen: die Stoiker.

Eine aus herumwirbelnden Atomen zusammengesetzte Welt voller Zufälle ist ihnen ein Graus. Vielmehr hätten die Götter jedem Einzelnen ein Schicksal vorherbestimmt. Glücklich werde nur, wer kraft seiner Vernunft das eigene Schicksal erkennt, annimmt und so gut es geht erfüllt. Mit seinem Schicksal zu hadern oder nur sinnlichen Begierden zu folgen, bringe Verbitterung. Stattdessen solle man in jeder noch so schwierigen Situation die Ruhe bewahren (die deshalb heute manchmal »stoisch« genannt wird).

Wie die anderen großen Athener Philosophen seit Sokrates belässt es auch Zenon nicht bei schönen Worten, sondern richtet sein gesamtes Leben nach seinen Erkenntnissen aus. Da er die Philosophie als sein Schicksal begreift, gibt er seinen lukrativen Beruf als Händler ohne zu zögern auf. Und niemand kann ihm vorwerfen, sich sinnlichen Zerstreuungen hinzugeben: Er lebt sexuell enthaltsam, trinkt nur selten Wein und besucht kaum Feste.

»Die stoische Lehre spricht auch heute noch Menschen an, die besonders diszipliniert leben wollen«, meint Klaus-Dieter Eichler. »Und wenn es heißt, dass Arbeit vor Leben geht, und wir uns körperlich und geistig fitmachen sollen fürs Geschäft, haben wir es mit stoischer Pflichtmoral zu tun.«

Die Athener verehren Zenon wie keinen anderen Philosophen vor ihm und bekränzen sein Haupt mit einer goldenen Krone. Von solchen Ehren konnte Sokrates 130 Jahre zuvor nur träumen. Und doch: Schon kurz nachdem sie Sokrates zum Tode verurteilt hatten, vermissten die Athener ihren Philosophen vom Marktplatz. Zum Zeichen der Trauer schlossen sie einige Tage alle öffentlichen Gebäude. Offenbar lebte es sich ohne die bohrenden Fragen des alten Mannes doch schlechter als gedacht.

 

 

 

Autor(in): Katharina Kramer

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