Aktuelles

Morden für Gott und Allah

Was treibt einen Menschen dazu, im Namen seiner Religion abscheuliche Massaker zu begehen? Was wollten die Kreuzzügler, was will Osama bin Laden? Eine Spurensuche nach den Gründen des Fanatismus. 

Eine junge Frau macht sich auf den Weg ins Paradies. Es ist Mittwoch, der 14. Januar 2004, als die humpelnde Gestalt morgens gegen halb zehn am Grenzübergang zwischen dem Gazastreifen und dem israelischen Industriegebiet Eres erscheint. Die Kontrollposten überprüfen ihre Papiere. Als der Metalldetektor anschlägt, wirft sich Reem Raiyshi weinend zu Boden. Sie erzählt den Soldaten von einer Operation, einem Platin-Implantat in ihrem Bein und fleht den Offizier an, sie passieren zu lassen. Er ruft eine Kollegin, die die junge Palästinenserin untersuchen soll.

 

Ein paar Sekunden später ist Reem Raiyshi, 22 Jahre alt, eine Heldin der Hamas. Sie zündet die Fünf-Kilo-Bombe, die an ihrem Körper befestigt ist, reißt vier Menschen mit sich in den Tod und verletzt sieben weitere. Die Selbstmordattentäterin hinterlässt zwei kleine Kinder – und ein Video mit ihrem einzigen Wunsch an Allah: Sie wünsche sich, dass ihre Organe durch die Luft fliegen und ihre Seele das Paradies finden möge.

 

An einem anderen Mittwoch, im September 2003, kurz nach 18 Uhr, wird der Häftling Paul Jennings Hill im Florida State Prison zum Märtyrer. Lächelnd und ruhig geht er seiner Hinrichtung entgegen. »Ich fühle mich geehrt, dass sie mich töten für das, was ich getan habe«, sagt er kurz vor seinem Tod. Paul Jennings Hill hat einen Abtreibungsarzt und dessen Leibwächter erschossen – angeblich im Auftrag und im Namen Gottes. Die radikal-christliche »Army of God« feiert ihn dafür im Internet als »Helden des Glaubens«, und Hill selbst erklärt am Abend vor seinem Tod, er rechne im Himmel mit einer »großen Belohnung«.

 

Zwei tiefgläubige Mörder wähnen sich auf ihrem Weg ins Himmelreich – und friedliebende Christen wie Muslime fragen sich entsetzt, wie ihr Gott so falsch verstanden werden konnte.

 

»Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu« – dieser Grundsatz der Fairness und Nächstenliebe ist in allen fünf Weltreligionen fest verankert. Der Gott der Bibel verbietet das Töten ebenso wie der des Koran und der Thora. Im Hinduismus ist selbst das Töten von Tieren verpönt, und die Friedfertigkeit des Buddhismus scheint ohnehin über jeden Zweifel erhaben.

 

Dennoch ist die Geschichte der Religionen auch eine Geschichte grausamer Verbrechen. Es gibt kein Leid, das die Menschen einander im Namen Gottes nicht schon angetan hätten.

 

»Gott will es!« (Deus lo vult!) rief Papst Urban II. am 27. November 1095 auf der Synode von Clermont und schickte Heerscharen bewaffneter Reiter in den Nahen Osten, um die angeblich Gottlosen mit Schwert und Feuer zu bekämpfen. Die Kirche des Mittelalters legte das Gebot »Du sollst nicht töten« großzügig zu ihren Gunsten aus. Die Kreuzritter mordeten und starben in dem Bewusstsein, einen gerechten Krieg zu führen – wofür Gott ihnen alle Sünden vergeben und das ewige Leben schenken würde. Hunderttausende Muslime und Juden wurden zwischen 1096 und 1291 umgebracht.

 

Man kann die Kreuzzüge als primitive Auswüchse des »finsteren« Mittelalters ansehen, ebenso wie die Verbrennung angeblicher Hexen zu Beginn der Neuzeit. Aber wenn im Jahr 2001 gläubige, intelligente Menschen beschließen, im Namen Allahs mit Flugzeugen in das World Trade Center zu rasen, um möglichst viele Menschen zu töten? Dann wird deutlich, dass das Morden im Auftrag Gottes ein zeitloses Phänomen ist.

 

Warum werden religiöse Menschen heute, in einer vermeintlich zivilisierten Welt, zu kaltblütigen Killern? Ohne Mitgefühl für ihre Opfer, oft um den Preis ihres eigenen, gottgegebenen Lebens?

 

»Wir wollen Frieden. Aber wenn dem Frieden das Säubern vorangehen muss, lasst uns das Säubern beginnen.« Das sagte der Extremist Ken Noble der amerikanischen Wissenschaftlerin Jessica Stern, die fünf Jahre lang christliche, jüdische, islamische und hinduistische Terroristen interviewte. Ken Noble war Mitglied einer christlich-apokalyptischen Sekte, die in den Achtzigerjahren Brandstiftungen und Morde beging. Ihre Ziele waren jüdische Synagogen, aber auch eine christliche Kirche, die dafür bekannt war, dass sie Homosexuelle aufnahm.

 

Jessica Stern fand bei den militanten Fanatikern, mit denen sie sprach, viele religionsübergreifende Merkmale. »Es geht um die Reinigung der Welt«, so ihr Fazit. »Der Weg ist klar: töten oder getötet werden.« Für diese fanatisch-religiöse Haltung hat sich seit den Siebzigerjahren der Begriff »Fundamentalismus« eingebürgert; meistens wird er mit dem Zusatz »islamisch« verwendet.

 

Tatsächlich erlebte der Islam in den siebziger Jahren eine Renaissance: Strenggläubige Muslime machten die westliche Kultur für alle Missstände des Orients verantwortlich und träumten von der Errichtung eines islamischen Gottesstaates. In ihm sollten alle Spuren westlicher Liberalität verschwinden und die traditionelle Rechtsordnung, die Sharia, gelten. Einer machte diesen Traum wahr: Ayatollah Khomeini. Er kehrte 1979 nach Teheran zurück und rief die islamische Republik aus.

 

Gleichzeitig, aber von der Weltöffentlichkeit viel weniger wahrgenommen, lebte auch ein christlicher Fundamentalismus wieder auf. Ebenfalls im Jahr 1979 wurde in den USA die »Moral Majority« gegründet, eine erzkonservative protes-tantische Bewegung, die vor allem das Massenmedium Fernsehen nutzte, um ihre Botschaften zu verbreiten. Perfekt

gefönte, wortgewaltige TV-Evangelisten wie Jerry Falwell wetterten gegen alles, was irgendwie links oder liberal war: die Emanzipation der Frau, Abtreibung, Homosexualität, Pornografie, Kommunismus und Sozialismus, Bibelkritik und Evolutionslehre.

 

Ronald Reagan schwamm auf der Welle des christlichen Fundamentalismus 1980 zu seinem Wahlsieg als US-Präsident. Obwohl sich die »Moral Majority« als Organisation 1989 wieder auflöste, haben ihre Ziele und ihre ehemaligen Wortführer in den USA heute noch viele Anhänger. Ein Sechstel der US-amerikanischen Bevölkerung zählt sich selbst zur christlichen Rechten.

 

Seit dem 11. September hetzen die fundamentalistischen Fernsehprediger auch vehement gegen Muslime. »Moral Majority«-Gründer Jerry Falwell bezeichnete den Propheten Mohammed als Terroristen, und sein Glaubensbruder Pat Robertson (Bild S. 88) behauptete in einer seiner Fernsehpredigten, die Muslime seien grausamer gegen die Juden als es Adolf Hitler gewesen sei.

 

Die Wiege des modernen Fundamentalismus aber stand nicht in irgendeinem

islamischen Land, sondern in den USA. Schon 1919 wurde die »World’s Christian Fundamental Association« gegründet. Mit einer Zeitschriftenreihe namens »Fundamentals – A testimony of truth« (Grundlagen – Ein Zeugnis des Glaubens) brachten strenggläubige Protestanten ihre Prinzipien unters Volk.

 

Dazu gehörten die absolute Irrtumslosigkeit der Bibel, inklusive Jungfrauengeburt, die leibliche Wiederauferstehung Jesu und seine Wiederkunft zum Jüngs-ten Gericht. Die Fundamentalisten hielten die Evolutionstheorie für Teufelswerk, und sie akzeptierten als einzige Heilige Schrift die King James Bibel aus dem Jahr 1611.

 

Diese Grundsätze bestehen noch heute – was nicht verwunderlich ist, denn es gehört zum Wesen des Fundamentalismus, auf Veränderungen äußerst widerwillig zu reagieren. Islamische Fundamentalisten sind in ihren Zielen ebenso rückwärts gewandt. »Alle fundamentalistischen Tendenzen in den Religionen heute sind weitgehend Protestbewegungen«, meint der Augsburger Theologe Klaus Kienzler. »Sie protestieren gegen die moderne und vor allem westliche Zeit und Lebenswelt. Sie setzen dagegen absolute religiöse Geltungsansprüche. Sie sind überzeugt, dass die Religion das Allheilmittel gegen alle Laster und Fehler dieser Welt ist.«

 

Alle Fundamentalisten haben mit ihren Feinden mehr gemeinsam, als ihnen lieb ist. Pat Robertson mag noch so sehr gegen die Muslime wettern – seine Vorstellungen von einer lebenswerten Gesellschaft sind gar nicht weit entfernt von denen eines Osama bin Laden. Beide würden Feministinnen, Schwule und Atheisten verfolgen, beide würden Mörder hinrichten lassen, Schulen zu religiösen Zentren machen und dafür sorgen, dass alle Bürger ein gottesfürchtiges, sittenstrenges Leben führen.

 

Tatsächlich tun sich christliche und is-lamische Fundamentalisten gelegentlich sogar zu Zweckbündnissen zusammen: Eine christlich-islamische Allianz bei den Vereinten Nationen kämpft zum Beispiel gegen das Recht auf Abtreibung. Und jüdische Fundamentalisten hetzen gemeinsam mit fanatischen Hinduisten gegen Moslems.

 

Was hat das alles noch mit Religion zu tun? Der Glaube an einen oder mehrere Schöpfer, an ein Leben nach dem Tod, an die Gebote einer Heiligen Schrift und an die Belohnung eines gottesfürchtigen Lebens kann ein rettender Haltegriff sein. Zumindest für Menschen, die angesichts einer komplizierten und widersprüchlichen Welt in seelische Not geraten. Wer ein einfaches, geschlossenes Weltbild braucht, klare Antworten auf alle Fragen des Lebens, eine unfehlbare Leitfigur, die einem jede Entscheidung abnimmt und dafür nichts verlangt als unbedingten Gehorsam – der kann all das im Glauben finden. Und wem das irdische Leben dann immer noch ein Jammertal ist, dem bleibt als letzter Ausweg der Märtyrertod und die Hoffnung auf ein besseres Leben danach.

 

Es ist ihr irrationaler Kern, der die Religionen so machtvoll macht – und so gefährlich. Niemand kann einer islamischen Selbstmordattentäterin nachweisen, dass ihr Gott das Töten von Israelis nicht will, oder den christlichen Doppelmörder davon überzeugen, dass das fünfte Gebot seines Gottes auch den Abtreibungsarzt schützen soll.

 

Die jahrtausendealten Überlieferungen, auf denen die Religionen basieren, sind so vielseitig und widersprüchlich, dass sie jedem Gläubigen seine eigene Lesart ermöglichen. Ein Moslem, der im Koran auf das Wort »Djihad« stößt, kann es als heiligen Krieg interpretieren oder nur als eine Anstrengung für ein gottgefälliges Ziel. Ein Christ kann in der Bergpredigt des Neuen Testaments eine Anleitung zum Pazifismus sehen und im alttestamentarischen »Auge um Auge« einen Aufruf zur Rache.

 

Weil es nicht um Wissen, sondern um Glauben geht, lassen sich die Religionen wie leere Gefäße mit jedem denkbaren Inhalt füllen – und für jeden militanten Zweck missbrauchen. Das scheint besonders gut zu funktionieren bei den monotheistischen Religionen wie Christentum, Islam und Judentum. Der einzige, mächtige Gott, den sie in den Mittelpunkt stellen, wird besonders fanatisch verteidigt.

 

Doch in Indien mit seinen vielen Gottheiten brennen fanatische Hindus die Häuser ihrer muslimischen Nachbarn nieder. In Sri Lanka stecken militante Buddhisten, die gar keinen Gott haben, christliche Kirchen an. Und buddhistische Singhalesen liefern sich seit fast zwanzig Jahren blutige Gefechte mit muslimischen Tamilen, was der Region das Etikett »Nordirland des Indischen Ozeans« einbrachte.

 

Religiöse Gefühle lassen sich hervorragend nutzen für politische Zwecke. Das wussten die Päpste des Mittelalters ebenso gut wie die deutschen Militärprediger, die den Ersten Weltkrieg zum »großen, heiligen Krieg« erklärten. Joseph Goebbels, der Propagandaminister der Nazis, wusste es ebenfalls; er wollte deutsche Soldaten in den Zweiten Weltkrieg »wie in einen Gottesdienst« gehen lassen. Auch George W. Bush weiß es. Der US-Präsident inszenierte den dritten Golfkrieg als Kreuzzug gegen die »Achse des Bösen«.

 

Und auch die Führer der Hamas wissen es, die sogar junge Mütter mit Sprengstoffgürteln in den Tod schicken – nachdem sie ihnen zuvor das Paradies versprochen haben.

 

 

 

 

 

 

Autor(in): Kreuzzüge

Comments (1)

  1. It is actually a nice and helpful piece of information. I am happy that you simply shared this helpful information with us. Please stay us informed like this. Thank you for sharing. gaffakeadgba

Comment here