Islam

Maulana und der Semah

In der Neigung seines Kopfes und dessen verwaister Anlehnung auf die rechte Schulter birgt der Semazen solch einen Trancezustand, dass es unmöglich ist hiervon unberührt zu bleiben.

Der Semah ist so beeindruckend, dass selbst Personen, denen der Semah und Maulana nicht bekannt ist, sofort die Andeutung auf eine ganz andere Welt verspüren.

Tatsächlich öffnen der Semah und Maulana uns das Tor zu einer Wahrheit, die jenseits der uns bekannten und gewöhnlichen Welt liegt. Lassen Sie uns nun versuchen, dieses Tor anzulehnen…

            „In unserem Herzen ist ein strudelndes Geheimnis geborgen.

            Jede Schöpfung ist an dieses Geheimnis gebunden.

            Selbst dieser übereinander gelagerte Himmel

            Dreht sich auf Grund dessen.“

Nach diesen Worten von Maulana und auch laut dem islamischen Sufismus ist im Herzen eines jeden Menschen etwas verborgen, das den Namen „Geheimnis“ erhält. Dieses Geheimnis wird nicht jedem Menschen zuteil. Nur infolge jahrelanger Bemühungen und einer Segnung kann dieses Geheimnis gelüftet werden. Das hinduistische Weltbild und der Mystizismus bezeichnet dieses Geheimnis als „das höchste Selbst – das wahre Selbst – oder Atma“. Ebenfalls in der antiken Zivilisation lädt die am Eingang des Tempels von Delphi befindliche Inschrift „Erkenne Dich Selbst“ den Menschen dazu ein, das im Herzen verborgene Geheimnis zu erkennen.

Das Gesuchte, um das wir uns bemühen sie zu verstehen, ist wie der Name es sagt ein „Geheimnis“. Einige haben dieses Geheimnis gelüftet, doch sind deren Zungen gebunden. Sie sind gebunden, denn sie erfahren das Unbekannte, doch kann das Unbekannte mit keinen Worten beschrieben werden, da sie nicht bekannt ist. Mag sein, dass Maulana eben deshalb das Gedicht, die Musik und den Tanz vorgezogen hat. Um das Unbeschreibbare zu beschreiben.

Bevor Maulana den Grad des „Herren“, des „Meisters“ erreicht hat, war er ein Lehrer, ein Geistlicher. Er war ein Sufi und ein Wissenschaftler. Seine erste Ausbildung hat er von seinem Vater erhalten, der als der Sultan der Gelehrten verehrt wird, und später von einem seiner Schüler. Er hat viele Städte und Länder besucht und ist nach Anatolien gekommen. Auf seinen Reisen war er noch immer wie ein nasser Ton in den Händen seiner Meister.

Sein Schicksal ist es, die von seinen Lehrern geformte Gestalt anzunehmen und abschließend im Ofen gebacken zu werden. Während er im Ofen gebacken wird, sollte er wie jeder Mensch auf sich alleine gestellt sein. Nachdem das in ihm verborgene Feuer, das er als „Liebe“ bezeichnet, zu leuchten begann, sollte er als „Dschelaladdin“ alles, was er je zu kennen wusste, verbrennen und einäschern.

Laut Maulana ist die Liebe solch ein kräftiges Feuer, dass es außer Gott jedes Geschöpf und jede Person, einschließlich der eigenen Person, vernichtet. Dieser Brand ist die vollkommene Menschwerdung des aus Lehm und Erde erschaffenen Geschöpfs und ist erforderlich, um ihn in eine menschenwürdige Gestalt zu bringen.

Nach Maulana’s Ansicht ist die Evolution des Menschen noch nicht abgeschlossen. Denn der Mensch wurde dazu erschaffen reif, vollendet und vollkommen zu werden. Ein „vollendeter Mensch“ zu sein ist nicht gleichbedeutend mit einem guten, ethischen, hilfsbereiten, liebevollen Menschen. Zu glauben, in Besitzt dieser Qualitäten zu sein, wird solange das Ego existiert lediglich dazu führen, dass der Mensch sich selbst etwas vortäuscht. Denn das Ego ist nicht dazu fähig jenseits seiner selbstsüchtigen und dringlichen Nutzen zu blicken. Ein „vollendeter Mensch“ zu sein heißt, sämtliche positiven und negativen Gefühle, Gedanken, Handlungen und Gewohnheiten, kurz gesagt die Menschlichkeit beiseite zu räumen und sie mit dem unbekannten Bewusstsein, der fremden Entstehung, der Existenz, der Substanz zu ersetzen.

Dieser Wandel beginnt mit dem Erscheinen des im Herzen verborgenen Geheimnisses, also dem Leuchten des göttlichen Feuers, des Lichtes. Dies ist eine vollkommene Verwandlung. Diese Verwandlung kommt im Geiste, in den Zellen des Gehirns und sogar in den Atomen des Körpers zum Vorschein. Mit ihr erleichtert und klärt sich der Körper, enthüllt sich der Schleier, verschärft sich der Blick, wodurch die Verwandlung in ein Wesen stattfindet, das alles sehen, wissen und allgegenwärtig sein kann. Nach mystischen Richtungen ist es möglich, dass der Mensch auf einer anderen Bewusstseinsebene seine körperliche Grenzen überschreiten und sich in alles verwandeln kann.

Beim Aufbrechen eines Samens und Kerns ist darin nichts zu sehen. Doch dieses Nichts ist die Essenz des Baums. Weder Bäume, noch Kinder werden zum Wachsen geschult. Gleicherweise ist auch das noch vor der Existenz des Universums und vor Beginn des Urknalls vor Millionen von Jahren vorhandene „Nichtdasein“ ebenfalls der Kernstück allen Daseins. Dieser Zustand, auf den keine physikalischen Regeln und Gesetze wirken, wird im Sufismus als der „Grundzustand“ beschreiben. Als Gott in der vollkommenen Einsamkeit dieses Zustandes verborgen war, hat er sich in sich selbst zurückgezogen, die Pracht seines Wesens betrachtet, dieses Wesen liebgewonnen und die Liebe verbreitet. Er hat sich gewünscht, dass dieser makellose Schatz geschätzt werde und hat sein Licht, sein Abbild erschaffen. Dies war ein vollkommenes Abbild, das das göttliche Bewusstsein widerspiegelte. Der Islam erläutert dies als „das Licht des vollendeten Menschen“.

Diese göttliche Seele, die mit unvorstellbaren geistigen Gesetzen erschaffen worden ist, bildet die Essenz aller Wesen, das unauslöschliche Feuer des Lebens. Mit unseren vorhandenen Sinnen können wir diese Essenz, das makellose Abbild Gottes, nicht wahrnehmen. Sie kann nicht wie ein beliebiger Körper in der Hand gehalten oder mit den Augen wahrgenommen werden. Sie ist ein Wesen jenseits der Zeit und des Raums. In dieser Seele befindet sich ebenfalls das seelische Dasein des Menschen. Wenn Gott etwas schöpfen möchte, so gebietet er „Werde!“, und es wird. Dieses Gebot wurde auf der überabstrakten Ebene an das Abbild Gottes, die „Höchste Seele“, gerichtet. Die Höchste Seele, die jenes Gebot erhalten hat, ist nach unten herabgestiegen und hat das Universum herausgebildet. Mit der wissenschaftlichen Terminologie ausgedrückt, ist die Höchste Seele vom absoluten Dasein hinab in die Ebene der Natur gestiegen und wurde verkörperlicht. Lediglich der Mensch wurde mit dem Abbild Gottes erschaffen. Das heißt, Gott hat den Menschen seiner Seele zuteil werden lassen. Kurz gesagt, besitzt der Mensch eine Seele, die nicht von diesem Universum ist. Laut dem Sufismus ist diese Seele stufenweise aus einer anderen Ebene, aus der Ebene der Seelen und der Engel, in dieses Universum gelangt, sich in das irdische Gewand des Körpers gehüllt und ist sichtbar geworden. Dass das seelische Wesen, das nicht hierher gehört, sich nach seiner Heimat sehnt ist durchaus natürlich. Hinter dem Verlangen des sich mit dem Körper identifizierenden Menschen nach Vermögen, Eigentum, Ruhm und Regierung, verbirgt sich aus der abstrakten Ebene betrachtet die durch die Trennung hervorgerufene Sehnsucht. Eines Tages umgeben und umarmen diese Trennungsschmerzen das Selbst so sehr, dass die Person sich weinend und schreiend darüber beschwert. Wie sollte man auch nicht weinen, wenn der hinterlassene Ort die höchste Ebene der Einheit, des allmächtigen Gottes ist.

Die Rohrflöte steht als Symbol der Seele, die ihre wahre Heimat verlassen hat. Die Rohrflöte bringt beim Tönen ihre Sehnsucht zum Ausdruck, wieder zu ihren Herren, zum Röhricht zurückzukehren. Die Etappen, die die Seele beim Verlassen der göttlichen Ebene mit dem Gebot „Werde!“ bis hin zu ihrer Entwicklung zu einem Menschen über sich hat ergehen lassen, gleicht den Etappen des Rohrs, das aus dem Röhricht genommen und in die Form einer Rohrflöte gebracht wurde.

            „Der Rohrflötenmeister hat aus dem Röhricht ein Rohr geschnitten,

            darin 7 Löcher gebohrt,

            dem Wissenden war die Arbeit eine Lust,

            die Lippen des Rohrflötenbläsers haben sie berührt,

            geschrien hat die Rohrflöte,

            nicht die Lippen waren es, die sangen,

            sondern deren Atem.“

Von einzelligen bis hin zu komplizierten Lebewesen hat Gott sämtliche Geschöpfe aus seinem Selbst erschaffen, nur dem Menschen jedoch hat er seine Seele gehaucht. Der in die Rohrflöte geblasene Atem bringt eben dies zum Ausdruck. Das Innere der Rohrflöte ist leer, sie kann nur mit dem Atem eines Bläsers ertönen. Während das eine Ende der Rohrflöte offen ist, liegt das andere Ende am Mund des Musikers an. Ist der Musiker ein vollendeter Mensch, so verwandelt sich die aus dem offenen Ende tönende Melodie in die Stimme Gottes. Genau wie diese Rohrflöte, ist auch der Mensch solch ein Instrument. Liegt er einem vollendeten Menschen zur Hand, so kann er die tatsächliche Menschwerdung erleben. Dann wird er zur Stimme Gottes, zum Spiegel Gottes. Er beginnt zu schweben und trifft sich mit seinen Herren. Folglich vollendet er seine Evolution. So erzählt das Semah Ritual des islamischen Sufismus die Geschichte der Höchsten Seele, die mit dem Gebot „Werde!“ herabsteigt, um dann wieder auf dem Weg der Entwicklung zum vollendeten Menschen wieder hinauf zu steigen.

Nach dem Tod Maulanas wurden sehr viel später Semah Rituale seitens seines Sohns und Enkels veranstaltet, die mit Lobgesängen an den Propheten Mohammed beginnen. Das Lob des Propheten ist im Grunde der Ausspruch des Lobes an die Höchste Seele, die als Abbild Gottes von der geistigen in die körperliche Ebene hinabgestiegen ist. Sämtliche Propheten, die je auf die Erde gekommen sind, sind die Widerspiegelung dieser Höchsten Seele, also Gottes, und haben stets die gleiche Botschaft gebracht. Da es keine weitere Wahrheit als Gott gibt, ist das Loben des Propheten eigentlich das Loben Gottes.

Nach dem Lobgesang wird der Kudüm (eine Art Trommel) geschlagen. Dies bringt das Gebot Gottes „Werde!“ zum Ausdruck, mit dem das Universum erschaffen wurde. Im Anschluss an diesen kurzen Abschnitt wird eine Improvisation mit der Rohrflöte (eine kurze Introduktion) gespielt, das das Licht und den Atem Gottes symbolisiert, der dem toten Körper Leben verleiht.

Nachdem die Introduktion mit der Rohrflöte endet, schlagen die Semazen (die tanzenden Derwische) und der Scheich als Ausdruck der auflebenden Körper, ihre Hände auf den Boden. Als die Suche nach der Wahrheit zeigen sie damit ihr Streben nach der Ausführung des Gebots „Werde!“, nach der Verwandlung in die Höchste Seele und in den vollendeten Menschen.

Auf der Suche nach der Wahrheit ist der größte Führer des Menschen sein Meister (Mürschid). Der Meister ist der Vertreter Maulanas. Beim Gruß schauen sie sich gegenseitig ins Gesicht und in die Augen, wodurch die in jedem Menschen vorhandene Erscheinung Gottes geheiligt wird.

Im nächsten Abschnitt folgen sie sich gegenseitig und symbolisieren damit, dass jeder Weg in Begleitung eines Führers begehen werden muss. Die Schritte werden denen des Scheichs angepasst, der diese Wege bereits beschritten hat. Sie zeigt, dass die Befolgung der von ihm betreten Punkte, den besten Weg darstellt.

In diesem Abschnitt verbeugen sich der Scheich und die Semazen nicht nur vor dem Fell, sondern auch dann, wenn sie genau den gegenüberliegenden Punkt passieren. Das Fell ist der Sitzt von Maulana somit folglich auch der Sitzt des Scheichs. Während diese Stelle die göttliche Natur symbolisiert, steht der gegenüberliegende Punkt für die Natur des Menschen. Zwischen diesen beiden Punkten befindet sich eine symbolische Linie. Es wird angenommen, dass diese Linie den kürzesten Weg zum Gott darstellt. Somit symbolisiert die rechte Seite des Kreises den Abstieg von der göttlichen in die menschliche Natur und die linke Seite den Aufstieg auf die geistliche Vollkommenheit. Rechts ist die sichtbare, bekannte Ebene. Links ist die unsichtbare, unbekannte Ebene. Der auf beiden Seiten gegebene Gruß des Scheichs und der Semazen steht für den beim Übergang von einer Ebene in die andere gegebenen Gruß.

Auf diese Weise werden 3 ganze Umkreisungen durchgeführt. Dies symbolisiert die 3 Arten der Aneignung des Wissens. Der Koran besagt, dass Gott dem Menschen viel näher steht als die Hauptschlagader. Die erste Stufe diese Nähe zu begreifen ist das Wissen. Dies bedeutet, dass Gott über den Weg des Wissens verstanden werden muss.

            „Es gibt einen Geist im Geiste

            Suche diesen Geist

            Suche den in deinem Körper verborgenen Schatz

            Du, der laufend gehende Freund

            Suche mit voller Kraft danach

            Doch nicht dort draußen

            Suche das Gesuchte in dir Selbst“

Der Derwisch, der davon erfährt, dass in ihm ein weiterer Geist, ein anderes Selbst vorhanden ist, erlernt das diesbezügliche theoretische Wissen im Voraus. Doch muss die Aneignung dieses Wissens nicht durch das Nachdenken, sondern durch die tatsächliche Lebenserfahrung erfolgen. Das erhaltene Wissen betrifft etwas, das zuvor nie kennen gelernt und nie erfahren wurde. Die Person befindet sich gänzlich im Dunkeln. Doch eines Tages steigt urplötzlich eine Wärme auf. Eine Feuerwelle umhüllt den ganzen Körper. Der Körper verspürt, dass in nächster Nähe ein Brand entfacht wird. Selbst das Knistern des Feuers wird vernommen. Obgleich das Feuer nicht gesehen werden kann, nimmt der gesamte Körper seine Wärme wahr. Eben dies ist der erste Schritt der Erfahrung. Je mehr der Schmutz von Gier, Rache, Hass oder Wut im Herzen beseitigt wird, also je mehr diese Gefühle vernichtet werden, hebt sich der Schleier, der die Wahrheit enthüllt, öffnet sich das Auge des Herzens und die Person sieht das in ihr brennende Feuer, das göttliche Licht. Dies ist der 2. Schritt der Erfahrung. Die Eigenschaft dieses Zustands ist es, auf diese Weise in Ekstase zu verweilen.

Es ist sehr gefährlich, ohne einen Meister in diesen Zustand zu gelangen.

Der Derwisch kann in den gesehenen oder zu sehen geglaubten Abbildungen seinen Weg verlieren. Aus diesem Grunde muss der Derwisch seine Gotteserfahrung mit Hilfe eines Meisters in eine Auffassung verwandeln.

Doch ist eine Zweiheit vorhanden. Sobald jede Art von Selbstsucht, jede Art von Habgier, jedes noch so kleine Körnchen Stolz, jede Art von Verlangen, einschließlich des Verlangens nach Gott, vernichtet wird, kann die Triebseele (Nafs, Ego) vollkommen verschwinden. Verschwindet dieses künstliche „Ich“, von dem Sie annehmen Ihr Selbst zu sein, kommt eine Lebensweise zum Vorschein, die gewöhnlichen Menschen unbekannt ist.

Die 3. Phase hat begonnen. Nun ist die Person zu dem geworden, was tatsächlich gefühlt und gesehen wird. Die Person ist zum Grad des Heiligen aufgestiegen. Sie hat ihre Entwicklung vollendet, ihr Potential realisiert und zum vollendeten Menschen geworden, der das Gottesbewusstsein widerspiegelt. Das heißt also, dass die Person zum Anfang zurückgekehrt und zu seinem vor der Entstehung des Universums vorhandenen Sitz hinaufgestiegen ist.

Mit der Hoffnung diese Phase zu erreichen, schließen die Semazen die 3 Umläufe ab und folgen dabei ihrem Scheich, von denen sie annehmen, all diese Wege hinter sich gebracht zu haben. Sobald der Scheich seinen Platz auf dem Fell eingenommen hat, ist der Umlauf abgeschlossen.

Damit der Mensch, dessen Körper aus Ton und Erde erschaffen wurde, diesen Grad erlangt, muss er zunächst gebacken werden. Dieses sinnbildliche Backen ist erforderlich, damit der unerfahrene Kandidat die Begegnung mit Gott ausharren kann. Die schwierigste Phase dieses Backens ist die Auseinandersetzung mit der Triebseele. Dies ist solch ein schwerer Kampf, dass er als der große Dschihad bezeichnet wurde.

Unsere Gefühle und Gedanken wie Wut, Neid, Gier, Hass oder Angst, unsere zu eigen gemachten Sitten und Bräuche sowie unsere Identitäten bilden eine Wand um uns, die es verhindert das in uns befindliche göttliche Licht wahrzunehmen. Sie alle sind nichts weiter als ein Knäuel von Gedanken und Bedeutungen. Sie gleichen einer Staub- oder Schmutzschicht auf dem Spiegel, die die Abbildung verzerrt. Um den Spiegel sehen zu können, und zwar wird sich Gott auf diesen Spiegel abbilden, muss diese Staub- und Schmutzschicht gereinigt werden. Was danach geschieht ist laut Maulana allein auf die Gnade Gottes überlassen.

Während die Meister Maulanas zu seinen Lebzeiten das Feuer darstellten, war seine Triebseele das Brennholz. Die soziale Lage, der Glaube, die Vernunft, kurzum alles verhindernde musste in diesem Feuer verbrannt werden. Um das Unbekannte zu treffen, musste Maulana das Bekannte verlassen. Es wird berichtet, dass selbst seine Bücher, sein wertvollstes Vermögen, von seinem Meister Seite für Seite zerrissen und ins Wasser geworfen worden sind. Nachdem noch nicht einmal ein Körnchen von Scham oder Stolz zurückbleibt und diejenige Schicht aufgehoben wird, die die Selbstschätzung bildet, bleibt nur noch die Leere zurück.

Nur wenige Menschen können am Anfang der Erkenntnis des Selbst, also dass das Selbst ein Nichts, ein Niemand ist, bedenkenlos gegenüberstehen. Dieser Moment wird mit der Kälte des Todes, mit der Stille der Gräber verglichen. Um den Übergang in die folgenden Phasen zu gewährleisten, muss man sich an diese gewöhnen. Nur die Zeit kann den Verstand zur Ruhe bringen und die Wahrheit zeigt sich nach dieser Gemütsruhe, nach dieser Gelassenheit. Besser gesagt fängt der Mensch an sie zu sehen.

Nachdem der dazwischenliegende Schleier entblößt wird, also das ständig verlangende Ego beseitigt wird, zeigt sich das wahre Selbst, Gott. Im Grunde war Gott immer dort anwesend. Er war allgegenwärtig. Er musste nicht gesucht, sondern lediglich entdeckt werden. Dieser Zustand ist keine leidenschaftliche Trance, sondern der Zustand eines ganz verschiedenen Bewusstseins, viel eher einer Sehkraft. Dies ist die Öffnung der Augen des Herzens. Mit dem Ausdruck der Hindus ist dies die Öffnung des Herzchakras. An diesem Ort, wo nichts anders als die Stille, keine Wahrnehmung und kein Gedanke vorhanden ist, ist nur das höchste Selbst anwesend. Maulana, der seine Verwandlung in die ursprüngliche Einigkeit, in die höchste und grenzenlose Leere vollendet hat, wurde in eine Rohrflöte verwandelt, in der nur der Atem Gottes umherschweifte.

Genau so, wie es für Maulana an der Zeit war sich irgendwann von seinen Meistern zu trennen, muss auch die Verbindung zum Meister verbrannt und ins Feuer geworfen werden, wenn es so weit ist. Maulana erläutert dies folgendermaßen:

„Mögen zwei aneinander gebundene Vögel noch so sehr gemeinsam vier Flügel besitzen, können sie nicht fliegen, denn es liegt eine Zweiheit vor. Indes kann einer der Vögel fliegen, wenn der andere stirbt.“ Denn es ist keine Zweiheit mehr vorhanden.

Das lichterlohe Feuer und die Trennung schmerzt im Menschen so sehr, dass nichts mehr zurückbleibt, das ihn an sich selbst erinnern könnte. Als Maulana seinen Meister verlässt, beginnt er sich um die majestätisch brennende Sonne zu drehen, gleich den Planeten im Weltraum.

            „Mit deinem Lichte erleuchte ich

            Mit deiner Hoheit erhöhe ich mich

            Aus eins werde ich zu tausenden.

            Solange du dich in mich verwandelst,

            Drehe ich mich um dich

            Sobald ich zu dir werde

            Drehe ich mich um mich“

Als er kapp 700 Jahre zuvor am helllichten Tag vor der Goldschmiedezunft in Konya in Mitten der Menschenmenge den Semah ausführte, musst er wohl eine Explosion erlebt haben, bei der die ganzen Geheimnisse ans Tageslicht aufgestiegen sind. Einem vollendeten Menschen, also einer weisen Person, bleibt nichts mehr verborgen. Alles, das Universum, findet er in seinem eigenen Körper. Der Mensch ist ein Universum und alles befindet sich in ihm: Maulana, dessen Augen des Herzens sich geöffnet haben, konnte dies ebenfalls sehen. Er konnte sehen, dass sich alles dreht. Von dem kleinsten Quäntchen bis hin zu den fernsten Planten drehte sich alles. Alles drehte sich sowohl um die eigene Achse, als auch um die Sonne. Die Elektronen drehen sich um den Kern. Den Grund dieses Drehens sieht Maulana in der Liebe. Die Liebe hingegen, ist die unmittelbare Kenntnis der Wahrheit.

Maulana liebte die Menschen nicht deshalb, nur da sie Menschen sind oder der Gesellschaft etwas beigetragen haben, sondern liebe er sie wegen des im Herzen einer jeden Person zitternden göttlichen Lichtes.

Im Westen ist Maulana unter dem Namen „Rumi“ bekannt und hat sein Leben lang keinen Orden gegründet. Er hat sich regellos gedreht. Der Semah stellte für ihn einen Weg dar, der das Tor zum Himmel öffnet.

Beim Semah, einer der nach dem Tode Maulanas an Regeln gebundenen Abschnitte, bringen die auf den Boden geworfenen Umhänge die Abstraktion des Lebewesens von seiner Identität, seiner Triebseele sowie den irdischen Gaben zum Ausdruck. Der schwarze Umhang vertritt die Erde und die alltäglichen Beschäftigungen.

Vor Beginn des Semah küssen die Semazen die Hände ihrer Scheichs und die Scheichs den Kopfstück (die mevlevistischen Hüte) der Derwische. Der Hut symbolisiert die Zugehörigkeit zu Maulana. Der Scheichs küsst diese mevlevistische Identität.

Durch das Überkreuzen der Hände werden die Schultern gehalten und symbolisieren eine Zahl. Dies bedeutet genauso viel wie, „Nicht nur mit meinem Munde, sonder mit meinem gesamten Dasein, meinem gesamten Selbst bezeuge ich die Einigkeit Gottes“. Der Hut ist für ihn der Grabstein, das weiße Gewand das Leichentuch der Triebseele. Somit öffnet der tanzende Derwisch, der vor dem Tod seine Körperlichkeit tötet, seine Arme und beginnt sich zu drehen. Beim Tanz öffnet sich die rechte Hand zum Gebet nach oben, während die linke Hand nach unten gewendet wird. Sie bringen somit zum Ausdruck, dass sie die Gaben Gottes an das Volk verteilen und nichts für sich behalten und, dass sie nur augenscheinlich existieren, doch nichts weiter als vermittelnde Instrumente sind.

Während der rechte Fuß des Semazen fest auf dem Boden steht, dreht sich der rechte Fuß um diesen. Bei jeder Drehung rezitiert er von innen und vom ganzen Herzen das Wort „Allah“. Selbst, wenn der Semah die höchste Ekstase erreicht, verstößt der Semazen nicht gegen die allgemeinen Regeln des Semah. Wie die Planeten im Sonnensystem, drehen sich auch die Derwische ohne aufeinander zu prallen und ohne den allgemeinen Einklang des Rituals zu stören. Hierbei hat der Semazen-Haupt eine große Aufgabe zu tragen. Er zeigt den tanzenden Semazen die Positionen des Semah und läuft zwischen ihnen, um das Aufeinanderprallen und die Ansammlung an einer einzigen Stelle des Semah Feldes zu vermeiden.

Der Abschnitt des Semah besteht aus vier Grüßen, die die vier Phasen des wahrheitsuchenden Reisenden darstellen. Der erste Gruß symbolisiert das Erlernen der Bescheidenheit über die Aneignung des Wissens von Gott sowie die Erfüllung der religiösen Erfordernisse. Dies ist der Grad des Religionsgesetzes.

Nach Abschluss eines jeden Grußes ziehen sich die Semazen zurück und lehnen sich in 2er, 3er Gruppen aneinander, um den Mittelpunkt, welcher den Maulana symbolisiert, zu grüßen: die zweier, dreier Gruppierung symbolisiert den Zusammenhalt. Die Einheit ist Gott eigentümlich. Menschen haben sich gegenseitig zu helfen.

Mit der Erlaubnis des Scheichs beginnen die Semazen mit dem 2. Gruß. Dieser Gruß symbolisiert die Phase des Ordens, bei der Gott und das Wissen über die Einigkeit Gottes zu einer Auffassung geworden ist. Der 3. Gruß symbolisiert die Phase der Wahrheit, in das Selbst innerhalb des absoluten Daseins verendet wird. Der 4. Gruß symbolisiert die Verwandlung des Menschen von der menschlichen in die geistige Natur. Bei dieser Phase ist er nunmehr unsterblich. Er hat den Zustand der Vereinigung mit Gott erreicht. Die eigentliche Kunst liegt darin, als Heiliger, dem sämtliche Geheimnisse zuteil geworden sind, trotzdem zurückkehren und als Diener dienen zu können. Er macht es sich zur Aufgabe, den Menschen zu dienen und kehrt deshalb zurück zu dem Punkt, wo er die neue Erkenntnis erfahren und die Reise begonnen hat. Von nun an wird er die von Gott erhaltenen Gaben an das Volk weitergeben und die Mängel tolerieren.

Bei den ersten drei Grüßen drehen sich die Semazen sowohl um ihre eigene Achse, als auch um das Semah Feld. Beim 4. Gruß verlassen die Semazen ihre Stellen nicht mehr und drehen sich nur noch um den Scheich. Der Semazen-Haupt hält jeden nunmehr auf der äußeren Bahn, keine Person darf in die inneren Bahnen eintreten. Am letzten Gruß nimmt ebenfalls der Scheich teil. Beim 4. Gruß dreht sich der Scheich in der Mitte, auf der symbolischen Linie zur Vereinigung mit Gott. Während er sich am Ende auf das Fell zurückzieht, beginnt der letzte Abschnitt.

Dies ist der Ausdruck der reifen, stillen, ruhigen und strahlenden Haltung der Person. Der letzte Abschnitt endet mit dem Auftreffen des Scheichs am Fell und rezitiert folgende Worte aus dem Koran, „Der Osten und der Westen ist Gottes. Wohin ihr Euch auch dreht, werdet ist das Angesicht Gottes finden“.

Nachdem die Rezitation aus dem Koran beendet wird, beginnt der Semazen-Haupt ein Gebet. Darauffolgend wird das Fell gegrüßt und das Semah Feld verlassen.

Für Maulana stellt der stellt der Tod eine Befreiung und somit ein Fest dar. Aus diesem Grunde werden die jedes Jahr am 17. Dezember in Konya und in verschiedenen Orten der Welt veranstalteten Rituale von den Anhängern Maulanas tatsächlich als ein Fest angesehen. Die Schüler von Maulana haben 800 Jahre lang seine Aussprüche gemeinsam mit seinen persönlichen Sachen bis heute aufbewahrt. Am Eingang des Museums ist die Inschrift „Dies ist der Ort der Liebenden. Wer unvollkommen eintritt, wird ihn vollendet verlassen“ zu finden.

Es wird berichtet, dass einige Christen und Juden auf der Beerdigung Maulanas die Worte, „die Wahrheit über Jesus und Moses und über alle anderen Propheten haben wir mit seinen offenen Worten begriffen“ zum Ausdruck gebracht haben.

Laut Maulana ist der Mensch ein Wesen, das in seinem Herzen das göttliche Licht trägt und dazu fähig ist Gott auf dem Spiegel seines Herzens widerzuspiegeln.

Maulana fasst sein Leben mit folgenden Worten zusammen:

Ich war roh,

Wurde gebacken,

Habe gebrannt.

Comment here