Allgemeines der geschichte

Marco Polo

 

Über 25 Jahre vor dem Venizianer Marco Polo – zur Zeit der Kreuzzüge – sandte der Vatikan Kundschafter und Geheimdiplomaten ins ferne Asien. Sie sollten dort nach Verbündeten gegen die Muslime suchen.

Die ersten beunruhigenden Nachrichten kamen aus Georgien, dann aus Ungarn und der Walachei, und so unterschiedlich die Berichte auch waren, ein Satz war ihnen allen gemein: »Die Tataren kommen!« Von Sieg zu Sieg eilend überschwemmten die Reiterheere den Osten Europas, und nachdem sie schon die russischen Fürstentümer unterworfen hatten, standen sie nun bereits in Polen und drangen weiter in Richtung Schle-sien vor. Die Gebildeten machten sich daraus ihren eigenen Reim – die Erinnerung an die Hunnen war zwar verblasst, aber nicht verschwunden. Waren diese unbekannten Eindringlinge eine erneute Geißel Gottes? Anderen fiel die Ähnlichkeit des Begriffs »Tataren« mit Tar-tarus auf, dem Namen der Unterwelt in der Antike: Waren die Pforten der Unterwelt geöffnet worden, um mit diesen höllischen Kriegern die sündige Christenheit zu strafen?In aller Eile wurde ein deutsch-polnisches Ritterheer bei Liegnitz rekrutiert, das es auf 30000 Mann brachte. Unter der Führung Herzog Heinrichs II. zog es Anfang April 1241 den Tataren entgegen. Die Schlacht am 9. April auf der Wahlstatt verlief anders als erhofft: All die Taktiken, die man sich zurechtgelegt hatte, verpufften gegen diesen Feind, der sich nicht an die ritterlichen Regeln hielt, der nicht den Kampf Mann gegen Mann suchte, sondern sich in sicherer Bogenschussdistanz am wohlsten fühlte. Er tauchte auf wie ein Hornissenschwarm, schien aber nicht fassbar und war selbst im Zurückweichen gefährlich, denn die Fremden schossen mit ihren kurzen Reflexbögen genauso zielsicher nach hinten wie nach vorne. Dem Ritterheer bereiteten sie eine vernichtende Niederlage, als die Tataren den Kopf Herzog Heinrichs auf eine lange Stange gespießt hatten. Und dann geschah das Unerklärliche: Die Fremden stießen nicht weiter nach Westen vor, sie schwenkten nach Süden ab und verschwanden wieder in den Weiten der russischen Steppe.

Die Menschen im Westen waren verwirrt: Welcher europäische Feldherr hätte schon solch einen Siegeszug abgebrochen und all das Eroberte hinter sich gelassen? Verwirrt war man aber auch, weil das Erlebte in so krassem Widerspruch zu dem stand, an was man glaubte und auf was man hoffte. Sollte nicht der Priesterkönig Johannes, der weit im Osten lebte, der Christenheit zu Hilfe kommen, um die Muslime zu besiegen?

Die Expansion der Araber im 7. und 8. Jahrhundert, in deren Folge fast der gesamte östliche und südliche Mittelmeerraum der Christenheit verloren ging, bewirkte keineswegs die vollständige Islamisierung der betroffenen Gebiete, denn die neuen Herren tolerierten die christliche Religion. Zwar war es den Arabern nicht gelungen, das Frankenreich zu erobern, doch hatten sie sich in der Mitte des 8. Jahrhunderts in Spanien festgesetzt und das Emirat von Cordoba gegründet. Daher suchte man verzweifelt nach Bundesgenossen gegen die muslimische Umklammerung, besonders natürlich zur Zeit der Kreuzzüge.

Die erste Erwähnung eines mächtigen christlichen Königs im fernsten Osten findet sich bei dem Geschichtsschreiber Otto von Freising. Er führt in seiner Chronik, die er von 1143 bis 1146 verfasste, den Bericht des syrischen Bischofs Hugo von Gabula an: Danach habe »vor wenigen Jahren ein gewisser Johannes, ein König und Priester, der im äußersten Orient, jenseits von Persien und Armenien wohne und wie sein Volk Christ, aber Nestorianer sei, zwei Brüder, die Könige der Perser und Meder, Samiarden genannt, angegriffen und ihre Hauptstadt (…) erobert« (Chronik VII, 33). Im Anschluss daran habe er auch Jerusalem befreien wollen, doch der weite Marschweg und der Tigris hätten ihn daran gehindert. Zur Person des Königs vermerkt der Bericht außerdem, er stamme vom Geschlecht der im Matthäus-Evangelium erwähnten Magier ab.

Hugo von Gabula hatte sich das nicht einfach aus den Fingern gesogen. Historisch steht dahinter der Sieg der Schwarzen Kitan (Kara-Kitai), eines mandschurischen Volkes, unter ihrem Fürsten Jelütaschi über die Muslime unter Sandschar bei Samarkand im Jahr 1141. Da selbst arabische Chronisten die schwere Niederlage eingestanden und die Kitan als Christen bezeichneten, verbreiteten sich im Abendland rasch die fan-tastischsten Vorstellungen über Johannes und sein Reich jenseits des Islam.

Um 1165 tauchte ein angeblicher Brief von Johannes an Kaiser Manuel I. von Byzanz, an Friedrich Barbarossa und Papst Alexander III. auf. In diesem Schreiben, das bald in zahlreichen Übersetzungen in ganz Europa kursierte, schildert Johannes in den prächtigsten Farben sein gewaltiges Reich »in Indien«, in welchem Fabelwesen aller Art leben und die Menschen glücklich und zufrieden ihrem milden Herrscher dienen. Züge des antiken Alexanderromans und einiges mehr mischen sich in diese Darstellung, weshalb schon viele Zeitgenossen hierin eine Fälschung erkannten.

Immerhin ließ Papst Alexander 1177 eine Antwort verfassen, in der er »den berühmten und herrlichen König der Inder, den hochheiligen Priester« auffordert, sich der rechten Kirche anzuschließen. Der mit der Übergabe des Briefes beauftragte päpstliche Leibarzt Philippus verschwand allerdings ebenso aus der Geschichte, wie auch der Verfasser jener Fälschung bis heute unbekannt blieb.

Neue Nahrung erhielt die Legende Anfang des 13. Jahrhunderts, als im Zuge der mongolischen Expansion die islamische Welt erneut schwere Niederlagen hinnehmen musste; zudem hatte Dschingis Khan eine Tochter des letzten Kara-Kitai-Fürsten zur Frau genommen, und mehrere seiner Familienmitglieder bekannten sich zum nestorianisch-christlichen Glauben. Umso größer war der Schock in Europa, als die vermeintlichen »Christen aus dem Osten« das christliche Georgien sowie wenig später Polen und Ungarn verheerten.

Die Europäer des 13. Jahrhunderts wussten nichts von den Mongolen, obwohl es vielleicht die strahlendste, lichteste Zeit des Mittelalters war. Zwar lehrten inzwischen die großen Scholastiker an Universitäten wie Paris: Abälard, Johannes von Salisbury und Thomas von Aquin sind die modernen Denker jener Epoche, die den geoffenbarten Glauben mit den Mitteln der Vernunft bestätigen wollten. Zwar entdeckte man erneut Aristoteles, aber die Weltsicht wurde immer noch von der Heiligen Schrift dominiert. Schnell wurde eine Bibelstelle gefunden, die das Geschehene zu erklären schien, und zwar beim alttestamentarischen Propheten Ezechiel in der Beschreibung vom Fürsten Gog und seinem zerstörerischen Reitervolk Magog: »So spricht Gott, der Herr: Ich will gegen dich vorgehen, Gog (…) Ich reiße dich herum und schlage dir Haken durch deine Kinnbacken und führe dich und deine ganze Streitmacht heraus: Pferde und Reiter, alle prächtig gekleidet, ein großes Heer, mit Langschild und Rundschild; alle haben ihr Schwert in der Hand. (…) Wie ein Unwetter ziehst du herauf; wie eine Wolke, die das ganze Land bedeckt – du und all deine Truppen und viele Völker mit dir (…) Dann, wenn mein Volk Israel sich in Sicherheit wähnt, brichst du auf und ziehst aus deinem Land heran, aus dem äußersten Norden, du und viele Völker mit dir, alle zu Pferd, ein großes Heer, eine gewaltige Streitmacht.« (Ezechiel 38, 3–15)

Es gab aber noch weitere Quellen, die man studierte, um sich ein Bild von der Welt jenseits der islamischen Länder zu machen. So etwa der Alexanderroman, ein anonymes griechisches Werk, das im 3. Jahrhundert n. Chr. entstanden war. Es behandelt Alexander den Großen und seinen Indienzug und war im Mittelalter weit verbreitet. Die Sage erzählt, Alexander habe einige israelitische Stämme, darunter auch die Magog, hinter dem Kaukasus eingeschlossen: Gott ließ zwei Berge so nah zusammenrücken, dass Alexander den Durchgang mit einem Tor verschließen konnte. Am Ende der Zeit würden diese Stämme jedoch wieder hervorbrechen.

Noch erstaunlicher war, was der Roman über die Völker am Rande der Welt berichtete, die jenseits des Hindukusch lebten. Da gab es Riesen mit Händen wie Sägen, schwarze Zwerge, hundsköpfige Menschen, Astomoi, die keinen Mund haben, sondern sich nur vom Geruch ernähren, Wesen, die sich mit ihren riesigen Ohren zudecken können, Einäugige und ganz im Osten die Serer, die durch ihre Friedfertigkeit und Rechtschaffenheit auffallen und von denen die Seide kommt.

Doch nicht nur die intellektuelle »Großwetterlage« war durch den Mongolensturm verwirrend geworden, auch die politische Lage nahm an Kompliziertheit zu. In Spanien gelang es, die Muslime schrittweise zurückzudrängen. Erneut kursierten 1221 Gerüchte über einen christlichen König, die auch ein Kreuzritterheer erreichten, das in Ägypten bei Damiette eingeschlossen war. Ein König David hätte siegreich den Kampf gegen die Muslime aufgenommen, und auf seinen Fahnen würde das Kreuz prangen. Man wartete vergeblich auf Entsatz. 1244 fiel Jerusalem, erobert von chwarismischen Türken im Auftrag des Sultans von Ägypten. Innozenz IV. lag in einem erbitterten Streit mit Kaiser Friedrich II., und als der Papst im Jahr 1245 für den sechsten Kreuzzug warb, hatte er zunächst keinen Erfolg. Sollten fünf Kreuzzüge, 150 Jahre an Kämpfen und Opfern umsonst gewesen sein?

Schon um 1240 müssen kluge Köpfe an der römischen Kurie die Bedrohlichkeit der Situation erkannt haben. Nirgendwo ist dokumentiert, welch gelehrte und auch kuriose Diskussionen in Rom geführt wurden und welche Werke man in den Bibliotheken wälzte. Eines muss schnell klar geworden sein: Man brauchte Informationen, musste zu jenem christlichen Reich vordringen, das jenseits des Islam und jenseits jener merkwürdigen Länder am anderen Ende der Welt lag, von denen der Alexanderroman berichtet.

1243 entschloss man sich für eine Gesandtschaft nach Asien. Unter der Führung des flämischen Ritters Balduin von Hennegau brach man von Konstantinopel zum Großkhan der Mongolen auf. Über Balduin sowie die genaueren Umstände und Ziele dieser ersten abendländischen Gesandtschaftsreise nach Asien ist kaum etwas überliefert. Was wir wissen, können wir nur erschließen. Vermutlich aber traten Rom und die Kreuzfahrerstaaten die Flucht nach vorne an. Und, wenn man schon nicht den Priester Johannes fand, konnte man vielleicht versuchen, die Mongolen als Verbündete im Kampf gegen die Muslime zu gewinnen, um der Stoßkraft des kriegerischen Nomadenvolks so geschickt eine andere Richtung zu geben. Warum nicht den Teufel mit dem Beelzebub austreiben?

Balduin von Hennegau schaffte das Unglaubliche. Nicht nur, dass er den Hof des Großkhans in Karakorum erreichte, er kehrte auch unbeschadet zurück. Zwar hatte er kein Bündnis im Reisegepäck, aber eine Fülle neuer, wertvoller Informationen. Die Flut kriegerischer Reiter kam nicht aus dem Höllenschlund Tartarus, sondern aus einem Reich schier unendlicher Ausdehnung, über das in einer fernen Hauptstadt ein mächtiger König regierte.

Dies muss ermutigend gewirkt haben. Man rüstete zu einer neuen Gesandtschaft, diesmal unter Johannes von Plano Carpini, einem 1182 bei Perugia geborenen Franziskaner. Mit sich führte er ein päpstliches Schreiben, das ihn als Gesandten von Papst Innozenz IV. auswies und die Aufforderung enthielt, die Mongolen möchten doch von weiteren Einfällen Abstand nehmen. Doch Johannes war weitsichtig und beschloss, das Schreiben in seiner Tasche zu lassen. Seine vornehmliche Aufgabe sah er vielmehr darin, die Pläne und Absichten der Tataren auszuspionieren.

Zusammen mit Pater Benedikt als Dolmetscher reiste er über Lyon und Prag nach Kiew, an der Wolga entlang weiter an den Hof des Khan, den er am 22. Juli 1246 bei Karakorum antraf. Seine Aufgabe erledigte er mit diplomatischem Geschick. Sein späterer Bericht beschreibt die politischen Verhältnisse und militärischen Mittel der Mongolen und gipfelt in einer Reihe von Vorschlägen, wie der Bedrohung künftig besser zu begegnen sei. Es ist nicht überliefert, ob er bei seiner Rückkehr nach Lyon im Jahre 1247 dem Vatikan die wenig aufmunternde Antwort des mächtigen Groß-khans mitteilte, er werde »die ganze Erde von Osten nach Westen verwüsten«.

Während sich Johannes noch auf dem Rückweg nach Rom befand, wurde ein weiteres Kapitel an östlicher Geheim-diplomatie geschrieben. König Hethum I. von Armenien war sich der prekären Lage seines Reiches bewusst: Im Norden und Osten standen die Mongolen, im Westen die christlichen Staaten, und im Süden drohten die Muslime. Er musste etwas unternehmen, um nicht zwischen diesen Mächten zerrieben zu werden. 1248 sandte er seinen Bruder Marschall Sempad nach Karakorum, um seine Unterwerfung unter die mongolische Herrschaft anzubieten. Gleichzeitig schrieb er einen Brief an Heinrich von Lusignan, den König von Zypern.

Einerseits beschreibt die diplomatische Note die ungeheure Macht der Mongolen, konterkariert dies aber mit Informationen über die weite Verbreitung des christlichen Glaubens im Mongolenreich, zu dessen Herrschaftsbereich inzwischen auch die ehemalige Heimat der Heiligen Drei Könige gehöre. Ja, der Großkhan selbst und seine Familie seien inzwischen bekehrt worden. Die Diplomatie hatte zunächst Erfolg, die Mongolen waren zufrieden, und der Westen dachte nicht an eine militärische Auseinandersetzung. Ganz im Gegenteil, man hielt wieder eine Allianz gegen die Muslime für möglich. Durch ein glückliches Zusammentreffen der Ereignisse weilte zur selben Zeit gerade der Kreuzfahrer König Ludwig IX. von Frankreich in Zypern, den man später den Heiligen nannte. Er war ebenso von der Idee begeistert.

Als vom Papst eine ähnliche Einschätzung der Situation kam, brachte man eine weitere Gesandtschaft unter Führung von Andreas von Longjumeau, des späteren Beraters von Ludwig IX., auf den Weg nach Karakorum. Wir wissen kaum etwas über diese Gesandtschaft, außer dass das Ergebnis desillusionierend war: Der Großkhan war kein Christ, und das mongolische Selbstverständnis, das Anspruch auf eine ungeteilte Weltherrschaft erhob, ließ kein Bündnis zu.

Die Enttäuschung in den mittelalter-lichen »Chefetagen« war sicher groß, andererseits saßen in ihnen keine naiven Träumer, sondern Diplomaten, Politiker und Machtmenschen, die nicht so leicht aufgaben. Wenn man kein schnelles Bündnis mit dieser neuen Weltmacht erreichen konnte, musste man einen an-deren Weg gehen, musste eine mittel-fristige Strategie verfolgen, musste taktisch Schritt für Schritt den Boden für eine Allianz bereiten. Den Ansatz sah man in den bereits existierenden christ-lichen Gemeinden im mongolischen Einflussbereich. Man wollte die neue Strategie auch gar nicht in Karakorum erproben, sondern am Hof des nächstgelegenen Mongolenfürsten.

Dazu wurde ein Mann gebraucht, der die ritterlichen Tugenden wie Charakterfestigkeit, gute Erziehung, Selbstzucht, Mäßigung und heitere Lebenshaltung in allen Situationen beherrschte. Auf keinen Fall brauchte man einen jugendlichen Heißsporn. Natürlich sollte er auch gebildet sein, mehrere Sprachen beherrschen, religiös gefestigt, ohne Tadel und absolut verlässlich.

Nach einigem Suchen fand man den richtigen Kandidaten in Wilhelm von Rubruk aus Flandern, ein Mann von stattlicher Gestalt. Sein Geburtsjahr ist ungewiss, die Historiker vermuten, es liege zwischen 1215 und 1220. Über seinen Werdegang ist wenig bekannt. Aber alles deutet darauf hin, dass er an einer Universität studierte, wahrscheinlich in Paris, der intellektuellen Hochburg und dem Zentrum der Scholastik. Dort lernte er jene Formen wissenschaftlichen Fragens und Argumentierens, die ihm später halfen, sich ein Bild von der Welt der Mongolen zu machen und auch am Hofe des Großkhans zu bestehen. Er trat dem Franziskanerorden bei. Der von Franz von Assisi (1181/82– 1226) gegründete Orden war noch jung und tief vom Geist seines Gründers durchdrungen.

Als Wilhelm zu seiner abenteuerlichen Reise aufbrach, beherrschte er neben Flämisch, Französisch und Latein wohl auch Arabisch. Seine ritterlichen und höfischen Umgangsformen müssen tadellos gewesen sein, denn wir finden ihn in den höchsten Kreisen um König Ludwig IX. von Frankreich als gern gesehenen Gast. Zum Abschied schenkte ihm die Königin einen reich verzierten Psalter. 1248 reiste er im Gefolge Ludwigs IX. ins Heilige Land. Vier Jahre später finden wir ihn in Akkon, wo die Franziskaner ein Kloster unterhielten.

Am 7. Mai 1253 verließ Wilhelm auf einem zweimastigen byzantinischen Handelsschiff Konstantinopel. Ein kräftiger Südwestwind blies, sodass man mit guter Fahrt das Ziel, die Halbinsel Krim, direkt anlaufen konnte. Er steht am Bug, ein stattlicher Mann in der braunen Kutte der Franziskaner; die Gischt schäumt, doch Wilhelms Blick richtet sich nicht auf den Horizont, er schweift eher ins Nichts ab. Er geht gedanklich noch einmal seine Reisevorbereitungen durch: Waren sie ausreichend, hätte er etwas besser machen können, oder hat er gar etwas vergessen?

Alles, was es zu lesen gab, hatte er nochmals studiert: Berichte aus Georgien und Ungarn über den Mongoleneinfall, verschiedene Quellen zum Priesterkönig Johannes, den Alexanderroman und die Werke des Universalgelehrten Isidor von Sevilla aus dem 7. Jahrhundert, dessen Werk auch die Schriften des Griechen Solinus über »Indien« enthielt.

Zu seinem Glück hatte er sich mit Balduin von Hennegau und Andreas von Longjumeau zu ausführlichen Gesprächen getroffen, und beide erzählten ihm einiges vom mongolischen Alltag. Nein, seine Vorläufer hatten keinen Höllenschlund gefunden, aus dem die Reiterheere hervorkamen, keine Monster gesehen und auch keine Völker angetroffen, die sich mit den eigenen, riesigen Ohren zudeckten. Aber – sie hatten auch keine Hinweise darauf, wo das Reich des christlichen Priester-königs im Osten zu finden sei.

Er war schon immer skeptisch gewesen, wenn die Berichte gar zu Wunderliches enthielten, und auch den so beliebten Wortgleichungen stand er stets ungläubig gegenüber: Tartari=Tartarus, Mönke=Magog, Mongol=Magogoli. Die diplomatische Note seines Königs hatte er ins Türkische und Arabische übersetzen lassen, und zusätzlich hatte ihm Kaiser Balduin II. von Kons-tantinopel ein Empfehlungsschreiben mitgegeben. Auch dass er nicht allein reisen musste, stärkte seine Zuversicht, die Ordensbrüder Bartholomäus von Cremona und Gosset begleiteten ihn sowie ein Diener und ein Dolmetscher. An der Richtigkeit seines Glaubens hatte er absolut keine Zweifel; er hoffte, viele zu bekehren und taufen zu können.

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