Allgemeines der geschichte

Kreuzzüge-Auf dem Weg ins Heilige Land

Während der ersten Kreuzzüge machten die Ritter in der byzantinischen Metropole
Station. Zunächst sollten sie helfen, die muslimischen Feinde Ostroms zu bekämpfen, doch die vermeintlichen Freunde bereiteten dem Kaiser von Byzanz zunehmend Probleme…

Staatsstreiche hatten eine lange Tradition in Konstantinopel. Allein in den Jahren von 1025 bis 1081 versuchten nicht weniger als 13 Kaiser, eigene Dynastien zu gründen, und kamen dabei um. Am 4. April 1081 war es wieder einmal so weit: Alexios Komnenos stürzte Kaiser Nikephoros III. und setzte sich selbst auf den Thron des Byzantinischen Reiches. Der 33-jährige Adlige trat ein gewaltiges Erbe an. Um die Jahrtausendwende war Byzanz auf einem Höhepunkt seiner Macht gewesen und hatte Kreta, Zypern und den Osten Kleinasiens bis zum Euphrat besetzt. Selbst Bulgarien und Armenien waren Teil eines Reiches, das sich als legitimer Erbe des römischen Imperiums sah.

Alexios I. hatte allerdings keine Zeit, sich auf seinem Erfolg auszuruhen, denn außenpolitisch wurde die Lage zunehmend komplizierter. Bulgaren und die türkischen Seldschuken setzten den Byzantinern schwer zu, und sogar die Normannen hatten ihre Hände nach den Reichsgebieten ausgestreckt. Mit Rom schließlich lag Konstantinopel in einem theologischen Streit um die Oberhoheit des Papstes über den Patriarchen von Konstantinopel.

Als 1090 die türkischen Seldschuken mit einem Heer vor den Toren Konstantinopels standen, war es Alexios klar, dass Byzanz die militärische Unterstützung des Wes-tens dringender brauchte denn je. Zwar war es gelungen, den Angriff abzuwehren, aber langfristig stand das Reich auf verlorenem Posten. Schweren Herzens schickte Alexios Gesandte nach Rom, um Papst Urban II. offiziell um Unterstützung im Kampf gegen die Seldschuken zu bitten.
Der Papst war durch und durch Diplomat und erkannte in der Anfrage eine einmalige Chance: Wenn West und Ost sich wieder annäherten, rückte eine Wiedervereinigung der Kirche unter römischer Vorherrschaft in greifbare Nähe. Urban zögerte nicht lange und rief am 27. November 1095 auf der Synode von Clermont in Frankreich die Christen zum Kreuzzug gegen die Muslime auf. Als Lohn dafür sollten den Teilnehmern die Sündenstrafen erlassen werden. Das Echo übertraf alle Erwartungen. »Deus lo volt« (Gott will es), schallte es begeistert durch die Städte Europas. Nicht nur Ritter, die Urban II. hauptsächlich angesprochen hatte, brachen auf. Auch eine unüberschaubare Menge an Abenteurern und verarmten Bauern machte sich auf den Weg, um durch den Kreuzzug ihre weltliche und himmlische Zukunft zu sichern. Als sie auf dem Weg ins Heilige Land an den Städten Worms, Speyer und Trier vorbeikamen, ließen sich diese Massen
dort zu den bis dahin heftigsten Judenpogromen hinreißen. In Konstantinopel angekommen, setzten die Abenteurer über den Bosporus – und wurden 1096 von den Seldschuken vernichtend geschlagen.

Im Frühjahr 1097 trafen die Kreuzritter in Konstantinopel ein. Alexios war bei seiner Bitte um Beistand davon ausgegangen, dass der Westen ihm Söldner zur Verfügung stellen würde, die sich dem byzantinischen Oberbefehl unterstellten. Doch die Truppen, die nun vor den Toren Konstantinopels standen, waren selbstbewusste Ritterheere mit etwa 30000 bewaffneten Männern – durchaus eine potenzielle Bedrohung für das geschwächte Reich. Um auf Nummer sicher zu gehen, ließ der Kaiser die Oberbefehlshaber der einzelnen Heere einen Lehnseid schwören, wohl wissend, dass die Ziele der Kreuzritter sich in Zukunft nicht mit seinen eigenen politischen Planungen decken mussten. In diesem Eid verpflichteten sich die Kreuzritter nach einigem Zögern, alle von den Türken zurückeroberten Gebiete Kaiser Alexios zu unterstellen. Begleitet von einem byzantinischen Heer machten sich die Kreuzritter kurz darauf von Konstantinopel aus auf den Weg nach Jerusalem. Auf dem Weg dorthin eroberten sie im Juni 1097 das besetzte Nicäa und schlugen kurz darauf die seldschukische Hauptmacht in einer offenen Feldschlacht. Die Muslime wurden von diesem Erfolg vollkommen überrumpelt. Die Kreuzritter hingegen waren von ihrem ersten Triumph beflügelt und zogen weiter nach Antiochia im heutigen Syrien.

Die Belagerung der gut befestigten Stadt zog sich über Monate recht erfolglos hin, weil sich die Kreuzritter an den dicken Mauern der strategisch wichtigen Stadt die Köpfe einrannten. Enttäuscht und von den Strapazen erschöpft, kehrten die ersten Ritter in die Heimat zurück. In dieser kritischen Situation beging der byzantinische General Tatikios, der die Belagerer unterstützte, einen folgenschweren Fehler. Er ließ sich davon überzeugen, dass die Belagerung wenig Erfolg versprach und kehrte unverrichteter Dinge nach Konstantinopel zurück. Das war der Freibrief, auf den die Kreuzritter gewartet hatten. Sie erklärten ihren Eid auf Alexios für ungültig und beanspruchten die schließlich doch eroberte Stadt für sich. Mit einem Schlag wurde dem Kaiser klar, dass die Unterstützung aus dem Westen mehr Probleme schuf, als sie löste. Die Armeen, die ihm den Rücken freihalten sollten, machten sich selbstständig und verfolgten ihre eigenen Ziele. Einer der Anführer der Kreuzritter, Balduin I. von Boulogne, trennte sich vom Hauptheer und errichtete eine eigene Grafschaft in Edessa beim Euphrat. Bohemund I., ein weiterer Oberbefehlshaber, gründete in Antiochia sein Fürstentum, und Raimund von Toulouse errichtete an der syrischen Küste die Grafschaft Tripolis. Alles in einem Gebiet, das die Byzantiner nach wie vor als das ihre betrachteten.

Trotz dieser Aufteilung erreichte das Hauptheer im Juni 1099 die heiligste Stadt des Chris-tentums. Nach nur vierwöchiger Belagerung fiel Jerusalem am 15. Juli 1099 in die Hände der Kreuzritter. Was folgte, war ein unbeschreibliches Blutbad unter der Bevölkerung, bei dem die Eroberer keinen Unterschied zwischen christlicher und muslimischer Bevölkerung machten. Der glorreiche Sieg wurde anschließend mit der Errichtung des neuen »Königreichs Jerusalem« gefeiert. Für das Byzantinische Reich war dieser Erfolg nicht unproblematisch. Zwar war die direkte Bedrohung durch die Seldschuken zunächst gebannt, doch stattdessen gab es jetzt sich untereinander bekriegende Kreuzritterstaaten auf byzantinischem Hoheitsgebiet. Und was weit schlimmer war, die meisten der neuen Herren weigerten sich, den Oberbefehl Konstantinopels anzuerkennen.

Die Kreuzritter waren zu Beginn vor allem deswegen erfolgreich gewesen, weil die Türken nicht gemeinsam gegen die Feinde vorgingen. Nachdem die Heerführer ihre eigenen Reiche gegründet hatten, vergeudeten sie im Kampf um Thronfolge und Landgewinn ihre Kräfte, ohne zu bemerken, wie kritisch ihre isolierte Lage fernab Europas war. Leicht gelang es deshalb den Seldschuken
1144, Edessa zurückzuerobern, weil weder die anderen Kreuzritterstaaten noch Konstantinopel nennenswerte Hilfe leisteten. Von dieser Niederlage aufgerüttelt, rief 1145 Papst Eugen III., von dem Abt Bernhard von Clairvaux propagandistisch unterstützt, zur Rückeroberung der verlorenen Gebiete auf. König Ludwig VII. von Frankreich und der staufische König Konrad III. folgten dem Aufruf und machten sich mit ihren Heeren auf den Weg nach Jerusalem. In Konstantinopel saß inzwischen Manuel I. Komnenos, ein Enkel von Kaiser Alexios, auf dem Thron. Trotz der wenig erfreulichen Erfahrungen seines Großvaters war er dem Westen zugeneigt und unterstützte die Kreuzritter mit Material und Nachschub. Um das fragile Gleichgewicht in der Region nicht zu zerstören, schloss der Kaiser jedoch gleichzeitig einen Waffenstillstand mit den Seldschuken. Wo es um die Sicherheit des Reiches ging, gab er der Realpolitik den Vorzug vor der Ideologie. Als die Heere im September 1147 in Konstantinopel eintrafen, wiederholte sich die gleiche Zeremonie, die schon zu Beginn des ersten Kreuzzuges stattgefunden hatte: Die Kreuzritter mussten ein Nichtangriffsversprechen abgeben und durften erst dann ihrer Wege ziehen.

Doch trotz aller Bemühungen kam es schnell zu Spannungen unter den Verbündeten, weil gerade die Truppen Konrads in Konstantinopel immer wieder für Unruhen sorgten. Zu weiteren Problemen kam es, als der Staufer mit seinen Truppen gegen die Empfehlung Manuels quer durch Anatolien ziehen wollte, statt die sicherere Küstenroute zu wählen. So geschah Ende Oktober genau das, was der Byzantiner befürchtet hatte: In einem Handstreich vernichteten die Türken die von den Strapazen völlig ausgelaugte Truppe Konrads. Dieser nahm nun doch die Küstenroute, erkrankte aber und musste nach Konstantinopel zurückkehren.
Inzwischen waren auch die Truppen Ludwigs in Konstantinopel eingetroffen. Als sie von dem Waffenstillstand zwischen Manuel und den Seldschuken hörten, witterten sie allerdings Verrat und standen kurz davor, den Byzantinern den Krieg zu erklären. Nur der Besonnenheit Ludwigs war es zu verdanken, dass es nicht zu einer militärischen Auseinandersetzung kam. Ja, der König war sogar dazu bereit, den Treueid auf Manuel zu schwören. Dem französischen Heer hatten sich die deutschen Kreuzritter angeschlossen, und ihr Marsch nach Antiochia war eine einzige Katastrophe. Auf halbem Weg ging der Proviant zur Neige, und nur mit Mühe erreichten die Männer im nächsten Frühjahr ihr Ziel. In Ludwigs Augen war dieses Desaster natürlich allein Manuel anzulasten, doch trotzdem eilte er weiter nach Jerusalem. Dort war inzwischen auch König Konrad per Schiff eingetroffen. Es gelang, eine Armee von gut 50000 Mann aufzustellen – die größte Truppenansammlung, die die Kreuzritter bisher zusammengebracht hatten.
Nach langen Debatten einigte man sich mit König Balduin III. von Jerusalem darauf, Damaskus anzugreifen. Doch trotz der immensen Truppenstärke scheiterte auch diese militärische Unternehmung. Am 28. Juli 1149 mussten die Kreuzritter die Belagerung nach kurzer Zeit aufgeben und sich zurückziehen, weil muslimische Ersatztruppen bedrohlich nahe gekommen waren. Mit diesem schmachvollen Rückzug war die Moral der Männer endgültig gebrochen.

Konrad eilte zurück nach Thessalonike, um mit Manuel einen Vertrag gegen den normannischen König Roger II. von Sizilien abzuschließen.

Ludwig verkraftete die Niederlage weniger gut. Er sah die Schuld am Scheitern des gesamten Kreuzzugs allein auf Seite des byzantinischen Kaisers und nahm daher das Angebot Rogers II. an, einen neuen Kreuzzug zu planen – dieses Mal nicht gegen die »gottlosen« Türken, sondern gegen das christliche Konstantinopel. Manuels Taktieren hatte dem Byzantinischen Reich nicht
nur Freunde geschaffen. Friedensverträgen mit Genua und Pisa stand die mehr oder weniger offene Feindschaft mit dem Papst, den Normannen und nicht zuletzt mit Venedig gegenüber. Als 1171 alle Venezianer im Reich verhaftet und ihr Besitz konfisziert wurde, war das Fass am Überlaufen. Ab jetzt sann der aufstrebende Stadtstaat darauf, den Widersacher am Bosporus endgültig in die Schranken zu weisen. Das Desaster des zweiten Kreuzzuges hatte die Position der muslimischen Fürsten enorm gestärkt. In den folgenden Jahrzehnten dehnten sie ihre Herrschaft immer weiter aus und eroberten 1171 Ägypten, dann Syrien und bedrohten 1187 schließlich das Königreich Jerusalem. Am 2. Oktober 1187 fiel die Stadt in die Hände Saladins, des Sultans von Ägypten. Im Gegensatz zu den Kreuzrittern verzichtete er nach der Eroberung auf ein Blutbad unter der Bevölkerung. Der Schock hätte trotzdem größer nicht sein können. Nur wenige Wochen später rief Papst Gregor VIII. zum dritten Kreuzzug auf, und das Echo war erneut überwältigend. Die Rückeroberung Jerusalems war ein Ziel, mit dem sich die Massen identifizieren konnten. Doch nicht nur die Bevölkerung stand hinter einem erneuten Kreuzzug, auch die wichtigsten europäischen Herrscher unterstützten den Waffengang ins Ungewisse. Kaiser Friedrich I. Barbarossa, der französische König Philipp II. August und der englische König Richard I. Löwenherz waren die prominentesten Köpfe. Allerdings wurde auch endgültig deutlich, dass die Waffenhilfe für Konstantinopel bei den Planungen keine Rolle mehr spielte. Die Initiatoren des Unternehmens verfolgten längst ihre eigenen Ziele und degradierten Byzanz zu einem Truppenaufmarschplatz für die Rückeroberung Jerusalems. Friedrich I., der aus seiner Abneigung gegen Konstantinopel keinen Hehl machte, nahm mit seinen Truppen den Landweg und rückte 1189 aus Ungarn auf byzantinisches Gebiet vor. Isaak II. Angelos, der vier Jahre zuvor zum Kaiser ernannt worden war, hatte aus den Fehlern seiner Vorgänger gelernt und versuchte, sich durch ein Bündnis mit Saladin vor Friedrich zu schützen. Und es gelang ihm, Friedrich dazu zu bewegen, Konstantinopel zu umgehen und bei den Dardanellen überzusetzen.

Richard und Philip nahmen den Seeweg nach Palästina. Während der Franzose sich auf direktem Weg nach Akko begab, legte Richard noch einen Zwischenstopp auf Zypern ein, das er in wenigen Wochen eroberte und anschließend dem König von Jerusalem zum Geschenk machte. So hatte ein Teil des Byzantinischen Reiches den Besitzer gewechselt, ohne dass der Kaiser in Konstantinopel etwas dagegen unternehmen konnte. Der weitere Verlauf des Kreuzzuges gestaltete sich weniger erfolgreich. Friedrich Barbarossa ertrank, bevor er Jerusalem erreicht hatte, und sein Heer löste sich auf. Philipp und Richard eroberten zwar Akko, gerieten aber kurz darauf in Streit, und Philipp kehrte nach Frankreich zurück. Richard blieb ganze zwei Jahre in Palästina, ohne jedoch Jerusalem zurückerobern zu können. Auch wenn Konstantinopel noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen war, so hatte der dritte Kreuzzug dennoch den Untergang des Reiches eingeläutet. Die Konfrontation mit Venedig, das die isolierten Kreuzritterstaaten durch seine Flotte mit Waren versorgte und dabei ein Vermögen verdiente, ging jetzt in die heiße Phase über. Langsam dämmerte auch den Kaisern in Konstantinopel, dass sie dabei waren, vom Erbe des Römischen Reiches zu einer unbedeutenden Provinz am Rande Europas abzusteigen.
Als 1198 Innozenz III. zum Papst gewählt wurde, machte er es erneut für jeden Christen zur Verpflichtung, mit der Waffe gegen die Ungläubigen zu kämpfen. Und obwohl die vorausgegangenen Feldzüge den gewünschten Erfolg hatten vermissen lassen, gelang es seinen Propagandis-ten, neue begeisterte Teilnehmer zu mobilisieren. Um auch die organisatorische Seite der Aktion sicherzustellen, entschloss man sich, auf die Unterstützung Venedigs zurückzugreifen, das die Kreuzritter mit seiner Flotte direkt ins Einsatzgebiet schaffen sollte. Das geheime Kriegsziel war Ägypten, da eine Wiedereroberung Jerusalems aussichtslos schien. Allerdings war diese Zusammenarbeit für Venedig nicht ganz unproblematisch, denn die Stadt unterhielt enge wirtschaftliche Verbindungen mit Ägypten. Eine zu offensichtliche Unterstützung der Kreuzritter hätte diese Beziehungen leicht aufs Spiel setzen können. Im Sommer 1202 kam Venedig das Glück zur Hilfe. Das Heer, das in der Lagunenstadt eintraf, war wesentlich kleiner, als erwartet, da viele Kreuzritter direkt aus ihren Heimatländern zum Einsatzort gereist waren.

Als die Venezianer dennoch auf ihre Bezahlung drängten, stellte sich heraus, dass dafür nicht genügend Geld vorhanden war. Doch der Doge Enrico Dandolo war um eine Lösung des Problems nicht verlegen. Statt zu bezahlen, durften die Ritter ihre Überfahrt abarbeiten. Venedig hatte ein Auge auf die dalmatinische Hafenstadt Zara geworfen, die jetzt mit Hilfe der Kreuzritter erobert werden konnte. Viele von ihnen hatten Bedenken, eine christliche Stadt zu erobern, doch die Venezianer saßen in dieser schwierigen Situation am längeren Hebel. Auch ein Verbot des Papstes, den Kreuzzug umzuleiten, wurde ignoriert.
Während das Heer in Zara überwinterte, traf ein verlockendes Angebot des Prinzen Alexios ein. Sein Vater, Isaak II., war Kaiser des Byzantinischen Reiches gewesen, bevor er von seinem Bruder abgesetzt und geblendet worden war. Im Gegenzug für den kaiserlichen Thron versprach Alexios, die Schulden der Kreuzritter zu bezahlen und sie militärisch zu unterstützen. Dem venezianischen Dogen kam das gerade recht. Wenn erst ein Günstling Venedigs auf dem Thron saß, war der gesamte Handel in der Region in venezianischer Hand. Kein Wunder also, dass der Doge den Plan vehement unterstützte. Die Anführer des Kreuzzuges überlegten ebenfalls nicht lange, ob sie der Habgier oder ihrem Gewissen folgen sollten. So stieß eine Flotte von 62 Galeeren mit 4500 Rittern und 30000 Mann Fußvolk im Frühjahr 1203 in Richtung Konstantinopel in See.

Am 17. Juli 1203 stürmten die Ritter die Stadt und begannen sofort mit der politischen Umstrukturierung. Isaak II. wurde aus seinem Verlies befreit und gemeinsam mit seinem Sohn zum Kaiser ernannt. Schnell musste das Führungsduo jedoch erkennen, dass die Kreuzritter keine Anstalten machten, abzuziehen. Zu groß waren die Verlockungen Konstantinopels, als dass die Kämpfer ihr Leben in Palästina und Ägypten aufs Spiel gesetzt hätten.
Die ständige Anwesenheit der Eroberer schürte jedoch den Hass der Bevölkerung, und als die neuen Herrscher auch noch versuchten, die zugesagte Unterstützung für die Besatzer einzutreiben, kam es zu einem gewalttätigen Aufstand. In byzantinischer Tradition wurde Alexios IV. von seinem Nachfolger Alexios V. ermordet, während sein Vater zurück in den Kerker gebracht wurde, wo er wenige Tage später starb. Der neue Kaiser bemühte sich, das Steuer noch einmal herumzureißen, doch es war zu spät. Umgehend nahmen die Kreuzritter die Belagerung wieder auf und stürmten am 13. April 1204 die Stadt zum zweiten Mal. Dieses Mal gab es keinen einheimischen Thronanwärter, der seine Bevölkerung zu schonen gedachte. In einer dreitägigen Plünderungsorgie töteten die Belagerer wie im Blutrausch und vernichteten in blinder Zerstörungswut unersetzliche Kunstschätze. Anschließend wurde die Stadt unter den Siegern aufgeteilt. Balduin von Flandern wurde Kaiser von Venedigs Gnaden und bekam jeweils einen Teil des Reichsgebiets sowie der Stadt Konstantinopel. Die Häfen kamen unter venezianische Kontrolle, und die besetzten Gebiete Griechenlands und Makedoniens wurden als Lehen verteilt.

Der vierte Kreuzzug hatte das Byzantinische Reich, jahrhundertelang ein Bollwerk gegen die Türken, irreparabel beschädigt. Zwar gelang es 1261, Konstantinopel zurückzuerobern, doch zu alter Größe fand Byzanz nie mehr zurück. In den folgenden Kreuzzügen, die sich vorrangig gegen Ägypten richteten, spielte Kons-tantinopel keine Rolle mehr. Eigentlicher Gewinner der Kreuzzüge waren die aufstrebenden italienischen Stadtstaaten, allen voran Venedig. Im gleichen Maße, wie Byzanz durch den Zweifrontenkrieg gegen Muslime und Kreuzritter geschwächt wurde, wuchs die Macht der Lagunenstadt. Mit der Eroberung Konstantinopels war der Machtwechsel schließlich vollzogen. Das bekannteste Symbol des Sieges sind vier Bronzepferde, die die Venezianer aus der Stadt am Bosporus raubten. Kopien von ihnen stehen noch heute über dem Mittelportal der Kirche San Marco in Venedig.

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