Christentum

Kaiserin Theodora und die Ikonen

 

Skizzen und Anekdoten aus den Historikern

Mit ihren Geschichtswerken und Chroniken decken die Byzantiner die Geschichte ihres Reiches von Konstantin dem Großen bis zum Fall Konstantino­pels im Jahre 1453 fast lückenlos ab, und das selbst noch mit den erhalten gebliebenen Werken, d.h. trotz der Verluste, die vor allem die frühbyzantinische Historiographie erlitt.

In diesen Geschichtswerken finden sich ausführlich jene großen Haupt- und Staatsaktionen verzeichnet, die dann natürlich auch in die modernen Werke über byzantinische Geschichte mehr oder weniger kom­mentiert übergegangen sind. Sie hier nachzuerzäh­len, wäre also überflüssig. Aber um diese Haupt- und Staatsaktionen rankt sich so manches Anekdotische und Skizzenhafte, das gewiß den großen Gang der Geschichte nicht bestimmt, aber trotzdem von der Mentalität der Byzantiner vielleicht mehr verrät als ihre große Politik. Und dabei stellt sich immer wieder heraus, daß diese Mentalität durch alle Schichten geht, daß der Gebildete für das Mirakel ebenso anfällig ist wie der einfache Handwerker, daß der Aberglaube Gemeinbesitz ist, daß Spott und Hohn vor niemand halt machen und weder Kaiser noch Kirche gegen Kritik gefeit sind. Der berühmte Patriarch Photios z.B., heute allgemein anerkannter Ban­nerträger fechtfreudiger Orthodoxie, kann in einem Teil der zeitgenössischen Chronographie verteufelt werden, während andererseits der Bilderstürmer Kaiser Theophilos, von den Orthodoxen verdammt, auf Seitenpfaden der Chronistik rehabilitiert wird als der große Harun al Rashid der byzantinischen Ge­schichte.

Sieg der Ikonen

Theophilos war der letzte bilderstürmende Kaiser (829-842); Theodora überlebte ihn und führte die Regentschaft für ihren unmündigen Sohn Michael III. bis zum Jahre 856.

Als es mit Kaiser Theophilos zum Sterben kam und die Kaiserin, die selige Theodora ehrwürdigen An­denkens, sah, wie er in den letzten Zügen lag, da öffnete sie ihre Truhe, das Geheimfach ihres ortho­doxen Glaubens und ihrer Frömmigkeit, und holte die heilige Ikone unseres Herrn und Erlösers Jesus Chri­stus und seiner unbefleckten Mutter heraus, trug sie zum Kaiser und brachte ihn wider seinen Willen dazu, sie zu verehren und zu küssen.

Kurz darauf starb er, und Kaiser wurde sein Sohn Michael, der fünfeinhalb Jahre alt war, zusammen mitTheodora, seiner Mutter. Sofort erging ein kaiser­licher Befehl, und alle wurden zurückgerufen, wer immer verbannt oder in bitterer Haft war. Der gottlose Theophilos hatte sie in seiner gewalttätigen Art ihrer Habe beraubt, sie verstümmelt und verbannt; alle, die sich durch seine spöttischen und lügnerischen Worte nicht hatten überzeugen lassen, hatte er mit Kerker bestraft. Diese alle erhielten die Freiheit, konnten in der Folgezeit ungestört leben und priesen Gott dafür. Dann wurde der Meister und Haupt der schlimmen, verderbenbringenden Häresie, der un­selige und frevlerische Patriarch, mit Schimpf von seinem Thron gestoßen, Rechtens und nach göttli­chem Urteil, und mit ihm seine Gesinnungsgenos­sen, diese Verfolger und Frevler, die wie wilde Be­stien ihre Herde ins Verderben geführt hatten. An seine Stelle trat durch Gottes Gnade und Führung Christi auf gemeinsamen Beschluß hin Methodios, der ehrwürdige Bekenner und Vorkämpfer des ort­hodoxen Glaubens. Diese Orthodoxen beschlossen nun, sich an Theodora zu wenden, um die Restitution des Bilderkultes in aller Form zu erreichen.

Sie gingen in den Palast zur Kaiserin, und Gott richtete es so ein, daß beide Parteien dabei zu einem guten Ergebnis kamen. Die Kaiserin ihrerseits wollte den toten Kaiser rehabilitiert wissen, und alle sollten den von Gott eingegebenen und orthodoxen Eifer der Kaiserin, der bis dahin ein Geheimnis geblieben war, kennenlernen.

Methodios sprach demütig und flehentlich unter Trä­nen zur Kaiserin: „Gib, von Gott gekrönte Herrin, den Befehl, in der Kirche Gottes den alten ehrwürdigen und heilbringenden Schmuck der heiligen und verehrenswürdigen Ikonen wieder herzustellen, damit die Macht des Christentums auch dem Kaisertum zugute komme und Dein Name und Dein Andenken gefeiert werden, samt dem Deiner lieben Kinder, von Geschlecht zu Geschlecht.“

Da sagte die Kaiserin zum Patriarchen: „Ehrwürdiger Herr, wenn Dir daran liegt, daß ich Euren Wunsch erfülle, dann sollt auch Ihr mir einen Wunsch nicht versagen.“ Als die Versammelten fragten: „Was ist Wunsch und Begehr Deiner Majestät an uns arme Diener Gottes?“, erwiderte die Kaiserin: „Mein Wunsch und mein Verlangen an Euer Ehrwürden ist es, daß Ihr betet und den menschenfreundlichen Gott anfleht für Thoephilos, meinen Gatten, damit ihm der Herrgott seine Sünden verzeihe, vor allem, was er gegen die heiligen und ehrwürdigen Ikonen verbrochen hat. Ich weiß aus der Heiligen Schrift genau, daß Ihr die Gewalt von Gott habt, zu binden und zu lösen, was die Menschen sündigen.“ Da antwortete der Bischof Methodios: „Es geht über unsere Gewalt hinaus, Herrin, was Du da verlangst. Aber da Du voll Glauben verlangst – es steht ja geschrieben: Alles ist dem möglich, der gläubig ver­traut – wollen wir zusammen fasten und zum gütigen Gott beten. Aber auch Du, zusammen mit dem Kai­ser und allen Leuten im Palast, vom Kleinsten bis zum Größten, sollst unterTränen beten und Almosen geben; und sicher wird dann uns Armseligen sich Gottes Erbarmen und Menschenfreundlichkeit er­weisen, wie immer und überall.“ So sprach Metho­dios zur Kaiserin und traf mit ihr dieses Übereinkom­men. Dann verließ er den Palast und begab sich in die große Kirche Gottes und rief das gesamte, ehr­würdige, orthodoxe Volk zusammen, groß und klein, Frauen und Kinder, vor allem aber die Metropoliten, Bischöfe, Priester, Diakone, Mönche, Eremiten, Stylten und Reklusen, darunter den ehrwürdigen Vater und Wundertäter Joannikios vom Berge Olympos mit dem heiligen Arsakios, mit Theodoros, dem Beken­ner und Abt des Studiu-Klosters, mit Theodoros, auch er Bekenner und Synkellos der Kirche von Jerusalem, dem Bekenner und „Gezeichneten“ Theodoros und einer ganzen Reihe anderer tugend­hafter und bis zum Tod dem orthodoxen Glauben treuer Männer, dazu auch Theophanes, den Metro­politen von Nikaia, den Dichter und „Gezeichneten“. Alle diese zusammen beteten und wachten; sie fa­steten und vergossen viele Tränen in der ersten Fastenwoche in ununterbrochenen Nachtgottes­diensten und unter Psalmengesang; sie baten Gott, dem Kaiser Theophilos zu verzeihen und ihm seine Sünden zu vergeben. So die Leute der Kirche. Die ehrwürdige Theodora aber, die Augusta, samt dem Senat, ließ ebenso nicht nach, zu fasten und Almo­sen zu geben, zu weinen und sich zu Boden zu werfen in Sack und Asche, Tag und Nacht. Sie flehte zu Gott, er möge ihrem Gatten verzeihen.

Gegen Ende der ersten Woche, am Freitag, als der Morgen anbrach, fiel die Kaiserin vor Trauer und Mutlosigkeit in den Schlaf. Da sah sie sich im Traum auf dem Forum an der Säule Konstantins, und sie erblickte einige Leute, die lärmend die Straße herun­terkamen, in den Händen verschiedene Folterwerk­zeuge, Peitschen, Instrumente zum Ausrenken der Glieder, Ochsenziemer, Prügel usw. Sie kamen bis zum Platz. In ihrer Mitte zogen sie einen nackten Mann hinter sich her, dem die Hände auf den Rücke gebunden waren und den sie schlugen. Es warTheophilos, der Kaiser. Als Theodora sah, wie er so schmählich mitgezogen wurde und ohne Erbarmen geschlagen wurde, lief sie weinend und klagend hinterher. Als die zum ChalkeTor kamen, sah sie

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