Antike Zeiten und Kulturen

Judentum

Tora, Talmud, Kabbala 

»Gelobt seist du, Gott, der uns die Tora gegeben hat« – so beginnt die Lesung aus der Tora, der wichtigsten heiligen Schrift der Juden.

Mit diesem Gebet beginnt die Lesung aus der Tora, der wichtigsten heiligen Schrift der Juden. Doch hier lernen Sie auch die anderen religiösen Bücher wie Kabbala, Talmud und Mischna kennen.

Stellen Sie sich Folgendes vor: Man würde Ihnen ein Buch anbieten, das verspricht, alle Geheimnisse des Lebens lüften zu können. Um dieses wundersame Buch zu bekommen, gäbe es allerdings eine Auflage: Sie müssten – ohne es zu lesen –, einwilligen, die dort enthaltenen Anweisungen und Verhaltensregeln zu befolgen. Wären Sie bereit? Die Juden waren es – einer alten Legende zufolge. Um an ihre schriftlich fixierte religiöse Lehre zu gelangen, die »Tora«, sollen sie sich auf eben beschriebenen Deal eingelassen haben. Und damit begann die lange Liebesbeziehung dieses Volkes zu Büchern. Denn die Zahl der heiligen jüdischen Bücher nahm im Lauf der Geschichte ständig zu.

Nicht von ungefähr nennen sich die Juden »das Volk des Buches«. Dabei spielt der Beruf des »Schriftgelehrten« eine wesentliche Rolle. Stets war man damit beschäftigt, die niedergeschriebenen Gebote immer genauer zu erforschen. Dieser Artikel soll etwas Licht in diese fremde Welt der jüdischen Schriftkultur bringen.

Die Bibel

Im Grunde ist die hebräische Bibel kein »Buch«, sondern eine Büchersammlung (griechisch »Biblia« bedeutet Bücher): 24 Texte, die in einem Zeitraum von circa tausend Jahren entstanden sind und 135 n. Chr. kanonisiert wurden. Die Juden nennen ihre Bibel »Tanach« (auch Tanakh oder Tenach), ein hebräisches Kunstwort, das sich zusammensetzt aus den Initialen für »Tora« (die fünf Bücher Mose), »Nevi’im« (die acht Prophetenbücher) und »Ketuvim« (Schriften).

Die Tora – wörtlich übersetzt Unterweisung oder Lehre – ist der Kern der jüdischen Religion. Sie ist Gesetzes- und Geschichtsbuch in einem, beginnt mit der Erschaffung der Welt und endet mit dem Tod des wichtigsten Propheten des Judentums, Moses, kurz bevor die Kinder Israels das Heilige Land betreten. Die Tora beinhaltet 613 Vorschriften – 248 Gebote und 365 Verbote, die das Wesen des Judentums ausmachen: Speisegesetze und Gesetze zum Sabbat (= Samstag, der heilige jüdische Ruhetag); Vorschriften für den Umgang mit Menschen und zur Nächstenliebe, für den Opferkult im Tempel, für Eheleute, das Sexualleben und vieles andere mehr.

Der alten Tradition nach war Moses selbst Autor der fünf Tora-Bücher, die das Christentum später in griechischer Übersetzung und leicht verändert übernahm – als Teil des Alten Testaments. Seit der Antike kopieren speziell ausgebildete Schreiber den genauen Wortlaut dieser heiligen Texte von Hand auf wuchtige Pergamentrollen. Aus solchen Schriftrollen wird im Sabbatgottesdienst bis heute vorgelesen. Die Erfindung des Buchdrucks vor über 550 Jahren hat diesem alten Brauch keinen Abbruch getan.

Unter den »prophetischen Büchern« (Nevi’im) verstehen die Juden nicht nur die schriftlichen Zeugnisse von Propheten wie Jesaja, Jeremia und Ezechiel, sondern alle Bibeltexte: vom »Buch Joschua« bis zu den »Königsbüchern«. Denn Propheten treten in jedem dieser Bücher auf, um das widerspenstige Volk und seine Könige zu maßregeln. Diese Bücher sind einmalig in der antiken Literatur des Orients. Nirgends in den schriftlichen Zeugnissen Ägyptens, Assyriens oder Babylons tritt die Fehlbarkeit von Herrschern und Beherrschten so offen zu Tage. Und immer wieder wird die Frage gestellt: Was passiert dem, der Gott gegenüber ungehorsam ist?

Priester fassten die Tora bereits im 5. vorchristlichen Jahrhundert in einem heiligen Buch zusammen. Doch auch andere Schriften waren unter den Juden bekannt – zum Beispiel das Buch der Psalmen oder die Bücher Hiob, Esther und Ruth. Die Juden schätzen manche dieser Texte ebenso wie die Tora und die Propheten. Der »Kanon« (griechisch: Richtschnur, Maßstab), das heißt, die Bibel, wie wir sie heute kennen, entstand erst ab 100 n. Chr., 30 Jahre nachdem die Römer den Tempel in Jerusalem zerstört hatten.

Die Schriftgelehrten waren ins Städtchen Jawne (Jamnia) an der Mittelmeerküste südlich des heutigen Tel Aviv umgezogen und entschlossen sich, der Bibel eine endgültige Form zu geben. Denn es herrschte Chaos im jüdischen Glauben, seit der Tempel nicht mehr Mittelpunkt der Religion war. Die Rabbiner suchten nach neuen Regeln. Und so gehörte es zu ihren dringlichsten Aufgaben, die Bibel festzuschreiben.

Die frühen Christen, die ihre Wurzeln ohnehin im Judentum sahen, waren größtenteils mit der von den Rabbinern getroffenen Textauswahl einverstanden. Allerdings fügten sie ein paar Bücher hinzu, die nicht zum jüdischen Kanon zählten, zum Beispiel die »Makkabäerbücher«, die über die Geschichte des Priestergeschlechts der Makkabäer berichten, und den »Ecclesiasticus« (= Jesus Sirach) – eine Sammlung von sittlichen Vorschriften. Ob Christ oder Jude, für Angehörige beider Religionen stellte die Bibel ein heiliges Werk dar. Man zweifelte nicht daran, dass Moses die Tora geschrieben hatte, Joschua das Buch, das nach ihm benannt wurde, Samuel die Samuelbücher und König David die Psalmen. Bis in die Neuzeit blieb das der Stand der Dinge.

Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts regten sich erste Zweifel. Der niederländische Philosoph Baruch de Spinoza und der deutsche Pfarrer Henning Bernhard Witter zählten zu denjenigen, die öffentlich fragten, ob die Bibel wirklich göttlichen Ursprungs sein könne. Für Verwirrung sorgten auch die ersten beiden Kapitel des Buches »Genesis«. Wenn man genau liest, gewinnt man den Eindruck, man habe es hier mit zwei Schöpfungsgeschichten zu tun – anstatt mit einer. Was zudem auffiel: der ständige Wechsel des Gottesnamens in der Tora. Zum einen heißt die Gottheit »Elohim« (von Luther mit »Gott« übersetzt), zum anderen »Jahwe« (mit »Herr« übersetzt). Man fragte sich: Woher die Ungereimtheiten?

Die Unstimmigkeit spitzte sich 1877 zu, als der deutsche Bibelkritiker Julius Wellhausen sein Werk »Die Composition des Hexateuchs und der historischen Bücher des Alten Testaments« veröffentlichte. Er untersuchte die Bibel wie ein Archäologe und erkannte bald Textschichten, die seiner Meinung nach zu verschiedenen Zeiten entstanden waren. Vor allem beschäftigte ihn der Gebrauch des Gottesnamens. Die Texte, die die Form »Jahwe« bevorzugten, so Wellhausen, seien die ältesten und um das Jahr 950 v. Chr. entstanden (etwa zur Zeit von König Salomo). Die nächste Schicht dürfte um 800 v. Chr. entstanden sein, als der Gottesname »Elohim« bei den Israeliten gebräuchlich war.

Weiter folgerte der Theologe, dass alle Texte der Bibel etwa 620 v. Chr. im Lauf einer Reformbewegung von »Deuteronomisten«, wie er sie nannte, neu bearbeitet wurden. Aus dieser Zeit stamme auch das 5. Buch Mose, das »Deuteronomium«. Die letzte große Bearbeitung habe schließlich im 5. Jahrhundert v. Chr., nach der Rückkehr der Juden ins Heilige Land, stattgefunden. Die Redakteure seien damals Priester gewesen. Diese Quellentheorie von Wellhausen wird bis heute von Bibelwissenschaftlern kontrovers diskutiert. Manche Textkritiker versuchen, die Heilige Schrift Zeile für Zeile in die ursprünglichen Schichten einzuteilen. Doch auch hier handelt es sich um eine Theorie. Wer die Bücher der Bibel wirklich schrieb, werden wir wohl nie mit letzter Sicherheit wissen.

Die Mischna

Zur Zeit der römischen Belagerung Jerusalems (69 n. Chr.) schätzte der Pharisäer und Rektor der Tempelschule Jochanan ben Sakkai die Lage der jüdischen Hauptstadt so hoffnungslos ein, dass er sich entschloss, zu fliehen: Er wollte in Jawne, wo eine jüdische Gelehrtenschule entstanden war, mit anderen Rabbinern über die Zukunft und Bewahrung der Religion diskutieren. Die entscheidende Frage lautete aber zunächst: Wie sollte er aus der Stadt herauskommen? Auf Geheiß des Heerführers und späteren römischen Kaisers Vespasian (69–79 n. Chr.) durften nur Tote Jerusalem verlassen – um beerdigt zu werden. Jochanans Anhänger versteckten den Meister in einem Sarg und trugen ihn durch das Stadttor ins Freie.

Die jüdischen Quellen berichten, dass der weise Pharisäer direkt ins Hauptquartier des römischen Oberbefehlshabers gelangte, wo er die Bekanntschaft Vespasians machte. Während der Unterhaltung sagte er ihm eine steile Kar-riere voraus. Und just in diesem Augenblick erschien ein Kurier aus Rom und verkündete den Tod von Kaiser Vitellius – und die Wahl Vespasians zum neuen Herrscher. Der frisch gekürte Kaiser wollte Jochanan nun aus Dankbarkeit einen Wunsch erfüllen. Jochanan zögerte keinen Augenblick: »Gib mir die Stadt Jawne und ihre Gelehrten.«

Tatsächlich stieg Jawne um diese Zeit zum geistigen Mittelpunkt des Judentums auf. Und hier wurde nicht nur der Bibelkanon fixiert, sondern auch die »Mischna«. Die Pharisäer glaubten nämlich, dass Moses zwei Gesetzessammlungen von Gott auf dem Berg Sinai erhalten hatte: Die eine sei ihm in schriftlicher Form übermittelt worden, die andere mündlich. Diese mündliche Überlieferung wurde dann von einer Gelehrtengeneration zur nächsten (ebenfalls mündlich) weitergegeben und sollte – so meinten die Juden – den oft undeutlichen Wortlaut des geschriebenen Gesetzes verständlicher machen.

Ein Beispiel: In der Tora heißt es »Auge um Auge, Zahn um Zahn«. Die Mischna erklärt, dass dieses Gesetz keinesfalls als Anleitung zur Blutrache verstanden werden dürfe. Für ein verlorenes Auge oder einen ausgeschlagenen Zahn bekomme man lediglich ein Bußgeld im Wert eines Auges oder eines Zahns zugesprochen. Oder: In der Tora heißt es, »du sollst das Böcklein nicht kochen in der Mutter Milch«. Was soll das bedeuten? Die Erklärung findet man in der Mischna unter der Rubrik Speisegesetze: Nämlich, dass man Milch- und Fleischgerichte nicht vermischen darf. Seit der Antike essen Juden Fleisch- und Milchgerichte stets zeitlich versetzt.

Die mündliche Tradition ist ganz eindeutig keine Erfindung der Rabbiner aus Jawne. Wahrscheinlich bereits im 5. vorchristlichen Jahrhundert lernten die Pharisäer die Mischna auswendig und predigten sie ihren Schülern. Im täglichen Leben des Volkes bürgerte sie sich schnell ein. Nach dem Aufstand gegen die Römer und der Zerstörung des Tempels in Jerusalem mussten die Rabbiner aber befürchten, dass manches in Vergessenheit geraten könnte. Immerhin lebten die Juden verstreut über die gesamte antike Welt und sogar in Rom. Ohne spirituellen Mittelpunkt, sprich Tempel, drohten viele alte Bräuche verlorenzugehen. Also beschloss man in Jawne, die mündliche Überlieferung endgültig schriftlich zu fixieren.

Das Resultat war das Buch, das die Juden heute Mischna nennen. Es ist eigentlich kein Buch im modernen Sinn, eher eine Sammlung von Lehrsätzen und alten Traditionen – alles in knappen hebräischen Sätzen, eingeteilt in sechs Bereiche: »Samen« (Gesetze über Ackerbau und soziale Versorgung), »Feste« (Fest- und Fastentage), »Frauen« (über die Ehe, Sexualität und Familie), »Schäden« (Straf- und Schadensersatzrecht), »Heiliges« (Tempeldienst, Opferriten, Speisevorschriften) und »Reinheit« (von Personen, Sachen und Orten). Diese sechs Oberbegriffe waren wiederum in 63 Traktate unterteilt.

Die Arbeit der Schriftgelehrten von Jawne gestaltete sich alles andere als einfach. Denn man musste der Vollständigkeit halber kompetente Mitarbeiter finden, die noch über gesicherte Kenntnisse verfügten. Viele Experten waren im Kampf gegen Rom ums Leben gekommen. Alle Zeugnisse, die man auftreiben konnte, wurden sorgsam gesammelt und ausführlich diskutiert. Mehr als 100 Jahre dauerte diese Arbeit, die erst um 190 n. Chr. abgeschlossen war.

Der Talmud

Man sollte meinen, dass das jüdische Gesetz nach Aufzeichnung der Mischna nun vollständig gewesen wäre. Leider hatte die Redaktion der mündlichen Überlieferung noch nicht alle Probleme gelöst. So hatte die Mischna verbindlich geklärt, nach dem Verzehr von Fleisch keine Milchprodukte zu konsumieren. Doch wie sollte man »Fleisch« genau verstehen? War mit diesem Begriff nur Rind- und Lammfleisch gemeint? Oder zählten auch Geflügel und gar Fisch dazu? In den jüdischen Hochschulen in Palästina und in Babylon wurden über solche Details oft hitzige Debatten geführt. Man suchte nach einer »Halacha«, nach klaren Verhaltensregeln, die allgemeine Gültigkeit haben sollten. Zum »Fleischproblem« entschieden die Rabbiner: Sowohl Rind und Lamm wie auch Geflügel gelten als Fleisch – Fisch jedoch nicht.

Die Diskussionen, die man in den verschiedenen Akademien und bei den jährlichen Versammlungen führte, wurden stets protokolliert und aufbewahrt – manchmal schriftlich, manchmal mündlich, über Jahrhunderte und immer auf Aramäisch. Die Suche nach der letzten Wahrheit des Gesetzes zog sich hin, ellenlange Beweisführungen kamen zustande. Ein Rabbiner zitierte seinen Lehrer, der wiederum vom Lehrer seines Lehrers erfahren habe …

Doch die Situation der Juden in Palästina verschlechterte sich. Die christliche Mehrheit im Land unterdrückte die Andersgläubigen, und die Rabbiner mussten ihre Akademien im 4. Jahrhundert eine nach der anderen schließen. Zuerst aber fertigten sie eine schriftliche Zusammenfassung der jahrelang geführten Diskussionen an, um das Wissen über das Gesetz zu erhalten. Diese Texte wurden an die jeweiligen Mischna-Traktate angehängt, und die neue Schrift erhielt den Namen »Talmud« (Lehre). Der Talmud ist also eine Art Mischna-Ausgabe mit Kommentar.

In Babylon, wo seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. eine jüdische Gemeinde existierte, gingen die Diskussionen der Rabbiner unterdessen weiter – bis ins 5. Jahrhundert. Doch auch dort wurde das Leben der Juden immer schwieriger. Die persischen Machthaber schränkten die Religionsfreiheit zusehends ein. Nun entschieden die Rabbiner, auch im Zweistromland ihre Interpretationen des Gesetzes schriftlich festzulegen. Im Jahr 499 war die Redaktion des »Babylonischen Talmuds« abgeschlossen. Dieses Werk ist noch umfangreicher als der Talmud aus Palästina. Und auch hier wurden die aramäischen Analysen den in Hebräisch geschriebenen Mischna-Traktaten angehängt.

Man kann den Talmud nicht lesen wie ein normales Buch. Der Stil ist, gelinde gesagt, schwierig. Die Betrachtungen scheinen keiner sichtbaren Logik zu folgen. Oft unterbrechen Anekdoten über einen Rabbiner oder diverse Fabeln und Gleichnisse den eher sachlichen Inhalt. Für Historiker bietet der Talmud allerdings einen Schatz an Mitteilungen aus der Antike – über Essgewohnheiten, Aberglauben, verschollene Städte des Orients oder über politische Ereignisse. Wie kein anderes Werk hat der Talmud die Traditionen der jüdischen Antike vor dem Untergang bewahrt.

Man erfährt auch einiges über die teils schwierige Beziehung zwischen Juden und Christen. Der Standpunkt der alten Rabbiner lautete: »Jesus der Nazarener war ein Totenbeschwörer und Zauberer.« Als Papst Gregor IX. erfuhr, dass solche Aussagen im Talmud stehen, strengte er 1240 einen Prozess gegen das Buch an, bei dem es tatsächlich zum Feuertod verurteilt wurde. Zwei Jahre später verbrannte man 24 Wagenladungen von Talmud-Bänden in Paris auf dem Scheiterhaufen.

Die Kabbala

Wie jedes Volk haben sich auch die Juden Gedanken über die Geheimnisse der Existenz gemacht. Im 1. Jahrhundert v. Chr. waren viele okkulte Bücher im Umlauf. So zum Beispiel das äthiopische »Henochbuch«, das von Engeln, Dämonen und dem Weltuntergang schwärmt. Die »Johannesoffenbarung« des Neuen Testaments ist mit dieser Art Literatur verwandt. Auch der in der Apostelgeschichte erwähnte Simon Magus ist ein Mystiker, der sich mit dem Übersinnlichen beschäftigt.

Der Talmud rät eher vom Okkultismus ab, warnt vor dem Verlust des Seelenheils und des rechten Glaubens. Dennoch findet sich in ihm der älteste Hin-weis auf einen Text, der zu den wichtigsten mystischen Werken des antiken Judentums zählt: das »Sefer Jezirah« – das »Buch der Formung«. Dieses Werk ist heute jedem zugänglich, auch in deutscher Übersetzung.

Mit kaum mehr als 2000 Wörtern erzählt es von den 32 Wegen der Weisheit Gottes und seiner Schöpfung. 32 ist keine willkürliche Zahl. Sie setzt sich zusammen aus den zehn Urziffern (Sephiroth) plus den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets. Das Sefer Jezirah geht davon aus, dass die Geheimnisse der Schöpfung in den Zahlen und Buchstaben enthalten sind: Jah Jahwe Zewaoth, der Gott Israels, der lebendige Gott, »schuf seine Welt durch drei Zählprinzipien: Zahl, Zähler und Gezähltes«. Wer dieses Werk geschrieben hat, weiß man nicht. Entstanden ist es zwischen dem 2. und 6. nachchristlichen Jahrhundert. Möglicherweise liegen seine Wurzeln in der Lehre des antiken Philosophen Pythagoras und seiner Schüler. Das Sefer Jezirah gilt als ältestes schriftliches Zeugnis der so genannten »Kabbala« (hebräisch: Überlieferung). Seit dem Mittelalter bezeichnete man mit dem Begriff Kabbala die gesamte jüdische Mystik. Und seit Popstars wie Madonna und Britney Spears sich als »Kabbalisten« zu erkennen geben, gehört die Vokabel auch zum Wortschatz der Boulevardpresse. Dabei ist das, was die Juden unter Kabbala verstehen, selten so aufregend, wie das, was die Medien daraus machen.

Die traditionelle jüdische Mystik hat nämlich nichts mit Zauberei, Hexerei oder Geheimriten zu tun. Sie befasst sich hauptsächlich mit der »Tora«, mit dem Gesetz also. Die alten kabbalistischen Texte wollen so tief wie möglich in die Geheimnisse des Gesetzes eindringen. Im Mittelalter war die jüdische Mystik im Volk weitverbreitet. Das Mystische zog die Menschen schon immer an: Ob Christen wie Meister Eckhart (um 1260–1328), der spanische Philosoph Raimundus Lullus (1232–1316) oder islamische Sufis – sie alle suchten in der Mystik den Sinn der Existenz.

Das bedeutendste Werk der jüdischen Kabbala ist unter dem Namen »Sohar« (Glanz) bekannt. Dieser fünfbändige Kommentar der Tora erfreute sich großer Beliebtheit in der jüdischen Welt und – nachdem er aus dem Aramäischen ins Lateinische übersetzt wurde – auch unter nichtjüdischen Mystikern. Man hielt ihn für das Werk eines Rabbiners aus dem 2. Jahrhundert namens Schimon ben Jochai. Der Legende nach lebte er auf der Flucht vor den Römern in einer Höhle, wo er den Sohar verfasst haben soll. Auf die Frage etwa, warum sich Mann und Frau körperlich lieben, antwortet Rabbi Schimon: »Weil die Wonne eine religiöse Pflicht ist.«

Der Sohar wurde im 13. Jahrhundert entdeckt, von einem gewissen Mosche ben Schemtow de León, selbst ein Mystiker, der im spanischen Guadalajara, nördlich von Madrid, lebte. Innerhalb weniger Jahre wurde der Text viele Male abgeschrieben und verbreitete sich durch die ganze jüdische Welt. Nachdem Mosche ben Schemtow 1305 gestorben war, besuchte ein reicher Mann dessen Witwe, um ihr das antike Originalmanuskript abzukaufen. Die Frau teilte ihm – laut einer mittelalterlichen Chronik – Verblüffendes mit: »Es gibt kein Original«, erklärte sie, »mein Mann war der Autor.« – »Warum hat er es nicht unter seinem eigenen Namen veröffentlicht?«, wollte der Mann wissen, und bekam die Antwort: »Dann hätte es keiner gekauft.« Diese merkwürdige Geschichte ist weitverbreitet. Der Sohar stieg schnell zu einem Standardwerk des Judentums auf, und Generationen von Kabbalisten wie auch Wissenschaftler weigerten sich zu glauben, dass es das Werk eines einfachen spanischen Rabbiners sein sollte.

Vor etwa 50 Jahren untersuchte der deutsch-israelische Wissenschaftler Gerschon Scholem Sprachstil, Wortschatz, Grammatik und Inhalt des aramäischen Textes. Er beseitigte alle Zweifel und wies nach, dass dieses Buch nicht aus der Antike stammte, sondern aus dem spanischen Mittelalter. Zudem sei es das Werk eines einzigen Autors, der, wie alle jüdischen Schriftgelehrten, in das Gesetz verliebt war.

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