Christentum

Juda’s Evangelium

 

Satan in Menschengestalt?

Die Evangelisten der Bibel verfluchen Judas

Paris, 1. Juli 2004: Rodolphe Kasser, emeritierter Professor der Koptologie der   Universität   Genf,  will   beim »8. internationalen Kongress kopti­scher Studien« nur eine kurze Rede halten. Sein Thema: »Ein neu entdeckter, kopti­scher Apokryph«. Apokryphen nennt man antike Texte zu biblischen Themen, die nicht ins Alte oder Neue Testament aufgenommen wurden. Sie sind auf Aramäisch, Griechisch oder, wie in die­sem Fall, auf Koptisch verfasst, einer Entwick­lungsform des Altägyptischen. Der Professor kommt schnell zur Sache. Er habe vor, eine »äußerst seltene und wunderbare Wiederauf­erstehung« zu verkünden: Das Judasevangelium, das im 2. Jahrhundert geschrieben wurde und seit über 1500 Jahren als verschollen gelte, sei wieder aufgetaucht.

Beim Namen Judas wird jeder Bibelkenner so­fort hellhörig. Judas gilt als der Außenseiter unter den Aposteln. Sein Beiname Ischariot bedeutet vielleicht »der Mann von Keriot« – auf Hebräisch »isch kerioth«; somit könnte er aus der Stadt Kerioth in Judäa stammen und wäre der einzige Apostel, der nicht aus Galiläa kam. Weil er in den Evangelien widersprüchlich auftritt, streiten sich die Bibelwissenschaftler um seine Rolle. Wie ist es möglich, dass der Heiland von jemandem verraten wird, obwohl dieser davon weiß? Brauchte Jesus vielleicht diesen Helfer, damit sich die Prophezeiung um seinen Tod er­füllte? Judas musste diese Rolle übernehmen, könnte man beinahe meinen.

Das griechische Wort, das in diesem Zusammenhang benutzt wird, »paradidomai«, bedeutet übrigens nicht »verraten«, son­dern »übergeben« – und wird nicht selten in positivem Sinn ver­standen. Im Johannesevangelium sagt Jesus zu Judas kurz vor dem Verrat: »Was du tun willst, das tu bald. « Aus diesem Satz könnte man eine Art Komplizenschaft herauslesen. In den drei anderen Evangelien küsst Judas den Hei­land, um ihn für die Soldaten zu kennzeichnen. Warum ein Kuss? Zum zarten Abschied? Diese Fra­gen haben Christen seit der Anti­ke beschäftigt. Und das bringt uns wieder zum Judasevangelium.

Dass es dies einst gegeben hat­te, war den Experten längst be­kannt. Schon 180 n. Chr. hatte der Kirchenvater Irenäus, Bischof von Lyon, in seinem fünfbändigen Werk »Gegen die Häresien« es als Schrift der gnostischen Kainiter abgetan, die lehrten, dass die Sünder der Bibel, etwa Kain, Korach, Esau und auch Judas in Wirklichkeit Helden seien. In die­sem – so Irenäus – »gefälschten Werk, welches den Titel >Judasevangelium< trägt«, haben die Kainiter den als Verräter bekannten Judas zum einzigen Apostel erhoben, der die wahre Identität von Jesus als Heiland erkannt habe.

Der Text des Judasevangeliums war bislang nicht bekannt

Die Gnostiker, zu Deutsch die »Wissenden«, zählten einst zu den Hauptgegnern des frühen Christentums. Sie glaubten, dass unsere Welt von einem Demiurg, einer zweitrangigen Gottheit, erschaffen wurde und deswegen korrupt sei. Gnostiker strebten nach Wiederaufnahme in die Geistessphäre, was nur durch Gnosis -Wissen – möglich sei. Jesus sei aus der geistigen Sphäre zu uns als Gesandter des wahren Gottes herab­gestiegen, um uns in die Geisterwelt zurückzu­führen. Als reiner Geist habe er keinen irdischen Körper gehabt, meinten manche gnostische Gruppen, sondern einen aus Licht.

Doch zurück zu Professor Kasser. Seine Fach­kollegen hörten interessiert zu, während er an die­sem Tag über den seltenen Glücksfall referierte. Die Papyrusblätter seien in sehr schlechtem Zustand, räumte er ein, und wiesen erhebliche Beschädigungen auf. Man bemühe sich aber, so gut es gehe, den Inhalt wiederherzustellen und für jedermann zugänglich zu machen. Die Arbeit werde, fügte er hinzu, von einer gewissen »Maecenas-Stiftung« in Basel unterstützt.

Kasser versprach seinen Kolle­gen, bis Ende 2006 eine erste Ausgabe mit Abbildungen der Papyrusblätter und der Fragmente sowie eine Transkription mit Über­setzung und Kommentar zu er­stellen. So lange müssten sie sich gedulden, was in Historikerkreisen als ungewöhnlich empfunden wur­de. Üblicherweise verkünden Wis­senschaftler ihre neuen Entdeckun­gen zuerst in den einschlägigen Fachzeitschriften und machen zu­mindest Teile des Werkes zugäng­lich, vor allem, damit Kollegen bei der Auslegung schwieriger Stellen behilflich sein können.

Ohne die außergewöhnliche Geheimhaltung zu kritisieren, nah­men die Kollegen Kassers Ankün­digung entgegen. Nur der amerika­nische Koptologe Professor James M. Robinson meldete sich zu Wort, um seinerseits für eine Überraschung zu sorgen. Er berichtete, schon seit mehr als 20 Jahren von der Existenz des Manuskripts zu wissen, auch wenn er es nie in Händen gehabt habe. Es sei be­reits um 1980 von Antiquitätenhändlern auf dem schwarzen Markt feilgeboten worden. Es gebe so­gar Fotos einzelner Manuskriptseiten. Da diese Fotos zu einer früheren Zeit entstanden seien, lohne es sich, so Robinson, wenn Kasser diese ausfindig mache, um mögliche Lücken im heuti­gen Text beheben zu können. Kasser musste ein­gestehen, davon nichts gewusst zu haben.

Professor Kasser begegnete dem Codex erstmals am 24. Juli 2001, als Vertreter der Maecenas-Stiftung ihn besuchten. Man bat ihn, die Betreuung des Codex zu übernehmen (Codex ist das lateinische Wort für ein antikes Manuskript in Buchform). Kasser war entsetzt über dessen Zustand – ein elendes Häuflein Papyrusblätter, die am Boden eines Pappkartons lagen. Die Deckblätter des Codex – sie sind normalerweise aus Leder gefertigt – fehlten fast vollständig. Die Einzelblätter waren extrem brüchig und drohten zu Staub zu zerfallen, wenn man sie anfasste. Vie­le kleine bräunliche Einzelstücke lagen wie Teile eines Puzzles im Karton verstreut. Noch gravie­render: Das oberste Drittel des Codex war vom Rest abgetrennt, als hätte ihn jemand absichtlich in zwei ungleiche Pakete geteilt.

Das Manuskript hatte, wie man später erfuhr, 66 Seiten, das heißt, 33 auf beiden Seiten be­schriebene Papyrusblätter. Ihr Inhalt bestand aus vier Texten gnostischen Ursprungs. Auf Seite 1 bis 9 war ein koptisch geschriebener Brief – angeb­lich vom Apostel Petrus an seinen Kollegen Philippus. Dieser Text war allerdings schon vom Fundort Nag Hammadi in Ägypten bekannt, wo 1945 eine Reihe gnostischer Schriften ausgegra­ben wurden. Auf Seite 10 bis 32 entdeckte er, ebenfalls auf Koptisch, die gnostische »Jakobus­offenbarung«. Auch sie war aus Nag Hammadi bereits bekannt. Neu waren von Seite 33 bis 58 das bisher unbekannte Judasevangelium und auf Seite 59 bis 66 Fragmente eines bislang unbe­kannten gnostischen Textes, den man vorläufig das »Buch des Allogenes« nannte.

Stiller Wächter: Ein Toter hütete jahrhundertelang die kostbaren Schriften

Kasser übernahm die Aufgabe mit wenig Hoffnung auf Erfolg, doch mit Hilfe der Schweizer Konservierungsexpertin Florence Darbre und einigen weiteren Mitarbeitern schaff­te er es, den Codex während der nächsten fünf Jahre einigermaßen zu restaurieren. Eine Bedin­gung für die Mitarbeit war die Pflicht zur Ge­heimhaltung. Doch vorerst wieder einen Sprung in die Vergangenheit: Der Codex, den Kasser 2001 zum ersten Mal gesichtet hatte, wurde mit aller Wahrscheinlichkeit 1978 von Fellachen in einer Höhle am Nilufer unweit dem Dorf Qarara, etwa 100 Kilometer südlich von Kairo gefunden. Er lag mit zwei anderen Codizes in einem Kalkstein­behälter neben dem Skelett eines unbekannten Mannes des 5. oder 6. Jahrhunderts. Erstaunlich ist: Alle drei Codizes waren in perfektem Zustand und in lederne Deckblätter gebunden. Für die Fellachen war der Fund wie ein Lotto­ gewinn. Der Verkauf antiker Gegenstände ist, obwohl in Ägypten illegal, sehr profitabel. Die Bauern informierten einen Nachbarn über ihr Glück, der wiederum gute Kontakte zu einem Antiquitätenhändler in Kairo pflegte. Dieser, mit
Vornamen Hanna, Ägyptisch für Johannes, bezahlte etwa 2000 Euro für die Codizes, ein Ver­mögen für die Bauern, und verstaute sie in seiner Wohnung im Kairoer Vorort Heliopolis.

Nun suchte er nach einem Käufer für die anti­ken Schriften. Kunden fand man am ehesten in Europa, in Asien und in Nordamerika. Hanna verstand wenig vom Inhalt der Manuskripte und wusste lediglich, dass sie entweder in griechischer oder koptischer Sprache geschrieben worden seien, was ja stimmte. Da er selbst nur Arabisch verstand, benachrichtigte er einige Kollegen aus Griechenland, die ihm bei der Vermittlung von Kunden helfen sollten. Doch nun geschah das Unerwartete: Bei einem Einbruch wurden die Codizes gestohlen. Sie tauchten allerdings bald wieder auf. Mit Hilfe zweier weiterer Kollegen aus Griechenland, Nicholas Koutoulakis und Yannis Perdios, bekam Hanna sie auch zurück.

Schon da fehlten einige Seiten; diese wurden wohl einzeln an diverse Sammler verkauft. Man­che Blätter tauchten später in den USA auf. Der Band mit dem Judasevangelium scheint jedenfalls noch einigermaßen heil gewesen zu sein – bis auf die letzten Seiten des heute nur fragmentarisch erhaltenen »Buchs des Allogenes«. Einige Zei­tungen berichteten, dass eine Exfreundin des An­tiquitätenhändlers Koutoulakis, sie hieß Mia oder Fifi, einige Seiten aus dem Codex entfernt und auf eigene Faust veräußert habe. Nur eins steht jedoch fest: Ende 1982 setzte sich der Antiquitätenhändler Yannis Perdios im Namen seines Kollegen Hanna mit einem deut­schen Papyrologen, Professor Ludwig Koenen von der Universität Michigan in den USA, in Verbindung und zeigte diesem Fotos verschiede­ner Seiten der drei Texte. »Hanna« war daran interessiert, seine Ware, die mittlerweile in der Schweiz in einem Banktresor gelagert war, an den Mann zu bringen.

Bis zu dieser Zeit kann man davon ausgehen, dass weder Händler noch Räuber mit dem wah­ren Inhalt der Manuskripte vertraut waren. Professor Koenen ahnte wohl als Fachmann als Erster etwas davon und konsultierte verschiede­ne Kollegen, unter ihnen den erwähnten Profes­sor James M. Robinson, um die Schriften anhand der wenigen Fotos zu identifizieren. Koenen organisierte in einem Genfer Hotel ein Treffen zwischen potenziellen Käufern und den Verkäu­fern. Robinson wurde als Fachmann eingeladen, war aber verhindert und bat einen seiner ehema­ligen Studenten, Stephen Emmel, heute Professor der Ägyptologie und Koptologie an der Univer­sität Münster, an seiner Stelle nach Genf zu reisen. Robinson erteilte Emmel den Auftrag, 50000 US-Dollar für die Codizes anzubieten. Das Geld hatte er in den USA aufgetrieben.

Der Millionenpoker um das Originaldokument

Das Treffen wurde für den 15. Mai 1983 anbe­raumt. Zugegen waren Emmel, Koenen und ein dritter Kollege, ein Spezialist für das Alte Testament, David Noel Friedman. Hanna und sein Dolmetscher Perdios saßen ihnen gegenüber. Die Begegnung dauerte circa 30 Minuten. Während dieser Zeit durften die Gelehrten aller­dings weder Notizen noch Fotos machen. Die drei Codizes befanden sich in Pappkartons, die mit Zeitungspapier ausgelegt waren. Emmel wagte es kaum, die Seiten zu berühren, so mürbe waren sie bereits geworden. Er stellte aber fest, dass das lederne Deckblatt zur Hälfte fehlte. Auf einer Seite erspähte er das Wort »Judas«, war aber der Meinung, der Name beziehe sich auf einen anderen Judas aus dem Neuen Testament. Es wer­den nämlich in den Evangelien mehrere Men­schen mit diesem Namen erwähnt, zwei davon Apostel, einer sogar ein Bruder von Jesus.

Emmel machte Hanna schließlich sein Angebot von 50000 Dollar. Der Händler lehnte ab. Sein Preis liege bei drei Millionen, erklärte er. Er wis­se, die Bücher seien wertvoll. Die Parteien gingen ergebnislos auseinander. Jahre vergingen, und Hanna hatte seine Ware immer noch nicht ver­kauft. Nun schreiben wir das Jahr 1990. Professor Robinson schaffte es, 990000 Dollar für den Judascodex zu sammeln und bat den Händler Perdios, ein Treffen mit Hanna in New York zu or­ganisieren. Doch nun brach der Golfkrieg aus. Hanna befürchtete den Dritten Weltkrieg und wollte seine Familie in Ägypten nicht verlassen -also kein Geschäft.

Warum sollte das Treffen in New York stattfinden? Weil die Manuskripte seit 1984 dort verwahrt werden: Hanna hatte sie in die Ver­einigten Staaten gebracht und in einem Schließfach der Citibank in der Kleinstadt Hicksville auf Long Island bei New York deponiert. Während der 90er-Jahre geschah nichts mit den Papyrusblättern. Sie blieben 15 lange Jahre im Schließfach, was ihnen allerdings nicht gut bekam. Die hohe Luftfeuchtigkeit von Long Island setz­te ihnen stark zu.

Sakrileg: Ein Händler lagerte den Schatz im Eisfach ein

Erst Anfang 2000 fand Hanna eine Käuferin: die Zürcher Antiquitätenhändlerin Frieda Tchakos-Nussberger. Sie bezahlte für die mittler­weile stark beschädigten Handschriften ins­gesamt 300000 Dollar. Die tüchtige Geschäfts­frau, nach der die italienische Polizei gelegentlich wegen Ungereimtheiten im Kunsthandel gefahn­det hatte, versuchte nun ihrerseits, die antiken Bücher abzusetzen. Zunächst wandte sie sich an die Beinecke-Bibliothek der Yale University. Yale winkte ab – der Kurator hatte offenbar Be­denken wegen der ungeklärten Herkunft.

Dennoch schloss Frau Tchakos-Nussberger im September 2000 einen Vertrag mit dem ameri­kanischen Kunsthändler Bruce Ferrini ab, wohn­haft in der Stadt Akron, Ohio. Ferrini verpflich­tete sich, bis Anfang 2001 2,5 Millionen Dollar für den Codex an Frau Tchakos-Nussberger zu be­zahlen. Doch bald war der Traum vom großen Geld vorbei, denn Ferrini musste Insolvenz an­melden. Nun verlangte die Verkäuferin die unbe­zahlten Manuskripte zurück und erhielt sie auch. Allerdings nicht vollständig, wie sich herausstell­te. Nach Berichten von US-Zeitungen hatte Ferrini Teile davon bereits weiterverkauft. Im April 2006 fand man sogar mehrere Blätter in einem Schließfach in Akron.

Das Schlimmste war jedoch, dass Kunsthändler Ferrini Ende 2000 die empfindlichen Papyri eine Zeitlang im Gefrierfach seines Kühlschranks zwischengelagert hatte! Diese Dummheit hätte den morschen Handschriften beinahe den Rest gegeben. Zudem ließ er die Blätter fotografieren, was zusätzliche Schäden verursacht hatte. Ein schwacher Trost: Er schickte die Bilder an den amerikanischen Koptologen Charles W. Hedrick, und dieser erkannte wohl als Erster, dass einer der Texte das verschollene Judasevangelium war. Als korrekter Wissenschaftler verfasste Hedrick einen kurzen Bericht über den Fund und veröf­fentlichte ihn in Fachzeitschriften. Bald war die Nachricht auch im Internet. Warum viele Kolle­gen, die an der Pariser Konferenz im Jahr 2004 teilgenommen hatten, nichts davon wussten, bleibt rätselhaft. Doch nun zurück zur Geheimhaltung des Inhalts. Frieda Tchakos-Nussberger bekam zumindest den koptischen Co­dex von Ferrini zurück und stand wie­der vor dem Problem, was mit dem Ma­nuskript geschehen sollte. Immerhin wusste sie mittlerweile, dass sie im Besitz eines »Judasevangeliums« war. Aber was damit machen? Jetzt ver­kaufte  sie   den   Codex  an   ihren Rechtsanwalt Mario Roberty, der, wie der Zufall es wollte, auch Grün­der der Maecenas-Stiftung in Basel war. Wohlgemerkt: Es handelte sich hier nach wie vor um illegal ausge­führte Schmuggelware. 2001  trafen Frau Tchakos-Nussberger und ihr Anwalt ein Abkommen mit Ägypten. Dies    besagte:   Die    Papyrusblätter gehören zwar dem Staat Ägypten und sollen bis 2009 an Ägypten zurückgege­ben und dort ausgestellt werden. Die Rechte für die Auswertung des schrift­lichen Inhalts sollten dagegen bis 2009 Maecenas-Stiftung eingeräumt werden.

Nachdem das Rechtliche geklärt war, fand Maecenas eine Organisation, die bereit war, an der Veröffentlichung des »Judasevangeliums« mit­zuwirken: die National Geographie Society. Laut der »Los Angeles Times« bezahlte die Society dafür eine Million Dollar zuzüglich einer Gewinn­beteiligung an Roberty. Dafür erhielt National Geographie die exklusiven Rechte für jegliche Veröffentlichung des Judasevangeliums.

Um diese Zeit wurden Professor Kasser und andere Mitglieder des Forscherteams mit der Konservierung und Übersetzung des Textes be­auftragt. Wegen der Exklusivität der Ansprüche mussten sie sich zur Geheimhaltung verpflichten. Die erste von Maecenas autorisierte Ankündi­gung fand auf der Pariser Konferenz im Juli 2004 statt. National Geographie trat erst im April 2006 bei einer Pressekonferenz in Washington an die Öffentlichkeit. Die Rede war von »einer der großen Entdeckungen des Jahrhunderts«, die das Christentum auf den Kopf stellen werde. Die Society hatte viel vor: eine Wanderausstellung, die bis 2009 weltweit besucht werden könne. Zu Ostern 2006 folgte eine Fernsehdokumentation. Kurz danach wurde das Thema zu einer Titel­geschichte in der eigenen Zeitschrift »National Geographie«. Und: Im April 2006 erschienen im eigenen Verlag zwei Bücher zum Thema. Schließ­lich sollte für die Fachleute eine wissenschaftliche Ausgabe entstehen. Ist nun das Judasevangelium die große Entdeckung, wie auf der Pressekonferenz behauptet?

Um dies zu beantworten, wäre es angebracht, den Inhalt etwas näher zu untersuchen. Vorab muss man aber betonen, dass dieses Werk weder ein Evangelium noch vom historischen Judas Ischariot geschrieben worden ist. Vielmehr ist es ein typisch frühchristliches Werk aus dem Umfeld der gnostischen Sektierer, das wahrscheinlich um das Jahr 150 n. Chr. entstand.

Der Text ist, trotz vieler Lücken in den Papyrus­blättern, noch ziemlich verständlich. Er beginnt drei Tage vor der Kreuzigung und spielt im engs­ten Kreis um Jesus und seine Jünger. Der Jesus dieses »Evangeliums« ist nicht jener aus den ka­nonischen Evangelien. Seine Liebenswürdigkeit, seine Bescheidenheit sind verschwunden. Hier eckt er an, ist besserwisserisch. Wenn die Jünger beim Brechen des Brotes beten, lacht er über­heblich und hält sie für dumm, weil sie einen »Demiurg« verehren und ihn für den Sohn die­ses Gottes halten. Allein Judas scheint den Hei­land zu verstehen. »Du bist vom unsterblichen Reich des Barbelo«, erklärt der kluge Judas. Barbelo war für die Gnostiker die Bezeichnung für eine Art Weltenmutter. Jesus ist mit dieser Aussage zufrieden, reagiert liebevoll auf Judas und erteilt ihm das Geheimwissen über die Beschaffenheit von Himmel und Erde. Auch über die Engel des Himmels klärt er ihn auf: »Der oberste Engel heiße Seth, heiße aber auch Christus« und stehe im Rang vor den Engeln Harmathoth, Galila, Jobel, Adonaios und ande­ren – eindeutig gnostisches Gedankengut.

Nun verkündet Jesus, dass Judas bald einen eigenen Stern bekommen werde. Die Gnostiker glaubten, dass jeder vergeistigte Mensch in einen Stern verwandelt werde. Die anderen Jünger werden jedoch nicht in Sterne verwandelt, denn sie seien zu sehr Geschöpfe der materiellen Welt. Allerdings müsse Judas für diese hohe Ehre ei­nen ebenso hohen Preis bezahlen: Jesus habe ihn nämlich als den auserwählt, der ihn an den Feind übergebe. Jesus erklärt: »Du wirst sie alle über­treffen. Du wirst den Mann opfern, der mich kleidet. « Damit meint Jesus, dass Judas keinen wahren Verrat leiste, er lasse vielmehr die be­deutungslose stoffliche Hülle – sprich den irdi­schen Körper des Heilands – töten, um den rei­nen Geist zu befreien und himmelwärts steigen zu lassen. Im letzten Satz des kurzen Werkes liest man: »Und er empfing ein wenig Geld und lieferte ihn ihnen aus. «

Judasevangelium: Heiße Ware für Bibelfans -oder nur heiße Luft?

Das ist, kurz gefasst, der Inhalt des Judas­evangeliums. Für die Wissenschaft enthält es keine revolutionären Neuigkeiten. Immerhin ist es O-Ton der Kainiter des 2. Jahrhunderts und insofern eine wichtige Ergänzung unseres Wis­sens über das Frühchristentum. Dennoch: Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet ein antikes Werk über den Menschen, der Jesus für 30 Silberlinge verraten hat, zum Gegenstand von Geschäften in Millionenhöhe wurde. Dennoch lässt sich die Wiederauferstehung des Judas­evangeliums positiv deuten: Es löste eine Diskussion darüber aus, wie man heute mit kul­turellen Werken umzugehen hat. In der globali­sierten Welt ist dies kein Randthema.

Kürzlich forderten 100 Historiker und Archäo­logen in der Zeitschrift »Biblical Archaeology Review« klare Verhaltensregeln im Umgang mit antiken Werken. Das Problem sei jedoch ambivalent, räumten sie ein: Einerseits können wert­volle historische Zeugnisse verloren gehen, wenn man nicht auf Angebote von Schmugglern ein­gehe. Doch bezahle man Geld an zwielichtige Händler, billige man ihre illegalen Methoden. Ei­ne einfache Antwort hierzu gibt es nicht. Im Fall des Judasevangeliums kann man sogar sagen: Die Maecenas-Stiftung hat den Codex wohl vor einem noch schlimmeren Schicksal bewahrt. Im Mai 2006 stand bei eBay nämlich folgendes Angebot: »Bruchstücke eines antiken kopti­schen Papyrusblattes, beidseitig beschrieben«.

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