Christentum

Jesus Leben

Der Mann aus Nazareth 

jesusKaum eine historische Persönlichkeit wird so intensiv erforscht wie Jesus. Dieser Bericht versucht darzustellen, wie er zur Welt kam, lebte, lehrte und starb.

DİE ZEİT VON KÖNİG DAVID

Nazareth ist im ersten vorchristlichen Jahrhun­dert ein unbedeutendes Dorf Staubige Straßen, eine Ansammlung einfacher Häuser, ein Korn­speicher, das war’s. Und ausgerechnet dieses galiläische Nest wird Schauplatz eines höchst außergewöhnlichen Ereignisses, das die Ge­schichte nachhaltig beeinflussen sollte. Der Jung­frau Maria erscheint ein Engel und teilt ihr mit: »Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. « Maria entgegnet: »Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? « Der Engel antwortet ihr: »Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Gottes Sohn genannt werden. « So weit der Bericht des Evangelisten Lukas.

Und so geschieht es denn: Die Heilige Jungfrau wird schwanger durch den Heiligen Geist – via »unbefleckter Empfängnis«, Die nun entstande­ne Konstellation erinnert an moderne Patchwork-Familien: Maria bekommt ein Kind, doch es ist nicht von ihrem Verlobten Joseph. Obwohl der zunächst zögert, erklärt er sich schließlich bereit. es aufzuziehen – das zumindest berichtet der Evangelist Matthäus. Als ein Engel Joseph auf­fordert, Maria zur Frau zu nehmen und dem Kind den Namen Jesus zu geben, fügt er sich seinem Schicksal. Nach jüdischer Auffassung macht er Jesus durch die Namensgebung zu seinem recht­mäßigen Sohn.

All das klingt ziemlich konstruiert. Wozu ein Vater, der doch nicht der Vater ist? Hätte es nicht genügt, Jesus als Sohn der Maria ins Leben tre­ten zu lassen? Die Antwort lautet: nein. Jesus ist nicht irgendein Kind, er ist der Messias. Und Mes­sias kann nur einer sein, der ein Nachkomme der israelitischen Stammväter ist. Als Marias Sohn wäre er ein No-Name. denn in der jüdischen Genealogie zähl! die weibliche Linie nicht. Fazit: Jesus braucht einen irdischen Vater aus Fleisch und Blut – für den Stammbaum.

Der passende Vater war Joseph, in diesem Punkt sind sich Matthäus und Lukas, die beiden Evan­gelisten, die über die Herkunft Jesu berichten, einig. Beide beschreiben detailliert Ahnenreihen, die zurückreichen bis zu den Wurzeln des Volkes Israel. Matthäus führt drei mal 14 Generationen an, die mit Abraham beginnen, dem Stammvater der Israeliten: Lukas listet 77 Generationen auf, die zurückgehen auf Adam, den ersten Menschen, und damit auf Gott, in beiden Genealogien ist der legendäre König David ein direkter Nachkomme dieser frühen Ahnherren. Allerdings folgt bei Matthäus auf David dessen Sohn Salomon. bei Lukas ist es der weise Nathan. Von diesem Punkt an entwickeln sich die beiden Stamm-Bäume in unterschiedliche Richtungen: Es fol­gen lange Aufzählungen von Namen der Kinder, Kindeskinder. Ur- und Ur-Urenkel. Verblüffen­derweise kommen die beiden Linien beim letz­ten Glied, nämlich bei Joseph, wieder zusammen. Die Bibel überliefert »einen Stammbaum des Messias, der selbst für Bibelkundige auf weiten Strecken einer Versammlung von absolut un­bedeutenden Charakteren gleichkommt«, urteilt der Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann.

 

Farbtupfer in dieser über weite Strecken blas­sen Männerriege sind die Frauen. Matthäus nennt vier von ihnen namentlich, als erste die Kanaaniterin Tamar. Sie wurde mit Er verheiratet, dem äl­testen Sohn von Juda, einem Urenkel Abrahams. Aber Tamar hatte Pech: Durch den frühen Tod Erst wurde sie zur Witwe und war fortan ver­pflichtet, keusch und zurückgezogen zu leben. Die einzige Möglichkeit, doch noch Kinder zu bekommen, lag in der »Schwagerehe«. Tamar be­drängte ihren Schwiegervater, ihr seinen zweit­geborenen Sohn Onan zu geben. Onan war davon nicht begeistert, denn er wusste, dass die Kinder, die er mit Tamar zeugen würde, rechtlich nicht ihm, sondern seinem toten Bruder gehörten.

Das Alte Testament berichtet im 1. Buch Moses, Onan habe, »sooft er zur Frau seines Bruders ging, den Samen zur Erde fallen und verderben (lassen), um seinem Bruder Nachkommen vorzuenthalten«‘. Der Trick funktionierte: Tamar wurde nicht schwanger. Onan zog durch sein Verhalten jedoch den Zorn Gottes auf sich. »Was er tat, missfiel dem Herrn, und er ließ auch ihn sterben. « Tamar setzte nun ihre Hoffnung auf den jüngsten und letzten der drei Brüder, doch Juda wollte nicht auch noch diesen Sohn verlieren.

Tamar, noch immer nicht bereit, auf ihren Kinderwunsch zu verzichten, bediente sich einer List: Sie verkleidete sich als Dirne und machte ihrem Schwiegervater – der mittlerweile selbst verwitwet war – ein unmissverständliches An­gebot. Juda, der seine Schwiegertochter nicht erkannte, nutzte die Gelegenheit. Als Lohn ver­sprach er der vermeintlichen Dirne ein Ziegen-Böckchen. Diese verlangte zwischenzeitlich ein Pfand: seinen Siegelring und seinen Stab. Am nächsten Tag schickte Juda einen Freund mit dem Ziegenböcklein los, doch der konnte die Dirne nirgends finden.

Drei Monate später meldete man Juda, seine Schwiegertochter habe Unzucht getrieben und sei schwanger. Empört befahl er, die Sünderin zu verbrennen. Tamar rettete sich, indem sie Juda Siegelring und Stab schickte – mit der Botschaft: »Von dem Mann, dem das gehört, bin ich schwan­ger. « Dem Schwiegervater blieb nichts anderes übrig, als sie zu begnadigen. Einige Monate spä­ter brachte Tamar Zwillinge zur Welt und nann­te sie Perez und Serach.

Die zweite Frau, die Matthäus erwähnt, ist Rahab. Auch sie ist eine Kanaaniterin. Mitglied eines in den Augen der Israeliten ungläubigen Volkes. Den Gesetzen des Moses zufolge müs­sen die Kanaaniter vernichtet werden, vom Heiraten wird ausdrücklich abgeraten. Aber Rahab ist nicht nur Heidin, sondern auch noch Prostituierte. Und doch spielt ausgerechnet sie in der Genealogie des Messias eine entschei­dende Rolle.

Das Schicksal Rahabs schildert das Alte Testa­ment im Buch Josua; Hintergrund dieser Ge­schichte ist die Eroberung des Westjordanlands und der legendären Stadt Jericho. Bevor Josua. der Nachfolger von Moses, mit seinen Truppen den Jordan überschritt, schickte er Kundschafter in die Stadt, um herauszufinden, wie Jericho am besten zu besiegen sei. Die beiden machten Quar­tier im Haus der Dirne Rahab – ob nur ihre Mis­sion sie dorthin lenkte oder ob sie auch andere Absichten hatten, ist nicht überliefert. Die An­kunft der Fremden sprach sich in Jericho schnell herum, und schon bald standen Gesandte des Königs vor Rahabs für, um die Herausgabe der feindlichen Spione zu fordern.

Rahab heuchelte Unschuld: Sie wisse von nichts, und die Fremden hätten ihr Haus längst verlassen – tatsachlich lagen sie ver­steckt unter den Flachsstängeln auf ihrem Dach. In der Nacht half sie den beiden bei der Flucht. Als Gegenleistung versprachen die Kundschafter Rahab, sie und ihre ge­samte Familie bei der bevorstehenden Erobe­rung Jerichos zu schützen. Sie hielten Wort: Als am siebten Tag der Belagerung die Pries­ter in ihre Hörner bliesen und die Mauern von Jericho fielen, befahl Josua: »Die Stadt mit allem, was in ihr ist, soll zu Ehren des Herrn dem Un­tergang geweiht sein. Nur die Dirne Rahab und alle, die bei ihr im Haus sind, sollen am Leben bleiben. « So steht es im Alten Testament.

Im Neuen Testament taucht Rahab an der Sei­te eines gewissen Salmon wieder auf, einem Ur-Ur-Urenkel von Perez, dem Sohn der Tamar. War dieser Salmon vielleicht einer der Kund­schafter, denen Rahab das Leben gerettet hat? Möglich. Matthäus verrät nur, dass Rahab und Salmon einen Sohn hatten, den sie Boas nannten. Der wiederum ist der Urgroßvater König Davids. Rahab. die Prostituierte, wurde damit zur Ahn­herrin des großen Königsgeschlechts! Diese Kar­riere verblüfft sogar Theologen: »Das erstaun­lichste Wagstück der Bibel im Umgang mit der Rahab-Erzählung ist wohl dies, dass es das Mat­thäusevangelium fertig bekommt, der Geschich­te der Dirne von Jericho einen entscheidenden Platz im Stammbaum des Messias Israels ein­zuräumen«, schreibt Eugen Drewermann in sei­nem Buch »Die Botschaft der Frauen«.

Verblüffend ist auch die Geschichte der dritten Frau, Ruth. Sie war Moabiterin und damit für die Israeliten ebenfalls eine Ungläubige. Ihrem Schicksal widmet das Alte Testament ein eigenes Kapitel: das Buch Ruth. Die Heldin war verhei­ratet mit einem Israeliten aus Bethlehem, der während einer Hungersnot ins Land der Moabiter ausgewandert und dort verstorben war. Nach seinem Tod kümmerte sich Ruth um ihre Schwie­germutter Noomi. Als diese in ihre Heimatstadt Bethlehem zurückkehren wollte, ging Ruth mit ihr: »Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo

Drei Frauen mit abenteuerlicher Vorgeschichte finden sich im Stammbaum des Messias, du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. «

In Bethlehem angekommen, ging Ruth auf die Felder, um die Ähren aufzusammeln, die bei der Ernte liegen geblieben waren. Ihr Fleiß fiel dem Gutsbesitzer schnell auf. Noomi nutzte die Gunst der Stunde, um Ruth mit ihm zu ver­kuppeln – wie es der Zufall wollte, war dieser Gutsherr kein Geringe­rer als Boas, der Sohn Rahabs und Salmons. Noomi gab ihrer Schwie­gertochter den Rat, unbemerkt in das Bett des Boas /u schlüpfen. »Wasch dich, salbe dich, und zieh dein Obergewand an, dann geh zur Tenne! Zeig dich aber dem Mann nicht, bis er gegessen und getrunken hat. Wenn er sich niederlegt, so merk dir den Ort. wo er sich hinlegt. Geh dann hin. deck den Platz zu seinen Füßen auf, und lege dich dorthin! Er wird dir sagen, was du tun sollst. « Wie zu erwarten, war der schon betagte Boas gerührt von der Hingabe der jungen Frau und hei­ratete sie. Aus dieser Verbindung stammt Obed, der Großvater König Davids.

David ist eine der schillerndsten Persönlich­keiten des Alten Testaments: Als kleiner Junge überwand er den Riesen Goliath mit der Stein­schleuder. Später wurde er König des Stammes Juda. Und nachdem er alle seine Feinde besiegt hatte, herrschte er 40 Jahre lang über die zwölf Stämme Israels. Er wurde zum Begründer des Königshauses und zum Inbegriff der Befreiung des jüdischen Volkes.

Doch der große König hatte auch dunkle Sei­ten: So verführte David eines schönen Tages die Frau seines Generals Uria. der gerade an einem Feldzug teilnahm. Als Bathseba. so hieß die Geliebte, schwanger wurde, räumte David den Konkurrenten aus dem Weg, indem er ihn auf ein Himmelfahrtskommando beorderte. Uria fiel, und David heiratete Bathseba. Doch Gott ließ das Verbrechen nicht ungesühnt: Das Kind, das Bathseba dem König schenkte, wurde krank. David fastete und büßte vergeblich. Als es den­noch starb, schlief er noch einmal mit Bathseba, und schon bald brachte sie wieder einen Sohn zur Welt: Salomon.

Ist es Zufall, dass gerade Tamar, Rahab, Ruth und Bathseba im Stammbaum Jesu auftauchen? Eugen Drewermann vermutet, dass Matthäus ab­sichtlich Heiden, Ausländer und niedrige Gesell­schaftsschichten mit einbezog: Der Evangelist habe so den Weg bereitet für das Auftreten des Messias, der nicht mehr strafte und richtete, son­dern Vergebung brachte. »Die einzige Heils­geschichte, die es wirklich gibt, setzt sich zusam­men aus Schicksalen nach Art der Tamar. Rahab. Ruth und Bathseba; dass dies so ist. rechtfertigt wohl allein die Hoffnung, dass schließlich auch Menschen wie wir vom Heile Gottes nicht aus­geschlossen sind. «

Auffällig ist allerdings, dass die Außenseiter­rolle immer den Frauen zugedacht wurde. Hatte Matthäus ein Problem mit Frauen? Wir wissen es nicht. Vielleicht war er einfach nur Pragmatiker: Um zu zeigen, dass der Messias ein direkter Nach­komme Davids war, durfte er die väterliche, recht­lich entscheidende Erbfolge nicht durchbrechen. Das »Fremde« ließ sich nur über die weibliche Linie integrieren. Nur Matthäus wagt sich an die­ses Thema heran: In der Genealogie des Lukas kommen überhaupt keine Frauen vor.

Die fünfte und letzte Frau im Stammbaum des Matthäusevangeliums ist Maria, die Mutter des Messias. In gewisser Weise steht auch sie mit ihrem unehelich gezeugten Kind in der Tradition der Außenseiterinnen. Hatte sie etwas zu verber­gen? War sie vielleicht eine Prostituierte? Oder wurde sie von ihrem Mann wegen Ehebruch ver­stoßen? Auf derart ketzerische Fragen findet man in der Bibel keine Antwort. Die Heilige Schrift schweigt beharrlich zur Vorgeschichte Marias. Nach christlicher Glaubensauffassung gilt ihre Jungfräulichkeit als Tatsache, die über alle Zwei­fel erhaben ist.

Während es im Alten Testament nur so wim­melt von Frauen, die mit beiden Beinen im Leben stehen und mit Tapferkeit oder List um ihr Glück kämpfen, wirken ihre Geschlechtsgenossinnen im Neuen Testament willenlos und vergeistigt. Lukas beschreibt Maria als »Magd des Herrn«, die ge­rade wegen ihrer einfachen Herkunft von Gott erwählt wurde, die Mutter des Erlösers zu wer­den. Als der Engel kommt, um ihr die Geburt von Jesus zu prophezeien, nimmt sie ihr Schicksal be­reitwillig hin – keine Diskussion, kein Protest.

Auch Elisabeth, eine Verwandte Marias – man­che Kommentatoren halten sie für eine Cousine – ist nicht gerade eine Kämpfernatur. Der Evan­gelist Lukas berichtet, sie und ihr Mann Zacharias hätten ein gottesfürchtiges Lehen geführt, dennoch blieb die Ehe kinderlos. Dank dem in­tensiven Gebet ihres Mannes schenkte der Herr ihr noch im hohen Alter ein Kind – den späteren Johannes den Täufer. Elisabeth war im sechsten Monat schwanger, als Maria sie besuchte. Noch sah man der künftigen Gottesmutter nichts an, doch Elisabeth erkannte sofort: »Gesegnet bis du mehr als alle ändern Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mut­ter meines Herrn zu mir kommt? In dem Augen­blick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. «

Drei Monate blieb Maria bei Elisabeth, dann kehrte sie nach Nazareth zurück. Und nun kam Joseph ins Spiel: Nach An­gaben des Evangelisten Matthäus war der Verlobte schockiert, als er Marias Schwan­gerschaft bemerkte und wollte sich unauffällig von ihr trennen. Doch da erschien ihm im Traum ein Engel, der ihn aufklärte: »Fürchte dich nicht. Maria als deine Frau zu dir zu nehmen: denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. « Joseph war ein gottesfürchtiger Mann und tat, was von ihm verlangt wurde. Viel mehr erfährt man im Neuen Testament nicht über ihn, doch das reicht: Die Patchwork-Familie ist perfekt, und damit erfüllen sich die Weissagungen des Alten Testaments.

Die Propheten hatten das Erscheinen eines messianischen Königs vorausgesagt, der von einer »Jungfrau« empfangen würde – so zumindest steht es in der griechischen Übersetzung des Jesaja-Textes. Tatsächlich könnte der Prophet ursprünglich auch »junge Frau« gemeint haben. Eine weitere Voraussage war die königliche Abstammung des Messias. Diese wurde durch die Vaterschaft Josephs erfüllt, was erklärt, warum die Evangelisten so großen Wert auf den Stamm­baum legten. »Nur vom Vater her war nach jüdi­scher Auffassung die davidsche Abstammung Jesu begründbar«, schreibt der Historiker Klaus Schreiner in seinem Buch »Maria – Leben, Le­genden, Symbole«.

Und doch gibt es ein Problem: Unbefleckte Empfängnis und Vaterschaft schließen einander aus. Dieser Widerspruch inspirierte einige from­me Autoren, den Stoff neu zu interpretieren. Das Ergebnis sind die apokryphen Schriften, denen zufolge Jesus über die mütterliche Linie mit dem Haus Davids verbunden war: Marias Vater Joachim soll ein Nachkomme des königlichen Geschlechts gewesen sein. Die Geschichte Marias ist im »Protevangelium des Jakobus« aus dem 2. Jahrhundert detailliert dargestellt: Joachim, verzweifelt darüber, dass seine Ehe mit Anna kinderlos geblieben war, ging in die Wüste und betete. Der Herr erhörte sein Gebet, und neun Monate später wurde ein Mädchen geboren. Die glücklichen Eltern gelobten, das Kind in den Dienst Gottes zu stellen.

Maria wuchs im Tempel auf. Als sie größer wurde, befürchteten die Priester, ihre beginnen­de Menstruation könnte den Tempel verunreinigen. Sie suchten daher einen Mann, der die Jung­frau in seine Obhut nehmen würde: Die Wahl fiel auf den greisen Joseph – er soll zu diesem Zeit­punkt bereits 90 Jahre alt gewesen sein. Joseph war völlig verzweifelt, als er erkannte, dass Maria schwanger war: Er machte sich Vorwürfe, sie nicht ausreichend beschützt zu haben. Erst der Engel im Traum konnte ihn beruhigen.

Der Engel bringt Maria die frohe Botschaft

 

Die Priester, die Maria in die Obhut Josephs gegeben hatten, waren nicht so leicht zu besänf­tigen: Das Paar musste das »Prüfungswasser des Herrn« trinken und so seine Unschuld beweisen. Tatsächlich lösen die apokryphen Schriften den alten Widerspruch auf elegante Weise: Jesus ist als Kind Marias ein Nachkomme Davids, und Joseph kann nicht der leibliche Vater sein, weil er zu alt ist.

Traditionelle Theologen halten die biblische Geschichte einfach für ein Wunder, das man glauben müsse. Kritische Geister argumentieren, die ganze Sache sei symbolisch gemeint und da­her nicht wörtlich zu nehmen. Möglicherweise war alles auch ganz anders. Der britische Alter­tumsgelehrte und Reform-Rabbiner Hyam Maccoby (1924-2004) hält den Familienstammbaum Jesu für ein reines Fantasieprodukt: »Die in zwei Evangelien eingeführten Genea­logien, die zeigen, dass Jesus durch seinen Vater von David ab­stammte, sind spätere Fälschungen, erfun­den, um die Behaup­tung zu stützen, Je­sus sei der Messias.« Maccobys Thesen sind allerdings nicht unum­stritten.

Wer also waren die Vorfahren Jesu? Maccobys verblüffen­de Antwort lautet: Pharisäer. Die so ge­nannten Schriftgelehr­ten verdienten ihren Lebensunterhalt als Handwerker. Sie waren überdurchschnittlich gebildet, konnten die Heilige Schrift lesen und interpretieren. Ihre Anführer wurden Rabbis genannt. Der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus, der später zu den Römern überlief, schätzt die Zahl dieser Laienführer zurzeit Jesu auf 6000. Ihre politi­sche Gesinnung war meist antirömisch. Der Zimmermann Joseph könnte einer von ihnen gewesen sein. Jesus wäre damit der Sohn eines Pharisäers und ein erklärter Gegner der Römer gewesen.

Zugegeben, das klingt sehr befremdlich – die Pharisäer erscheinen im Neuen Testament als die Erzfeinde von Jesus. Doch diese Feindschaft ist nach Ansicht Maccobys historisch nicht halt­bar: »Die Evangelien wurden 40 bis 80 Jahre nach dem Tod von Jesus geschrieben, als die Bedingungen ganz anders waren als jene, die zur Zeit Jesu herrschten. Außerdem wurden sie außerhalb Palästinas geschrieben, auf Grie­chisch, und von Autoren mit einem hellenisti­schen, nicht einem jüdischen Hintergrund. « Dass die Lebensgeschichte Jesu verzerrt dargestellt wurde, halte aber wohl auch politische Gründe: Zur Zeit der Evangelisten breitete sich das Chris­tentum im Römischen Reich aus. Da war ein die Römer hassender Jesus nicht opportun. Die Pha­risäer hingegen gaben ein dankbares und unver­dächtiges Feindbild ab.

Zurück zu Maria und Joseph. Kurz bevor das Christuskind zur Welt  kommt, berichtet Lukas, müssen sie nach Bethlehem gehen. »In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutra­gen (…) So zog auch Joseph von der Stadt Nazareth in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Da­vids, die Bethlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids.« Ob diese Wan­derung wirklich stattgefunden hat, lässt sich nicht nachweisen – in den römischen Chroniken steht nichts von einer Volkszählung zur Zeit der Geburt von Jesus. Möglicherweise ließ Lukas das Paar aus einem anderen Grund nach Bethlehem wandern: Den Voraussagen des Propheten Micha zufolge sollte hier die Wiege des Messias stehen: »Aber du Bethlehem-Efrata, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll. «

Für die Evangelisten gibt es damit keinen Zweifel mehr: Das Kind, das hier zur Welt kommt, ist der lang ersehnte Messias, griechisch »Christos«. Allerdings ist dieser Mann nicht der Freiheitskämpfer, auf den die Juden gewartet haben — der König, der in Davids Fußstapfen tritt, um im Hier und Jetzt gegen die Unter­drücker zu kämpfen. Der Messias des Neuen Testaments wird die Menschen spirituell befrei­en. Und er wird ihnen den Weg zeigen zu dem Verwandten, der ihm am meisten am Herzen liegt: seinem Vater im Himmel.

Damals, als in Rom Kaiser Augustus herrschte, lebte in Nazareth. Palästina, ein junges Mädchen namens Maria: sie war mit dem Zimmermann Joseph verlobt. Maria wurde schwanger, obwohl Joseph noch nicht mit ihr geschlafen halte. Doch ein Traum besänftigte dessen Eifersucht: Das Kind, so erzählt ihm ein Götterbote da, stamme von Gott. Just zu jener Zeit führten die Römer in Palästina eine Volkszählung durch. Alle mussten sich mit ihrer Familie an ihrem Familiensitz regist­rieren lassen. Die Sippe von Joseph stammte aus Bethlehem, und dorthin reiste er mit seiner hoch­schwangeren Verlobten. Weil die Herbergen über­füllt waren, übernachtete das Paar in einem Stall. Dort gebar Maria einen Sohn, und als Belieben für das Baby benutzte sie eine Futterkrippe. Kurz nach der Geburt besuchten Hirten den Neugebo­renen. Sie kamen, weil sie von einem ganzen Heer von Götterboten geschickt worden waren, die sie bei ihren Herden aufgeschreckt hatten.

Etwa zur gleichen Zeit machten sich drei weise Männer aus dem Orient auf nach Palästina. Sie hatten einen Stern gesehen, den sie als Zeichen ansahen, dass ein großer König gebo­ren wurde. Der Stern führte sie schließlich nach Bethlehem, wo sie dem kleinen Jesus ihre Reverenz erwiesen.

Verhängnisvollerweise hatten die Weisen zuvor König Herodes von dem Kind erzählt. Dieser sah in dem Kleinen einen Konkurrenten und wollte ihn loswerden. Weil er aber nicht wusste, welcher Neugeborene der Auserwählte war. ließ er in Bethlehem alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren ermorden. Jesus entging jedoch dem Mas­saker, weil seine Eltern von einem Götterboten gewarnt worden waren und nach Ägypten flohen. Sie kehrten erst nach Palästina zurück, als Herodes tot war, und lebten die nächsten Jahre relativ unauffällig in Nazareth, wo Joseph seine Werk­statt hatte.

Fast zwei Jahrtausende waren die Christen sicher, dass diese Geschichte stimmt. Doch seil gut 200 Jahren regen sich Zweifel. Der auf­geklärte Mensch mochte nicht mehr an Götter-Booten und magische Sterne glauben: der Biologe empfand eine »Empfängnis durch den Heiligen Geist« als Zumutung; und Historiker, die die Geschichte vom Kindermord erforschten, fanden lediglich Hinweise darauf, dass Herodes einige seiner eigenen Söhne tötete. Was steckt also wirk­lich hinter den Geschichten um Jesus?

Welcher der Evangelisten sagt die Wahrheit -und wo wurde Jesus wirklich geboren?

Historiker gehen die Sache an wie Detektive: Sie holen so viele Informationen wie möglich über Tatort und Tathergang ein und versuchen, die Umstände zu rekonstruieren. Ihre Spurensicherung ist die Archäologie, ihre Psycho-Experten sind die Literaturwissenschaftler und Theologen, ihre Zeugen aber sind die schrift­lichen Quellen der Antike.

Für die Geburt Jesu gibt es zwei »Zeugen«: die Evangelisten Lukas und Matthäus. Doch ihre Versionen stecken voller Widersprüche. Lukas er­zählt, dass Joseph und Maria in Nazareth wohn­ten und wegen der Volkszählung nach Bethlehem reisten. Acht Tage nach der Geburt reiste das Paar demnach weiter ins sieben Kilometer entfernte Jerusalem, wo der kleine Jesus wie alle jüdischen Kinder beschnitten wurde. Seine Eltern nannten ihn Jehoschua – Jesus ist die griechische Form des Namens. Danach kehrten sie nach Galiläa (also nach Nazareth) zurück, so Lukas. Ein Stern über dem Geburtshaus? Magier aus dem Morgenland? Flucht nach Ägypten? Kindermord? – Fehl­anzeige. Denn diese Angaben stammen von Matthäus. Der erzählt dagegen nichts von einer Volkszählung. Laut Matthäus waren Joseph und Maria in Bethlehem zu Hause. Erst als er mit seiner jungen Familie aus Ägypten zurückkehrte, ließ sich Joseph in Nazareth nieder, »weil er im Traum einen Befehl erhalten hatte«.

Auch die Zeitangaben helfen nicht weiter. Eine auffällige Sternenkonstellation gab es um 7/5 v. u. Z., Herodes der Große starb im Jahre 4 v. u. Z. Das würde zu den Berichten von Mat­thäus passen. Eine allgemeine Volkszählung fand zwischen 6 und 8 u. Z. statt (die Angabe unserer Zeitrechnung, die »Christi Gehurt« auf das Jahr l legt, hat keine historische Aussagekraft). Wir ha­ben für die Geburt Jesu also ein Zeitfenster von 7 v. u. Z. bis 8 u. Z. Wer hat denn nun aber Recht, Lukas oder Matthäus? Keiner von beiden, meint die Mehrzahl der Bibelwissenschaftler. Sie gehen davon aus, dass Jesus gar nicht in Bethlehem geboren wurde, sondern in Nazareth.

Begeisterte sich Jesus für das griechische Theater in Sepphoris?

Unsere Evangelisten waren keine Augenzeu­gen. Als sie zwischen 60 und 100 u. Z. ihre Evangelien zusammenschrieben, lag die Geburt Jesu ein Lebensalter zurück, seine Hinrichtung circa 40 Jahre. Was die Lehre Jesu anging, konn­ten sie sich meist auf ältere Notizen von Aus­sprüchen und Predigten stützen – deshalb stim­men diese Zitate in den verschiedenen Evangelien oft wörtlich überein. Doch was das Leben Jesu an­ging, waren die Evangelisten auf Erzählungen und Gerüchte angewiesen, die unter den frühen Chris­ten kursierten. Diese aber waren geprägt von der Vorstellung, dass der gekreuzigte Jesus auf­erstanden und ihren Gemeindemitgliedern er­schienen sei. Für sie gab es keinen Zweifel: Jener Jesus war der von den Propheten angekündigte Erlöser. Doch wenn er dieser Messias war, konn­te er kaum aus einem Kaff wie Nazareth kommen, das für Juden keine religiöse Bedeutung hatte. Nein! Nur eine Stadt war als Geburtsort würdig genug, die Stadt König Davids: Bethlehem, wie auch die Propheten lehrten.

Ähnlich schwierig wie die Geburtsgeschichte sind die spärlichen Angaben über die Jugend von Jesus. Es gibt zwar sogar antike »Kindheitsevange­lien« mit ausführlichen Schwanken vom kleinen Jesus – nur sind sie so spät entstanden (und so abstrus), dass sie für die Jesusbiografie keinerlei historischen Wert haben. Die Bibel überliefert nur eine Anekdote: Lukas erzählt von einer Wall­fahrt nach Jerusalem, bei der Jesus in der Syna­goge diskutiert haben soll, während ihn seine Eltern verzweifelt suchten. Eine Anekdote, die immerhin zeigt, dass er im jüdischen Glauben und Brauchtum erzogen wurde. »Doch die Welt, in der er aufwuchs, war längst keine rein jüdische mehr«, so der Historiker Garsten Peter Thiede.

Nazareth liegt in Galiläa, westlich vom See Genezareth. Seit Alexander dem Großen stand das Land unter griechischem Einfluss; im Jahr 63 v. u. Z. tauchten die Römer hier auf, geführt von Pompejus. dem Gegenspieler Caesars. Sie herrschten entweder durch Statthalter – das war der Fall für den Teil Palästinas, der als Judäa bezeichnet wurde, mit Jerusalem als jüdischer Hauptstadt. Oder sie stützten lokale Regenten, die von ihnen abhängig waren – wie Herodes den Großen (40-4 v. u. Z.) und seinen Sohn Herodes Antipas (4 v. u. Z.-39 u. Z.), der unter anderem über Galiläa ge­bot (siehe Karte Seite 47). Auf den Straßen wurde aramäisch ge­sprochen, in den Kasernen latei­nisch, in den Häfen griechisch.

In dieser kulturell vielfältigen Umgebung verlebte Jesus seine Kindheit und Jugend im Kreise seiner Geschwister (sein Bruder Jakobus sollte später die frühe Christengemeinde führen). Er wird im Betrieb seines Vaters mitgearbeitet haben. Josephs Berufsangabe in den Evangelien lautet – auf Griechisch – »tek-lon«, das heißt »Bauhandwer­ker«. Arbeit gab es genug auf einer Großbaustel­le in unmittelbarer Nachbarschaft von Nazareth: Sepphoris (Zippori). Herodes Antipas ließ die Stadt, die im Jahr 4 v. u. Z. bei einem Aufstand zerstört worden war, prächtig wieder aufbauen. Auch ein Theater wurde errichtet. War Jesus unter den Zuschauern der oft sehr derben griechischen Stücke? Später beschimpfte er seine Gegner oft als – laut griechischem Originaltext – »hypokri-tai«, »Heuchler« steht dann in den deutschen Bi­beln. Wörtlich heißt das aber: »Schauspieler«.

Wahrscheinlich besuchte Jesus eine Schule bei der Synagoge. Vielleicht wurde er auch von einem »Schriftgelehrten« unterrichtet; das waren die Gemeindeschreiber. die Hochzeiten oder Ver­käufe beurkundeten und das jüdische Recht kannten. Viele von ihnen waren religiöse Eiferer.

Das Judentum war damals in einer Krise. Wie konnte es sein, dass Fremde, Römer, Griechen, dieses – von Gott auserwählte! – Volk ausbeute­ten? Wanderpropheten traten auf, predigten den Weltuntergang. Einer von ihnen war Johannes, »der Täufer«, wie er genannt wurde. Er »trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften, und er lebte von den Heuschrecken und wildem Honig«, schildert ihn der Evangelist Markus. In kernigen Sätzen rief Johannes zur Umkehr auf: »Schlangenbrut – wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt? « Zeichen dieser Um­kehr war die Taufe im Jordan. Auch Jesus, mittler­weile Ende 20. gehörte zum Umfeld des Johan­nes, der in Judäa predigte, und ließ sich taufen.

Eben als Jesus seinen Kopf wieder aus dem Flusswasser hob, so erzählt Markus, kam eine Taube auf ihn herab. »Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: >Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden^« Der Neu-testamentler Jürgen Roioff sieht als wahren Kern dieser Geschichte: Jesus erfuhr ein »Berufungs­erlebnis«: seitdem hielt er sich offenbar für einen Gottgesandten Auch ein Aufenthalt in der Wüste mag den jungen Mann um die dreißig in seiner Mission bestärkt haben,

Wie Jesus als Aussteiger seine Mutter brüskierte und als Exorzist Dämonen austrieb

Jesus trennte sich von Johannes, zog in seine Heimat Galiläa, begann selbst zu predigen und Anhänger um sich zu scharen. »Als seine An­gehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen«, berich­tet Markus: »Sie sagten: >Er ist von Sinnen. <« Doch Jesus ließ »seine Mutter und seine Brüder«, nicht zu sich vor. »Das hier sind meine Mutter und meine Brüder«, sagte er und wies er auf sei­ne Anhänger.

Zu den ersten Jüngern – oder besser übersetzt: Schülern – gehörten die Fischer Simon (später wird er Petrus heißen) und Andreas. Simons Haus in Kapernaum wurde wahrscheinlich die »Basis­station« von Jesus. Archäologen haben die Fun­damente unter einer byzantinischen Kirche in Kapernaum identifiziert: das Haus war bereits zwischen 50 und 100 u. Z. zu einer Kirche umge­baut worden. Von hier aus reiste Jesus in die Ort­schaften der Umgebung, predigte, trieb Dämonen aus und heilte Aussätzige, Lahme und Blinde.

Jesus war damals nicht der Einzige, von dem Derartiges berichtet wird. Selbst in den Evange­lien ist von anderen erfolgreichen Wunderheilern die Rede, die die Jünger eifersüchtig als Konkur­renz betrachteten. Aus jüdischen Quellen kennen wir Rabbis, die angeblich Regen machen und Kin­der heilen konnten. Die Menschen der Antike waren noch nicht auf die Naturgesetze fixiert. Und nicht jeder Heiler galt als heilig – viel­leicht stand er ja auch mit dem Teufel im Bund? Auch gegen Jesus wurde dieser Verdacht laut. Doch richtig gefährlich erschien er so manchem Gegner erst, als sich herumsprach, er könne Tote auf erwecken…

Die Kunde von seinen Wundern zog natürlich Massen von Schaulustigen zu seinen Auftritten. Die Anhängerschaft wuchs. Der engere Kreis be­stand den Quellen zufolge aus zwölf Männern, entsprechend den zwölf Stämmen Israels. Sie be­gleiteten Jesus immer auf seinen Wanderungen, bereiteten seine Auftritte vor. hielten aber auch – so weit möglich – ihr Familienleben aufrecht. Zum weiteren Kreis der Jünger gehörten zudem Frauen – wie Maria Magdalena. Sie versorgten die Gruppe mit Geld und Lebensmitteln.

Was verband Jesus mit den Pharisäern – und wer waren seine wahren Gegner?

Jesus war kein Asket: «Johannes der Täufer ist gekommen, er isst kein Brot und trinkt keinen Wein und ihr sagt: Er ist von einem Dämon be­sessen. Der Menschensohn ist gekommen, er isst und trinkt; daraufsagt ihr: dieser Fresser und Säu­fer, dieser Freund der Zöllner und Sünder« (Lu­kas 7.33 ff.), hält Jesus seinen Kritikern einmal entgegen. Jesus ein »Fresser«? Hatte er einen Schmerbauch? Wir wissen über sein Aussehen ebenso wenig wie über seine Gewohnheiten und seinen Charakter. Auch die Reiseroute von Jesus lässt sich nicht rekonstruieren und nicht die Dau­er seines Wirkens. Waren es nur ein paar Monate vom ersten Auftreten bis zur Hinrichtung? Das würde den Evangelien von Lukas. Markus und Matthäus entsprechen. Oder waren es mehrere Jahre, wenn Johannes Recht hat? Jedenfalls war es lange genug, um viele Anhänger zu gewinnen, sich aber auch eine Menge Feinde zu machen.Dabei blieb das, was Jesus predigte, durchaus im Rahmen des damaligen Judentums – inklusive Feindesliebe. Seine Lehren zeigen ihn irgendwo zwischen den einflussreichen religiösen Gruppen, die damals das Judentum prägten. Am nächsten stand er wohl den Pharisäern. Das waren religiöse Eiferer, Nichtpriester, die die meisten der Geset­ze sehr streng auslegten. Penibel achteten sie auf Waschvorschriften. »Reinheit« war ihnen beson­ders wichtig. Sie glaubten an ein Weltende und eine Auferstehung der Toten. Jesus teilte viele ihrer Ansichten, doch kritisierte er ihre zu me­chanische Einhaltung der Regeln. Ihm ging es mehr um innere Reinheit und Wahrhaftigkeit.

Eine extreme religiöse Sekte bildeten die Essener. Zu ihnen gehörte wahrscheinlich die Gemeinde von Qumram am Toten Meer, die die berühmt gewordenen Schriftrollen sammelte, die zwischen 1947 und 1956 in einer Höhle entdeckt wurden. Die Essener hielten sich für die »Söhne des Lichts«, die beim kommenden Weltgericht zu den Auserwählten gehörten. Sie verstanden sich als priesterlich-mönchische Elite; ihnen lag nichts daran, den Massen zu predigen. Auch Motive aus ihrer Gedankenwelt finden sich in den Predigten Jesu, etwa die »starke Gewichtung der Königs­herrschaft Gottes«, so Jürgen Roioff.

Die politisch mächtigste Gruppe waren die Sadduzäer, die vom alten jüdischen Priesteradel und reichen Familien dominiert wurden. Ihr Zentrum war Jerusalem, ihre religiösen Vorstel­lungen waren altmodisch, und der Gedanke an eine Auferstehung lag ihnen fern. Mehr als den meisten Juden lieb war, arrangierten sie sich mit Griechen und Römern.

Dagegen predigten die Zeloten – eine weitere Gruppe – den bewaffneten Kampf gegen die Be­satzer. Auch unter den engsten Jüngern Jesu wa­ren Zeloten. Von Jesus selbst sind aber keine Pre­digten oder Aufrufe gegen die Römer oder ihren Freund Herodes Antipas überliefert (anders als von Johannes dem Täufer). Die Residenzstädte des Herodes, Sepphoris undTiberias in Galiläa, mied er offenbar. Dass Jesus von den Römern hingerichtet wurde, hat­te andere Ursachen als seine Predigten. Seine Kreuzigung ist nur zu verstehen, wenn man sich die letzten Wochen un­mittelbar davor vergegenwärtigt, als Jesus von Galiläa nach Judäa hinaufzog, um schließlich in Jerusalem das Passahfest zu begehen.

Ein Terrorist? Er sprach davon, den Tempel zu zerstören – das machte Jesus höchst verdächtig

Auf einer Eselin ritt Jesus laut den Evangelien in die Stadt hinein, und eine große Menge jubelte ihm zu und begrüßte ihn als Davidssohn. Die Eselin ist ein interessantes Detail: Für kriti­schere Forscher ist es eine nachträgliche Aus­schmückung, um das Leben Jesu auf Messias-Prophezeiungen hin zurechtzufrisieren, in denen von einem solchen Lasttier die Rede ist. Für Gläubige ist es Vorsehung, dass Prophezeiung und Geschichte zusammenpassen. Doch Jesus kannte die Prophezeiungen – hat er bewusst eine Eselin bestellt, um sich als Messias darzustellen? Jedenfalls wird sein Einzug den Behörden nicht unbemerkt geblieben sein.

Die Hauptstadt war in diesen Tagen regelmäßig überfüllt. Bis zu 300000 Pilger drängten sich hin­ter den Stadtmauern, schätzt der Oxforder Histo­riker Ed Parish Sanders. Die Juden gedachten mit dem Fest der Befreiung aus der ägyptischen Skla­verei. Freiheit – das war eine Parole, die sich leicht gegen die Römer richten konnte. Präfekt Pontius Pilatus, der um 26 bis 36 u. Z. amtierte, war eigens von seiner Residenz in Caesarea in die Stadt gekommen, um im Fall des Falles vor Ort zu sein. Auch der Hohepriester Kaiphas (Amtszeit: 18-37 u. Z.), für die Ordnung in der Stadt ver­antwortlich, war auf der Hut. Einen, der sich als »Messias« ausgab, konnte man während der Feiertage am allerwenigsten gebrauchen. Und die Auftritte von Jesus bestätigten die schlimmsten Befürchtungen.

Gewaltsam, so schildern es die Evangelisten, trieb Jesus die Händler, die Opfertiere verkauf­ten, aus der Vorhalle des Tempels hinaus. Fr droh­te angeblich sogar, er wolle den Tempel zerstören: »Kein Stein soll auf dem anderen bleiben! « Für die Sadduzäer war Jesus damit so etwas wie ein Terrorist. Der Tempel war für sie das Heiligtum aller rechtgläubigen Juden: Priester wie Kaiphas lebten zudem ganz gut von den Einnahmen, die dieses Heiligtum brachte. Es gab keine Alterna­tive: Dieser Jesus musste weg. Allerdings war Vor­sicht geboten: Eine offene Festnahme im Kreis der Anhänger konnte in der überreizten Stadt leicht zum Aufruhr führen. Wie gut, dass unter den Jüngern ein Verräter war: Judas Ischariot.

Viele Motive für einen Verrat sind denkbar. War Judas ein Zelot, der enttäuscht war, weil Jesus nicht gegen die Römer predigte und kämpf­te? War Judas vielleicht ein Sozialrevolutionär, der verbittert wurde, als Jesus sich die Beine mit sündteurem Nardenöl salben ließ, statt es zugunsten der Armen zu verkaufen? Oder war es am Ende nur die profane Habgier, die den Judas trieb? Für den Judaslohn, die »30 Silberlinge« (Doppeldrachmen), bekam man damals immer­hin acht Schafe.

Vor der Verhaftung wurde gegessen. Judas war da und die engsten Freunde. Es gab gebratenes Lamm, Brot und Wein. Während des Mahles brach Jesus »das Brot und sagte: >Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis. « Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sprach: >Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis. « Die Worte Jesu beim Abendmahl linden sich schon in der ältesten überlieferten christlichen Schrift, einem Paulus­brief. Ihre mutmaßliche Bedeutung ist einer der zentralen Streitpunkte zwischen Katholiken und Protestanten – bis heute. Für gläubige Katholiken verwandeln sich Brot und Wein in Leib und Blut Christi, während der Priester diese Worte spricht. Für Protestanten ist das Abendmahl ein rein sym­bolischer Akt.

Verraten, verlassen, verurteilt – doch wer war wirklich für die Hinrichtung verantwortlich?

Nach dem Mahl machte Jesus einen Spazier­gang auf den Ölberg, nur von seinen engsten Freunden begleitet. Draufhatte Judas gewartet

– hier übergab er Jesus den Schergen der Tem­pelpriester. Noch in der Nacht wurde er zum Ver­hör in das Haus des Kaiphas gebracht. Dort hat­ten sich Mitglieder des Synhedrions versammelt

–  das war die Versammlung aus Priestern und Laien, die in Jerusalem Recht sprach. Man warf Jesus vor. er plane, den Tempel zu zerstören, und gebe sich als Sohn Gottes aus. Für Kaiphas und seine sadduzäischen Freunde war er damit der Gotteslästerung überführt – und todeswürdig. Doch die Juden durften selbst keine Todesurteile fällen, das Rechtsland nur der römischen Besatzungsmacht zu. Also überstellten sie ihn dem Statthalter Pilatus. Für ihn formulierten sie die Anklage um: Jesus wolle sich zum König der Juden aufschwingen, er stelle folglich eine Gefahr für die römische Herrschaft in Palästina dar.

»Die Gerichtsverhandlung fand öffentlich statt, unter freiem Himmel, vermutlich vor dem hero-dianischen Palast, in dem Pilatus während seines Aufenthalts in Jerusalem residierte. Dort stand der Richterstuhl«, beschreibt Jürgen Roioff die Szenerie. Die Evangelien berichten, wie der Rö­mer Jesus verhörte und immer wieder zögerte, ein Urteil zu sprechen. Angeblich wollte er Jesus gar nicht hinrichten und beugte sich nur dem Druck der Menge und der Hohepriester.

Tatsächlich kennen die Historiker Pilatus als brutalen Regenten, der des öfteren Leute ohne ordentliche Gerichtsverhandlung hinrichten ließ. Warum sollte er ausgerechnet bei Jesus Skrupel gehabt haben, in einer Zeit, in der Härte und Ab­schreckung angebracht waren? Es liegt nahe, dass die Berichte tendenziös sind. Indem die frühen Christen Pilatus moralisch entlasteten, schützten sie ihre eigene Gemeinde. Denn wäre Jesus von Pilatus regulär als Staatsfeind hingerichtet wor­den, wären auch sie selbst von Rom als seine Anhänger verfolgt worden.

Pilatus sprach schließlich das Todesurteil. Und an diesem Freitagmittag wurde Christus am Kreuz hingerichtet. Ein qualvoller Tod. Man leg­te die Leiche noch am selben Tag in das Familien­grab, das ein reicher Sympathisant des Nazareners zur Verfügung stellte. Historiker haben aus den Angaben über Feiertage und Wochentage ein halbwegs wahrscheinliches Datum rekonstruiert. Wenn sie Recht haben, war es der 14. Nisan des Jahres 30 oder nach unserer Rechnung der 7. April dieses Jahres. An diesem Tag endete das Leben des Menschen Jesus von Nazareth. laut Lukas gegen 15 Uhr. Seine Todesstunde war zugleich die Geburtsstunde einer Weltregion -des Christentums.

Maria Magdalena

 

Maria Magdalena hat ei­nen Sohn, und der Vater soll Jesus gewesen sein. Ein tatsächliches Sakrileg also? Was wissen wir über diese geheimnisvolle Frau? War sie die Ge­liebte des Messias? Seine Gattin, eine von vielen Anhängerinnen, ein weiblicher Apostel? Begeben wir uns etwa 2(X)0 Jahre zurück, um der Spur einer außergewöhnlichen Frau durch die Jahrhunderts zu folgen…

»Ich gehe zum Vater«, hatte Jesus beim Abend­mahl gesagt. Alle hatten zusammen am Tisch ge­sessen, Brot gegessen und Wein getrunken – wie so oft zuvor. Und doch war diesmal alles anders. Maria Magdalena konnte ihre Tränen nur müh­sam unterdrücken, so endgültig klangen die Wor­te von Jesus. Alle außer Judas waren nach dem Essen in den Garten gegangen. Kühl war es im Frühling in Judäa. In der Dunkelheit, an einen 01-baum gelehnt, dachte Maria Magdalena über ihr Leben nach und über das von Jesus, der ihr noch immer so nah war. Sie wusste, dass sie ihn verlie­ren würde. Sie sah ihn an. Wie gern würde sie ihn in den Arm nehmen. Aber er würde seinen Weg gehen müssen. Allein.

Maria Magdalena überlegte, wie ihr Leben war. bevor sie Jesus kennen gelernt hatte. Was hatte sie zurückgelassen? Ihre Heimat Magdala fiel ihr ein, die Stadt am Westufer des Sees Genezareth in der Nähe von Tiberias; der Duft nach den Waren der Händler: Myrrhe, Sandelholz, Balsam. Olivenöl; der Geruch nach Wasser und Fischen, aber auch nach Wüste, Schafen, Kamelen und Männern, die viel Zeit unterwegs verbrachten. Die Griechen hatten das Gebiet lange besetzt, und von ihrer Kultur war etliches übrig geblieben.

Eigentlich hieß Maria Mirjam. nach der Pro­phetin aus dem Alten Testament. Und da so viele Frauen Maria genannt wurden, hatte diese Maria später einen zweiten Namen bekommen: Maria aus Magdala – Maria, die Magdalenerin. Sie hat­te keine männlichen Verwandten. Sonst wäre sie Maria, Mutter des Josef, Frau des Jakob oder Tochter des Simon gewesen, denn Frauen wurden über ihre männlichen Verwandten identifiziert.

Damals, als sie Jesus kennen gelernt hatte, war Maria sehr krank. Es fühlte sich an, als ob sie Dämonen im Leib hätte, und das sagten die an­deren in der Stadt auch zu ihr. Immer wenn Men­schen unter merkwürdigen Krankheiten litten, waren Dämonen im Spiel, das glaubte man seit jeher. Und manchmal hatte man Glück und traf auf einen, der sie austreiben konnte. So war es mit Jesus gewesen. Sieben Dämonen waren es. von denen er sie befreit hatte: seither ging es ihr gut. Und seither folgte sie Jesus, zusammen mit ande­ren Frauen und Männern, und diente ihm, so gut sie konnte.

Alle, die an Jesus und seine Aufgabe glaubten. hatten ihr Vermögen der Gruppe zur Verfügung gestellt. Vor allem Maria, Susanna und Johanna trugen zum Lebensunterhalt der Jünger bei. Sie stammten aus wohlhabenden Häusern. Jesus hat­te Maria magisch angezogen. Sie war ihm nicht nur aus Dankbarkeit gefolgt. Sie liebte ihn. Aber sie wusste auch, dass sie ihn nie für sich allem haben würde. Das hatte sie akzeptiert, obwohl es oft nicht einfach war.

Ein »normales« Frauenleben sah indes anders aus. Frauen wurden in der Regel im Alter von zwölf Jahren verlobt und heirateten wenig später. Sie gingen damit von der Gewalt der Väter in die der Ehemänner über. Dann waren sie für das Haus und die Kinder zuständig, mussten dem Mann gehorchen und ihm treu sein. Bei den Essenern gab es unverheiratete Männer. Sie be­gaben sich freiwillig in die Wüste, um sich dort Gott und ihrem Glauben zu widmen – aber Frauen duldeten sie nicht. Für eine Gruppe von Männern und Frauen, die  zusammenlebte und alles teilte, gab es kein Vorbild. Überall wurden sie misstrauisch beäugt.

»Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein«

Maria hatte viel erlebt in der Zeit mit Jesus. Wunder aller Art waren geschehen: Wasser hatte sich in Wein verwandelt. Gelähmte konnten wieder gehen. Viele Geschichten hatte sie gehört, die Jesus den Jüngerinnen und Jüngern beim ge­meinsamen Essen erzählt hatte oder in fremden Häusern, wo sie oft zu Gast waren. Einmal waren sie bei Simon, dem Pharisäer, eingeladen. Plötzlich tauchte eine Frau auf, die als Sünderin in der Stadt bekannt war. Sie weinte, bis die Füße von Jesus nass waren. Dann küsste sie sie, trocknete sie mit ihren Haaren und salbte sie schließlich mit Öl.

Der Pharisäer konnte nicht verstehen, dass Jesus sich das gefallen ließ. Wusste sein Gast, wer diese Frau war? Und wenn nicht, wie konnte er dann ein Prophet sein? Aber Jesus erzählte Simon ein Gleichnis: »Ein Gläubiger hatte zwei Schuld­ner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schul­dig, der andere fünfzig. Da sie es nicht bezahlen konnten, schenkte er’s beiden. Wer von ihnen wird ihn nun am meisten lieben? « Natürlich war es der. dem mehr erlassen wurde. Und wie mit den Schulden sei es mit den Sünden.

Auch im Tempel von Jerusalem unterrichtete Jesus das Volk. Schriftgelehrte brachten ihm eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Nach mosaischem Gesetz stand auf dieses Ver­gehen Steinigung. »Was sollen wir mit ihr tun? «, fragten die Männer Jesus. Es war eine Falle, und Jesus wusste das. Dann sagte er: »Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. « Nach und nach gingen alle weg. Die Frau blieb allein zurück. »Wo sind sie geblieben? Hat dich nie­mand verdammt? «, fragte Jesus. Sie antwortete: »Niemand, Herr. « Da sagte Jesus zu ihr: »Dann verdamme ich dich auch nicht; geh hin, und sün­dige hinfort nicht mehr. « Gerade diese beiden Geschichten sollten dazu führen, dass Maria Magdalena selbst als büßende Sünderin gesehen wurde. Doch das ahnte sie damals nicht. Und auch nicht, dass man später die andere Maria, die aus Bethanien, mit ihr gleichsetzen würde.

Maria von Bethanien war die Schwester von Lazarus und von Martha. Als Jesus und seine Anhänger zu Besuch in das Haus der drei Ge­schwister in Bethanien kamen, hatte Martha alle Hände voll zu tun, die Gäste zu versorgen. Ihre Schwester saß Jesus zu Füßen und hörte ihm zu. Martha gefiel das nicht. Sie fragte Jesus, ob Maria ihr nicht helfen sollte. Der sagte: »Martha. Mar­tha. du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist nötig. Maria hat das Bessere gewählt; das soll ihr nicht genommen werden. « Der Ausspruch war rätselhaft. Doch offenbar mochte Jesus es, wenn Frauen ihm lauschten und an ihn glaubten.

Manchmal war es für die Magdalenerin schwie­rig, nicht eifersüchtig zu werden auf all die Frau­en, die Jesus verehrten. Aber sollte sie nicht alle lieben? Selbst ihre Feinde? Hatte Jesus nicht ge­fordert, dass man ihm bedingungslos nachfolge? Wenn die Menschen ihm nicht folgen wollten, wurde er wütend. Gleichzeitig betonte Jesus, dass Menschen nicht übereinander richten sollten. Manchmal konnte Maria Magdalena fast irrewerden an seinen Worten. Sie liebte ihn trotzdem – oder gerade deswegen.                  

Sechs Tage vor dem Fassahfest kamen Jesus und seine Anhänger noch einmal nach Betha-nien in das Haus von Lazarus. Wieder bediente Martha beim Festmahl. Ihre Schwester Maria nahm ein Pfund Nardenöl im Wert von 300 Sil­bergroschen, immerhin das Jahresgehalt eines Arbeiters, und salbte damit die Füße von Jesus. Sie trocknete sie anschließend mit ihrem Haar, Das ganze Haus war erfüllt mit dem Duft der sel­tenen Pflanzen. Judas gefiel das nicht. Er hielt es für Verschwendung und meinte, es wäre besser gewesen, das Geld den Armen zu geben. Doch Jesus verteidigte Maria: »Lass sie in Frieden. Mag es gelten für den Tag meines Begräbnisses. Denn Arme habt ihr immer bei euch: mich aber habt ihr nicht immer. « Gesalbt wurden Tote oder Könige. Hier wurde der Messias gesalbt, der König eines Reiches jenseits dieser Welt, dessen bevorstehen­den Tod die Frauen zu ahnen schienen.

All diese Erinnerungen, all diese Hinweise auf das Ende. Maria Magdalena versuchte, sich ihre Verzweiflung nicht anmerken zu lassen. Von Wei­tem sah sie einen Zug Menschen mit Fackeln und Laternen näher kommen. Es waren bewaffnete römische Soldaten, Pharisäer, Leute der Hohe­priester – zusammen mit Judas. Es half nichts mehr, dass Petrus einem der Soldaten ein Ohr ab­schlug. »Steck dein Schwert in die Scheide! Soll ich den Kelch nicht austrinken, den mir mein Va­ter gegeben hat? «, sagte Jesus zu Petrus und ließ sich widerstandslos in die Stadt abführen.

Kurz vor dem Passahfest war ganz Jerusalem ein einziges Schlachthaus. Laute Töne aus Widder-hörnern kündigten den Festbeginn an. Selbst vom Tempelberg waren die Schreie der geschlachteten Opfertiere zu hören. In den Gassen der Stadt stank es nach Blut und den Eingeweiden der Tiere, die auf dem Altar verbrannt wurden. Menschen mit schlaffen Lämmern im Arm eilten durch die Straßen, um zu Hause das Sedei’mahl vorzubereiten, bei dem das Lamm zur Erinne­rung an die Rettung der Juden aus ägyptischer Knechtschaft verspeist wurde. Opfer überall. Musste auch der Geliebte geopfert werden? Der Schmerz, der in Maria Magdalena aufstieg, war unerträglich.

Jesus wurde vom Hohepriester Kaiphas und Pilatus, dem römischen Präfekten, befragt. Pilatus ließ Jesus geißeln, die Soldaten flochten ihm eine Dornenkrone. Maria Magdalena konnte ihm nicht helfen, ihn nicht trösten, seine Wunden nicht verbinden. Jesus, der sie geheilt halte, als sie von Dämonen befallen war, wollte sich nicht selbst retten. Die Geißelung reichte den Hohepriester und der tobenden Menschenmenge nicht. »Kreuzigen, kreuzigen«, schrien sie. Pilatus übergab ihnen den Gefangenen, und sie ließen ihn, dessen Kraft offensichtlich erschöpft war, auch noch sein Kreuz nach Golgatha, der Schädelstätte, tragen,

Maria Magdalena, die Mutter von Jesus und ei­nige andere Frauen folgten dem grausigen Zug. Sie nahmen damit ein hohes Risiko in Kauf, denn auch weiblichen An­hängern von Verurteilten drohte die Todesstrafe. Die Frauen sahen, wie Jesus ans Kreuz genagelt wurde und dort, zwischen zwei anderen zum Tode Verurteilten, qualvoll starb. »Es ist vollbracht«, waren sei­ne letzten Worte. Josef von Arimathia trug den Leichnam zu einer Grabstelle. Maria Magdalena ging voller Trauer am ersten Tag der Woche frühmorgens im Dunkeln dorthin. Erschreckt stellte sie fest, dass der Stein vor dem Grab ver­schwunden war. Sie lief zu Johannes und Petrus, die mit ihr zurückgingen und das Grab inspizierten. Tatsäch­lich: Jesus war nicht mehr da.

Die Jünger kehrten heim, Maria blieb am leeren Grab und weinte. Plötzlich sah sie zwei Engel in weißen Gewändern, die nach ihrem Kummer fragten. Dann drehte sie sich um und erblickte Jesus, ohne ihn zu erkennen. »Warum weinst du? Wen suchst du? «, fragte er. Sie hielt ihn für den Gärtner. »Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast: dann will ich ihn holen. « Da sagte Jesus zu ihr: »Maria! « Jetzt erkannte sie ihn und rief »Rabbunü«. das heißt Meister. Er sprach: »Berühre mich nicht! Denn ich bin noch nicht zum Vater aufgefahren. Geh aber zu meinen Brüdern, und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. «

Papst Gregor der Große machte aus Maria Magdalena ein »sündhaftes Weib«

Maria berichtete den anderen, was geschehen war. Wie angekündigt, erschien Jesus. Was er sagte, wird in den vier Evangelien unterschiedlich überliefert. Vielleicht erteilte er den Jüngern den Befehl, in alle Welt zu gehen und allen Völkern seine Worte zu verkünden, vielleicht segnete er sie auch nur und verschwand. In jedem Fall war dieses Erlebnis so beeindruckend, dass hier die Geschichte des Christentums begann. Was mit Maria Magdalena nach dem Ostererlebnis ge­schah, ist unsicher. Historische Quellen fehlen -Legenden beschreiben den Fortgang ihres Lebens verschieden.

Griechischen Erzählungen zufolge wurde Maria in Ephesus begraben. Kaiser Leo VI. (886-912) hat um 890 ihre mutmaßlichen Gebei­ne nach Konstantinopel in die Kirche des heiligen Lazarus verlegt. In den gnostischen Evangelien spielt sie eine bedeutende Rolle als Gesprächs­partnerin von Jesus und als Empfängerin und Übermittlerin von »Gnosis« – Wissen und Erkenntnis.

Später entwickelte sich durch die Vermischung verschiedener Frauengestalten im Neuen Testa­ment ein anderes Bild von Maria Magdalena: das der reuigen Sünderin. Damit ist sie neben Petrus, der geleugnet hatte. Jesus zu kennen, und Paulus – zunächst ein radikaler Christenverfolger zur dritten großen Büßergestalt geworden. Allerdings hat sie die ihr vorgeworfenen Verfehlungen ver­mutlich nie begangen. Sie bot sich »nur« als Pro­jektionsfläche für männliche Fantasien an. Die Frauengestalten im Neuen Testament konnten leicht vermengt werden. Es gibt in der Bibel zu viele Häuser, die Männern namens Simon gehören, zu viele Frauen namens Maria.

Der erste, der das »Mischbild« von Maria Magdalena schriftlich fixierte, war Papst Gregor der Große (590-604). »Wir glauben, dass sie, die Lukas ein sündhaftes Weib, Johannes aber Maria nennt, jene Maria ist, aus der, nach dem Zeugnis des Markus, sieben Teufel ausgetrieben wurden. Und was wird denn durch die sieben Teu­fel bezeichnet: alle Laster und Fehler insgesamt (…) Ihre Haare hatte sie zur Zierde ihres Antlit­zes verwandt, nun trocknete sie damit die Tränen. Mit dem Munde hatte sie übermütige Reden ge­führt, jetzt küsste sie mit ihm die Füße des Herrn und drückte ihn auf die Spuren des Erlösers«, schrieb er. Andererseits verkehrten sich Sünden bei Maria Magdalena in Tugenden: Durch ihre Verkündigung der Auferstehung wurde Evas Verrat an Gott wiedergutgemacht. Da Gregors

Predigten in die Liturgie der Karwoche eingefügt wurden, fanden sie schnell große Verbreitung.

Vor allem in Frankreich waren Magdalenen-legenden sehr beliebt, und die Knochen der Hei­ligen sollen gleich an mehreren Stellen gefunden worden sein. Ende des 13. Jahrhunderts gab es deren so viele, dass Maria Magdalena mindestens fünf Körper gehabt haben müsste. Ebenso ver­breitet wie ihre Gebeine waren die Geschichten über sie und auch die Bilder, die Maler von der schönen, oft nackt oder nur spärlich bekleideten Sünderin mit den langen Haaren und dem Gefäß für Salböl anfertigten. Lange offene Haare waren sowohl in der Antike als auch im Mittelalter eine Chiffre für Erotik und Prostitution. Die Schönheit einer Frau galt als Waffe des Teufels.

Nach einer Legende war Maria Magdalena zu­sammen mit Lazaius und Martha von christen­feindlichen Juden auf ein Schiff ohne Steuer und Segel gesetzt worden, das in Marseille strandete. Sie soll dann viele Jahre lang als Büßerin in der Provence gelebt haben. In die Darstellung ist die Geschichte der Maria Aegyptiaca eingeflossen, die traditionell ebenfalls mit sehr langen Haaren dargestellt wird. Diese Frau, ursprünglich wohl eine Prostituierte, büßte 47 Jahre lang in der Syrischen Wüste als Einsiedlerin. Maria Magda­lena soll ihren Lebensabend in strenger Askese verbracht haben. Engel sollen sie täglich in den Himmel getragen und dort ernährt haben.

Im französischen Vezelay schufen Mönche des Klosters Cluny. die führend in der Verbreitung des Magdalenenkults waren, eine Legende, die den Ort zu einer der beliebtesten Pilgerstätten des Landes werden ließ: Im 8. Jahrhundert sei der Mönch Badilon in die Provence gereist und ha­be die Überreste Maria Magdalenas. die in der Nähe von Aix begraben waren, vor den Saraze­nen gerettet, indem er sie nach Vezelay brachte. 1279 kam man auch in Aix auf die Idee, dass der Besitz von Reliquien Pilger anziehen könnte: So seien Marias Gebeine zwar vor den Sarazenen versteckt, aber eben nicht nach Vezelay gebracht worden. Letztlich sollen sie in der Klosterkirche St. Maximin. 38 Kilometer östlich von Aix, beigesetzt worden sein. Seither gibt es zwei Kult­orte, an denen der Heiligen jeweils am 22. Juli gedacht wird.

Nach wie vor entwickeln sich neue Mythen um Maria Magdalena. So vertritt etwa die amerika­nische Autorin M.argarct Starbird die Hypothe­se, dass die schwangere Maria Magdalena das Blut von Jesus »wie in einem Gral« nach Frank­reich gebracht haben könnte. In den Adern der Merowingerkönige sei es weitergegeben worden. Genährt wird diese Idee durch Sprachspiele:

Trennt man Sangreal (ursprüngliche Schreibung für »Heiliger Gral«) nach dem g, kommt Sang Real dabei heraus – deutsch: »königliches Blut«: im Wort »Merowinger« (Merovingiens) verber­gen sich die Silben mer (Maria) und vin (Wein), was-mit viel Fantasie – »Blut der Maria« heißen könnte. Mit der Idee von Maria Magdalena als »Stammmutter« der Nachfahren von Jesus spielt auch Dan Brown in seinem »Sakrileg«.

In der offiziellen Überlieferung war Maria Magdalena die Geliebte Christi. Infolge der wach­senden Neigung zur Askese im 12. Jahrhundert wurde sie zur Sünderin – und sogar zur Schutz­heiligen der Prostituierten. Rudolf von Worms stiftete 1215 den »Orden der Reuerinnen der Heiligen Magdalena«. der Huren eine Möglich­keit zum Ausstieg geben sollte. Bei einem Rückfall drohte die Todesstrafe! Als schließlich nur noch unbescholtene Frauen aufgenommen wur­den, entstanden in Frankreich als Alternative die »Magdalenetten«.

Maria Magdalena: zwischen verführtem Mädchen und emanzipierter Frau

Die gedankliche Verbindung von Maria Mag­dalena und Unkeuschheit hält sich hart­näckig. Theaterstücke wie Friedrich Hebbels »Maria Magdalena« und »Magdalena« von Lud­wig Thoma erzählen tragische Geschichten von verführten Mädchen, die durch Selbstmord (Hebbel) oder Mord durch den sich entehrt fühlenden Vater (Thoma) tragisch ums Leben kommen. In Filmen wie »Die letzte Versuchung Christi« oder »Passion Christi« würzt Maria Magdalena die Geschehnisse mit einer mehr oder weniger großen Prise Erotik. In Andrew Lloyd Webbers Musical »Jesus Christ Superstar« ist sie ein »Groupie«.

Als eine intellektuelle Frau erscheint die Magdalenerin in Luise Rinsers »Mirjam«. Fasziniert von Jesus und den anderen Jüngern, versucht sie. deren Standpunkte zu verstehen: den prakti­schen des Simon Petrus, den kämpferischen des Judas, den von der griechischen Philosophie be­einflussten des Johannes und den liebevollen von Jesus selbst. In der feministischen Theologie spielt Maria Magdalena als erster weiblicher Apostel eine Rolle, die zeigt, dass Frauen die Nachfolge Jesu antreten und predigen durften und dass sie als Jüngerinnen gleichberechtigt wa­ren. Auch charakterisiert ihr Schicksal laut Elisa­beth Moltmann-Wendel die »Entwicklung der patriarchalen Kirche, die, statt Körper und Sexua­lität /n akzeptieren, in ihnen weibliche Beson­derheiten sieht, sie abwehrt, mit einer Frauenge­stalt identifiziert und diese negativ besetzt«.

Es sollte nicht vergessen werden, dass im Neuen Testament vor allem die Frauen ihre »Liebe« zu Jesus zum Ausdruck brachten, in­dem sie ihm genau zuhörten, ihn zu sich an den Tisch luden, seinen Körper mit wertvollem Salböl verwöhnten und noch blieben, als er sterben musste. Wer auch immer Maria Magda­lena wirklich gewesen sein mag, sicher ist: Sie war eine große Liebende.

Wer war Jesus wirklich?

Meist ist von ihm als Gottes Sohn die Rede. Oder als Erlöser. Aber Christus war auch ein Mensch. Was weiß man über ihn, was ist nur Spekulation?

Die Bücher, die sich mit ihm befassen, lassen sich nicht zählen. Ebenso wenig wie die Experten, die weltweit die Zeugnisse seines Lebens und Wirkens studiert haben. Seit zweitausend Jahren fasziniert er nicht nur Gläubige, sondern auch Skeptiker. Zum Beispiel den 2002 verstorbenen »Spiegel«-Herausgeber Rudolf Augstein. Der glaubte nicht an seine Göttlichkeit, schrieb aber trotzdem einen knapp 600 Seiten dicken Wälzer über ihn: »Jesus Menschensohn«.

Die Bücher sind also zahlreich, das Interesse ist ungebrochen. Doch was wissen wir wirklich über den Begründer des Christentums?

Hat Jesus überhaupt gelebt?

Neun Prozent der Deutschen, so ergab vor ein paar Jahren eine Umfrage, sind überzeugt, dass es Jesus nie gegeben hat. Mit anderen Worten: Sie halten die Geschichten, die über ihn erzählt werden, für erfunden. Die Ungläubigen sind dabei in prominenter Gesellschaft, denn auch Goethe und Napoleon haben an der historischen Existenz des Heilands gezweifelt.

Auf der anderen Seite kommen moderne Geschichtsforscher und Kenner alter Sprachen zu der Einschätzung, dass kaum eine Gestalt der Antike so gut belegt ist wie ausgerechnet jener Jesus aus dem Ort Nazareth zwischen Mittelmeer und dem See Genezareth.

Wie sah Jesus Christus aus?

So gern man es wüsste, über das Aussehen des charismatischen Wundertäters Jesus mit dem Beinamen Christus (griechisch für: der Gesalbte, der Messias), gibt es in der ganzen Bibel und auch sonst an keiner Stelle eine Aussage.

Wer jüdische Handwerkertrachten und Frisuren der Römerzeit studiert, kann aber zu dem Ergebnis kommen, dass Jesus wohl ein Mann mit schwarzem Vollbart und halblangen Haaren war, und dass er Sandalen sowie ein langes weißes Hemd getragen hat.

Auf welche Quellen berufen sich die Forscher?

Das Neue Testament enthält vier ausführliche Berichte über Jesus (die Evangelien), einen Bericht über die Missionsreisen seiner ersten Anhänger (die Apostelgeschichte) sowie mehrere Briefe. Die wurden von den Aposteln Paulus, Petrus, Johannes und anderen an die ersten Christengemeinden versandt, nach Kleinasien (heute Türkei), Griechenland und Italien.

Von vielen dieser Dokumente sind antike Reste überliefert – Schnipsel von Schriftrollen oder Blättern aus Papyrus. Fachleute datieren darum ihre Entstehungszeit in die Epoche von 40 bis etwa 110 nach Christi Geburt.

Außerdem gibt es noch eine Reihe früher Schriften, die nicht in die Bibel aufgenommen wurden, in denen Jesus aber ebenfalls erwähnt wird. Das ist in den Texten des Thomas, des Philippus und der Maria Magdalena der Fall, die durch Funde aus Ägypten belegt sind. Auch Zeitzeugen, die nicht zur Anhängerschaft von Jesus gerechnet werden, erwähnen ihn. Zum Beispiel der jüdische Feldherr Flavius Josephus (ca. 37–100), der nach seiner Freilassung aus römischer Gefangenschaft als Schriftsteller in Rom wirkte, sowie seine Kollegen, die römischen Historiker Tacitus (55–116), Sueton (70–130) und Plinius der Jüngere (ca. 61–113). Schriften von Jesus selbst existieren dagegen nicht.

Wie glaubwürdig sind diese Zeugnisse?

In den vier Evangelien des Neuen Testaments erzählen vier unterschiedliche Autoren über die gleiche Person:

Markus, der früheste Evangelist, liefert einen nüchternen Bericht, der sich an Juden, aber auch an Heiden wendet. Sein Evangelium bricht abrupt ab, als Maria Magdalena und zwei weitere Frauen das Grab des Gekreuzigten besuchen und statt des Leichnams einen weiß gekleideten Jüngling vorfinden. Der teilt ihnen mit, Jesus sei auferstanden: »Und sie sagten niemand etwas, denn sie fürchteten sich. « Ende.

Matthäus ist ausführlicher. Der fromme Jude versucht vor allem zu belegen, dass in Jesu Leben und Tod zahlreiche Prophezeiungen alttestamentlicher Propheten wie Jesaja und Micha erfüllt sind. Skeptiker könnten fragen: Vielleicht hat Matthäus manches nur so hingedreht?

Lukas liest sich am unterhaltsamsten. Der vermutlich im syrischen Antiochia geborene Grieche, der von Beruf Arzt gewesen sein soll, sammelte zahlreiche Anekdoten rund um Jesus, auch solche aus seiner frühen Kindheit. Der deutsche Historiker
Carsten Peter Thiede (1952 –2004) hielt es für möglich, dass Lukas auch Augenzeugen befragt hat. Vielleicht sogar Mutter Maria, denn viele Geschichten sind aus ihrer Sicht erzählt. Doch selbst wenn das so wäre, könnte Lukas natürlich Legenden rund um das »Wunderkind« Jesus aufgesessen sein, die man sich in Nazareth und Umgebung erzählte.

Beide, Matthäus und Lukas, benutzen übrigens Markus als Quelle, fügen aber eigenes Material hinzu. Johannes wiederum liefert ein unabhängiges Zeugnis, den subjektiven und gefühlsbetonten Bericht eines echten Jesus-Fans. Er hebt die Rolle eines »Lieblingsjüngers« hervor, der ebenfalls Johannes hieß. War er identisch mit dem Schreiber selbst? Das lässt sich heute weder beweisen noch widerlegen.

Was wissen wir über die Geburt von Jesus?

Immer gesetzt den Fall, Jesus hat wirklich gelebt: Wann und wo wurde er dann geboren? Obwohl sich ja unsere Zeitrechnung nach seiner Geburt richtet, ist schon das Wann nicht klar. Experten nennen Jahreszahlen von 7 vor bis 7 nach »Christi Geburt«. Exigius, der Mönch, der im 6. Jahrhundert die christliche Zeitrechnung einführte, hat sich wohl verrechnet – aber in welche Richtung?

Die Volkszählung, von der Lukas berichtet (»Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot des Kaisers Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde«), ließ sich mit Hilfe außerbiblischer Quellen nie richtig bestätigen. Die Planetenerscheinung »Stern von Bethlehem«, die Matthäus erwähnt, wurde von Astronomen auf das Jahr 7 vor Christi Geburt datiert.

Und wo? Matthäus und Lukas nennen einträchtig Bethlehem als Geburtsort; Markus und Johannes schweigen sich über die Geburt Jesu aus. Bethlehem liegt in Judäa, Maria und Joseph waren im 110 Kilometer entfernten Nazareth in Galiläa zu Hause. Warum machten sich die hochschwangere Frau und ihr Verlobter auf den langen Weg?

Lukas begründet es mit der Volkszählung, Matthäus mit einer alten Prophezeiung des Micha: »Und du Bethlehem im jüdischen Land bist mitnichten die kleinste unter den Städten Juda; denn aus dir soll mir kommen der Herzog, der über mein Volk Israel ein Herr sei. « Eine Geburtsurkunde wurde nie gefunden.

War Maria eine Jungfrau?

Die meisten Menschen halten es für unmöglich, dass Jesus von einer sexuell unberührten Frau geboren wurde, die durch den Heiligen Geist schwanger geworden war. Kritische Theologen erklären das »Wunder« mit einem Übersetzungsfehler. In der von Matthäus zitierten Jesaja-Prophezeiung habe es nicht geheißen, »Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen«, sondern schlicht »die junge Frau«.

Aber was lesen wir bei Lukas? Er beruft sich nicht nur auf Prophetenworte. Ihm haben Maria oder spätere Gewährsleute etwas von einer Engels-Erscheinung erzählt, die der jungen Josephs-Verlobten im Vorhinein ankündigte: »Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, den sollst du Jesus nennen«. Und diesem Engel habe Maria verblüfft erwidert: »Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß? « So unwahrscheinlich es klingen musste, noch dazu in den Ohren eines Arztes: Lukas scheint an die Jungfrauengeburt geglaubt zu haben.

Hatte Jesus Geschwister?

Die hatte er mit großer Sicherheit. Markus nennt sogar Namen: »Ist er nicht der Bauhandwerker, der Sohn der Maria, und der Bruder des Jakobus, des Joses, des Judas und des Simon? Und leben nicht auch seine Schwestern hier bei uns? « So fragen sich die Nazarener, als der erwachsene Jesus zum ersten Mal als Lehrer und Wundertäter in seiner Heimatstadt auftritt. Und da sie in einer kleinen, überschaubaren Stadt lebten, werden sie die Familienverhältnisse wohl gekannt haben. Auch eine außerbiblische Quelle erwähnt einen Jesus-Bruder: Flavius Josephus berichtet von der Steinigung des Jakobus im Jahr 62 in Jerusalem und nennt ihn den »Bruder des so genannten Christus«.

Hat Jesus Wunder vollbracht?

Die Evangelien erwähnen rund dreißig Wunder, die Jesus bewirkt haben soll. Darunter sind 16 Heilungswunder, drei Austreibungen böser Geister, drei Erweckungen von Toten und sieben Naturwunder. »Von keinem antiken Wundertäter sind so viele Wunder überliefert wie von Jesus«, sagt der Kieler Theologe Jürgen Becker. Jesus verwandelte Wasser in Wein, er spazierte über den See Genezareth, er bewirtete in zwei Fällen große Menschenmengen (einmal 4000, ein anderes Mal 5000 Personen) mit einem kleinen Vorrat an Broten und Fischen. Sogar Wunder, die im Alten Testament nicht prophezeit worden waren, wagte er: Er berührte Aussätzige (Lepra-Kranke) und heilte sie.

Seine Zeitgenossen, Anhänger wie Gegner, müssen nach allem, was wir wissen, die Wundertaten des »Gottessohnes« für bare Münze genommen haben. Heute können wir uns entscheiden: sie zu glauben, sie als Illusionen aus einer wundergläubigen Zeit abzutun oder sie mit einer Art Placebo-Effekt zu erklären.

»Aufgrund psychosomatischer Erkenntnisse halten wir die Heilungsgeschichten heute eher für historisch als vor hundert Jahren«, sagt zum Beispiel der evangelische Landesbischof Christoph Kähler aus Thüringen.

Woher hatte Jesus seine Kraft?

Er sah sich selbst als Gottgesandten und sprach von Gott als seinem Vater. Er predigte mit Selbstbewusstsein und Überzeugungskraft – »mit Vollmacht«, was auch seinen Zuhörern auffiel. Dabei legte er nicht nur alte Schriften aus wie die anderen jüdischen Gelehrten, sondern ging über sie hinaus. Beispiel: »Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch: Wer ein Weib begehrlich ansieht, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen« (nach Matthäus). Jesus setzte eigene moralische Akzente, aß und trank mit Ausgestoßenen, gab sich mit andersgläubigen Ausländern ab, etwa einer Samariterin. Eine neue Kirche oder weltliche Macht forderte er jedoch nicht.

Als Kenner des Alten Testaments, also der Bibel der Juden, kennt Jesus die Prophezeiungen gut, die das Kommen eines Messias vorhersagen. Er weiß somit, wie sich so einer zu verhalten hat. Doch unter den verschiedenen Erlöser-Figuren, auf die die Juden hoffen, wählt er – nicht immer zur Zufriedenheit seiner Jünger – eine spezifische Rolle aus: die des leidenden Erlösers, der die Schuld der Menschen auf sich nimmt.

Religiöses Sendungsbewusstsein und religiöse Bildung könnten also einen Teil von seiner Ausstrahlungskraft erklären. Vermutlich hatte er auch eine gute Erziehung genossen in einem Elternhaus, in dem Vater wie Mutter sich als Nachkommen des Königs David betrachteten. Eine intellektuelle Hochbegabung dürfte hinzugekommen sein – Jesus diskutierte (nach Lukas) schon als Zwölfjähriger mit viel Verstand theologische Fragen.

War Jesus verheiratet? Hatte er Kinder?

Der Film »The DaVinci-Code« und der Roman »Sakrileg«, auf den er sich stützt, verbreiten die Legende, Jesus habe mit Maria Magdalena ein Kind gezeugt, und es gebe heute noch Nachkommen der beiden. Die Bibel erwähnt davon nichts. Aber dass Maria Magdalena eine gute Freundin Jesu war, ihn »mit ihrer Habe« unterstützte und Zeugin seiner Auferstehung wurde, ist mehrfach in den Evangelien überliefert.

Das apokryphe (nicht in die Bibel aufgenommene) Philippus-Evangelium wird deutlicher: »Der Erlöser liebte Maria Magdalena mehr als alle Jünger, und er küsste sie oftmals auf den Mund. « Es habe Streit um ihre Rolle in der Jüngerschar gegeben. Das klingt nicht gerade unglaubwürdig – und sehr menschlich obendrein.

Wurde Jesus gekreuzigt?

Tacitus erwähnte im frühen zweiten Jahrhundert, dass die römischen Christen an einen Mann namens Christus glaubten, »der unter Tiberius durch den Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet wurde«. Kreuzigungen waren im römischen Reich üblich und verbreitet. Erst Kaiser Konstantin schaffte sie im 4. Jahrhundert ab, nachdem er selbst zum Christentum übergetreten war. Es gibt sogar archäologische Zeugnisse davon – zum Beispiel die Reste von Fußknochen eines Hingerichteten, in denen noch ein Nagel steckt.

Doch existieren auch Relikte, die belegen, dass Jesus gekreuzigt wurde? In der römischen Kirche »Santa Croce in Gerusalemme« wird das Fragment einer Holztafel aufbewahrt, das möglicherweise vom Kreuz Jesu stammt. Der Inschrift nach könnte da tatsächlich einmal »Jesus von Nazareth, König der Juden« gestanden haben – in drei Sprachen, wie es das Neue Testament überliefert. Doch seine Echtheit wird ebenso bezweifelt wie die vieler anderer Jesus-Reliquien (lesen Sie hierzu auch den Artikel »Zeichen des Himmels« in diesem Heft).

Leider ist kein römisches Dokument vom Verhör Jesu durch Pontius Pilatus erhalten. Die Schilderungen der Evangelisten sind hier wenig glaubhaft, weil die Verhandlung wohl nicht oder zumindest nicht durchgängig öffentlich geführt wurde. Hat Jesus auf Pilatus’ Frage, ob er sich für den König der Juden halte, wirklich »du sagst es« geantwortet und damit seinen Tod in Kauf genommen? Oder hat er sich verteidigt? Es wäre interessant zu wissen.

Ist Jesus von den Toten auferstanden?

Spätestens hier stehen sich Gläubige und Ungläubige unversöhnlich gegenüber. Im Oktober 2000 stritten sich an der Universität Frankfurt zwei Männer um die Auferstehung Jesu, deren Auffassungen konträrer kaum sein könnten. Der inzwischen verstorbene Historiker Carsten Peter Thiede nahm aus Respekt vor antiken Autoren die Bibel wörtlich: »Die Auferstehung ist eine historische Tatsache«. Der Doktor der Theologie Gerd Lüdemann, der sich vom christlichen Glauben losgesagt hat, meinte dagegen: »Die Lehre von der Auferstehung ist Selbstbetrug. «

Im Neuen Testament ist die Quellenlage eindeutig: Alle vier Evangelien sowie sämtliche Apostelbriefe gehen von einer Auferstehung des toten Jesus aus. Markus bricht zwar mit der Szene der Frauen am leeren Grab ab. Dafür sparen die anderen nicht mit Details: Jesus sei zwei namentlich nicht genannten Jüngern bei Emmaus erschienen (Lukas). Jesus sei elf seiner zwölf Jünger – Judas hatte sich bereits umgebracht – auf einem Berg in Galiläa erschienen (Matthäus). Jesus sei 500 Anhängern auf einmal erschienen, »von denen die meisten am Leben sind bis jetzt« (Paulus-Brief an die Korinther). Jesus habe ein paar Tage nach seinem Tod am See Tiberius Fische gebraten und mit Appetit davon gegessen (Johannes). Alles Visionen? Legenden? Lügen? Oder ist es Wunschdenken?

Zwar gehörte die Hoffnung auf eine leibliche Auferstehung der Toten bei den meisten Juden zurzeit Jesu zur religiösen Überzeugung. Sie glaubten jedoch, alle Verstorbenen würden auf einmal erweckt werden – am Ende der Zeiten, wenn das Reich Gottes anbreche. Dass ein einzelner Mensch es vorher schaffen könnte und allein, das war auch für Jesus-Freunde eine Zumutung. Der Jünger Thomas zum Beispiel (»der ungläubige Thomas«) glaubte erst an die Auferstehung, als ihm Jesus seine Kreuzeswunden zeigte, berichtet Johannes.

Paulus versucht in seinem ersten Brief an die Korinther, auch die letzten Zweifler zu überzeugen: »Wenn wir nun gepredigt haben, dass Gott Christus von den Toten auferweckt hat, wie können da einige von euch behaupten: Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht! Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, dann kann ja auch Christus nicht auferstanden sein. Wäre aber Christus nicht auferstanden, so hätte unsere ganze Predigt keinen Sinn, und euer Glaube hätte keine Grundlage. «

Letztlich kommt es also auf den Glauben an, damals wie heute. Was wir über Jesus wissen, ist zwar nicht gerade spärlich. Aber die Fakten allein können nicht alle Lücken schließen.

2000 Jahre nach seinem Tod ist er ein globaler Hoffnungsträger: Zwei Milliarden Menschen bekennen sich zu ihm. Doch wer war der Mann mit der Dornenkrone wirklich? Eine Spurensuche nach der historischen Person Jesus von Nazareth.

Er bezeichnete die Kreuzigung des Nazareners als „jüdischen Justizmord“. Eine Diffamierung, mit der antisemitische Christen schon im Mittelalter die übelsten Verbrechen an Juden rechtfertigen wollten.

Die Wiederaufnahme des Gerichtsverfahrens wurde von dem damaligen Oberstaatsanwalt und späteren Justizminister Chaim Cohn abgelehnt. Doch christliche Fundamentalisten gaben keine Ruhe. Immer wieder – zuletzt 1972 – forderten sie die israelische Justiz auf, die Jesus-Akte neu zu öffnen. Und immer wieder wurde der Antrag vom Obersten Gerichtshof in Jerusalem zurückgewiesen. Ein weise Entscheidung – hat Jesus seinen Prozess doch längst auf einer höheren Ebene gewonnen.

Jesus Christus und kein Ende. Er ist nicht totzukriegen – weder von Atheisten noch von der Kirche. Weltweit gehören zwei Milliarden Menschen der Religionsgemeinschaft an, die seinen Namen trägt. In abertausenden Romanen und Sachbüchern tritt er als Hauptperson auf; Filme und Musicals feiern ihn mal als göttlichen, mal als allzu menschlichen Superstar.

Jesus, ein globaler Hoffnungsträger. Kein Wunder, dass in und mit seinem Namen auch Politik gemacht wird. Besonders dreist taktierten die Nazis. Mit ausdrücklicher Billigung vieler evangelischer und katholischer Seelsorger tauschten sie den jüdischen Religionsstifter gegen einen reinrassigen Großkotz aus. So schwadronierte der braune Chefideologe Alfred Rosenberg: „Nicht dem leidenden Gotteslamm aus der jüdischen Geschichte, sondern dem stolzen arischen Herrenmenschen Christus, dem zornigen Eiferer, dem Zerstörer alter vertrockneter Strukturen wollen wir huldigen! Christus kann wegen dieser Eigenschaften auch kein Jude gewesen sein.“

Gewiss, Jesus war kein Duckmäuser und Opportunist. Seine Jünger und seine Gegner erlebten ihn als politisch unkorrekten Unruhestifter, ein Ärgernis für die Herrschenden und deren Mitläufer. Ein Aufrührer, der jedoch nicht Hass, sondern Liebe und Toleranz predigte. Jesus polarisierte. Und er provozierte. Sein Leben und Wirken ist freilich nur durch Hörensagen bekannt, sein „Zeugnis“ wurde erst 40 bis 70 Jahre nach seinem Tod geschrieben – von den vier Evangelisten Markus, Matthäus, Lukas und Johannes. Das Neue Testament, um 150 n. Chr. zusammengestellt, ist kein Geschichts-, sondern ein Geschichtenbuch. In viele Texte sind jüdische und heidnische Mythen eingeflossen; spätere Übersetzungsfehler oder bewusste Manuskript-Manipulationen erschweren die Fahndung nach dem historischen Jesus zusätzlich.

Ein kleiner Stall in Bethlehem und ein helles Licht am nächtlichen Himmel; der holde Knabe und seine jungfräuliche Mutter: Die Errettung der Welt beginnt in einer Futterkrippe, auf Heu und auf Stroh. So erzählt es die Bibel. In ihren eindrucksvollen Bildern ist diese Geschichte gewiss wahrhaftig. Aber historisch korrekt ist sie wohl nicht. Fast alle Christologen verorten die Geburt Jesu in das galiläische Dorf Nazareth. Dass Maria bei ihrer Niederkunft noch Jungfrau gewesen ist, glaubt sogar Joseph Ratzinger alias Papst Benedikt XVI. nicht mehr; der Pontifex will die Gottessohnschaft Jesu ausdrücklich nicht als „biologisches Faktum“ verstanden wissen.

Erwiesen ist mittlerweile auch, dass Jesus nicht am 25. Dezember  zur Welt kam. Das im frühen dritten Jahrhundert von Papst Hippolyt festgelegte Winterdatum sollte den Missionaren helfen: Am Tag der Wintersonnenwende wurde in vielen früheren Kulturen ein Freudenfest zu Ehren der Sonne gefeiert. Neuere Studien des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung legen nahe, dass Jesus an einem Tag im Frühling des Jahres 5. v. Chr. den ersten Schrei ausstieß. Denn in jener Zeit leuchtete im Sternbild Adler eine Nova auf, die von vielen renommierten Forschern als „Stern von Bethlehem“ angesehen wird.

Aus Nazareth? Kann von dort überhaupt etwas Gutes kommen?“ So lästert der Volksmund in Palästina schon vor der Geburt Jesu. In dem geschmähten Dorf leben damals etwa 400 Menschen; es liegt zwischen dem See Genezareth und dem Mittelmeer. Der kleine Jesus wächst in ländlicher Geborgenheit auf, römische Besatzer lassen sich hier kaum blicken. Vater Joseph verdient als angesehener Handwerker gutes Geld; Mutter Maria kümmert sich um die Erziehung der Kinder. Der erstgeborene Jesus hat mindestens vier jüngere Brüder und zwei Schwestern. In jüdischen Familien ist es selbstverständlich, dass der älteste Sohn früh Verantwortung für seine Geschwister übernimmt. Wichtige Erfahrungen für den späteren „Menschenfischer“ Jesus.

Er spielt, lernt und liest in den heiligen Schriften. Als 13-Jähriger feiert Jesus die Bar Mitzwah – die jüdische „Konfirmation“. Er hat nun die religiöse Mündigkeit erreicht und muss sich fortan strikt an die 248 Gebote und 365 Verbote der Thora halten. Er lebt weiter in seinem Elternhaus, arbeitet, befolgt die religiösen Vorschriften, fällt nicht auf. Doch dann geschieht etwas völlig Unerwartetes: Der bereits über 30 Jahre alte Handwerker Jesus bricht mit seinem ruhigen Leben und verlässt sein kleines Heimatdorf Nazareth, um die Menschheit auf den nahen Untergang der Welt vorzubereiten.

So die nahezu gesicherten Fakten. Kein Stoff für Wunder. Es sind die Evangelisten, die mit frommer Fantasie mehr Farbe ins biografische Bild geben. In dem Kindheitsevangelium nach Thomas tritt der kleine Jesus als kleiner Satansbraten auf: Als der Sohn des Hohepriesters Hannas ihn beim Spielen stört, lässt er diesen in einem Wutanfall „wie einen Baum verdorren“.

Im Lukas-Evangelium verblüfft Jesus als altkluger 12-Jähriger die Schriftgelehrten in Jerusalem: Wie jedes Jahr sind Maria und Joseph mit ihren Kindern zum Passahfest nach Jerusalem gepilgert. Auf dem Rückweg nach Galiläa stellen sie fest, dass Jesus in der Pilgerschar fehlt. In großer Sorge kehren sie um und suchen ihren halbwüchsigen Sohn in den Gassen von Jerusalem. Nach drei Tagen finden sie ihn schließlich: Der Ausreißer sitzt im Tempel und disputiert mit den Schriftgelehrten. Als die Eltern ihm Vorwürfe machen, breitet der 12-Jährige seine Arme im Gotteshaus aus und erwidert streng: „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ ( Lukas 2,49) Nach diesem ersten Tempelauftritt ist Jesus – laut Lukas – wieder ein vorbildlicher Sohn und nimmt zu „an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott“.

Endzeitstimmung in Palästina. Die Arroganz und Gottlosigkeit der römischen Besatzung ist eine Zumutung. Höchste Zeit, dass Jahwe sich endlich erbarmt und den schon vor langer Zeit angekündigten Messias schickt, der die Feinde Israels aus dem Land jagt. Bereut eure Sünden! Das Weltgericht ist nah! So ruft und droht es überall; zahlreiche Erlöser, Wundertäter und Propheten bringen Angst und Hoffnung unter die Menschen. Die jüdische Tempelelite begegnet den fahrenden Apokalyptikern mit Misstrauen und Verachtung. Das Volk aber läuft ihnen zu.

Keiner quält das Gewissen seiner Zuhörer gründlicher als der asketische Johannes, der am Ufer des Jordan reuige Sünder tauft. Auch Jesus, jetzt ungefähr 32 Jahre alt, lauscht ergriffen den Worten des Einsiedlerpropheten. Und auch er steigt in den Fluss zur Taufe. Es ist ein Wendepunkt in seinem Leben. Nie mehr soll er in seine Werkstatt zurückkehren. Der Bauhandwerker Jesus von Nazareth wird zum „Menschen-fischer“.

Seine Messias-Mission beginnt im Jahr 27 n. Chr. – „im 15. Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius“ (Lukas 3,1). Bevor er Anhänger sucht, muss er sich erst selbst finden. Gut 500 Jahre vor ihm saß der Fürstensohn Buddha lange 49 Tage und Nächte unter einem Feigenbaum und meditierte sich zur Erleuchtung. Jesus fastet und betet 40 Tage lang in der Einsamkeit der Wüste. Ein prominenter Besucher gesellt sich zu ihm: Es ist der Teufel höchstpersönlich, der zu Jesus kommt und ihn in Versuchung führen will. Doch Jesus widersteht. Psychologen werden später vermuten, dass Jesus sich gleichsam als sein eigener Exorzist von Ängsten und Zweifeln befreit hat.

Als Bezwinger des Bösen kehrt er zu den Menschen zurück. Hinter ihm die Wüste, vor ihm das Gottesreich: In diesem Bewusstsein beginnt Jesus in Galiläa zu predigen. Und er fällt sofort auf. Auch die anderen Wanderprediger heizen den Zuhörern mit rhetorischem Feuer ein. Doch ihr neuer Konkurrent Jesus übertrifft sie alle – mit der bilderreichen Sprache seiner Gleichnisse, seinen zielsicheren Zitaten aus den heiligen Schriften, seinen furchtlosen Attacken gegen die Mächtigen und Reichen und nicht zuletzt mit seiner selbstgewissen Glaubensstärke.

Vordergründig predigt Jesus wenig Neues. Dass man beispielsweise nicht nur seinen Nächsten, sondern sogar seinen Feind lieben soll, ist eine selten befolgte, aber durchaus geläufige Forderung im Palästina der Endzeitpropheten. Gemeint sind aber stets nur die Feinde innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Jesus hingegen predigt die Feindesliebe als globales Gebot. Für ihn steht der Himmel nicht nur den Juden, sondern auch den Heiden offen: „Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tische sitzen.“ (Matthäus 8,11). Eine frohe Botschaft, die an die ganze Menschheit gerichtet ist.

Jesus bleibt zunächst in Galiläa. Seine „Bühne“ ist knapp 40 Mal 50 Kilometer groß. Er predigt vor allem an den Ufern des Sees Genezareth: in den Orten Kapernaum, Bethsaida, Chorazim. Die Zahl der Zuhörer wächst schnell. Und mit jedem seiner Auftritte scharen sich mehr Anhänger um ihn. Zwölf Gefährten wählt er selber aus. Es sind einfache Männer, und wahrscheinlich können sie weder lesen noch schreiben; fast alle verdienen ihren Lebensunterhalt als Fischer. Jesus wird ihr Schicksal. Sie reden ihn mit „Rabbi“ oder „Meister“ an. Er selbst nennt sich Menschensohn. Ein Name, der später von christlichen Theologen recht unterschiedlich interpretiert wird. Nach einer weit verbreiteten Deutung versteht sich Jesus vor Gott als Stellvertreter aller Menschen.

Der Menschensohn tritt so ganz anders auf als der jüngst von königlichen Häschern verhaftete Johannes. Er ist kein ausgemergelter Asket, der sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährt. Wenn er durch die Städte und über die Dörfer zieht, folgen ihm auch auffallend viele weibliche Zuhörer. Einige von ihnen gehören zum Kreis seiner engsten Vertrauten; es sind die Frauen, die das Messias-Projekt finanzieren: „Sie alle unterstützten Jesus und die Jünger mit dem, was sie besaßen.“ (Lukas 8,3). Die Jüngerin Maria Magdalena steht Jesus besonders nah. Sie ist seine ständige Begleiterin. Spätere Spekulationen machen sie gar zu seiner Ehefrau. Selbst Reformator Martin Luther wird nicht ausschließen, dass Jesus und Maria Magdalena verheiratet gewesen sind.

Jesus predigt Toleranz und Menschenliebe, und er lebt diese Tugenden auch vor. Er verkehrt mit Zöllnern und Huren, mit Heiden und Unreinen, und wenn er zu Tisch geladen wird, ziert er sich nicht, sondern langt so lustvoll zu, dass seine Gegner ihn höchst säuerlich einen „Fresser und Säufer“ (Matthäus 11,19) schimpfen.

Der Wanderprediger aus Nazareth wird schnell über die Grenzen von Galiläa hinaus bekannt. Auch in Jerusalem spricht man bereits über ihn. Es sind nicht seine Wundertaten, die Aufsehen erregen; die anderen Wanderprediger lassen angeblich ebenfalls Tote auferstehen und Steine en passant zu Brot werden. Jesus redet Tacheles, nimmt seine Gleichnisse aus dem jüdischen Alltag. Jeder, der hören will, kann sie verstehen. Unmissverständlich macht er sich zum Anwalt der Armen und Ausgegrenzten. Er verkündet nicht den eifernden Gott des Alten Testaments. Sein Gott ist gütig – ein ewiger Geber und Vergeber, der eine besondere Schwäche für sündige Töchter und verlorene Söhne hat. Mit diesem Gottesbild macht er sich vor allem bei den religiösen Fundamentalisten unter seinen Landsleuten unbeliebt.

Seine Familie ist besorgt. Jesus redet sich ins Verderben! Erst vor kurzem wurde Johannes der Täufer von dem jüdischen König Herodes Antipas hingerichtet. Wie schnell kann auch Jesus im Kerker des Despoten landen! Maria und seine Geschwister wollen ihn vor sich selber retten. Sie behaupten, Jesus sei nicht zurechnungsfähig: „Er ist von Sinnen.“ (Markus 3,21). Jesus befürchtet seinerseits, dass seine Angehörigen als angebliche Verbündete bestraft werden könnten und distanziert sich öffentlich von ihnen. Ende März des Jahres 30 bricht Jesus mit seinen Jüngern nach Jerusalem zum Passahfest auf. Der Weg wird ihn zum Kreuz führen. Seit seiner ersten Predigt sind noch nicht einmal drei Jahre vergangen.

Jerusalem freut sich auf das große Fest. Aus allen Landesteilen strömen Pilgerzüge in die Stadt, die Sinne sind offen für Zeichen und Wunder. Als Jesus, umringt von seinen Anhängern, auf einer Eselin in die Stadt reitet, finden sich schnell Schaulustige ein. Sie winken, schwenken Palmzweige und rufen mit den Jüngern: „Gelobt sei, der da kommt, ein König, in dem Namen des Herrn!“ (Lukas 19,38).

Ein Skandal! Dass ein Wanderprediger vom Volk zum König ausgerufen wird, kann von der römischen Besatzungsmacht nur als politische Provokation verstanden werden. Einige Pharisäer, die Jesus wohlgesinnt sind, bitten ihn: „Meister, gebiete Deinen Jüngern zu schweigen.“ Jesus weiß wohl, dass es kein Zurück mehr gibt: „Wenn die Jünger schweigen“, erwidert er, „schreien es die Steine“ (Lukas 19-40).

Von nun an schlägt er sich mit jedem Satz und jeder Tat gleichsam selber ans Kreuz. Kaum in Jerusalem eingetroffen, sorgt er für Aufruhr: Im Tempelbezirk wird der sonst so sanftmütige Jesus zum Berserker. Als er die Geldwechsler sieht, die auf geweihtem Boden ihre allzu irdischen Geschäfte abwickeln, wirft er kurzerhand ihre Tische um, greift zu einer aus Stricken geknüpften Peitsche und schlägt wahllos auf Händler und Pilger ein. Dann züchtigt er sie auch noch mit Worten. Er verflucht die Heuchelei und Selbstgefälligkeit der Tempelelite, prophezeit ihr die Zerstörung Jerusalems (40 Jahre später werden römische Soldaten die Stadt verwüsten) und kündigt das nahe Weltgericht an. Die Schriftgelehrten und Ältesten versuchen, ihn mit Fangfragen vor dem Volk lächerlich zu machen. Jedoch vergeblich. Jesus beschämt sie mit seiner Glaubenskraft.

Der Mann wird zur Gefahr für den öffentlichen Frieden. Wenn die römischen Besatzer eingreifen, muss das ganze jüdische Volk darunter leiden. Geistliche Würdenträger und Ratsherren versammeln sich im Palast des Hohepriesters Kaiphas und beraten sich, „wie sie Jesus mit List ergreifen und töten könnten“ (Matthäus 26,3). Gründe für die Anklage sind schnell gefunden: Als einfacher Sterblicher hat Jesus sich in beispielloser Anmaßung an die Seite von Jahwe gestellt, in Sätzen wie: „Ihr seid von unten her, ich bin von oben her. Ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt.“ Oder: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.“ Schließlich: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“
Gottes Sohn will er sein, dieser „Fresser und Säufer“. Er lässt den Priestern keine Wahl: Sie müssen ihn verurteilen.

Jesus weiß, dass ihm die Hinrichtung droht. Am Abend vor seiner Verhaftung setzt er sich mit seinen Jüngern im Obergeschoss eines Gasthofs zu einem letzten gemeinsamen Mahl an den Tisch. Er bricht mit ihnen das Brot und trinkt mit ihnen Wein. Irgendwann in der Nacht begibt er sich mit seinen Vertrauten in den Garten Gethsemane, um unter freiem Himmel zu beten.

Bisher war der Jesus der Evangelisten eine Art unantastbarer Handlungsbevollbemächtigter Gottes. Hier aber, am Ölberg, wird er zum ersten Mal ein Leidensgenosse der Menschen. Er hat Todesfurcht, sein Angstschweiß tropft „wie Blut“, er bittet Gott um Verschonung.

Es ist bereits Mitternacht, als „eine große Schar von Männern“ auftaucht. Angeführt werden die Schergen von Judas Ischariot. Hat der Jünger seinen „Meister“ wirklich aus niederen Beweggründen verraten? Später (im Jahr 1960) wird ein Pater des katholischen Franziskanerordens den Antrag stellen, den vermeintlichen Verräter selig zu sprechen – habe Judas doch im himmlischen Heilsplan lediglich als Werkzeug Gottes gehandelt.
Jesus wird festgenommen und in den Palast des Hohepriesters gebracht. Die Zeit drängt. Kaiphas will den „Fall Jesus“ noch vor Beginn der Passahfeierlichkeiten abschließen. Also schnell: „Bist Du Gottes Sohn?“, fragen die Männer des Hohen Rates. Jesus zögert nicht: „Ihr sagt es, ich bin es.“

Das reicht für eine Verurteilung. Doch Todesurteile aussprechen und vollstrecken darf nur die Besatzungsmacht. So wird Jesus eilig vor den römischen Präfekten geführt. Pontius Pilatus ist ein brutaler und korrupter Mann, schon bald soll er – so die historischen Fakten – wegen extremer Gewalttätigkeit von seinem Posten abberufen werden. (Das Neue Testament wird ihm einen edlen Charakter andichten, um den Juden die Hauptschuld an der Kreuzigung zu geben.)

Pilatus sitzt vor dem Angeklagten. Der religiöse Streitfall interessiert ihn nicht. Er will nur wissen, ob römisches Besatzungsrecht verletzt wurde. Der Pöbel hat den Nazarener zum König ausgerufen. Fühlt er sich tatsächlich als Herrscher?
Pilatus: „Bist Du der König der Juden?“
Jesus: „Du sagst es.“

Eine klare Antwort. Pontius Pilatus, oberster Gerichtsherr der Provinz Judäa, spricht das Todesurteil. Wo liegt die Schuld? Kaiphas und Pilatus urteilen, wie ihre Gesetze es vorschreiben. Jesus lässt ihnen keine andere Wahl.

Der Morgen graut. Es ist Freitag, der 7. April des Jahres 30. Das Urteil soll ohne Verzug vollstreckt werden. Römische Soldaten führen Jesus ab. Sie entkleiden ihn und pressen einen aus Dornenzweigen geflochtenen Kranz auf sein Haupt. Nur mit einem Lendenschurz bekleidet, wird Jesus an einem Seil durch die Gassen gezerrt. Auf seinen Schultern lastet der Querbalken des Kreuzes; einer der Soldaten peitscht ihn mit einem Lederriemen, der mit scharfkantigen Knochenstücken und Bleiklumpen bestückt ist. Die Menschen, die ihn gerade noch zum König ausgerufen haben, rotten sich mit Spott und Hohn zusammen.

Auf Golgatha, einem kleinen Hügel vor dem Nordtor der Stadt, endet der Weg. Jesus wird ans Kreuz geschlagen. Es ist neun Uhr morgens. Wo sind die Jünger? Sie haben ihren „Meister“ schon im Garten Gethsemane im Stich gelassen. Drei Jüngerinnen, unter ihnen auch Maria Magdalena, haben mehr Mut. Sie stehen unter den Soldaten und Gaffern auf Golgatha und weinen um ihren sterbenden „Meister“. Welche Ängste und Zweifel quälen das Haupt voll Blut und Wunden? In seiner Not ruft Jesus eine alte jüdische Klage zum fernen Himmel: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Psalm 22). Nach sechs Stunden stirbt Jesus. Im Johannes-Evangelium stehen seine letzten Worte: „Es ist vollbracht.“

Der tote Leib wird vom Kreuz genommen und von einem barmherzigen Pharisäer in ein Felsengrab gelegt. Am Morgen nach dem Sabbat stehen die drei Jüngerinnen vor dem Grab. Sie wollen den Leichnam salben. Aber das Grab ist leer.

Es war eine unruhige Zeit. Aufruhr lag in der Luft. Und Hass: auf die römischen Besatzer und die korrupte Elite. Die Juden fieberten einem Befreier entgegen. Wanderprediger zogen durch Palästina und heizten die Stimmung an. Und dann kam er: Jesus aus Nazareth. Das ist der Anfang von Ereignissen, die die Welt verändern sollten. Wir erzählen hier Jesu Leben. Wie in seinem Namen eine kleine Sekte entstand – und daraus eine Bewegung wurde, die unser Denken bis heute prägt. Ob wir glauben oder nicht

Es war eine unruhige Zeit. Aufruhr lag in der Luft. Und Hass: auf die römischen Besatzer und die korrupte Elite. Die Juden fieberten einem Befreier entgegen. Wanderprediger zogen durch Palästina und heizten die Stimmung an. Und dann kam er: Jesus aus Nazareth. Das ist der Anfang von Ereignissen, die die Welt verändern sollten. Wir erzählen hier Jesu Leben. Wie in seinem Namen eine kleine Sekte entstand – und daraus eine Bewegung wurde, die unser Denken bis heute prägt. Ob wir glauben oder nicht.

Geburt
In Bethlehem wird Jesus als Kind von Maria und Josef geboren, heißt es beim Evangelisten Lukas. Mit diesem Ereignis beginnt eine neue Zeitrechnung, die bis heute für große Teile der Welt gilt. Doch war es wirklich das Jahr eins? Historiker halten den Zeitraum von 4 vor bis 6 nach Chr. für wahrscheinlich. Auch das Städtchen Bethlehem ist als Geburtsort umstritten. Gut möglich, dass Jesus nicht dort, sondern im galiläischen Nazareth geboren wurde (weshalb seine Anhänger zuerst Nazaräer hießen). Die ärmliche Geburt des Mannes, der die Welt verändern wird, setzt von Anfang an ein Signal. Während Religionsgründer Buddha als Prinz in einem Schloss aufwächst und Mohammed in einer angesehenen Kaufmannsfamilie, ist Jesus das Kind einfacher Leute. Sie sind auch die Menschen, denen seine Liebe ganz besonders gehört.

Drei Könige
Zuerst kommen ein paar Hirten, um Jesus in der Krippe zu ehren. Eine scheinbar unbedeutende Episode mit verborgenem Symbolgehalt: Die Hirten sind Juden – ihr Kniefall vor Jesus soll zeigen, dass das jüdische Volk ihn als den sehnsüchtig erwarteten Erlöser (Messias) anerkennt. Nach den einfachen Hirten kommt glanzvollerer Besuch: Drei Astrologen, vielleicht auch Ärzte, aus dem fernen Osten machen ihre Aufwartung. Die Anbetung des Babys Jesus durch die (vermutlich) persischen Weisen symbolisiert: Bis weit über die Grenzen seines Geburtslands hinaus reicht die Strahlkraft des Messias.

Die Flucht
Die Familie flieht nach Ägypten, um den Schergen des Herodes zu entkommen. Der König hat von der Geburt des Messias gehört und aus Furcht vor dem »Konkurrenten« angeordnet, alle Jungen unter zwei zu töten. Der Kindermord von Bethlehem ist nicht belegt, passt aber zur Persönlichkeit des historischen Herodes. Die Episode zeigt, dass damals weniger ein spiritueller Erlöser erwartet wurde als ein politischer Machthaber, der das jüdische Reich von Rom befreien und zu neuem Glanz führen würde.

Handwerk
Nach der Rückkehr aus Ägypten lassen sich Josef und Maria mit ihrem Sohn wieder in Nazareth nieder. Über die spätere Kindheit und die Jugendjahre existieren viele Legenden, historisch gesichert ist nichts davon. Da Josef Zimmermann war, hat Jesus wahrscheinlich, wie damals üblich, das Handwerk des Vaters erlernt. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass er der Älteste einer ganzen Reihe von Geschwistern war, von denen einige sich ihm später anschlossen.

Lehrjahre?
Mit 30 Jahren tritt Jesus an die Öffentlichkeit. Doch was bringt ihn dazu? Was ist geschehen? 1947 wurden in einer Höhle am Toten Meer Schriftrollen gefunden mit Aufzeichnungen einer spirituellen Sekte, die hier zurzeit Jesu lebte. Die Essener, zu denen diese Gruppe wahrscheinlich gehörte, lehrten Menschenliebe und glaubten an das nahe Weltende. Je mehr Historiker über sie herausfinden, desto hartnäckiger hält sich die Vorstellung, Jesus habe eine gewisse Zeit bei dieser asketischen Bruderschaft gelebt.

Begegnung am Jordan
Auch zu Jesu Zeiten ist der Nahe Osten ein Unruheherd. Noch regiert Rom mit eiserner Hand, doch Aufruhr liegt in der Luft – auch spirituell. Zahlreiche Wanderprediger protestieren gegen die

politische und religiöse Elite in Jerusalem. Eine herausragende Gestalt ist Johannes der

Täufer: In Scharen kommen Menschen, um sich von ihm im Wasser des Jordans von ihren Sünden reinwaschen zu lassen. Auch Jesus. War er ein Anhänger des populären Asketen? Ausdrücklich betonen die Evangelien, Johannes habe die außergewöhnliche Natur von Jesus sofort erkannt und ihn – aus Demut – eigentlich nicht »taufen« wollen. Im Bild: die Stelle am Jordan, an der sich Jesus und Johannes vielleicht getroffen haben.

Die Versuchung
Bevor Jesus sein öffentliches Leben beginnt, verbringt er 40 Tage in der Wüste. Er ist allein. Er fastet. Und er durchlebt eine spirituelle Krise. Dreimal versucht eine Stimme (Satan), ihn zu Taten zu verführen, mit denen er seine göttliche Natur auf die Probe stellen könne. Zum Beispiel soll er sich vom Berg stürzen, um herauszufinden, ob er unverwundbar ist. Diese geheimnisvolle Episode lässt viele Deutungen zu. Eine davon: Jesus hat seine Berufung entdeckt – aber er widersteht der teuflischen Sünde des Hochmuts.

Die ersten Jünger
Unter einfachen Fischern gewinnt Jesus seine ersten Anhänger: die Brüderpaare Simon (Petrus) und Andreas sowie Jakobus und Johannes. Als er sie am See Genezareth anspricht, lassen sie alles stehen und liegen, um ihm zu folgen. Diese entschiedene Haltung macht Jesus später zur Bedingung für jeden, der sich ihm anschließen will. Denn: »Suchet zuerst das Reich Gottes – der Rest wird euch dazugegeben. «

Heilungen
Aussätzige, Fieberkranke, Psychotiker, Gelähmte – zahllose Kranke soll Jesus geheilt haben. Im Bild: der Teich Siloah, an dem er einen Blinden wieder sehend machte. Der Glaube an Wunderheilungen ist fester Bestandteil der jüdischen und (bis heute) der christlichen Tradition. Die Erklärung, die Jesus zu seinen Heilungen gibt: Nicht ich – sondern dein Glaube hat dir geholfen.

Erfolg und Misserfolg

Fast drei Jahre lang wandert Jesus hauptsächlich durch Galiläa, die Provinz, aus der er stammt (die Karte zeigt einige seiner Stationen). Rasch zieht er große Menschenmengen an. Doch nicht überall wird er mit offenen Armen empfangen. Besonders unbeliebt ist der Prophet »im eigenen Land«, in seiner Heimatstadt Nazareth. Auf Ablehnung reagiert Jesus nicht immer gelassen, einmal verflucht er sogar die Städte und ihre Einwohner, die nichts von ihm wissen wollen. Überhaupt ist er keineswegs immer die Sanftmut in Person: Als ein Feigenbaum, von dem er essen möchte, noch keine Früchte trägt, verwünscht er den Baum – und dieser verdorrt.

Die zwölf Apostel

Wie viele Männer zu seinen engsten Vertrauten gehörten, ist unbekannt, doch zwölf ernennt Jesus zu Aposteln (griechisch: Gesandte, Vertreter). Die Zahl entspricht den zwölf Stämmen Israels und bedeutet in der jüdischen Zahlenmystik: Vollkommenheit. Eine neue Weltreligion hat Jesus wohl nie im Sinn gehabt. Seine zwölf Gesandten sollen ausdrücklich nur in Israel tätig werden. Der Expansionsgedanke taucht erst nach Jesu Tod auf.

Erweckung vom Tod

Talita Kum: Mit diesen Worten holt Jesus ein Kind ins Leben zurück. (Der Satz geht später in das Vokabular christlicher Exorzisten ein.) Auch ein Mann namens Lazarus wird vom Tod erweckt (oben: sein Grab). Ein besonders spektakuläres Wunder. Denn Lazarus ist vier Tage tot, als Jesus ihn zurückholt. Zu diesem Zeitpunkt hat der Verwesungsprozess begonnen. Und die Seele ist nach jüdischem Glauben bereits vom Körper getrennt.

Die Bergpredigt
Sie gilt als ein Höhepunkt und Konzentrat der christlichen Lehre – die Ansprache, die Jesus schon kurz nach Beginn seiner Tätigkeit als Wanderprediger hält. Unter dem Namen Bergpredigt wurde sie bekannt. Ob sie wirklich auf einem Berg oder doch auf einem Feld gehalten wurde, ist ungeklärt. Ziemlich sicher aber hat Jesus in freier Natur gesprochen, wo er sich ohnehin am liebsten aufhielt.
Berühmt ist die Bergpredigt durch ihre »Seligpreisungen«, mit denen Jesus gerade die »Anti-Helden« und sogar die Underdogs der Gesellschaft anspricht: Selig sind die schlichten Gemüter, die Verfolgten, die sanftmütigen, friedfertigen und von der Mühsal ihres Lebens schwer beladenen Menschen, sagt er, denn sie alle sind Gott besonders nahe. In der

Bergpredigt stellt Jesus auch den Gedanken der Vergeltung und der gerechten Rache infrage, der jahrtausendelang das Rechtsempfinden der Menschen geprägt hat (und vielerorts auch heute noch gilt). Jesus bringt die neue Idee der Feindesliebe, der Deeskalation und der Frieden stiftenden Versöhnung in die Welt: »Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin. «

Der gute Hirte
Ein Bild, das die fromme Kunst des Alten Europa stark geprägt hat: Jesus trägt in den Armen ein verlorenes Schaf, das er geduldig gesucht und endlich gefunden hat.
Mit dem Gleichnis vom guten Hirten beschreibt Jesus die Liebe Gottes zu unterschiedslos allen Menschen. Jeder zählt, egal, wie arm, ungebildet oder rechtlos – dieser Gedanke ist nicht nur tröstlich, sondern für das hierarchische Denken der damaligen Zeit sehr überraschend. Nicht zufällig ist die Schafherde übrigens in der jüdischen Tradition ein immer wiederkehrendes Sinnbild für die Menschheit: Die Juden waren ursprünglich ein Volk von Hirten und Nomaden.

Die Hochzeit
Zu den Wundern, die Jesus zugeschrieben werden, gehören neben den Heilungen auch die so genannten Speisenwunder. Bei einer Hochzeit im Städtchen Kana im westlichen Galiläa geht dem Gastgeber der Wein aus, Jesus hilft ihm aus der Patsche: Er verwandelt Wasser in Wein (im Bild: Weinkrüge aus Jerusalem, um 100 n. Chr.). Die Hochzeitsgeschichte gehört zu den beliebtesten, die über Jesus erzählt werden: Sie zeigt ihn als einen Menschen, der feiern – und guten Wein genießen kann.

Frauen
Für die streng patriarchalische Zeit sehr ungewöhnlich: Zu den Anhängern Jesu gehören von Anfang an Frauen. Einige von ihnen sind namentlich erwähnt – Maria Magdalena, Susanna, Martha. »Sie alle unterstützten Jesus und die Jünger mit dem, was sie besaßen«, heißt es bei Lukas. Eine der berühmtesten Frauengestalten ist die »Sünderin«, die Jesus – während er gerade isst – spontan den Kopf mit kostbarem Öl salbt, seine Füße wäscht und küsst. Die Männer am Tisch reagieren unwillig. Warum lässt sich der Meister von einer »unreinen« Frau berühren? Die Antwort Jesu verschlägt ihnen die Sprache: »Ihre Sünden sind ihr vergeben, weil sie mir so viel Liebe gezeigt hat. «

Steinigung
Jesus ist frommer Jude. Er will keine Religion gründen, aber das Judentum mit neuem Geist erfüllen. Zu seiner Zeit werden Frauen, die Ehebruch begangen haben, gesteinigt. Als orthodoxe Schriftgelehrte nach einem Vorwand suchen, Jesus der Blasphemie zu überführen, zerren sie eine Ehebrecherin vor ihn und fragen: Was sollen wir tun? Sie steinigen? Jesus verabscheut die Heuchelei der Menschen, die über andere richten und sich als moralisch überlegen empfinden. Seine Antwort ist von zeitloser Gültigkeit: »Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. «

Seeleute
Der See Genezareth im Herzen von Galiläa taucht immer wieder in den Erzählungen über Jesus auf. Hier scheint er sich besonders gern aufgehalten und ausgeruht zu haben. Ob seine Liebe zu den Fischern auch ein Grund war, warum der Fisch später zum Symbol des Christentums wurde, ist ungeklärt. Am Ufer des fischreichen Sees jedenfalls spielen sich viele wichtige Episoden ab. Einmal startet Jesus bei gutem Wetter mit einigen Jüngern zu einer Bootstour. Er schläft tief, als plötzlich ein gefährlicher Wirbelsturm losbricht. Erschrocken wecken ihn die Jünger auf. Jesus gebietet Wind und Wellen Einhalt. »Warum habt ihr so viel Angst? Habt ihr noch keinen Glauben? «, fragt er seine Leute. Der Glaube als Erlösung aus den vielen Ängsten, von denen Menschen gequält werden: Alle großen Religionen der Welt kennen
dieses Geheimnis.

Brot und Fische
»Der Mensch lebt nicht vom Brot allein«: Dieses berühmte Jesus-Wort warnt davor, das Leben nur der Suche nach Geld und Sicherheit zu widmen. Aber viele Episoden zeigen, dass Jesus sehr wohl ein Herz hat für die elementaren Bedürfnisse der Menschen. Als seine Zuhörer während einer Predigt Hunger bekommen, macht er aus zwei Fischen und fünf Broten genug Essen, um alle zu sättigen.

Mitgefühl

Jesus verpackt seine Botschaft gern in alltägliche Geschichten. Seine Lehre von der

Nächstenliebe steckt auch im Gleichnis vom »barmherzigen Samariter«: Darin versorgt ein Samariter einen von Räubern halb totgeschlagenen Juden. Zwischen Juden und Samaritern herrscht ein alter Zwist. Die Samariter – sie leben im an Judäa angrenzenden Samaria – gelten den Juden als minderwertige Ketzer. Mitgefühl über alle sozialen und ethnischen Grenzen hinweg ist ein zentrales Anliegen für Jesus. Auch Religionsstifter Buddha hat das zum Kern seiner Lehre gemacht und schließt dabei sogar alle »fühlenden Wesen«, also auch die Tiere, ein.

Kinder
Kinder stören nur und haben nichts in der Nähe eines spirituellen Meisters zu suchen: So ähnlich dachten wohl die Jünger, als sie eine Gruppe von Müttern verscheuchten, die ihre Kinder segnen lassen wollten. Jesus ist anderer Meinung. Er weist die übereifrigen Jünger ärgerlich zurecht und ruft die Kleinen zu sich. Kinder, sagt er auch bei anderer Gelegenheit, sind »die Größten im Himmelreich«. Gleichzeitig warnt er davor, sie zu vernachlässigen oder zu missbrauchen. Zu seiner Zeit werden Kinder zwar als Segen empfunden, doch Rechte haben sie kaum.

Einzug

Wie oft Jesus in seinem Leben in Jerusalem war, lässt sich nicht genau feststellen. In seinem letzten Lebensjahr jedenfalls macht er sich auf den Weg, um das Pessachfest dort zu feiern. Sein Ruf ist bis in die Stadt vorgedrungen und beunruhigt die Schriftgelehrten. Verängstigt von den düsteren Vorahnungen ihres Meisters, nehmen die Jünger glücklich zur Kenntnis: Er wird jubelnd schon vor den Toren empfangen und in einer Art Triumphzug durch die Stadttore geleitet.

Verklärung
Gegen Ende seines Lebens werden die Worte und Ermahnungen Jesu immer ernster. Mehr als einmal kündigt er an, welch schweren Weg er vor sich hat. Die Jünger können ihn nicht verstehen, ihre Angst und Anspannung wachsen. Mit Petrus, Johannes und Jakobus zieht sich Jesus noch einmal zurück auf den Berg Tabor oder – wahrscheinlicher – auf den Berg Hermon. Während er dort betet, umhüllt ihn ein strahlendes Licht, sein Gewand wird schneeweiß, sein Gesicht leuchtet. Die Verklärung (Erleuchtung) ihres Meisters ist ein großes Glückserlebnis für die Jünger – Petrus würde am liebsten für immer auf dem Berg bleiben.

Die letzten Stationen

Zu Lebzeiten Jesu ist Jerusalem wie ganz Palästina Teil des Römischen Reiches. Die Ober-Hoheit hat der Prokurator Pontius Pilatus, der seinerseits dem Statthalter in Syrien unterstellt ist. Hauptquartier der Römer in Jerusalem (röm.: Aelia Capitolina) ist die Festung Antonia. Die politische und religiöse Elite der Stadt versucht, sich mehr oder weniger mit der Besatzungsmacht zu arrangieren. Herzstück der Stadt ist der Tempelberg, auf dem Priester und Schrift-Gelehrte das Sagen haben. Selbstverständlich zieht es auch Jesus dorthin. Sein Charisma und seine unkonventionellen Reden alarmieren die orthodoxen Theologen aufs Höchste. Oben: Jerusalem zurzeit Jesu.

Aufruhr im Tempel
Der Tempel von Jerusalem, einer der größten Prachtbauten im östlichen Mittelmeerraum (oben links: Rekonstruktion des Großen Hofs mit dem Allerheiligsten), ist nicht nur ein Ort des Gebets, sondern auch des Handels. Viele Geldwechsler haben hier Stände, denn im Tempel kann man nur mit Silbermünzen aus Tyrus, der damals härtesten Währung, zahlen. Die Pilger kaufen Devotionalien, Opfertauben und müssen Tempelgebühren entrichten. Jesus, der ein sehr kritisches Verhältnis zum »Mammon« hat, empfindet die Geschäftemacherei als Beleidigung für die Heiligkeit des Ortes. Zornig kippt er die Tische einiger Geldwechsler und Taubenverkäufer um. Mit der »Tempelreinigung« protestiert Jesus gegen die Zerfallserscheinungen des Judentums und möglicherweise auch gegen Tieropfer. Als die Priester davon erfahren, sind sie empört! Die Schlinge um Jesus zieht sich zu.

Judas
Für die Summe von 30 Silberlingen (Bild: jüdische Münzen, 1. Jahrhundert n. Chr.) verrät ein Apostel Jesu Aufenthaltsort an die Priester. Die Persönlichkeit des Judas Ischariot und seine Motive sind unklar. »Für den Mann, der mich verraten hat, wird es furchtbar«, sagt Jesus. Tatsächlich stirbt Judas noch vor Jesus durch Selbstmord. Ist er wirklich der größte aller Sünder? Hat er nicht vielleicht nur die ihm zugewiesene Rolle gespielt? Ohne seinen Verrat hätte Jesus nicht den von ihm selbst angekündigten Weg gehen können.

Letztes Abendmahl
Pessach – drei Tage lang feiern die Juden jährlich ihre Befreiung aus ägyptischer Gefangenschaft. Den Auftakt bildet ein rituelles Abendessen mit Wein, bitteren Kräutern, gebratenem Lammfleisch und ungesäuertem Brot. Von einem mysteriösen Anhänger und unter großer Geheimhaltung haben Jesus und die Jünger für das Pessach-Mahl einen Raum zur Verfügung gestellt bekommen Es wird kein freudiges Essen. Wie eine dunkle Wolke liegen Anspannung und Trauer über der Tafel. Jesus erklärt seinen Jüngern, dass einer am Tisch zum Verräter geworden ist. Und er nimmt Abschied von ihnen. Judas schweigt.

Anklage
Nach der Gefangennahme wird Jesus in das Haus des Hohepriesters Kaiphas (Bild: die angebliche Stätte) gebracht. Ob dort auch die Gerichtsverhandlung vor dem »Hohen Rat« stattfand, ist unbekannt. Der Rat, eine Versammlung angesehener Schriftgelehrter, Priester und Honoratioren, hat das Recht, bestimmte innerjüdische Probleme ohne Absprache mit der römischen Obrigkeit zu regeln. Jesus wird der Gotteslästerei bezichtigt. Zeugen werden gehört, die diese Anklage stützen. Als man Jesus fragt, ob er der Sohn Gottes sei, antwortet er: »Ihr sagt es, ich bin’s! « Diese Worte bedeuten den Tod.

Ölberg
Eine schreckliche Unruhe überkommt Jesus in der Nacht nach dem Pessach-Mahl. Es zieht ihn in die Natur, in einen Olivengarten (oben: der Hain heute). Nicht einmal seine nächsten Freunde Petrus, Jakobus und Johannes scheinen den Ernst der Lage zu begreifen: Sie schlafen, während Jesus seine bittersten Stunden durchlebt: Er zweifelt, er schwitzt vor Angst, er betet um Rettung. Endlich kehrt die ersehnte Gottesgewissheit wieder – und mit ihr die Ruhe. Gefasst geht Jesus Judas entgegen, der mit einer Schar Männer auf ihn wartet.

Feigheit
Verstört mussten die Apostel mit ansehen, wie Jesus abgeführt wurde. Sie gehen in die Stadt zurück. Ratlos. Sie haben Angst. Die Nachricht von der Festnahme des charismatischen Rabbis (Lehrer) verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Als er auf Jesus angesprochen wird, gibt Petrus dreimal vor, ihn nicht zu kennen. Er ist eben kein Held, sondern ein normaler Mensch – und doch oder gerade deshalb der Fels, auf dem Jesus seine Kirche bauen will.

Todesurteil
Weil der Hohe Rat kein Todesurteil aussprechen darf, wird Jesus zu Pontius Pilatus gebracht. Vor ihm klagen sie Jesus als Aufrührer und Steuersünder an. Jesus verteidigt sich nicht, Pilatus ist irritiert und ratlos. Erst als die Schriftgelehrten ihn erpressen – er mache sich selbst des Verrats am Kaiser schuldig –, verurteilt er Jesus zum Tod. Zuvor richtet er sich an die Menschen, die sich vor seiner Residenz versammelt haben: Soll er Jesus oder den Polithäftling Barabbas anlässlich des Pessach-Festes freilassen? Das Volk entscheidet sich für Barabbas – heißt es. Diese Darstellung schiebt die Verantwortung an Jesu Tod allein den Juden zu. Das ist heute historisch sehr umstritten. Bevor Jesus abgeführt wird, reinigt sich Pilatus rituell vor aller Augen die Hände – er will mit dem Tod Jesu nichts zu tun haben. Er »wäscht seine Hände in Unschuld«.

Kreuzigung
In aller Eile soll das Todesurteil vollstreckt werden, denn der Sabbat naht. Bevor er sich auf den Weg zur Richtstätte machen muss, wird Jesus angespuckt, ausgelacht und gefoltert (oben: eine römische Peitsche und eine Dornenkrone.) Gefolgt von einer johlenden Menschenmenge, trägt er sein Kreuz zum westlich gelegenen Golgatha. Ob die Jünger ihn begleitet oder sich aus Angst versteckt haben, ist unklar. Die Frauen jedenfalls, die Jesus lieben, stehen an der Straße und brechen bei seinem Anblick in Tränen aus. Auf Golgatha wird Jesus neben zwei Schwerverbrechern ans Kreuz geschlagen. Ein qualvoll langer Todeskampf beginnt.

Sterben
Gegen neun Uhr morgens ist Jesus ans Kreuz genagelt worden – gegen drei Uhr nachmittags stirbt er. Selbst die hartgesottenen Römer bezeichnen den Kreuzestod als schrecklich. Einer der zwei mitgekreuzigten Verbrecher bekennt sich zu Jesus und wird zu seinem Jünger. Noch am Kreuz zeigt Jesus seine unerschütterliche Nächstenliebe: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun«, sagt er, als anwesende Soldaten und Priester ihn verhöhnen. Über seine letzten Worte existieren unterschiedliche Fassungen in den Evangelien. Laut Markus stirbt Jesus mit einem Schrei der Verzweiflung: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? « Nach Lukas seufzt er: »Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist …« Und laut Johannes ist das sein letzter Satz: »Es ist vollbracht! «

Die Mutter
Die Frauen sind die Treuesten! Am Kreuz des sterbenden Jesus haben sich einige seiner Anhängerinnen versammelt, darunter Maria Magdalena und seine Mutter Maria. Marias Schmerz ist unbeschreiblich. Sie verliert nicht nur ihren Sohn, sondern auch ihren spirituellen Lehrer. Kurz bevor er stirbt, vertraut Jesus seine Mutter, die wahrscheinlich schon verwitwet war, der Obhut seines Jüngers Johannes an. Johannes ist wohl der einzige Apostel, der den Mut hatte, den Meister bis zum Tod zu begleiten.

Das Begräbnis
Mit einem Lanzenstich in seine Seite vergewissern sich die Soldaten, ob Jesus wirklich tot ist. Sie stehen unter Zeitdruck. Die Leichname der Hinrichtungsopfer sollen noch vor Beginn der Sabbat-Ruhe abgenommen und im Massengrab verscharrt werden. Ein einflussreicher Jünger, möglicherweise Josef von Arimathäa, hat aber die Erlaubnis eingeholt, Jesus selbst zu bestatten. In aller Eile lässt er den Leichnam zu einer Grabstätte in der Nähe von Golgatha bringen. Dort wird er einbalsamiert und das Grab mit einem Stein verschlossen (links: Grab aus dem 1. Jh. n. Chr.). Während die Stadt mit den Feierlichkeiten zum Pessach-Sabbat beginnt, herrscht unter den Jüngern lähmendes Entsetzen. Jesus, den sie über alles geliebt haben, ist tot. Und sie haben nichts getan, um ihn zu retten.

Das Jesus- und Marienbild im Koran

Jesus, der Sohn der Maria

Warum ein Moslem in der Begegnung mit dem Christentum über Jesus reden muß, läßt sich relativ einfach beantworten: Weil Jesus, Sohn der Maria, Teil seines eigenen islamischen Heilsweges ist. Denn so wie der Moslem sein Heil ausschließlich aus der Erwählung durch Gott erwartet, aus der Gnadentiefe des ihm ganz zugewandten Schöpfers, Erhalters und barmherzigen Richters, so ist seine Heilsper­spektive untrennbar auch mit Jesus verbunden.

Im Koran finden sich Zeugnisse für die reale Existenz Jesu, Zeugnis dafür, daß er ein Pro­phet, Diener und Apostel Gottes war, der Mes­sias Israels; der Titel „Messias“ taucht im Koran achtmal auf.

In seinem Werk „Qustas“ schreibt Al-Ghazzali (1059-1111), daß die Formel: „Es gibt keine Gottheit außer Gott und Jesus ist der Gesandte Gottes“, eine vom Islam gestützte Wahrheit sei. Zu diesem Zeugnis gehören eine Reihe von Attributen wie: „ein Wort Gottes“, eine „Barm­herzigkeit von Gott‘, er ist „Geist Gottes“ wird von Gott mit dem „Geist der Heiligkeit bestärkt, er ist „Gnade Gottes“, ein „Zeichen für die Welt, ein „Zeichen für die Menschen“, er ist der „neue Mensch“, er ist „geehrt in dieser und in jener Welt, einer der Gottesnahen“, er ist „rechtschaf­fen“ und er gehört zu denen, die Gott zu sich genommen hat‘ (Koran 2,88 bis 21,92).

Diese Attribute machen deutlich, daß derjenige, der den Islam bekennt, Jesus kaum übergehen kann. Das wird von dem folgenden Bekenntnis­artikel des Korans unterstrichen:

„Wir gaben Moses fürwahr das Buch und ließen Gesandte folgen in seinen Fußstapfen; und Je­sus, dem Sohn der Maria, gaben Wir offenkun­dige Zeichen und stärkten ihn mit dem Geist der Heiligkeit. Wollt ihr denn, jedes Mal da ein Bote zu euch kommt mit dem, was ihr selbst nicht wünscht, hoffärtig sein und einige als Lügner behandeln und andere erschlagen“? (2:88).

In einem noch erhaltenen Brief des Propheten Mohammed aus dem Jahre 620 n.Chr. an den Negus von Äthiopien, heißt es:

„Ich bezeuge, daß Jesus, der Sohn der Maria, der Geist Gottes ist und sein Wort, das er in Maria eingab, die Jungfrau, die Gute, die Reine. So empfing sie Jesus, den Gott mit seinem Geist schuf und ihm das Leben einhauchte, wie er Adam mit seinen Händen schuf und ihm das Leben einhauchte. Ich rufe dich zu Gott allein, der keinen Gefährten hat“.

Das Marienbild

Der Brief des Propheten Mohammed an den äthiopischen Kaiser signalisiert, welchen Stel­lenwert der Islam der Mutter Jesu beimißt. So mag es nicht überraschen, wenn es im Koran über Maria heißt:

„Und (denke daran), wie die Engel sprachen: ‚O Maria, Gott hat dich erwählt und dich gereinigt und dich erkoren aus den Weibern der Völker. O Maria, sei gehorsam deinem Herrn und wirf dich nieder und bete an mit den Anbetenden‘ (3,43-44).“

In Sura 66,13 und 21,92 steht zu lesen:

„Und der Maria, der Tochter Imrans, die ihre Keuschheit bewahrte – darum hauchten Wir ihr von Unserem Geist ein -, und sie glaubte an die Worte ihres Herrn und gehörte zu den Gehorsa­men“, … „Und (Maria) die ihre Keuschheit wahr­te – Wir hauchten ihr von Unserem Geist ein und machten sie und ihren Sohn zu einem Zeichen für die Welt“.

Der christliche Glaubenssatz „Empfangen durch den heiligen Geist und geboren aus Maria der Jungfrau“, wird also auch im Koran unmiß­verständlich bezeugt. Der Moslem ist gehalten, diese Botschaft in Ehrfurcht aufzunehmen. Die Wunder sind für ihn kein Problem, ist Gott doch allmächtig. Er kann durch sein befehlendes Wort auf wunderbare Weise Leben aus jung­fräulichem Schoß erwecken, genau wie er durch sein Wort den ersten Menschen schuf. In die­sem Zusammenhang sei auf einen Aufsatz hin­gewiesen, der im Jahre 1935 von Ibrahim AI-Gibbali in der islamischen theologischen Zeitschrift „Nur al-lslam“ veröffentlicht worden ist. Es handelt sich um eine Stellungnahme des moslemischen Gelehrten zu einer Anfrage, die sich auf Sura 19:28 bezieht, wo davon die Rede ist, daß die Leute gegenüber Maria angesichts des Jesuskindes in den Ausruf ausbrachen: „O Maria, du hast etwas Seltsames getan. O Schwester Aarons, dein Vater war kein Bösewicht, noch war deine Mutter ein unkeusches Weib“. Der Anfrager wünschte darüber belehrt zu werden, ob aus diesen Worten ein Tadel für Maria abzuleiten sei, oder ob hier auf ein großes Geheimnis hingewiesen werde, das der Mutter Jesu zu hoher Ehre gereiche.

Ibrahim Al-gibbali antwortet: „Jeder Moslem, der sich konsequent an den Islam hält, der an die Sendung Mohammads glaubt, der an das Buch Gottes glaubt, der glaubt auch ohne den geringsten Zweifel, daß Maria frei von jeder Sünde ist, die sie entehren würde, rein von jedem Fehlender ihre Würde herabsetzt, daß sie zu den edelsten Frauen gehört. Wer daran zweifelt, ist ein Ungläubiger. Spricht doch der erhabene Koran von ihrer Sündenfreiheit und ihrer fleckenlosen Reinheit und preist sie dafür, daß sie der Herr auserwählt und gereinigt hat…. Wer demnach an dieser Reiheinheit zweifelt, der zweifelt an der Wahrheit des Wortes des Herrn der Welt“.

In einem Hadith wird die Auffassung von Professor Al-Gibbali unterstrichen. Der Prophet Mohammad hat dem Traditionalisten Abu Huraia zufolge gesagt: „Der Satan rührt jedes Kind an, das geboren wird, und wenn er es anrührt, erhebt das Kind seine Stimme und schreit. So geschah es mit allen Kindern, außer Maria und Jesus. Lies Gottes Wort: ‚Ich werde sie und ihre Nachkommen vor jedem verfluchten Satan beschützen‘.“

Insbesondere in der islamischen Mystik stoßen wir auch heute noch auf Spuren einer echten Marienverehrung, die sich später vielfach auf die Prophetentochter Fatima übertragen hatte. Papst Paul VI. ließ in der Islam-Erklärung des Zweiten Vaticanums ausdrücklich auf diesen Umstand hinweisen: „Jesus, den sie (die Moslems) allerdings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten, und sie ehren seine jungfräuliche Mutter Maria, die sie bisweilen auch in Frömmigkeit anrufen“.

Der Papst bezieht sich hier offensichtlich auf bestimmte Formen der islamischen Volksfrömmigkeit. Noch heute pilgern neben Chri­sten auch Moslems zu den berühmten Marienwallfahrtsorten des Orients, etwa nach Ephesus zum „Grab Mariens“ oder nach Sidnaya in Syrien. Ein weiteres gemeinsames Wallfahrtsziel ist die St. Sergiuskirche in Kairo. Sie erhebt sich über dem Ort, an dem einst Maria und Joseph mit dem Jesuskind auf ihrer Flucht vor Herodes gerastet haben sollen. Nach Matth.2, 13-25 hat Jesus seine erste Kinderjahre in Ägypten verbracht. Christen und Mos­lems pilgern seit Menschengedenken zu dieser Stätte, um mitein­ander zu beten.

Der Sohn Marias im Koran

Im Koran taucht Jesus als Sohn der Maria auf: Isa Ibn Marjam wird auf Anordnung Allahs von einer jungfräulichen Mutter geboren. Obwohl der Koran Jesus nicht als Sohn Gottes anerkennt, stehen des­sen Berichte über Geburt und Kindheit Jesu stark unter dem Einfluß der Apokryphen.

Die beiden Texte des Koran über die Geburt Jesu folgen unmittelbar auf die Verse, die über die Verkündigung an. Maria berichten (vgl. 19:21-37;3:45-50). Im ersten heißt es: ,Maria „empfing das Kind und zog sich mit ihm an einen entlegenen Ort zurück“ (19:22). Daraufhin „überkamen sie die Wehen am Stamm einer Palme“. Die darauf folgende Passage ist nicht ganz eindeutig. Entweder ist gemeint: „Es rief jemand unter ihr“, oder: „Der, der unter ihr war, rief…“. Beide Überset­zungen sind in der Tat möglich: Da das Verb „rufen“ ohne Subjekt auftaucht, bezogen es einige Koran-Exegeten auf den Erzengel Gabriel, wäh­rend nach der vorherrschenden Deutung der Rufende das noch ungeborene oder eben erst gebo­rene Jesuskind ist. Dann lautet die Stelle: „Das Kind zu ihren Füßen (unter ihr) rief: Bekümmere dich nicht; dein Herr hat unter dir ein Bächlein fließen lassen; und schüttele nur den Stamm des Palmbaums zu dir, so werden frische reife Datteln auf dich fallen, so iß und trink und sei kühlen Auges, und so du einen Menschen siehst, so sprich: Siehe, ich habe dem Erbarmer ein Fasten gelobt; nimmer spreche ich heute zu irgendjemand“ ( 19: 24-26 nach Hennig).

Wunder erweisen das Jesuskind als Propheten

Die zweite Stelle, die von der Geburt Jesu handelt, stellt dessen theologische Bedeutung in den Vordergrund: „(…) die Engel sprachen: O Maria, siehe, Allah verkündet dir ein Wort von ihm; sein Name ist der Messias Jesus, der Sohn der Maria (…). Und reden wird er mit den Menschen in der Wiege und in der Vollkraft, und er wird einer der Rechtschaffenen sein“ (3:45fl. Die überraschte Maria, die kein Mann je berührt hat, erhält als Erklärung: „Also schafft Allah, was er will; wenn er ein Ding beschlossen hat, spricht er nur zu ihm: Sei (kun) ! und es ist“ (3:47). So wurde Jesus wie Adam vom Schöpfergott mit dem Wort kun erschaffen (vgl. 3:54). Gott hat ihn das Buch, die

Weisheit, die Tora und das Evangelium gelehrt und „wird ihn entsenden zu den Kindern Israel“ (3:48f). Zu dem Wunder, daß Jesus schon in der Wiege sprechen kann, kommt seine Fähigkeit, Vögel aus Ton „mit Allahs Erlaubnis“ lebendig werden zu lassen (vgl. 3,49).

Die erste Erzäh­lung und das Wunder an der Palme erinnern an die Legende von der Flucht aus Ägypten, wie sie im apo­kryphen Matt­häusevangelium erzählt wird. Dieses Werk wurde zwischen dem 8. und 9. Jh. schriftlich fi­xiert; mündlich überlieferte Tra­ditionen sind aber sehr viel älter. Das Wun­der vom Kind, das schon in der Wiege spricht, wird darin ebenso erzählt wie die Geschichte von den Vögeln aus Ton, die auch schon das Thomasevangelium über­liefert hatte. Der rätselhafte Vers über den Rück­zug Marias an einen einsamen Ort ist vermutlich ein Anklang an eine christliche Überlieferung, die im Protevangelium des Jakobus auftaucht. Dort läßt der Hohepriester Maria im Zuge einer rituellen Prüfung ihrer Treue ein besonderes Wasser trinken (vgl. die Vorschriften über das Eifersuchtsordal mit „bitterem, Fluchbringendem Wasser“ in Num 5,11-31 ) und schickt sie dann in die Wüste. Eine andere Version, die bei Pseudo-Ephräm erscheint, berichtet vom Erweis der Unschuld Mariens. Dies entspricht dem Koranvers 19:28, wo es heißt: . „O Schwester Aarons, dein Vater war kein Bösewicht und deine Mutter keine Dirne. „

Bezüglich der Frage, auf welchem Weg der Prophet Mohammed von diesen Beriten Kenntnis erhalten habe, gibt es verschiedene Hypothesen. Wie bei allen biblischen oder späteren Legenden, die der Koran aufgreift, erzählt die muslimische Überlieferung auch über die Vorwürfe, die seine Anhänger Mohammed gemacht haben: Er sei von christlichen oder jüdischen Sklaven unterrichtet worden, deren Namen sogar genannt werden, außerdem von Waraka Ibn Nawfal, einem nahen Verwandten seiner Erau Chadidscha, und schließ­lich von der Koptin Maria, einer weiteren Gattin oder Nebenfrau, die als Sklavin aus Alexandria kam.

Wie    immer   es    sich wirklich verhalten hat, die  apokryphen  Er­zählungen  von   der . Geburt Jesu sind in einer Region, wo die mündliche Überliefe­rung besonders  stark ausgeprägt war, jeden­falls sicher bekannt gewe­sen.

Die Auslegungsgeschichte

Bei der Auslegung der entsprechenden Koranstel­len bemühten sich die Exegeten, ihnen einen ein­deutigen Sinn zu geben und sie zu ergänzen. Da die Geburt Jesu und die Flucht nach Ägypten in einem Atemzug genannt werden, ist Jesus einigen zufolge auch dort geboren oder hat dort bis zu sei­nem dreißigsten Lebensjahr gelebt. Andere Exe­geten nennen als Geburtsort Bethlehem.

Dort sollen sich denn auch zwei Wunder ereignet haben: Im Gegensatz zu allen anderen Kindern sei er bei der Geburt nicht vom Dämon berührt wor­den. Und als Datteln von der erwähnten Palme her­abfielen, seien die Götzenbilder umgestürzt und hätten sich an den Thron Satans geflüchtet, dem das große Ereignis verborgen geblieben war (vgl. auch das apokryphe Matthäusevangelium). Die Episode wird im allgemeinen verknüpft mit dem Besuch der drei Weisen aus dem Morgenland, den Sterndeutern, die von der Geburt Jesu erfahren hat­ten, sowie mit der Geschichte von der Volkszäh­lung des Herodes.

Auch in Texten über die Kindheit Jesu spielen mehrfach Wunder eine Rolle. Zweimal beschuldigt man den Knaben, er habe ein Kind getötet, doch er erweckt den Toten zum Leben und wird rehabili­tiert (vgl. auch das Thomasevangelium und das

arabische Kindheitsevangelium). Jesus, der mit zwölf Jahren den Beruf des Färbers erlernt, zieht verschiedenfarbige Gewänder aus ein- und dem­selben Bottich. In seiner Zeit in Ägypten entlockt er einem Hinkenden und einem Blinden, die den Schatz eines Bauern gestohlen haben, ein Geständnis, eine Legende, die in ähnlicher Form, allerdings ohne Erwähnung Jesu, auch im Babylonischen Talmud (Sanhedrin 91,b) auftaucht. Auch in der Schule zeichnet Jesus sich aus: Mit zehn Jahren übertreffen seine Kenntnisse die des Lehrers. Er kann den Mitschülern Gegenstände in ihrem Haus benennen und sie in Schweine ver­wandeln.

Insgesamt läßt sich sagen, daß ganz offenkundig sowohl die Koranstellen, die auf die Geburt Jesu Bezug nehmen, als auch entsprechende Geschichten in der muslimitischen Überlieferung stark von Legenden aus den christlichen Apokryphen beeinflußt sind.

 

Comments (1)

  1. Sehr schöne Zusammenfassung vieler alter Überlieferungen, vielen Dank!

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