Türkische Leben und Kultur

Heiratstraditionen

Besonders in kleinen Dorfgemeinschaften übt die Hochzeit die Funktion eines “Festes” aus, da das gesamte Dorf in die Feierlichkeiten integriert wird. Die Heirat ist ein Prozess mit verschiedensten Stufen, bei denen Zeremonien und Feierlichkeiten mit Speis und Trank, Vergnügungen aber auch “ağıt” (Traueroden) beobachtet werden können.

Die Phasen der Heirat, mit all ihren Zeremonien und Gebräuchen, können folgendermaßen dargestellt werden:

 

A. Vor der Hochzeit

 

I. Brautschau, Anhalten um das Mädchen

 

II. a. Heiratsvereinbarung

 

b. Şerbet (Sorbett)

 

c. Verlobung

 

III. Hochzeitseinladung

 

IV. Überbringung der Aussteuer und Ausstellung der Aussteuer

 

V. Brautbad

 

B. Hochzeit

 

I. Henna-Nacht

 

a. Henna-Nacht der Braut

 

b. Henna-Nacht des Bräutigams

 

II. Brautholen

 

III. Trauung

 

IV. Brautgemach

 

V. Nach der Brautnacht

 

C. Nach der Hochzeit

 

Nachdem der Entschluss getroffen wurde, zu heiraten, liegt der erste Schritt in der Wahl der geeigneten Braut für den zukünftigen Bräutigam. Besonders in traditionellen Gesellschaftsschichten wird die Auswahl der Braut zunächst von den Eltern des Bräutigams vorgenommen. In letzter Zeit allerdings ist in dieser Vorgangsweise langsam eine Veränderung zu beobachten. Die jungen Menschen von heute wählen entweder selbst ihren Partner, den sie auf unterschiedliche Weise kennen gelernt haben, oder die geeignete Braut wird durch einen gemeinsamen Beschluss ausgewählt.

 

In der Heiratsform, die durch so genannte „görücü“ (Brautschauer) zu Stande kommt, besuchen zuerst die Mutter des zukünftigen Bräutigams und familiennahe Frauen die Familie des in Betracht kommenden Mädchens. Fand man Gefallen an dem Mädchen, so wird es dem Bräutigam gezeigt. Findet das Mädchen auch die Zustimmung des Bräutigams so wird der Entschluss getroffen, um das Mädchen anzuhalten.

Das Besuchen der Familie des Mädchens und das Bitten des Vaters um die Hand des Mädchens wird als „dünürlük“, „dünürlüğe gitme“ oder „elçiliğe gitme“ (Anbahnung eines Verwandtschaftsverhältnisses durch Heirat) bezeichnet. Die im Rang höher stehenden Frauen und Männer der Familie besuchen an einem vorher festgelegten Glücksbringenden Tag (meist ist dies ein Donnerstag oder Sonntag) die Familie des Mädchens, um mit den Worten „Im Auftrag Gottes und der Zustimmung des Propheten“ um die Hand des Mädchens zu bitten. Da sich allerdings die Familie des Mädchens im Allgemeinen etwas ziert, wird das Mädchen beim ersten Besuch nicht gegeben. Erst nach einigen Besuchen und genügenden Überlegungen seitens der Familie des Mädchens wird der Familie des zukünftigen Bräutigams eine positive Antwort gegeben. Diese Entscheidung bedeutet gleichzeitig ein gegenseitiges Versprechen (söz kesmek). Nach Wunsch der Beteiligten wird manchmal am gleichen Tag der Verlobungsring angesteckt. Meist wird allerdings eine Verlobungsfeier organisiert, bei der dieser Vorgang durchgeführt wird. Es ist weit verbreiteter Brauch, dass bei dem Vorgang des Versprechens ein als „şerbet“ bezeichnetes Getränk angeboten wird, um die Beziehungen untereinander zu versüßen. Das Trinken dieser „şerbet“ bedeutet, dass nun das Mädchen tatsächlich gegeben und der Heiratsbeschluss getroffen wurde. Mit dem „söz kesme“ (Versprechen) werden gleichzeitig die Verlobungs- und Hochzeitstermine besprochen sowie über zu kaufende Haushalts- oder Einrichtungsgegenstände oder das so genannte „başlık parası“ (Geld, das von der Familie des Bräutigams für das Mädchen bezahlt werden soll) verhandelt.

Nachdem beide Seiten ihre Vorbereitungen beendet haben, wird im Hause des Mädchens die Verlobungszeremonie, an der vorwiegend Frauen teilnehmen, durchgeführt. Die Familie des Bräutigams steckt der Braut verschiedenste Schmuckstücke an und überreicht die übrigen Geschenke. Im Gegenzug dazu, werden auch von der Familie des Mädchens Geschenke übergeben. Die Verlobungszeremonie kann nach Wunsch auch mit einem Essen verbunden werden. Mit Vergnügungen und Unterhaltungen wird dieses erfreuliche Ereignis gefeiert. Die Verlobung stellt den ersten Schritt zur Verehelichung dar, ermöglicht der Frau und dem Mann ein näheres Kennen lernen und ist gleichzeitig der Beginn der Zeitperiode bis zur Hochzeit. Sollte es zu Verständigungsschwierigkeiten oder Problemen während dieser Periode kommen, so kann die Verlobung aufgelöst werden. Allerdings wird eine Auflösung der Verlobung in den seltensten Fällen bevorzugt.

Nun kommt die Phase der Hochzeit näher. Zunächst muss das nähere Umfeld zur Hochzeit geladen werden. Bei diesem Brauch, der seine Bedeutung in jüngster Zeit zunehmend verliert, wird an die Familien im Dorf eine so genannte „okuntu“, eine Art Hochzeitseinladung, verteilt. Für die Aufgabe der Überbringung dieser Einladung wird eine geeignete Person ausgewählt und mit der persönlichen Verteilung durch Hausbesuche der Dorfbewohner beauftragt. Als Einladung wird das „okuntu“ überreicht, das eigentlich ein kleines Geschenk darstellt. Das „okuntu“ kann zum Beispiel ein Stück Stoff, ein Taschentuch, ein Kopftuch oder Ähnliches, aber auch Lebensmittel wie Zucker, „börek“ (Art Strudel) etc. sein.

Wenn auch in Märchen von vierzig Tagen und vierzig Nächten währenden Hochzeiten erzählt wird, so dauern die Hochzeiten in Anatolien meist drei Tage an. In jüngster Vergangenheit wird allerdings das Wochenende bevorzugt und die Hochzeiten dauern häufig zwei Tage, was vorwiegend aus ökonomischen und sozialen Gründen bevorzugt wird.

 

Die Hochzeit als Hauptereignis des Heiratsprozesses kann in zwei Abschnitte eingeteilt werden:

 

a. Die Henna-Nacht

 

b. Das Abholen der Braut

 

Am Vorabend der Hochzeit wird im Hause der Braut eine so genannte „kına gecesi“ (Henna-Nacht) inszeniert. Diese Zeremonie kann auch auf Seiten des Mannes durchgeführt werden, aber meist findet sie unter ausschließlicher Teilnahme von Frauen im Hause der Braut statt, wo diese Zeremonie eine sehr detaillierte Form annehmen kann.

An dem Tag an dem die Zeremonie der Henna-Nacht durchgeführt wird, wird in den frühen Morgenstunden am Dach des Hauses des Bräutigams eine Fahne gehisst. Diese Fahne wird von gewählten Fahnenträgern in einer großen Gruppe und in Begleitung von Vergnügungen angebracht. In manchen Regionen wird während dieser fröhlichen Zeremonie den Teilnehmern ein so genanntes „bayrak ekmeği“ (Fahnen-Essen) angeboten. Das Hissen der Fahne bedeutet den offiziellen Beginn der Hochzeit.

Am Tag der Henna-Nacht oder auch einige Tage zuvor wird die Aussteuer des Mädchens in das Haus des Bräutigams gebracht und dort das so genannte „gelin odası“ (Brautgemach) vorbereitet. Die Aussteuer der Braut wird manchmal einige Tage vor der Hochzeit im Haus der Braut den Besuchern zur Besichtigung gezeigt, manchmal auch im Hause des Bräutigams am Tag der Hochzeit oder danach. Brauch während dieses Aussteuer-Holens ist es, dass sich eine Person auf die Truhe, in der sich die Aussteuer befindet, setzt und Geld verlangt. In den frühen Stunden der Henna-Nacht bringt eine vergnügliche Gruppe von Frauen das in dieser Nacht aufzustreichende Henna, die Bekleidung der Braut und die den Besuchern anzubietenden Speisen in das Haus der Braut.

In der Henna-Nacht vergnügt sich eine Gruppe von Frauen im Hause der Braut, danach werden Volkslieder angestimmt, die die Braut zum Weinen bringen sollen. Das zuvor angerührte Henna wird auf einem mit Kerzen verzierten Tablett in den Raum gebracht. In manchen Regionen ist es üblich, dass nachdem der Braut das Henna aufgetragen wurde, das Henna an die anwesenden Gäste verteilt wird. In anderen Regionen wiederum wird zuerst das Henna an die anwesenden Gäste verteilt und nachdem diese nach Hause gegangen sind, wird erst das Henna der Braut aufgetragen. Je nach Wunsch wird der Braut das Henna auf die Hände, Füße und Haare aufgetragen. Im Allgemeinen wird eine so genannte „başı bütün“ (Frau mit ganzem Kopf), also eine Frau, die eine glückliche Ehe führt, mit dem Anrühren des Hennas, der Verteilung und dem Auftragen an der Braut beauftragt. Während diese Frau das Henna in eine Hand der Braut streicht, wird die andere Hand der Braut von einem jungen Mädchen bestrichen. Bevor das Henna aufgetragen wird, legt man auf die Handfläche der Braut eine Geld- oder Goldmünze.

Der folgende Tag der Henna-Nacht ist gleichzeitig Tag des Brautholens und der eigentlichen Hochzeit. Beide Familien bieten den Gästen Speisen an und in Begleitung von „davul“ (Pauke) und „zurna“ (türk. Oboe) vergnügen sich die Geladenen. In den frühen Stunden des Tages, an dem die Braut geholt wird, werden für den Bräutigam einige Zeremonien in dessen Haus durchgeführt, wie „damat tıraşı“ (Bräutigams-Rasur) oder „güvey giydirme“ (Ankleiden des Bräutigams). Dagegen wird im Hause des Mädchens die Braut vorbereitet. Dafür werden im Allgemeinen Frauen beauftragt, die auf allen Hochzeiten des Dorfes diese Funktion ausüben und auch das Hochzeitsessen vorbereiten. Seitens des Bräutigams wird eine Gruppe gebildet und das Haus der Braut besucht, um diese abzuholen. Beim Verlassen des Hauses wird der Braut vom Bruder oder von einem Onkel ein so genannter „gayret kemeri“, ein rotes Band um die Taille gebunden. Nachdem sich die Braut von ihrer Familie verabschiedet hat, wird sie unter Bittgebeten, religiösen Gesängen, manchmal auch in Begleitung von „davul“ und „zurna“ aus dem Haus geführt. Während des Verlassens des Hauses werden auch für die zurückgebliebenen unverheirateten Geschwister einige Bräuche durchgeführt. Zum Beispiel wird ein noch nicht fertig gestrickter Strumpf aufgetrennt, damit die ledigen Mädchen auch so schnell heiraten, wie ein Strumpf aufgetrennt wird. …

Beim Austreten aus dem Haus des Brautvaters sowie beim Eintreten in das Haus des Bräutigams werden einige religiöse Beschwörungen durchgeführt, um dem jungen Paar Glück auf dem Weg mitzugeben. Zum Beispiel wird beim Austreten der Braut hinter ihrem Rücken ein Spiegel gehalten, der ein Symbol für ein glückliches, klares Leben darstellt. Tritt die Braut in das Haus des Bräutigams, so wird an die Türschwelle Öl, Honig oder Ähnliches gestrichen, um zu gewährleisten, dass die Braut mit den Bewohnern dieses Hauses ein gutes Auskommen findet.

Über das Haupt der Braut werden Bonbons, Geldmünzen, getrocknete Nüsse und Früchte oder Ähnliches gestreut, was ihr Segen und Wohlstand bringen soll.

Am Abend des Hochzeitstages wird den wenigen zurückgebliebenen Gästen Essen angeboten und die so genannte „imam nikahı“ (religiöse Hochzeit nach Glauben des Islam) durchgeführt. Früher wurde die standesamtliche Heirat zu einem beliebigen Termin nach dieser Hochzeit durchgeführt, allerdings wird heutzutage sehr viel Wert darauf gelegt, dass die standesamtliche Heirat vor der traditionellen Hochzeit geschlossen wird. Diese standesamtliche Trauung wird im Allgemeinen dann durchgeführt, wenn die beiden Familien des Brautpaares für die Hochzeits-Einkäufe zusammen kommen.

Nachdem der Bund der Ehe durch den „Imam“ (Geistlicher) geschlossen wurde und entsprechende Gebete gesprochen wurden, werden die Braut und der Bräutigam in das entsprechende Brautgemach geführt. Gleichzeitig werden wiederum religiöse mythische Handlungen durchgeführt, um eine harmonische Verbindung des Paares zu gewährleisten. Ein Beispiel dafür ist das Hineinstoßen eines Messers der Tür oder das Öffnen eines an der Tür angebrachten Schlosses. Von der Familie des Mädchens vorbereitete Speisen werden zuvor auf das Zimmer gebracht. In manchen Regionen wird dabei nur eine Gabel oder ein Löffel beigelegt, damit sich das junge Paar durch das gemeinsame Essen schneller annähern kann.

In dieser Stufe der Heirat kommt auch der Brauch des „çarşafa bakma“ (auf das Leintuch schauen) auf die Tagesordnung, um zu sehen, ob die Braut noch rein und unschuldig war. Eine auf der Hochzeit eingesetzte verwandte Frau oder eine der beauftragten Köchinnen vergewissert sich über die Situation und informiert beide Familien. Sollte sich herausstellen, dass die Braut keine Jungfrau mehr ist, kann diese wieder in das Haus des Vaters zurückgeschickt werden.

Am Folgetag der Hochzeit werden unter der Bezeichnung wie „duvak günü“ (Tag des Brautschleiers), „yüz açımı“ (Öffnen des Gesichtes) oder „baş bağlama“ (Bedecken des Kopfes) verschiedenste vergnügliche Bräuche durchgeführt. Diese finden in einfacher Form und nur unter Anwesenheit von Frauen statt. In der Vergangenheit wurde die Braut am „duvak günü“ zum Brunnen gebracht, von dem sie Wasser holen sollte. Außerdem musste sie einen Teig anfertigen und so genannte „börek“ (Teigtaschen, Strudel) backen. Dem Aberglauben zufolge sollten diese Handlungen Wohlstand und Segen bringen. Allerdings sind diese Gebräuche in der Gegenwart in Vergessenheit geraten. Die Vergnüglichkeiten am „duvak günü“ werden kaum mehr durchgeführt.

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