Türkische Leben und Kultur

Geburtstradition

Die Geburt ist fast zu jeder Zeit als glückliches Ereignis angenommen. Jedes Kind, das zur Welt kommt, erfreut nicht nur die Eltern, sondern gleichzeitig auch die Verwandten, die Nachbarn und alle Familienangehörigen. Denn mit jeder Geburt wird die Zahl des Familienstammes erhöht. Eine Steigerung der Zahl des Familienstammes bedeutet gleichzeitig auch eine Steigerung der Macht und Solidarität. Das gebräuchliche Wort „Çocuk, ailede ocağı tüttürür“ bedeutet soviel wie: “Ein Kind lässt den Ofen der Familie rauchen” oder: „Ein Kind führt den Familienstammbaum weiter“, hebt ganz offen die Werthaltung der Gesellschaft zu diesem Thema hervor.

Auf der anderen Seite bedeutet Geburt auch, dass die Achtung der Frau gegenüber steigt und ihr Platz in der Familie, in der Verwandtschaft und in der Gruppe gefestigt wird. Wie eine unfruchtbare Frau von Nahestehenden aufgrund ihrer Nicht-Gebärfähigkeit herablassend behandelt wird, so erlebt auch der Mann in gleicher Weise den Druck seines Umfeldes und verspürt gesellschaftliches und psychisches Angestoßensein dadurch, dass er nicht als ganzer Mann betrachtet wird.

Das Ereignis der Geburt, das den Beginn des Lebens darstellt, der Mutter Ganzheit und Identität, dem Vater Selbstsicherheit und den Verwandten Kraft verleiht, ist sowohl für das betreffende Paar als auch für deren Nahestehenden von großer Bedeutung. Die Geburt und ihre verschiedenen Phasen werden von einigen Übergangszeremonien und Gebräuchen begleitet.

Nachdem die Geburt ein Übergang ist, verlangen Tradition und Glauben von der Frau bereits vor der Geburt, ja sogar beginnend mit dem Kindeswunsch, die Anpassung an einige bestimmte Bräuche und deren Ausführung. So steht die Geburt, beginnend mit dem Schwangerschaftswunsch, unter dem Einfluss hunderter Gebräuche, religiöser und abergläubischer Sitten, ja, man kann sogar sagen, dass die Geburt von diesen Sitten und Gebräuchen geleitet wird.

Die Traditionen, Bräuche und Glaubensauffassungen in Anatolien bezüglich der Geburt können unter drei Aspekten untersucht werden:

 

– Vor der Geburt

 

– Geburt

 

– Nach der Geburt

 

1. Vor der Geburt

 

Die Traditionen, Gebräuche und Glaubensauffassungen vor der Geburt konzentrieren sich um die Themen Aufhebung der Unfruchtbarkeit, Schwanger werden, Periode der Gelüste, Schwangerschaft, Erkennen des Geschlechtes des Kindes sowie vermeidende Verhaltensweisen während der Schwangerschaft.

 

Aufhebung der Unfruchtbarkeit, Schwanger werden

 

In der Vergangenheit wurde in unserer Gesellschaft die Schuld der Nichtzeugung eines Kindes meist bei der Frau gesucht. Diesbezügliche Methoden und Praktiken richteten sich vor allem auf sie. Zu unterscheiden sind dabei:

 

– Religiöse und abergläubische Methoden

 

– Methoden der Volksmedizin

 

– ärztliche Behandlung

 

Sollte der Kindersegen für ein Paar ausbleiben, werden heutzutage Mann und Frau gemeinsam untersucht und entsprechend behandelt. Obwohl auch gegenwärtig noch manchmal auf traditionelle Praktiken zurückgegriffen wird, stehen die Methoden der modernen Medizin sowohl am Land als auch in der Stadt im Vordergrund.

 

Periode der Gelüste

 

Wenn die Frau in die Phase der Gelüste kommt, vermeidet sie manche Dinge, besonders manche Objekte und Nahrungsmittel oder aber im Gegenteil verspürt sie den Drang bestimmte Nahrungsmittel zu sich zu nehmen. Diese Verhaltensweisen dienen im Prinzip dazu, gewissen Mangelerscheinungen an bestimmten Stoffen physiologisch entgegenzutreten.

 

Frauen in dieser Phase werden im Allgemeinen dazu gedrängt, scharfe, saure oder stark gewürzte Speisen zu vermeiden. Diese sehr gebräuchliche Haltung kommt in dem Wortspiel „ye ekşiyi doğur Ayşe’yi“, das bedeutet soviel wie: “Iss Saures und gebäre Ayşe (ein Mädchen)” zum Ausdruck. Hat die schwangere Frau jedoch Vorliebe für süße Speisen und Getränke, so wird dies als Zeichen dafür gesehen, dass ein Sohn geboren wird. Diese Situation wiederum wird mit dem Wortspiel „ye tatlıyı doğur atlıyı“, was soviel bedeutet wie: “Iss Süßes und gebäre einen Reiter (Sohn)” zur Sprache gebracht.

Schwangerschaft

 

Die Frau wird sowohl in der Schwangerschaft als auch in der Zeit als Wöchnerin als Kranke angesehen und erfährt eine dementsprechende Behandlung. Man kann es auch so ausdrücken, dass die schwangere Frau von der ihr angehörigen Gruppe oder Religionsgemeinschaft in die Kategorie der „Kranken“ gesteckt wird und sie in dieser Sichtweise betrachtet wird. Es wird von der Schwangeren erwartet, dass sie gemäß der passenden Wertvorstellungen und Erwartungen handelt und eine dementsprechende Rolle übernimmt.

 

In Anatolien gibt es für eine schwangere Frau verschiedenste Bezeichnungen, wie z.B. “yüklü” (eine Last tragende Frau), “iki canlı” (eine Frau, die zwei Leben trägt), “gebe” (schwangere Frau), “ağır ayak” (eine Frau mit schweren Schrittes), “koynu dolu” (Frau mit vollem Busen), “guzlacı” (schwanger (eigentlich Bezeichnung für ein trächtiges Tier)).

 

Geschlecht des Kindes

 

Eines der wichtigsten Themen in der Schwangerschaft ist das Geschlecht des Kindes, wobei verschiedene Vermutungen angestellt werden.

In Anatolien werden nachfolgende Aspekte betrachtet und bezüglich des Geschlechts des Kindes Interpretationen angestellt:

 

– physiologischen Veränderungen der Frau

 

– Lebensmittel, die die Frau zu sich nimmt

 

– Verhaltensweisen der Frau

 

– Zeitspanne der Bewegungen des Kindes im Mutterbauch

 

– Art der eintretenden Wehen

 

Heutzutage allerdings werden anstelle dieser traditionellen Vermutungen vermehrt Methoden der modernen Medizin herangezogen, um das Geschlecht des Kindes festzustellen.

 

Vermeidungen und empfohlene Verhaltensweisen für schwangere Frauen

 

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass ab dem Zeitpunkt der Zeugung des Kindes, das Kind von allen Verhaltensweisen der Mutter beeinflusst wird. In den traditionellen Gesellschaftsschichten Anatoliens werden die Glaubensauffassungen zu diesem Thema nach wie vor aufrechterhalten.

 

Nach diesen Glaubensauffassungen muss die Frau darauf Acht nehmen, manche Verhaltensweisen zu vermeiden, andere wiederum durchzuführen.

Nachstehend werden einige Verhaltensweisen aufgezählt, die während der Schwangerschaft vermieden werden sollten:

– Der Blick auf einen Bären, Affen oder Kamel soll vermieden werden

 

– Fisch, Hase, Haxe und Kopf von Tieren soll nicht gegessen, Kaugummi nicht gekaut werden

– Die werdende Mutter soll nicht an einem Begräbnis teilnehmen und nicht auf eine Leiche blicken

– Verbotenes darf nicht heimlich gekauft und gegessen werden.

 

Neben den hier aufgezählten Anwendungen gibt es auch einige, die denselben Ausgangspunkt haben, allerdings als positive Verhaltensweise beurteilt werden.

 

So sind z.B. Verhaltensweisen, die von der schwangeren Frau erwünscht sind, folgende:

 

– Den Mond am Himmel ansehen

 

– Schöne Menschen ansehen

 

– An Rosen riechen

 

– Das Essen von Quitten, Äpfel, grünen Pflaumen, Weintrauben.

 

2 . Geburt

 

Bei der Landbevölkerung Anatoliens wurden früher vorwiegend Hausgeburten mit Hilfe der Dorfhebamme durchgeführt. Dabei kamen unterschiedlichste Praktiken zur Anwendung, die vor allem das Ziel hatten, die Geburt zu erleichtern.

 

Beispiele dafür sind:

 

– Das Auflösen der gebundenen Haare der Gebärenden

 

– Das Öffnen von verschlossenen Türen, Fenstern und Truhen

 

– Das Streuen von Futter für Vögel

 

– Das Streicheln des Rückens der Gebärenden von einer Frau, die eine leichte Geburt durchlebt hat

 

– Das Feuern von Waffen

 

– Das Schütteln des Rückens der Gebärenden

 

– Das Springen der Gebärenden von einer hohen Position

 

– Das Wiegen der Gebärenden, indem sie in ein Tuch gelegt wird.

 

Heutzutage wird die Geburt im Allgemeinen im Krankenhaus durchgeführt. In weit entfernt liegenden Bergdörfern wird die Geburt mit Hilfe einer diplomierten Hebamme vorgenommen.

 

3. Nach der Geburt

 

Die verschiedensten Praktiken nach der Geburt können in folgende Abschnitte eingeteilt werden:

 

– Nabel des Kindes und Nachgeburt

 

– Wochenbett

 

– Glaubensauffassung des „Al karası“

 

– Glaubensauffassung des „Kırk basması“

 

– Vorgehen des „Kırklama“

 

Nabel des Kindes und Nachgeburt

 

So wie nach den Glaubensauffassungen das Kind durch die zu sich genommenen Lebensmittel der Mutter, deren betrachteten Personen, Tieren und Objekten etc. beeinflusst wird, so gilt diese Glaubensauffassung auch für den Nabel und die Nachgeburt des Kindes.

 

 

Aus diesem Grunde wird der Nabel des Kindes auch nicht einfach weggeworfen, denn dem Aberglauben zufolge beeinflusst er die Zukunft des Kindes und dessen Beruf.

 

Einige Beispiele betreffend den Nabel sind untenstehend angeführt:

 

– Der Nabel wird in die Mauer oder den Hof einer Moschee begraben (damit das Kind religiös wird).

 

– Der Nabel wird an die Mauer einer Schule oder in den Schulhof geworfen (damit das Kind eine Schullaufbahn anstrebt).

 

– Der Nabel wird in einem Stall begraben (damit das Kind tierliebend wird).

 

– Der Nabel wird in Wasser geworfen (damit das Kind sein Glück außerhalb sucht).

 

Die Nachgeburt wird mit Namen wie Freund, Partner, Wegbegleiter des Kindes bezeichnet. Da die Nachgeburt als Teil des Kindes oder sogar als das Kind selbst betrachtet wird, wird diese in ein sauberes Tuch gewickelt und an einem reinen Ort begraben.

 

Da heutzutage die Geburt im Krankenhaus vollzogen wird, sind die Anwendungen bezüglich der Nachgeburt fast gänzlich verschwunden. Die Praktiken und Anwendungen bezüglich des Nabels hingegen werden nach wie vor aufrechterhalten.

 

Wochenbett

 

In Anatolien wird eine Frau, die ein Kind geboren hat, als Wöchnerin „loğusa“ (ähnliche Bezeichnungen: lohsa, emsikli, loğsa, nevse, kırklı) bezeichnet. Die Zeit, die eine Frau nach der Geburt im Bett verbringen soll, ist abhängig vom physiologischen Zustand der Frau, von der Schwere der Geburt, vom Klima, von den Umweltbedingungen, von der wirtschaftlichen Situation der Familie und von der Anerkennung der Frau seitens der Familie.

 

Es ist ein weit verbreiteter Aberglaube in Anatolien, dass die Frau während der Phase des Wochenbettes im Einfluss von übernatürlichen Kräften steht. Diese Glaubensauffassung wird durch die häufig von traditionellen Gesellschaftsschichten verwendete Redewendung deutlich hervorgehoben: “kırklı kadının kırk gün mezarı açık olur” (Das Grab einer Wöchnerin bleibt vierzig Tage offen).

 

Glaubensauffassung des „Al karısı“

 

Eine abergläubische Vorstellung während der Wochenbettzeit ist die des Geistes “Al karısı”. Dieses Wesen kann die Wöchnerin und das Neugeborene verfolgen und belästigen, manchen Vorstellungen zufolge sogar töten. Weitere Bezeichnungen für diesen Geist sind u. a. “al”, “cazı”, “cadı”, “al anası”, “al karası”, “koncoloz”, “goncoloz”, “kara koncoloz”.

 

Um die Wöchnerin und das Neugeborene vor diesem “al karısı”, das sich nach den Vorstellungen zufolge im Stall, in Mühlen, an verlassenen Orten, an Wasserquellen und Brunnen und an Plätzen, an denen die Wöchnerin und das Kind allein gelassen werden, aufhält, zu schützen, werden einige Vorkehrungen getroffen.

 

Beispiele dieser Vorkehrungen:

 

– An dem Ort, an dem sich die Wöchnerin und das Neugeborene aufhält, werden Besen, der Koran, Zwiebel, Knoblauch und Talismane aufgehängt.

 

– Unter den Polster der Wöchnerin und des Neugeborenen wird eine Nadel gelegt.

 

– Unter den Polster der Wöchnerin und des Neugeborenen werden eine Sichel, ein Dolch, ein Messer oder ähnliche Schneidgeräte gelegt.

 

– An dem Ort, an dem sich die Wöchnerin und das Neugeborene befinden, werden Brotkrümel gestreut und Wasser hingestellt.

Obwohl diese Praktiken in der Gegenwart immer weniger angewendet werden, sind sie nach wie vor existent.

 

Glaubensvorstellung des „Kırk Basması“ (Erreichung des vierzigsten Tages)

 

Das anatolische Volk bezeichnet die ersten vierzig Tage der Wöchnerin und des Neugeborenen, die während dieser Zeit besonders vor Krankheiten geschützt und für die nachfolgende Zeit auf eine positive Entwicklung vorbereitet werden, als “kırk basması” (Erreichung des vierzigsten Tages). Weitere Bezeichnungen sind: “kırk düşmesi”, “kırk karışması”, “loğusa basması”, “aydaş”.

 

Es ist ein weit verbreiteter Glauben, dass während dieser Periode von vierzig Tagen Lebewesen und Objekte der Wöchnerin und dem Neugeborenen Schaden zufügen können. Um diese zu verhindern kommen einige Praktiken zur Anwendung:

 

– Die Mutter und das Neugeborene verlassen vierzig Tage lang nicht das Haus.

 

– Es wird Wert darauf gelegt, dass die Wöchnerin und das Neugeborene nicht miteinander verglichen werden.

 

In Anatolien herrschte die Auffassung vor, dass während dieser Periode vorkommende unerwünschte Ereignisse, Gründe für das Zurückbleiben der Entwicklung des Kindes oder dessen Gewichtsabnahme seien. Um dies zu verhindern wurden religiöse und abergläubische Praktiken angewandt. Heutzutage trifft man diese Praktiken jedoch kaum noch an.

 

“Kırklama“ Vorgehen

 

Um die Wöchnerin und das Neugeborene vor Erkrankung während der ersten 40 Tage zu schützen und aus dieser Periode gesund hervorzugehen, wird eine als “kırklama” bezeichnete Praktik angewandt, das eine Form des Waschens der Wöchnerin und des Kindes darstellt. Das Volk bezeichnet dieses verbreitete Vorgehen auch als “kır dökme” oder “kırk çıkarma”.

 

Im Allgemeinen wird diese Anwendung am vierzigsten Tag nach der Geburt vorgenommen. Allerdings gibt es dabei regionale Unterschiede und es kann sowohl am 7., 20., 30., 37., 39. oder 41. Tag diese Waschung durchgeführt werden. Obwohl es in der Form auch regionale Unterschiede gibt, so verfolgen alle jedoch das gleiche Ziel.

 

Unter den Bräuchen und Praktiken rund um die Geburt ist das “kırklama” eine der Methoden, die sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart nichts an ihrer Gebräuchlichkeit eingebußt haben.

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