Antike Zeiten und Kulturen

Die Stadt in der Antike

In der griechisch-römischen Welt entwickelten sich Städte

erst spät. Griechenland brachte es auch in klassischer Zeit nur zu bescheidener urbaner

Zivilisation. Planvoll angelegte und monumental ausgestaltete Großstädte entstanden dann

aber in den hellenistischen Reichen und insbesondere int Imperium Romanum –

und dort mit öffentlichem Komfort, wie er bis zur Moderne

nicht wieder erreicht worden ist.

Von Frank Kolb

Wenn    man    über    die    Stadt schreibt, muß man diesen Be­griff zunächst definieren  und damit   sieht   man   sich   bereits   einer höchst schwierigen Problematik gegen­über, die sich wohl kaum allseits zufrieden stellend lösen läßt. Denn „definier­bar ist nur das, was keine Geschichte hat*4 (Friedrich Nietzsche).

In der älteren Forschung, insbeson­dere unter Mittelalter-Historikern, hat man einen politisch-rechtlichen Stadt­begriff bevorzugt, mithin das Stadt­recht als entscheidendes Kriterium von Stadt betrachtet. Man war damit jedoch gezwungen, auch Siedlungen mit weni­ger als 500 Einwohnern und großenteils bäuerlicher Bevölkerung diese Bezeich­nung zukommen zu lassen. Des weite­ren gab es ein Stadtrecht weder im Al­ten Orient noch im Frühmittel alter, und auch in der Antike hat — entgegen einer weit verbreiteten Überzeugung — ein vergleichbares privilegierendes Recht für Siedlungen nicht existiert. Zudem spielt in der Gegenwart das Stadtrecht ohnehin keine Rolle mehr für die Ein­ordnung einer Siedlung als Stadt.

Von daher empfiehlt sich eine Defini­tion, welche unseren heutigen Vorstel­lungen des Phänomens Stadt entspricht und Kriterien aufweist, die der Sied­lungsstruktur aller Epochen gerecht zu werden vermögen. Diese Erfordernisse erfüllt der moderne siedlungsgeogra­phische Begriff, welcher Stadt von ih­rem äußeren Erscheinungsbild und ih­rer Funktion als zentralem Ort her be­greift. Er umfaßt folgende Kriterien:

—      topographische und administrative Geschlossenheit.

—      eine Bevölkerungszahl von mehreren tausend Einwohnern,

—      ausgeprägte Arbeitsteilung und soziale Differenzierung,

—      Zentralortfunktionen für ein Umland in ökonomischer, administrativer,kultureller und sozialer Hinsicht,

—      Mannigfaltigkeit der Bausubstanz sowie

—      urbanen Lebensstil.

Polis und Civitas

Unsere Fragestellung muß folglich lauten: Gab es solche Siedlungen in der Antike? Und wo und seit wann tauchen sie auf?

Dabei stellt sich uns das Problem, daß in den antiken Quellen kein unse­rem Begriff Stadt entsprechender Ter­minus erscheint. Zwar gibt es Siedlungsbezeichnungen, aber sie haben meist nur politisch-administrative Bedeutung: Die griechische polis und die römische civitas sind im Prinzip sich 5elbst verwaltende Bürgergemeinden mit einem fest umgrenzten Territorium und — jedenfalls vor Begründung des römischen Imperiums— autonomen außenpolitischen Beziehungen. Sie sind folglich Staaten oder jedenfalls kommu­nale Selbstverwaltungseinheiten.

Diese politischen Gebilde konnten zwar eine städtische Siedlung auf ihrem Gebiet haben, und zumindest in der rö­mischen Kaiserzeit war dies die Regel. (Bild 1). Aber zahlreiche kleine grie­chische Poleis der klassischen Epoche (5. und 4. Jahrhundert vor Christus.) mit ihren wenigen hundert oder etwas mehr als tausend Einwohnern verfügten allenfalls über eine kleine, eher ärmli­che dörfliche Siedlung als Zentralen. welcher die für eine Stadt notwendige berufliche Arbeitsteilung und Spezialisierung fehlte. Dies zeigt folgende Äu­ßerung des in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts vor Christus lebenden Hi­storikers Xenophon („Kyrupädie“ VIII 2,5):In den kleinen Poleis fertigen ‚ dieselben Leute ein Bett, eine Tür, ei­nen Pflug, einen Tisch, und oft baut auch derselbe Mann Häuser und ist zu­frieden, wenn er so nur genügend Ar­beit findet, um sich seinen Lebensunter­halt zu verdienen … In den großen Poleis genügt aber jedem auch ein Hand­werk, um sich zu ernähren, da viele ei­ner jeden Sache bedürfen. Oft genügt auch weniger als ein ganzes Handwerk: Zum Beispiel fertigt der eine Schuhe für Männer, der andere für Frauen. Es gibt auch Poleis, wo einer allein davon lebt, Schuhe zu reparieren, ein anderer nur davon, sie zuzuschneiden, wieder ein anderer nur davon, daß er die Ober­leder zusammennäht, und schließlich einer der nichts von alldem tut, son­dern diese Teile zusammenfügt.“

Xenophon unterscheidet also drei Klassen von Poleis: kleine, in welchen es so gut wie keine Spezialisierung und Arbeitsteilung gibt, infolgedessen — so muß man ergänzen — auch keine nen­nenswerte Bevölkerungsdichte und keine Marktfunktion einer Siedlung im Verhältnis zu ihrem Umland: ferner große Poleis, in denen Spezialisierung und Arbeitsteilung üblich sind; und .schließlich ganz wenige Poleis, wo die­se wirtschaftliche Organisation bis zum Stadium des Manufakturbetriebes fort­geschritten ist. Diese letzte Gruppe von Poleis scheint die Existenz einer Stadt auf ihrem Territorium zu gewährlei­sten: Athen und Korinth beispielsweise gehörten zu Lebzeiten Xenophons mit Sicherheit zu dieser Kategorie.

Die Gruppe der großen Poleis im all­gemeinen bietet zumindest die Möglich­keiten für die Entwicklung einer Stadt. Derselbe Xenophon teilt uns an anderer Stelle glücklicherweise seine Vorstel­lungen von einer großen Polis mit: Sie muß etwa 5000 Bürger haben, das heißt, Xenophon setzt für eine große Polis insgesamt 20000 bis 40000 Ein­wohner voraus, wenn man Frauen, Kin­der, Fremde und Sklaven einbezieht. Gemessen daran kann nun kein Zweifel entstehen, daß die weitaus meisten der 500 bis 700 Poleis der archaischen und klassischen Zeit nach Xenophons Krite­rien zu jenen kleinen Poleis gehört ha­ben müssen, in denen es so gut wie kei­ne Arbeitsteilung gab, folglich auch keine Stadt als zentrale Siedlung.

Selbst die zusammen mit Athen be­deutendste griechische Polis, Sparta, war ohne städtisches Zentrum; erst in der römischen Kaiserzeit verfügte* Sparta über eine Stadt als zentrale Sied­lung. Aber auch im 2. Jahrhundert nach Christus gab es zumindest hier und da noch Poleis ohne städtische Zentralorte. Der griechische Reiseschriftsteller Pausanias berichtet zu dieser Zeit über die Polis Panopeis in der mittelgriechi­schen Landschaft Phokis, daß sie über einen Zentralort verfügte, der „weder Amtsgebäude noch ein Gymnasium noch ein Theater noch eine Agora be­sitzt, nicht einmal Wasser, das in einen Brunnen fließt, sondern wo man in Behausungen, welche Berghütten ver­gleichbar sind, an einer Schlucht wohnt. Und doch haben auch sie ihre Landesgrenzen gegen die Nachbarn und schicken ebenfalls Vertreter in die phokische Versammlung“ (X 4,1).

Diese armselige Siedlung war sicher­lich keine Stadt, wohl aber Mittelpunkt einer Polis. Umgekehrt war der Philo­soph Aristoteles im 4. vorchristlichen Jahrhundert der Meinung, daß eine Ge­meinschaft von 100000 Menschen kei­ne echte Polis mehr sei, das heißt keine funktionsfähige Bürgergemeinde.

Bei derartigen Einwohnerzahlen fängt nach unseren heutigen Vorstellungen die Stadt aber erst richtig an! Die Polis und die ihr entsprechende römische Va­riante der Bürgergemeinde, die Civitas, sind also nicht mit einer Stadt gleichzu­setzen.

Die städtische Entwicklung in Griechenland

Dennoch gab es in der griechisch-rö­mischen Welt Städte, sogar Großstädte. Aber sie entstanden spät, rund zweieinhalb Jahrtausende nach den frühesten urbanen Siedlungen Mesopotamiens.

Griechenland scheint nach der Zer­störung der mykenischen Zivilisation, welche zwar Paläste, aber anscheinend keine Städte hervorgebracht hat, große Bevölkerungsverluste erlitten zu haben. Aber seit der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts vor Christus sind erste Anzeichen eines zivilisatorischen Wideraufschwungs, wohl infolge einer ge­wissen inneren Befriedung des Landes, festzustellen. Reichere Grabbeigaben ein steigendes Niveau handwerklicher Fertigkeiten, eine Art Bevölkerungsex­plosion (etwa 4 Prozent jährlich) seit der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts vor Christus gehen einher mit dem Ent­stehen von kleinen Siedlungen mit we­nigen hundert Einwohnern und noch durchaus dörflichem Charakter.

Seit dem 7. beziehungsweise 6. Jahr­hundert vor Christus sind die ersten meist bescheidenen Tempelbauten zu verzeichnen. Selbst im Falle einer so bedeutenden Polis wie Athen zeigt die Verteilung der Friedhöfe um die Akropolis, daß der Zentralort zu­mindest im 7. Jahrhundert vor Christus keine geschlossene Siedlung darstellte sondern aus mehreren voneinander ge­trennten, unbefestigten Dörfern be­stand. Die Akropolis war wohl deren politisches und sakrales Zentrum, aber Athen anscheinend noch keine Stadt.

Die Formierung einer solchen läßt sich im 6. Jahrhundert vor Christus ver­folgen. In dessen erster Hälfte wird die Agora (das politische Zentrum, in wel­chem Volks-, Heeres-, Ratsversamm­lungen und Gerichtsverhandlungen stattfanden) systematisiert und seit Mitte des Jahrhunderts mit ersten beschei­denen öffentlichen Bauten — kleinen Heiligtümern, einem Verwaltungsge­bäude, einem Brunnenhaus – ausge­stattet. Die sich formierende Stadt mag Ende des Jahrhunderts, also kurz vor den Perserkriegen, vielleicht rund 5000 Einwohner gezählt haben.

Handwerk und Handel

Ein wichtiger Faktor bei dieser Stadtbildung war zweifellos die Entwicklung des sekundären Sektors im Wirtschafts­leben. Die Entfaltung des Handwerks läßt sich am besten verfolgen anhand der attischen schwarz figurigen Kera­mikgefäße, die bis nach Etrurien und ins Schwarzmeergebiet sowie in den Vorderen Orient exportiert wurden. Der sogenannte Kerameikos, das Töp­ferviertel Athens, wies schon im 6. Jahrhundert vor Christus große Werk­stätten mit bis zu 20 Arbeitskräften auf. Der Wohlstand der Handwerker äußerte sich beispielsweise in der Stiftung kostspieliger Skulpturen als Weihgeschenke auf der Akropolis. Zu dieser Zeit waren wohl rund 100 Personen in diesem Handwerk tätig, welche Lebensunter­halt für etwa 300 weitere Familienange­hörige verdienten.

Da auch für zahlreiche andere Hand­werke kaum geringere Zahlen von Ar­beitskräften anzunehmen sind, dürfte ein Großteil der Bevölkerung des Sied­lungszentrums Athen seinen Unterhalt aus dem sekundären Sektor bestritten haben. Obwohl die wirtschaftliche Grundlage der Polis Athen, welche die gesamte Landschaft Attika umschloß. zweifellos — wie in fast allen griechi­schen Poleis — die Landwirtschaft war. hing die Stadtwerdung doch ab von der Existenz einer differenzierten Arbeits­teilung und handwerklichen Spezialisie­rung und damit verbunden von einem handwerklichen Niveau, welches eine urbane Ausstattung der Siedlung mit ar­chitektonisch einigermaßen anspruchs­vollen öffentlichen Bauten ermöglichte.

Ein besonderer Vorteil Athens war sein großer Einzugsbereich als Markt­zentrum: Attika umfaßt 2643 Quadrat­kilometer, davon ist ein Großteil agra­risch nutzbar; das Territorium ermög­lichte somit einen umfangreichen Tausch agrarischer Produkte gegen handwerkliche. Im 5. Jahrhundert vor Christus wurden sogar Fische vom Kopaissee in Böotien und Schweine aus dem benachbarten Megara auf dem athenischen Markt feilgeboten. Minde­stens ebenso wichtig war aber die gün­stige Nähe zu einem guten Seehafen, dem Piräus; denn das Meer war in der Antike der wichtigste Handelsweg.

Entscheidende Fortschritte in der handwerklichen Produktion, die Mög­lichkeit des Überseehandels und die nicht zuletzt daraus resultierenden fi­nanziellen Mittel für anspruchsvolle Bauten begleiten die Stadtwerdung Athens, desgleichen seit der Zeit um 520 vor Christus die Prägung der berühmten Eulenmünzen, also die Entfal­tung der Geld Wirtschaft.

Eine ähnliche Entwicklung können wir übrigens im Falle Korinths verfol­gen Auch hier wird erst gegen Ende des 6. Jahrhunderts vor Christus die Stadtwerdung greifbar.

Einen großen Schuh nach vorn erleb­te die Siedlungsentwicklung Griechen­lands im 5. Jahrhundert vor Christus, und zwar vor allem in Athen: Hier trat als verstärkendes Element eine für da­malige Verhältnisse ungewöhnliche po­litisch-militärische Macht hinzu, näm­lich der attische Seebund. Tribute, der Ägäis-Handel über den Piräus, die Ansiedlung zahlreicher Handwerk und Handel treibender Fremder begünstig ten eine Akkumulation von Reichtum und im gewerblichen Sektor seit Ende des Jahrhunderts das Entstehen recht großer Manufakturbetriebe mit Dutzen­den von Arbeitern, die sicherlich oft Sklaven waren. Die Eigentümer dieser Betriebe nahmen gelegentlich Einfluß auf die Politik, spielten jedenfalls eine bedeutende soziale Rolle — wie auch jene, die das nunmehr recht lukrative Geldgeschäft betrieben; bekannt ist die Karriere des Bankiers Pasion, der als ehemaliger Sklave einer der reichsten Männer Athens in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts vor Christus wurde.

Der Reichtum Athens ermöglichte umfassende Getreideimporte zur Ernäh­rung einer wachsenden Bevölkerung. Die durch die agrarische Produktion Anikas gesteckte Grenze des Bevölke­rungswachstums wurde somit bei wei­tem überspielt: Im 4. Jahrhundert vor Christus betrug die jährliche Eigenpro­duktion an Getreide rund 19 Millionen Liter, der Import aber umfaßte 40 Mil­lionen: das entspricht etwa 100 bis 200 Schiffsladungen. Nur so war eine Stadt von der Größe Athens zu ernähren.

Urbanität zur Zeit der Klassik

Der Reichtum Athens wurde aber nicht nur in die Versorgung der Bevöl­kerung, sondern großenteils in die urba­ne Ausstattung der Stadt investiert. Ihre Ummauerung durch Themistokles, vor allem aber die kostspielige Baupolitik des Perikles fanden ihre Fortsetzung im  Jahrhundert vor Christus zum Bei­spiel in einem prachtvollen Marmor­theater, in einem großen Stadion sowie einem Gymnasium. Diese Bauten wa­ren Ausdruck eines hochstehenden poli­tischen, religiösen und kulturellen Le­bens mit Beteiligung breiter Bevölke­rungsschichten.

Trotz hohem kulturellem Niveau und zweifellos urbanen Lebensformen war Athen freilich keine elegante Stadt. Ein griechischer Schriftsteller bemerkte Ende des 3. Jahrhunderts vor Christus: „Die Stadt ist schlecht entworfen in al­tertümlicher Manier; sie ist völlig trocken und besitzt keine gute Wasserlei­tung; die Straßen sind eng und winklig da ja die Stadt so alt ist. Die meisten Häuser sind ärmlich, nur wenige wohn­lich. Auf den ersten Blick könnten Fremde bezweifeln, daß dies die ge­priesene Stadt der Athener sei.“ Zum Vergleich konnten ihm zu jener Zeit Städte in Großgriechenland, an der kleinasiatischen Küste und insbesonde-im hellenistischen Osten dienen wie etwa Milet, Rhodos und Alexandria, griechische Städte mit regelmäßigem Straßennetz, breiten gepflasterten Al­leen und beachtlichem Wohnkomfort.

Ausgrabungen in Athen haben erge­ben, daß die klassische Stadt in der Tat nur über meist enge Straßen verfugte, die in unregelmäßigen Windungen an schlichten Wohnhäusern vorbei führten. Sicherlich ist dieses Siedlungsbild gene­rell für griechische Städte der klassi­schen Zeit im Mutterland gültig. Man beschränkte sich auf das für die Ver-kehrszirkulation unbedingt Notwendi­ge, abgesehen von einigen breiten Pro­zessionsstraßen. Zwar schmückten oft kleine Altäre und Nischen mit Götter­bildern die Kreuzungen und hier und da zierten Brunnenanlagen Straßenecken oder öffentliche Plätze; aber ansonsten säumten meist monotone nach außen fast fensterlose, nur vom Innenhof her erleuchtete und belüftete, höchstens einstöckige Häuserreihen aus Fachwerk die in der Regel nicht mehr als 1 bis 1.50 Meter breiten Gassen.

Der private Wohnkomfort war höchst bescheiden und dies wohl nicht so sehr wegen beschränkter finanzieller Mög­lichkeiten, sondern vor allem auch auf­grund einer im Vergleich zu heute ande­ren Gewichtung von privatem Luxus einerseits und Prunk öffentlicher Ge­bäude andererseits: Ruhm und Ehre der Bürgergemeinschaft waren dem einzel­nen wichtiger als der individuelle Le­bensstandard und die eigene materielle Bequemlichkeit. Dies schlug sich auch im weitgehenden Fehlen öffentlicher Nutzbauten nieder. Erst hellenistische Herrscher und römische Kaiser sowie private Mäzene haben durch Spenden in astronomischer Höhe das Stadtbild Athens verschönert durch im eigentli­chen Sinne gemeinnützige Bauten wie Wasserleitungen. Säulenhallen und Bi­bliotheken. So konnte Pausanias bei sei­nem Besuch Athens einen positiven Eindruck von der Stadt gewinnen.

Selbst auf dem Höhepunkt seiner Ent­wicklung war Athen jedoch keine Groß­stadt im heutigen Sinne. Ende des 5. Jahrhunderts vor Christus zählte es etwa 35000 bis 50000 Einwohner auf 215 Hektar Wohnfläche innerhalb sei­ner Mauern. Eine ähnliche Bevölke­rungszahl wies Syrakus auf. Akragas-Agrigent hatte höchstens 18000 Ein­wohner, ebenso Korinth und Olynthos. eine um 400 vor Christus sehr bedeu­tende Stadt auf der Chalkidike. Das be­deutende Argos zählte wohl höchstens 10000 Bewohner die zweitrangige Stadt Priene bewohnten Ende des 4. Jahrhunderts vor Christus 4000 Men­schen. (Diese Zahlen sind vergleichbar jenen deutscher Städte beim Übergang vom späten Mittelalter zur frühen Neu­zeit: Nürnberg hatte im 15. Jahrhundert rund 20000 Einwohner, Köln als die größte deutsche Stadt etwa 25000.)

Halten wir fest: Im griechischen Mutterland tritt uns erst in klassischer Zeit eine städtische Zivilisation entge­gen, aber auch dann nur in dem Sinne, daß die großen Poleis im wirtschaftlich und politisch am weitesten entwickelten Süden Griechenlands Siedlungszentren mit meist nur wenigen tausend Einwoh­nern und einer bescheidenen urbanen Ausstattung hervorbrachten.Kolonisten-Siedlungen der Griechen

Früher setzte die städtische Entwick­lung im griechischen Kolonisationsge­biet ein. Während der sogenannten Gro­ßen Griechischen Kolonisation des 8. bis 6. Jahrhunderts vor Christus, in er­ster Linie Folge einer Übervölkerung und des Mangels an agrarisch nutzba­rem Land, wanderten zahlreiche Grie­chen fast ins gesamte Mittelmeer- und Schwarzmeergebiet aus. Von der Krim bis nach Libyen, von der Türkei bis Spanien saßen die Griechen nun „wie Frösche um einen Teich“ (Platon).

Die frühesten Kolonien waren viel­leicht Handelsniederlassungen aber die meisten wurden als Ackerbauersiedlun­gen gegründet. Sie zählten zunächst nur wenige hundert Einwohner; doch die Bevölkerung vermehrte sich rasch, die Siedlungen wuchsen wesentlich schnel­ler als jene im Mutterland und beher­bergten bald eine größere Anzahl von Handwerkern und Händlern.

Die Notwendigkeit, sich besonders eng zusammenzuschließen, und das Bewußtsein der Andersartigkeit in einer fremden nicht selten feindlichen Um­gebung begünstigten von vornherein die Anlage geschlossener Siedlungen. Die Inbesitznahme großer fruchtbarer Landgebiete brachte wesentlich höhere Produktionsüberschüsse als die Agrar-Wirtschaften im Mutterland und damit zugleich bessere Möglichkeiten für den Export von Agrarprodukten. Recht bald traten daneben eine eigenständige handwerkliche Produktion und Handel auch mit diesen Produkten. Die Funktion mancher Siedlungen als Stapel- und Umschlagplätze für den Handel zwi­schen der Ägäis und den Etruskern, Süd Frankreich sowie Spanien trug zu­sätzlich dazu bei, daß materielle Res­sourcen in erheblich größerem Maße als im Mutterland angehäuft wurden.

Somit stand auch mehr Kapital für eine monumentale urbane Architektur zur Verfügung. Schon in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts vor Christus entstanden im Kolonisationsgebiet Sied­lungen von städtischem Zuschnitt mit repräsentativen öffentlichen Bauten wie Stadtmauern. Tempeln, Säulenhallen und Rathäusern.

Stadtplanung gemäß Staatstheorien

Insbesondere aber bot sich auf „Neu­land“’ die Möglichkeit einer planvollen Siedlungsanlage, die in engem Zusammenhang zu sehen ist mit der systemati­schen Landverteilung: Jeder Kolonist erhielt je ein Grundstück in der Sied­lung und auf deren Territorium. Diese Aufteilung war verbunden mit einer sorgfältigen Vermessung des Bodens In Sizilien und Unteritalien zum Bei­spiel entstanden daher schon im 7. Jahr­hundert vor Christus rechteckige Häu­serblocks in einem rechtwinkligen Stra­ßensystem mit ziemlich (5 bis 6 Meter) breiten Verkehrswegen. Das ursprüng­liche Ziel dieser regelmäßigen Sied­lungsanlage war aber kein stadtplanerisches, sondern eine gerechte Bodenauf­teilung.

Die eigentliche Stadtplanung nahm ihren Anfang, als Theoretiker und Philosophen des 5. und 4. Jahrhunderts vor Christus die im Kolonisationsgebiet vorgegebene Praxis systematisierten. Platon (427 bis 347 vor Christus) hat in Zusammenhang mit seiner Staatstheorie auch Vorschriften für die Anlage einer Stadt verfaßt: Das moralische und gesundheitliche Wohl der Bürger soll ausschlaggebendes Kriterium für die Wahl des Siedlungsplatzes und die Form der Stadtanlage sein. Klimatische Verhält­nisse und Bodenbeschaffenheit, hin­reichende Wasserversorgung und Wald­bestand — die Entwaldung Anikas nennt er als warnendes Beispiel — soll die Ortswahl für die Anlage des Siedlungszentrums einer Polis bestim­men. Er fordert eine gewisse räumliche Distanz vom Meer trotz der materiellen Vorteile eines Hafens, da nach seiner Meinung psychische und moralische Schäden durch den Handel und die fremden Einflüsse — warnendes Bei­spiel ist auch, hier Athen — unvermeid­lich seien. Markt und Hafen sollen da­her notfalls weit außerhalb der eigentli­chen Siedlung liegen und durch beson­dere Amtsträger beaufsichtigt werden. Die platonische Idealstadt stellt mithin eine Mischung aus realen Bestandteilen der griechischen Siedlung mit philoso­phischen Wert- und Wunschvorstellun­gen dar. Inder historischen Realität überwog bei den Griechen jedoch die Wertschät­zung der ökonomischen Vorteile eines Hafens. Der praktischere Aristoteles (384 bis 322 vor Christus) forderte die Anlage von Marktplatz und Hand­werksvierteln an der Peripherie der Siedlung, möglichst an der Kreuzung der Straßen von Meer und Hinterland. Der Hafen solle wie im Falle Athens nicht zu weit und nicht zu nah von der Stadt entfernt und durch Festungsmau­ern mit ihr verbunden sein. Ferner macht der Sohn eines Arztes medizini­sche Gesichtspunkte geltend: Er fordert eine Orientierung der Stadt nach Osten oder Norden wegen der gesunden Win­de aus diesen Richtungen. Auch ein re­gelmäßiges Straßennetz steht auf seiner Wunschliste.

Das hippodamische Prinzip: Rechtwinkligkeit

Aber nicht Platon oder Aristoteles, sondern. Hippodamos von Milet (5. Jahrhunden vor Christus) gilt in der an­tiken Überlieferung als Vater der Urba­nistik Auch er war weder Architekt noch Baumeister, sondern Staatstheore­tiker. Sein Staat sollte aus drei sozialen Gruppen (Handwerkern, Bauern und Kriegern) bestehen, die je ein Drittel der etwa 10OOO Einwohner stellen und je ein Stadtviertel bewohnen sollten; daneben war noch Areal für sakrale und öffentliche Bauten vorgesehen. Für Ge­werbetreibende ohne Grundbesitz und Bürgerrecht sah Hippodamos vor, daß die grundbesitzende Kriegerschicht ihnen Wohnraum verpachtete.

Sein bleibender Beitrag zur Urbani­stik war jedoch nicht dieses bevölke­rungspolitisch-soziale Konzept, sondern die theoretische Durchdringung der rechtwinkligen kolonialen Stadtan­lage. Der Überlieferung nach war er der Erfinder des Schachbrettsysteins beziehungsweise Gitternetzplans.

Nach diesem Prinzip hat er wohl Mit­te des 5. Jahrhunderts vor Christus den thenischen Piräus neu angelegt. Aus­grabungen haben die literarische Überlieferung hier bestätigt: man hat eine 14 bis 15 Meter breite, schnurgerade Hauptstraße gefunden sowie Grenzstei­ne, welche öffentliche Plätze (Handels­hafen. Militärhafen, Agora) sakrale Bezirke und einzelne Gebäude auf öffentlichem Gelände voneinander ab­grenzten. Das öffentliche Gelände war von Wohnvierteln umgeben. Der Volksversammlungsplatz war gewisser­maßen das Scharnier der Siedlung. Es ist deutlich, daß Hippodamos das Prin­zip der Rechtwinkligkeit für eine funk­tionale Stadtplanung benutzt hat.

Schon vorher aber, in den siebziger Jahren des 5. Jahrhunderts vor Chri­stus, war seine Heimatstadt Milet an der kleinasiatischen Westküste auf einer knapp 2 Kilometer langen Halbinsel mit zwei Hafenbuchten neu gegründet wor­den (Bild 4) — ob Hippodamos dabei mitwirkte, ist freilich unklar. Drei Wohnviertel mit wohl gleich großen Häuserblocks  umrahmten hier für öf­fentliche Bauten freigelassenes Gelände zwischen den Häfen; ein für die Agora vorgesehenes Gebiet war im Zentrum ausgespart.

Von bemerkenswerter Weitsicht zeugt, daß dieser ehrgeizige Rahmen erst im Verlauf von Jahrhunderten aus­gefüllt wurde: Im 5. und 4. Jahrhundert vor Christus legte man an beiden Häfen Marktplätze mit Säulenhallen, Büros und Magazinen an; die bürgerlich-poli­tische Agora mir einem Rathaus wurde erst im 2. Jahrhundert vor Christus ausgebaut.

Die hippodamische Stadtplanung blieb für die Folgezeit vorbildlich: 432 vor Christus wurde Olynthos. 408/407 vor Christus Rhodos, Mitte des 4. Jahr­hunderts vor Christus Priene nach die­sem Schema angelegt. in letzterem Fall unter genialer Einfügung des Gitter­netzplans in ein stark ansteigendes Ge­lände (Bild 5). Stets bewies der hippodamische Grundriß mit seiner klaren funktionalen Gliederung und dem die Verkehrszirkulation        begünstigenden Straßennetz seine Eignung für  die urbanistischen   Erfordernisse   der griechischen  Stadt.

Wahrhaft monumental ausgestaltet werde dieses Schema in den Großstäd­ten der hellenistischen Reiche (3. und 2. Jahrhundert vor Christus). Mit Alex­anders Eroberung des Vorderen Orients wurden auch Städte als militärische, ad­ministrative, kulturelle und wirtschaft­liche Zentren gegründet. Makedonien und Griechen, als Oberschicht angesie­delt, brachten griechische Architektur, Kunst und Literatur, zudem Handel und Geldverkehr in eine zum Teil noch na­turalwirtschaftlich organisierte Region. Das ägyptische Alexandria und das sy­rische Antiochia wurden zu Endpunk­ten großer Handelsstraßen vom jeweili­gen Landesinneren ans Mittelmeer.Handwerker und Händler waren in diesen neuen Städten noch wesentlich stärker vertreten als in jenen des Mut­terlandes. Eine Schicht risikofreudiger Unternehmer, Fernhändler und M a n u -fakturbesitzer, ferner königliche Amts­träger, Offiziere und Priester als Großgrundbesitzende Elite gaben den Ton an und förderten oder genossen die Akku­mulation eines bisher unerhörten Reich­tums; als urbanistische Investition gaben die wohlhabende Führungsschicht und die Könige große Spenden für öf­fentliche Bauten.

 

Weltstadt Alexandria

Die hellenistischen Städte eröffneten nicht zuletzt unter dem Einfluß orienta­lischer Großbauten ganz neue Dimen­sionen des Stadtareals, der monumenta­len Architektur und der Bevölkerungs­zahl. Als das bedeutendste Beispiel sei Alexandria genannt: 332/331 vor Chri­stus von Alexander gegründet, war die erste echte Stadt Ägyptens, das poli­tische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des reichen Landes.

Die „Überschüsse der nun mit ratio­nellen griechischen Methoden betriebe­nen ägyptischen Landwirtschaft wurden hierher transportiert und teils verzehrt, teils exportiert, teils in Manufakturen verarbeitet. Leinen, Glas und Papyrus wurden aus heimischen Rohstoffen her­gestellt, Parfüm und Schmuck aus Roh­materialien, die aus Indien und Arabien über das Rote Meer und einen Kanal zum Nil geschifft wurden. Fertig- und Rohprodukte wurden in den Mittelmeerraum, besonders, in die Ägäis, ex­portiert. Ein vorzüglicher Hafen mit dem Leuchtturm auf der vorgelagerten Insel Pharos sorgte für ausgezeichnete technische Bedingungen.

Die dynamische Mischung aus Kö­nigsresidenz, Handels- und Manufakturstadt verschaffte der Neugründung ein rapides Bevölkerungswachstum. Wohl schon bald nach Beginn des 3. Jahrhunderts vor Christus verfügte Alexandria über mehr als 100000 Ein­wohner, und in der Zeit des Augustus sollen 300000 freie Bürger dort ge­wohnt haben; eine Quelle berichtet von 57 790 zum Teil sicherlich mehrstöcki­gen Häusern.

Weltstädtisch war auch die Bevölke­rungsmischung: Syrer, Perser, Araber, Äthiopier, Inder, Italiker, vor allem aber Griechen, Makedonien und Juden begegneten sich in diesem mediterranen Schmelztiegel.

Die Entwicklung der Stadt wurde vom König gefördert, insbesondere auch mit Aufwendungen für Wissenschaft und Kunst. Das Museion, eigent­lich ein „Musenheiligtum“ war eine vom König finanzierte Universität; sie verfügte über eine reiche Bibliothek mit 900000 Papyrusroilen, und an ihr lehr­ten vom König ernannte Professoren mit festen Gehältern, und universitärer Selbstverwaltung. Forschungsschwer­punkte waren Philologie, Mathematik und Naturwissenschaften.

Die Stadtplanung entsprach den Er­fordernissen eines Mittelmeerzentrums. Das hippodamische System war hier in gewaltige Dimensionen übertragen, die geometrische Schlicht­heit und Nüchternheit der griechischen Urbanistik mit dem Gigantischen und Üppigen gepaart, entsprechend der neu­en Funktion der Stadt als Residenz ei­nes Gottkönigs. Vorbild waren die Pro­zessionsstraßen und Kolossalbauten des alten Ägypten. Die wichtigste ost-westlich verlaufende Straße war 30 Meter breit und etwa 7 Kilometer lang (zum Vergleich: die Pariser Avenue des Champs-Elysees ist 70 Meter breit und 1910 Meter lang), auf beiden Seiten von Kolonnaden gesäumt, hinter denen mehrgeschossige Häuser, Tempel und andere Prachtbauten herausragten: sie wurde von etwas kleineren Straßen im rechten Winkel geschnitten. Jeweils riesige Flächen waren für einzelne, funktional bestimmte Viertel vorgese­hen: Hafenbereich. Agora, Quartiere der einzelnen Bevölkerungsgruppen, Palast- und Museionbezirk.

In Alexandria als der ersten echten Großstadt der Antike entstand zudem — gewissermaßen als notwendiges Pen­dant — die bukolische Dichtung, die zu­mindest teilweise der Sehnsucht des Großstädters nach grünen Wiesen. Bäu­men und dem Plätschern eines Baches Ausdruck verlieh. Als er die Megalopolis schuf, entdeckte der antike Mensch zugleich die Natur.

Ähnlich wie Alexandria, wenn auch in kleineren Dimensionen, waren ande­re hellenistische Großstädte angelegt. Pergamon hingegen, die Residenz der Attaliden seit dem 3. Jahrhundert vor Christus, setzte den älteren Typus der Akropolisstadt in größeren Dimensio­nen fort (Bild 7). Auf Gipfel und Süd­hang eines steilen Hügels erstreckte die Siedlung sich über rund 90 Hektar; die Oberstadt war in Gestalt eines Arena-Halbrunds mit einem Theater als Dreh-und Angelpunkt angelegt. Das helleni­stische Pergamon wurde der Prototyp der städtischen Landschaftsarchitektur; die terrassenförmig übereinander ange­legten Baukomplexe mit ihren zwei-und dreistöckigen Säulenhallen verlie­hen der Stadt eine dynamische Dreidimensionalität.

Rom

Die Zukunft in der antiken Stadtpla­nung gehörte aber dem hippodamischen System. Über die Etrusker, wo es seit etwa 500 vor Christus auftauchte, gelandete es zu den Römern.

Rom selbst war freilich eine gewach­sene Stadt. Es wurde nicht, wie die Sage will, von Romulus gegründet; vielmehr entwickelten etruskische Kö­nige es seit der Zeit um 600 vor Chri­stus nach dem Vorbild älterer etruskischer und griechischer Siedlungen aus einer Anhäufung ärmlicher Hütten von Hirten und Bauern zu urbaner Größe. Die Herrschaft der Etrusker über Kampanien, die sie zur Brückenkopfbildung in Latium nötigte, war der politische Hintergrund der Stadtentwicklung Roms. Die verkehrsstrategisch potentiell günstige Lage an einer Tiberfurt wurde durch die Fremdherrschaft ak­tualisiert. Die Etrusker legten das Fo­rum an. errichteten den Tempel des Ju­piter auf dem Kapitol und importierten überhaupt erstmals eine urbane Archi­tektur in die Tibersiedlung.

Die Stadtentwicklung in den folgen­den Jahrhunderten der Republik war gleichfalls von politischen Faktoren be­stimmt. Rom gewann nie Bedeutung als Manufaktur- und Handelsstadt; seine urbanistisch-architektonische Ausgestaltung wurde durch Kriegsbeute und Tribute finanziert.

Zunächst wurden vor allem Tempel, dann mit dem Anwachsen der Stadt auch große Nutzbauten aufgrund bisher unerhörter Ingenieurleistungen errich­tet: so 312 vor Christus mit der Aqua Appia der erste, rund 12 Kilometer lan­ge Aquädukt — Indiz für die Notwen­digkeit, eine stark anwachsende Bevöl­kerung auf den Hügelkuppen Roms mit Wasser zu versorgen. Insbesondere nach dem zweiten Punischen Krieg und im Gefolge der Eroberungen im Osten des Mittelmeerraums ließ ein starker Zufluß italischer Landbevölkerung und von Sklaven die Stadt rapide wachsen. Rom war als Zentrum der Mittelmeer­welt attraktiv geworden und wandelte sich spätestens jetzt zur Großstadt.

Urbanistische Konsequenzen waren unter anderem die Entstehung des Hochbaus, das heißt der Mietskaserne, damit eine Standardisierung des Bau­materials und die Erfindung des römi­schen Betons. Überhaupt erforderten die unablässig wachsende Bevölkerung und die damit verbundenen Probleme ein verstärktes Bemühen um die städti­sche Infrastruktur: Die Straßen wurden gepflastert und weitere Wasserleitungen gebaut, insbesondere die 91 Kilometer lange, 45 Millionen Denare teure Aqua Marcia (144 bis 140 vor Christus); das Kloakensystem wurde erweitert, eine neue Tiberbrücke errichtet.

Ein zukunftsträchtiger Zweckbau wurde geschaffen: die Basilika, eine Doppelhalle, welche für Markt- und Geldgeschäfte, aber auch für Gerichts­sitzungen diente Drei solcher Basiliken wurden zwischen 184 und 169 vor Christus gebaut, ein deutliches Anzei­chen dafür, wie das geschäftliche und öffentliche Leben sich intensivierte.

Die Versorgung der Stadtbevölke­rung mit Agrarerzeugnissen entwickel­te sich zu einer großen logistischen Herausforderung. Lagerhäuser für Ge­treide und andere Nahrungsmittel wur­den errichtet, ein neuer Tiberhafen an­gelegt, um die nun immer häufiger über Ostia tiberaufwärts verschifften Waren anlanden und speichern zu können. Man begann, mit dem Schutt der zerbrochenen Vorratsamphoren den heuti­gen Monte Testaccio aufzuwerfen. Der Gedanke, Getreide verbilligt zu verkau­fen, stand in der griechischen Tradition der öffentlichen Verantwortung für die Ernährung der Bevölkerung. Seit der gracchischen Zeit wurde diese Institu­tion zu einem Eckpfeiler der Versor­gung der Stadtbewohner.

Die unerhörten Reichtümer, die den Römern aus ihrem Imperium zuflössen, wurden zum Teil in prunkvolle öffentli­che Bauten investiert. Seit dem Ende des 2. Jahrhunderts vor Christus war Marmor ein immer haefiger verwende­tes Material, zunächst vor allem beim Tempel bau.

Große Feldherren und Politiker wie Sulla, Pompeius und Caesar errichteten nun Propagandabauten zur Verherrli­chung der von ihnen vertretenen Politik und vor allem zur Erhöhung der eige­nen Person nach dem Vorbild hellenisti­scher Könige. Pompeius ließ das erste, Bühnenspielen dienende Steintheater Roms bauen, zusammen mit Säulenhal­len, deren künstlerische Ausschmückung seine Kriegstaten pries, sowie ei­nem Tempel für seine Schutzgöttin Ve­nus und einem neuen Versammlungs­haus für den Senat. Caesar konzipierte ein gigantisches Bauprogramm, von dem er nur einen kleinen Teil verwirkli­chen konnte. So ließ er neben dem Fo­rum Romanum für 25 Millionen Denare ein großes Gelände für sein im Stil einer hellenistischen Agora errichtetes Fo­rum lulium aufkaufen. Säulen­hallen mit Geschäften, ein großer Tem­pel für die Gründerin des julischen Ge­schlechts, Venus, und Caesars Reiter­statue schmückten diesen Platz. Diese Tradition setzten die sogenannten Kaiserfora (Bild 8) fort, deren erstes Augustus anlegen ließ, der auch das Forum Romanum im Sinne ei­ner Verherrlichung der julischen Dyna­stie umgestaltete. Die Flavier errichte­ten seit den siebziger Jahren des 1. nachchristlichen Jahrhunderts ihr Fo­rum Pacis; die größte und eindrucks­vollste Platzanlage aber schuf Trajan (Regierungszeit 98 bis 117) mit seinem imperialen Forum Traiani. Auf dem Palatin entstanden die Kaiserpaläste als ar­chitektonischer Ausdruck der sakralen Überhöhung des Weltherrschers.

 

 

 

Soziale Komplexität

Die Cäsaren waren jedoch auch be­müht, die Wohnverhältnisse und den materiellen Wohlstand der stadtrömi­schen Plebs zu verbessern, die im 1. Jahrhundert vor Christus einen weite­ren großen Zuwachs durch nach Rom strömende Italiker und Sklaven erhalten hatte. Unter Augustus dürfte die Ein­wohnerzahl der Millionengrenze schon recht nahe gekommen sein.

Die sanitären, verkehrstechnischen und sonstigen Großstadtprobleme wie Brände. Hungersnöte, Tiberüber­schwemmungen und Wohnungsknapp­heit hatten sich in den zum Teil chaoti­schen politischen Zuständen der späten Republik verschlimmert. Hinzugekom­men war die Bau- und Mietspekulation, in die nicht zuletzt auch führende Politi­ker wie der notorisch reiche Crassus verwickelt waren.

Caesar versuchte, durch gesetzliche Maßnahmen Abhilfe zu schaffen. Er re gelte Pflasterung, Reparatur und Reini­gung der Straßen. Er ordnete die Nahrungsmiitelversorgung neu und verfüg­te für ein Jahr die Streichung aller klei­nen Mieten sowie eine Zinssenkung zur Verringerung der Mietschuld.

Augustus reformierte die Verwaltung der Stadt, indem er das Gemeinwesen in 14 Regionen gliederte, die ihrerseits in zahlreiche vici (Straßenviertel) unter­teilt waren. Die politische Sicherheit in der Stadt wurde durch Aufstellen einer Wachtruppe von mehreren tausend Mann erhöht, und eine Berufsfeuer­wehr wurde geschaffen. Eine Regulie­rung des Tiber sollte die Überschwem­mungsgefahr reduzieren. Neue Wasser­leitungen und die ersten öffentlichen beheizten Thermen verbesserten die sa­nitären Verhältnisse.

Auch die geistige Bildung förderte der Kaiser mit der Einrichtung von öf­fentlichen Bibliotheken und dem Bau des Marcellustheaters. Das erste stei­nerne Amphitheater in Rom diente ei­nem anderen, für unseren Geschmack weniger attraktiven Schaubedürfnis der Römer, nämlich Gladiatorenspielen. Als weiteres Gebäude für öffentliche Spiele — für Pferde- und Wagenrennen diente schon seit Jahrhunderten der
Circus Maximus; er wurde im 1. Jahr­
hundert nach Christus auf ein Fassungsvermögen von rund 250000 Zuschaue­rn ausgebaut. Und im Jahre 79 wurde
das   etwa  50000   Zuschauer  fassende
Kolosseum errichtet.

Dennoch, wird das in jener Zeit ge­prägte Schlagwort panem et circenses

  • Brot und Spiele — oft mißverstanden in dem Sinne, als ob die stadtrömische
    Plebs, eine aus allen Völkerschaften des Reiches   buntgemischte Menschenansammlung, zum größten Teil arbeitslos und zur Ruhigstellung auf öffentliche Lebensmittelspenden und Unterhaltung
    angewiesen gewesen sei. Aber die Nahrungsmittelsubvention war keine kari­tative Einrichtung, sondern ein bürgerliches Privileg; und ähnlich wie im heu­tigen   Rom   dürfte   der   Großteil   der männlichen Bevölkerung zumindest für
    einige Stunden am Tag beschäftigt gewesen sein: im kaiserlichen oder sonstigen öffentlichen Dienst, in großen Privathaushallen, im Hafen, bei den zahl­
    reichen Bauarbeiten, im Nahrungsmit­telsektor.

Gewiß sollte man sich die Lage der einfachen Bevölkerung nicht allzu rosig vorstellen, aber der Großteil dürfte kei­ne wirkliche Not gelitten haben. Nach­richten von Unruhen, etwa Hungerre­volten, sind uns insgesamt für die Kai­serzeit relativ selten überliefert, was für eine erfolgreiche Befriedigung der ma­teriellen Bedürfnisse spricht. Dafür sorgten die Kaiser zum Beispiel durch den weiteren Ausbau der Häfen von Ostia und des Tiberhafens von Rom. ferner durch die Errichtung von Markt-und Einkaufszentren, unter denen die heute noch vorzüglich erhaltenen Mercati Traiani an erster Stelle zu nennen sind.

Die spätantiken Regionenverzeich­nisse der Stadt Rom listen folgende Nutzeinrichtungen auf: 867 öffentliche Badehäuser, elf große Thermen (von denen die um 300 nach Christus errich­teten Diocletiansthermen rund 3000 Be­sucher gleichzeitig aufnehmen konn­ten), 1352 öffentliche Wasserstellen, elf Aquädukte mit einer täglichen, Kapazi­tät von mehr als einer Million Kubik­metern (bei etwa einer Million Einwoh­nern mehr als 1000 Liter täglich pro Kopf), ferner 254 Großbäckereien. 290 Lagerhäuser und 46 Bordelle.

Komfort war also auch dem einfa­chen Bewohner Roms durch öffentliche Bauten garantiert, und angesichts der Öffentlichkeit des täglichen Lebens, in dem besonders die Thermen als sozialer Treffpunkt eine große Rolle spielten, hat   das   besondere   Bedeutung.   Dem  Kuppen von Esquilin. Caeris und anderen Hügeln errichteten, ähnlich den neuzeitlichen Villen der römischen Aristokratie.

Die Mietskasernen wiesen zwar in den unteren Etagen des öfteren Luxuswohnungen auf, mit Anschluß an das Wasser- und das Kloaken­netz. Aber in den oberen Stockwerken, die schon aus statischen Gründen in recht leichter Holzbauweise errichtet wurden, waren die Wohnungen oft äu­ßerst ärmlich, und man lebte mit der Einsturz- und Feuersgefahr

Der Satiriker Juvenal. der um die Wende vom 1. zum 2. Jahrhundert leb­te, bietet bei aller seiner literarischen Gattung eigenen Übertreibung wohl auch realistische Eindrücke, wenn er die Wohnverhältnisse in überfüllten Vierteln der Hauptstadt, wie etwa der Subura, mit folgenden Worten schildert (III 6 bis 8): ..Selbst im traurigen Ne­ste / lebt sich’s besser als hier im wilden Getriebe der Hauptstadt / mit den tau-

und Gefahren, den Häusereinstürzen und Bränden.’* Der berühmte Brand un­ter Nero im Jahre 64 löschte ganze Stadtviertel aus. hatte freilich auch den Versuch eben dieses Kaisers zur Folge, durch Verbreiterung der Straßen, Ein­richtung neuer Wasserstellen. Vor­schriften zur Verwendung von feuerfe­sten Baustoffen, zur Einhaltung von Häuserabständen und anderem mehr ganze Viertel zu sanieren. Schon seit Augustus wurden zudem Gesetze erlas­sen, welche die zulässige Höhe der Ge­bäude auf rund 20 Meter begrenzten.

Dies waren freilich nicht die einzigen Probleme. In der Stadt durfte nur nachts Schlachtvieh getrieben werden, war auch nur nachts privater Wagen­verkehr erlaubt, um eine Verstopfung der durchschnittlich 4 bis 5, nur im Fal­le der Hauptverkehrsadern 6,50 bis 7 meter breiten Wege zu verhindern. Tagsüber war nur der Transport von Material für öffentliche Bauten erlaubt, und dieser hatte seine Tücken: „Hier auf dem Lastkarren wippt eine Riesen-tanne, ein anderer Wagen führt Fich­ten: sie schwanken bedenklich, gefähr­den Passanten.  Wie erst, wenn das Gefährt kracht mit dem carrarischen Mar­mor  und sein Steingebirge ergießt auf die Scharen des Volkes? Was bleibt dann von den Körpern? Wer noch fin­det die Glieder,  wer die Knochen zu­sammen? Zerrieben, verflüchtigt ist Leib wie / Seele des Ärmsten!“ (Juve­nal III 249 bis 255).

Diese modern anmutende Großstadt­kritik, welcher Juvenal an anderer Stel­le die Idylle des ruhigen, glücklichen Landlebens gegenüberstellt, dürfte frei­lich von der Mehrzahl der Bewohner Roms ebenso wenig geteilt worden sein wie das in unseren Medien oft gezeigte Horrorgemälde Neu Yorks von dessen Bewohnern. Die Faszination des welt­städtischen Getriebes, die Vergnügun­gen und Privilegien, die aus der Herr­schaftsfunktion der Reichshauptstadt resultierten, sollte man nicht unter­schätzen.

Siedlungszentren des Imperium Romanuni

Im übrigen war Rom als Stadt inner­halb des Imperium Romanum ebenso untypisch wie New York für die USA. Der gängigste Siedlungstypus waren vielmehr kleine Landstädtchen mit we­nigen tausend Einwohnern, einer regel­mäßigen Stadtanlage und einer gepfleg­ten urbanen Ausstattung.

Die Urbanisierung des westlichen Mittelmeerraums, des nordwestlichen Europa und des Balkans war eine der bedeutenden Leistungen der römischen Zivilisation, obwohl bereits in der rö­mischen Kaiserzeit der Historiker Tacitus („Agricola“ 21) daran politische Selbstkritik übte: „Damit die verstreut wohnenden, raunen und deshalb leicht zum Krieg geneigten Menschen sich in­folge zivilisatorischer Annehmlichkei­ten an Ruhe und Muße gewöhnten, er­munterte man (nämlich der römische Feldherr Agricola) sie persönlich und bot ihnen öffentliche Unterstützung da­für an, daß sie Tempel, öffentliche Plät­ze und Steinhäuser errichteten… All­mählich ergab man sich der Verweichli­chung und den Verführungen der Zivili­sation: Man baute Kolonnaden, errich­tete Bäder und gab elegante Gästmähler. Die Unkundigen nannten dies »kul­tivierte Lebensweise’, während es doch Teil ihrer Knechtschaft war.“ So schil­dert Tacitus die Einrichtung römisch geprägter Siedlungszentren im gerade erst besetzten Britannien.

Die Römer bemühten sich mit Erfolg, dort wie anderwärts die einheimische Führungsschicht für die Annehmlich­keiten der römischen Zivilisation zu ge­winnen. Wichtigstes Element dieses Romanisierungsprogram  war der Import römischer urbaner Architektur. Wie immer man Tacitus“ Interpretation dieser Politik beurteilen mag — seine Ausführungen beweisen, daß die Rö­mer in der Kaiserzeit nicht nur bewußt Siedlungszentren mit Bauten urbanen Charakters geschaffen, sondern diese auch gezielt als Instrumente provinzialer Verwaltung und imperialer Herr­schaft eingesetzt haben.

Vielfach, möglicherweise gar in der Mehrzahl der Fälle bedurfte es aller­dings keines mehr oder weniger sanften Zwangs seitens der Römer. Zahlreiche Gemeinwesen in Nordafrika, Spanien, Gallien und anderen Provinzen erstreb­ten nicht lange nach ihrer Unterwerfung

von sich aus die Einrichtung eines urbanen Zentrums mit den entsprechenden zivilisatorischen Annehmlichkeiten.

Auf diese Weise wurden im Verlauf der frühen und hohen Kaiserzeit die westlichen Provinzen des Reiches mit einem Netz von Siedlungszentren über­zogen. Der in Nordafrika lebende christliche Autor Tertullian glaubte um 200 nach Christus, die Welt stehe zu seiner Zeit auf einem weit höheren Zi­vilisationsniveau als früher: „Alles ist erschlossen, alles ist erforscht, alles ist dem Handel und Gewerbe zugänglich. Gefällige Landgüter sind an die Stelle stand allerdings eine Verknappung pri­vaten Wohnraums im Zentrum der Stadt infolge der Anlage eben jener G roßbauten gegenüber.

Urbane Probleme und Großstadt –Kritik

Für eine Ausdehnung Roms an der Peripherie gab es verkehrstechnische Grenzen: Öffentliche Verkehrsmittel fehlten, und die Straßen waren eng. Die Mauer des Kaisers Aurelian (er regierte von 270 bis 276) umfaßte 1373 Hektar, was bei einer Million Einwohnern eine Bevölkerungsdichte von 800 Personen pro Hektar ergehen würde – wie am Ende des 19. Jahrhunderts: allerdings erstreckte sich die antike Stadt über die­se Mauern hinaus. Dennoch müssen die Wohnverhältnisse beengt gewesen sein. wie die Verteuerung der Mieten und be­sonders die Zunahme mehrstockiger Mietskasernen verdeutlichen. Das Ein­zelhaus wurde fast ein Privileg der Rei­chen, die zum Teil gar palastartige Vil­len mit weitläufigen Parks im gesunden notorischer Einöden getreten, Acker­fluren haben den Urwald gezähmt, Viehherden die wilden Tiere verdrängt. Sandwüsten werden besät, Felsen bepflanzt, Sümpfe ausgetrocknet. Es gibt so viele Städte wie früher nicht einmal Häuser. Selbst Inseln und Klippen schrecken nicht mehr ab; überall stehen Häuser, überall gibt es Menschen, überall Gemeinwesen, überall Leben.“ Tertullian befürchtete sogar — und dies klingt geradezu modern — eine Übervölkerung der Erde bei Fortset­zung dieser Entwicklung. Er begrüßte daher — dies freilich dürfte heutzutage weniger Anklang finden — das Auftre­ten von Seuchen, Kriegen und Naturka­tastrophen. Zweifellos ergeht sich der Kirchenschriftsteller in rhetorischer Übertreibung; aber seine Ausführungen enthalten doch einen wahren Kern, wenn man bedenkt, daß die moderne Forschung fast 2000 Städte auf dem Bo­den des Imperium Romanum vermutet.

Zwar hatten bereits Griechen, Phöniker und Etrusker städtische Siedlungen im westlichen Mittelmeerraum geschaf­fen, aber meist nur an den Küsten und nicht systematisch. Die Römer hinge­gen sorgten für eine recht gleichmäßige geographische Verbreitung städtischer Zivilisation unter flexibler Handhabung eines bestimmten Repertoires urban-architektonischer Elemente. Ihr politi­sches Ziel war die Einrichtung von Zentren für die Verwaltung und zivili­satorische Durchdringung der eroberten Gebiete; die römischen Städte waren also politisch-administrativ motivierte Gründungen, die aber oft an einheimi­sche Siedlungen anknüpften und po­tentielle wirtschaftliche beziehungswei­se verkehrsstrategische Faktoren der Stadtbildung aktualisierten.

An verkehrsgünstigen Punkten wur­den auch die auf jungfräulichem Boden gegründeten Siedlungen angelegt. Den Anfang bildete oft die gezielte Ansiedlung von Veteranen oder das Entstehen einer Dienstleistungssiedlung in der Nähe eines Militärlagers.

Die römischen Städte wiesen oft ei­nen starken Anteil von Grundbesitzern auf, so in Nordafrika. Nicht selten aber waren sie hauptsächlich Gewerbestädte, wie etwa zahlreiche kleinstädtische Siedlungen (vici) im Rheinland und in den benachbarten Regionen; diese Kleinstädte mit ihren durchschnittlich rund 20 Hektar Siedlungsfläche hatten im Schnitt etwa 2000 bis 5000 Einwoh­ner. Sie entstanden meist als Verkehrssiedlungen an Pferdewechsel- und Raststationen, die in etwa 20 bis 30 Ki­lometer Abstand an den römischen Straßen eingerichtet und in erster Linie für staatliche Dienstreisen vorgesehen waren; natürlich wurden sie auch von Händlern und Privatreisenden in An­spruch genommen. Sie boten eine Reihe von Dienstleistungen an, welche Hand­werker und Gewerbetreibende zur Ansiedlung veranlaßten.

Andere vici entstanden an Flussüber-Gängen, wo Frachten auf Schiffe verla­den oder angelandet wurden: Maas­tricht, Jülich, Bingen, Koblenz und An­dernach sind Beispiele. Eine Bergbau­siedlung war Mayen, wo Basalt zur Mühlsteinherstellung abgebaut und in Andernach auf den Rhein verfrachtet wurde. Karden und Jülich waren Pro­duktionsstätten für Keramik. Rheinzabern am Oberrhein war im 2. und 3. Jahrhundert eines der bedeutendsten Keramikproduktionszentren im Reich; bis zum eine Million Gefäße jährlich, so

schatzt man, wurden hier hergestellt und bis nach Britannien und dem Bal­kan verkauft. Hingegen verdankte Aachen seine Bedeutung den Heilquel­len, die zunächst vor allem das im Rheinland stationierte Militär nutzte.

Je größer die Stadt war, desto be­trächtlicher mußte der Anteil der ge­werblich tätigen Bevölkerung sein. Die Zahl der Bauern in einer solchen zen­tralen Siedlung war begrenzt, denn die verkehrstechnischen Bedingungen lie­ßen es kaum zu, Felder in einer Entfer­nung von mehr als rund 5 Kilometern von der Siedlung zu bewirtschaften. Neueste archäologische Forschungen haben denn auch gezeigt, daß schon Felder, die weiter als etwa anderthalb Kilometer von der Siedlung entfernt la­gen, von Bauern- beziehungsweise Gutshöfen aus bewirtschaftet wurden.

Kleinstädte mit einer Einwohnerzahl zwischen 2000 und 5000 stellten zwar zweifellos den Löwenanteil der Städte des Imperium Romanum. Aber es gab neben Rom noch weitere Großstädte: Alexandria, Karthago, Antiochia und spätestens seit dem Ende des 4. Jahr­hunderts Konstantinopel hatten mehrere hunderttausend Einwohner, Mailand und Ephesos rund 100000; Padua, Lyon, Trier, Cadiz und andere dürften auf etwa 50000 gekommen sein. Recht zahlreiche Städte wie Ostia, Köln, Lon­don, Narbonne und Cherchel (Nord­afrika) mögen in der Einwohnerzahl zwischen 25000 und 50000 gelegen ha­ben. Eine noch wesentlich größere Gruppe bildeten die Städte mit 15 000 bis 25 000 Einwohnern, so etwa Sparta und Sabratha westlich des heutigen Tri­polis in Libyen.

Es gab im übrigen regionale Unter­schiede:  Städte in Spanien waren anscheinend im Durchschnitt kleiner als jene im fruchtbaren Nordafrika. Insge­samt lagen die Einwohnerzahlen römi­scher Städte wesentlich höher als dieje­nigen europäischer Städte des Spätmit­telalters und der frühen Neuzeit (Vene­dig stand im Jahre 1363 mit 77000 Ein­wohnern an der Spitze). Wir dürfen deshalb auch annehmen, daß Handel und Gewerbe im Imperium Romanum wenigstens im selben Maße zur Stadt­entwicklung beigetragen haben wie etwa im 14. Jahrhundert. Die Quellen­lage für die Antike ist in diesem Bereich zwar wesentlich schlechter, aber doch hinreichend, um die These zu vertreten, daß sogar einfache Gebrauchsgüter als Massenartikel über große Entfernungen im Seehandel vertrieben worden sind.

Das Programm öffentlicher Bauten

Städte mit einer derartigen Bevölke­rungszahl sowie einem öffentlichen und privaten Leben, welches sich in dem komplexen institutionellen Rahmen sich selbst verwaltender Bürgergemeinden abspielte, bedurften einer entsprechend differenzierten Bausubstanz. Wie die Organe der Selbstverwaltung, so waren auch die öffentlichen Gebäude vor al­lem am Vorbild Roms orientiert, und den römischen Städtebauern stand in dem Werk des augusteischen Architek­ten Vitruv ein ausführliches Handbuch mit exakten Anleitungen für die Wahl des Siedlungsplatzes, für die Anlage der Mauern, Straßenzüge, öffentlichen Plätze und Gebäude, über die Beschaf­fenheit und Brauchbarkeit der einzelnen Baustoffe, über Architektur sowie den Bau von Privathäusern zur Verfügung. Gewiß wurden diese Regeln nicht sche­matisch befolgt, aber sie stellten einen Maßstab dar und garantierten eine ge­wisse Gleichmäßigkeit des Siedlungsbildes.

Die von Tacitus im Hinblick auf Bri­tannien aufgezählten Bauten (Forum. Tempel, Kolonnaden, Bäder, Steinhäu­ser) bieten keine vollständige Liste, sondern eher eine Art Minimalkatalog, wie er mehr selten in den schwächer romanisierten Regionen Britanniens, des nordwestlichen Spanien, des nördlichen Gallien und des nördlichen Balkan er­füllt war. Mit römischen Städten assozi­ierte man außerdem zum Beispiel! Aquädukte, Amphitheater. Basiliken, Bibliotheken und ein rechtwinkliges Straßennetz.

Das Forum war das politische und re­ligiöse Zentrum und diente in gewissem Umfang auch wirtschaftlichen Zwecken, vor allem Geldgeschäften. Es war ein gepflasterter, rechteckiger, von Säulenhallen und wichtigen öffentlichen Gebäuden umsäumter sowie mit einem Wald von Ehrenstatuen bestückter Platz. Ein Tempel, häufig derjenige der wichtigsten Gottheit der Siedlung, durf­te nicht fehlen. Wenigstens eine Basili­ka wurde an einer der Längsseiten des Forums errichtet. Ebenfalls am Forum befand sich das Rathaus, meist in Ge­stalt eines kleinen gedeckten Theaters. Oft in unmittelbarer Nähe des Forums wurde ein spezieller Verkaufsmarkt an­gelegt; verschiedene Lagerhallen wur­den in der Nähe von Forum und Ver­kaufsmarkt errichtet.

Großen Wert legte man auf Gebäude, welche der geistig-seelischen Unterhal­tung der Bevölkerung dienten: Biblio­theken trifft man relativ selten an, aber gelegentlich sogar in mittelgroßen Pro­vinzstädten. Ein Freilichttheater besaß auch im westlichen Mittelmeerraum fast jeder Ort von einiger Bedeutung, manche finden sich sogar auch in eher dorfartigen Siedlungen.

Über ein Amphitheater für Gladiato­renspiele und Tierjagden verfügten außerhalb Italiens in der Regel nur Pro­vinzhauptstädte. Dies gilt erst recht für den Circus, die Arena für Wagenren­nen. Beide Anlagen waren wegen ihrer gewaltigen Größe zu aufwendig für die durchschnittliche Stadt.

Zum unentbehrlichen Inventar fast ei­ner jeden Ansiedlung im Westen des Reiches gehörten hingegen Thermen, die sich in Größe und Ausstattung be­trächtlich unterschieden, deren Grund­struktur jedoch immer die gleiche war und mit deren Komfort sowie sozialem Wert moderne öffentliche Schwimmbä­der sich nicht messen können. Männer, Frauen und Kinder konnten solche Ba­dehäuser gegen geringes Entgeld benut­zen. Aber auch Clubs aller Art versam­melten sich hier, und in den luxuriöse­ren Thermen wurden Vortragssäle ein­gerichtet. Man traf sich dort, um per­sönliche und geschäftliche Angelegen­heiten zu besprechen, und manche poli­tische Verabredung der bisweilen mit Gefolge in den Thermen auftretenden lokalen Honoratioren mag hier getrof­fen worden sein.

Ein hohes hygienisches und sanitäres Niveau gewährleisteten außer den Thermen auch öffentliche und private Latrinen, eine bemerkenswerte medizi­nische Betreuung durch öffentlich be­soldete Ärzte und eine vorzügliche Wasserversorgung: Außer den Aquä­dukten, welche das Wasser oft aus gro­ßen Entfernungen heranführten, gehör­ten dazu prunkvolle Brunnenhäuser und bisweilen sogar fließendes Wasser in Privathäusern.

Die Wohnbedingungen waren auch für die einfachen Leute besser als im Europa des 19. Jahrhunderts. Anders als in neuzeitlichen Industriestädten wa­ren die mit einer dichten Bevölkerungs­konzentration gegebenen sanitären Pro­bleme meist gelöst. Als im Jahre IS42 eine spezielle Kommission Vorschläge zur Verbesserung der Gesundheit in London machen sollte, bezog sie in ih­ren Report eine genaue Beschreibung der sanitären Einrichtungen des römi­schen Kolosseums und des Amphithea­ters von Verona ein; eine Kenntnis Ostias zum Beispiel  hätte noch mehr geholfen.

Zivilisation:

Komfort und Monotonie

Eine solche Siedlung bot ihrer Bevöl­kerung mithin einen beachtlichen öf­fentlichen Komfort, wie er lange Zeit nicht wieder erreicht worden ist. Doch wie heute der hohe Stand unserer Zivili­sation sich in einer gewissen Monotonie bei der Gestaltung unserer Neubausied­lungen und Stadtzentren mit ihren Fuß­gängerzonen niederschlägt, so wurden zumindest die römischem Neugründungen. wie wir sie vor allem in den west­lichen Provinzen antreffen, nach einem Baukastenschema errichtet — es ließ sie einander bis zur Langweiligkeit ähnlich erscheinen.

Diese Monotonie wurde einerseits gemildert durch eine sehr niveauvolle und abwechslungsreiche architektoni­sche und kunsthandwerkliche Gestal­tung sowie durch die trotz sorgfältiger Planung relativ gemischte Lage von Wohnhäusern, öffentlichen Gebäuden. Läden und Werkstätten — mit Ausnahme von feuergefährlichen Betrieben, die in der Regel am Stadtrand angesie­delt waren: es gab in den antiken Städ­ten keine toten Geschäftsviertel. Ande­rerseits wurde sie verstärkt durch ein oft streng rechtwinkliges Straßennetz. Die exakte Vermessung des Siedlungs­areals und zumeist auch des angrenzen­den Landgebietes ging von einem Ach­senkreuz aus, welches die beiden am Forum sich schneidenden Hauptstraßen bildeten. Jeweils parallel verlaufende Straßen unterteilten das Siedlungsareal in große Blocks, deren Bebauung von vornherein festgelegt war. Freilich wurde im Falle einer späteren Erweite­rung der Siedlung dieses Schema oft nicht beibehalten.

Die urbane Infrastruktur konnte nur zum geringeren Teil aus der Gemeinde­kasse einer Civitas bezahlt werden. In diese flössen die Pachtgebühren für Ge­meindeland, Zölle auf Import- und Ex­portwaren. Markt- und Gewerbegebüh­ren. Einkünfte aus der Verpachtung von Monopolen (Salz, Geldwechsel. Fischereirechte. Bergwerke), die Amts—antrittsgebuhren der Ratherren und Magistrate, die Gerichtsgebühren. Buß­gelder und dergleichen mehr. Große Beträge waren dies allerdings in der Re­gel nicht, sie hätten niemals die Kosten für jene Einrichtungen gedeckt. Haupt­sächlich waren es Stiftungen und Sub­skriptionen von Bürgern, mit weichen die Bauten finanziert wurden. Außer­dem erwiesen, wie im Osten, bedeuten­de auswärtige Persönlichkeiten — die römischen Kaiser selbst sowie Provinz­statthalter und millionenschwere Privat­leute — zahlreichen Gemeinden ihre Großzügigkeit.

Man hat kürzlich errechnet, daß die Kosten für die Standardausstattung ei­ner Kleinstadt wie Pompeji, deren Mauer rund drei Kilometer Umfang hat. einschließlich der Straßen knapp 10 Millionen Sästerzen betrugen — das Zehnfache des senatorischen Mindest­zensus, aber nur das Doppelte von dem was allein der jüngere Plinius, ein mit­telreicher Senator für seine Heimat­stadt Comum stiftete. Der architektoni­sche Apparat einer Stadt konnte somit innerhalb einer Generation aus dem Vermögen einiger weniger reicher Fa­milien bestritten werden. Allerdings waren solche reichen senatorischen Fa­milien nur in wenigen Städten des Rö­mischen Reiches zu Hause.

Kaum weniger kostspielig als die Er­richtung pflegt die Unterhaltung von Gebäuden und anderen Einrichtungen zu sein. Man hatte bald alle Hände voll zu tun. die Masse der öffentlichen Bau­ten in ordentlichem Zustand zu halten: die Restaurationen treten gegenüber Neubauten vom 3. Jahrhundert an in den Vordergrund.

Die antiken Städte als Träger der griechisch-römischen Kultur sind unter­gegangen, ihre Institutionen und Ge­bäude hatten nur im Rahmen der anti­ken Zivilisation eine sinnvolle Funk­tion. Die neuen Herren — ob nun Ger­manen. Slaven oder Araber — wußten mit ihnen (außer mit den Stadtmauern und Kirchen) nichts anzufangen.

Die Höhe der antiken urbanen Zivili­sation ist vor dem 19. oder 20. Jahrhun­dert nicht mehr erreicht worden. Und in manchen Aspekten, etwa was die Ther­men und Theaterbauten betrifft, ist sie es bis heute nicht.

 

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