Antike Zeiten und Kulturen

Die Stadt als historischer Lebensraum

 

 Öffentlichkeit und Privatheit im antiken Rom

Es ist deutlich geworden, daß Hannah Arendt ihr Verständnis der antiken

Stadt vor dem Hintergrund eines spezifischen Geschichtsverständnisses

als politische Konstruktion entwickelt. Demgegenüber wird in

diesem Teil der Arbeit versucht, die Stadt als historischen Lebensraum

zu fassen. Gleichzeitig wird die Relevanz der Arendtschen Begrifflichkeiten

von Öffentlichkeit und Privatheit in ihrer in Kapitel 2.1.4. erweiterten

Form an der historischen „Realität“ des spätrepublikanischen

und frühkaiserlichen Roms untersucht. Dabei werden Ergebnisse der

archäologischen Forschung, sowie der politischen und der Sozialgeschichte

herangezogen. Eine zentrale Rolle spielen zeitgenössische Zeugnisse.

Diese stellen, zusammen mit den archäologischen Funden ein

Quellenproblem dar, beziehen sich doch beide größtenteils auf die römische

Oberschicht. Vor allem die zum Teil satirischen zeitgenössischen

Schilderungen geben ebenso viele Einblicke in das Selbstverständnis der

römischen Oberschicht wie in die räumliche Situation und Funktionsweise

öffentlicher und privater Bereiche.

Einleitung: Leben im Rom der frühen Kaiserzeit

Das Rom der frühen Kaiserzeit beschränkte sich nicht auf seine bei

Hannah Arendt im Mittelpunkt des Interesses stehende politische Funktion,

sondern war eine Großstadt, die durchaus in modernen Dimensionen

gedacht werden muß. Obwohl Schätzungen über die Einwohnerzahl

stark auseinandergehen, lag sie zu Beginn der kaiserlichen Epoche wohl

bei 500.000 und steigerte sich bis zur Millionengrenze – vielleicht sogar

darüber hinaus. Die Stadt wuchs offensichtlich mit Beginn des Imperiums

explosionsartig, sie schien aus allen Nähten zu platzen: Wucher

und Bauspekulation blühten wie “im Berlin der Gründerjahre”.

Wohnungsnot herrschte allerorts, da es keinerlei staatliche Baupolitik

gab, sondern die erkennbaren Grundzüge der kaiserlichen Baupolitik

eine solche Fürsorge des Staates geradezu ausschloß.134 Ein unverhältnismäßig

großer Teil des städtischen Bauareals war von einer kleinen

reichen Minderheit in Beschlag genommen worden, so daß die Unterbringung

der rasch zunehmenden Stadtbevölkerung riskante Baumaßnahmen

erforderte.135 Um der Wohnungsnot beizukommen, wurden die

mehrstöckigen Wohnhäuser Roms, die Insulae, aufgestockt und immer

weiter erhöht, so daß sie schließlich in der Regel fünf bis sechs Stockwerke

aufwiesen.136 Vitruv, Architekturtheoretiker des ersten Jahrhunderts

v.u.Z., schildert die Situation:

“Da also Häuser, die nur ein Erdgeschoß haben, eine so große Menge [von Menschen]

zum Wohnen in der Stadt nicht aufnehmen können, zwangen die Umstände selbst

dazu, daß man sich half, die Häuser in die Höhe zu bauen.”137

Die Erhöhung der Gebäude scheint Vitruv für eine Verbesserung der

Vitruvs Sichtweise erscheint jedoch etwas zu optimistisch und verweist

wohl eher auf das eigene Engagement als Bauspekulant, denn die Gebäude

waren keineswegs durch eine entsprechende Wandstärke abgesichert:

die Bauherren, wohlhabende römische Bürger oder Freigelassene

sparten oft genug am Baumaterial, um den Gewinn, den sie aus dem

Wohnungsgeschäft zogen, zu maximieren, was zur Folge hatte, daß immer

mehr Insulae einstürzten oder vom Einsturz bedroht waren. Besonders

drastisch schildert Juvenal die römische städtebauliche Situation.

Seine ironische Darstellung ist jedoch in vielen Punkten stark

übertrieben und gibt die tatsächlichen Verhältnisse daher nur eingeschränkt

wieder.139 Dennoch kann seine Darstellung die persönlich

empfundenen Misstände klar erhellen. Die satirische Klage Juvenals

macht deutlich, daß die Bewohner der Häuser in dem Bewußtsein lebten,

daß ihnen das Haus jederzeit über dem Kopf zusammenbrechen

konnte.

Schließlich sah Augustus keine andere Möglichkeit, Leib und Leben der

römischen Einwohner zu schützen, als die Bauhöhe der Mietshäuser auf

70 Fuß, etwa 20 Meter zu begrenzen.143

Trotzdem galten die Mietshäuser als schützende und abschirmende

Räumlichkeiten gegenüber einer oftmals bedrohlichen Umwelt, denn

außerhalb des privaten Rückzugbereiches war das Leben keineswegs

sicherer; vielmehr konnte der Römer auf mannigfaltige Art und Weise

vom Leben zum Tode kommen. Herabfallende Ziegel und achtlos aus

dem Fenster geworfene Gefäße waren eine ständige Bedrohung, so daß

sich glücklich schätzen konnte, wer nur vom Gefäßinhalt getroffen wurde.

144

Wer es sich leisten konnte ließ sich nachts von fackeltragenden Sklaven

begleiten, da nur wenige den vereinzelten militärischen Nachtstreifen

(Sebaciaria) vertrauten, die ein viel zu großes Gebiet zu überwachen

hatten, als daß sie einen wirksamen Schutz hätten bieten können. Einbrüche

und Diebstähle waren normal, bewaffnete Raubüberfälle und

Morde nicht selten. Juvenal meint, daß nur ein Leichtsinniger abends

zum Essen ausgehen könne, ohne vorher sein Testament gemacht zu

haben,145 und Plinius berichtet, daß die Parterrebewohner der Mietshäuser

zu seiner Zeit auch tagsüber die Fenster, in denen sie normalerweise

Grünes und Blumen züchteten, wegen des “schlimme[n] Räuberwesen[

s] einer unzählbaren Menge” geschlossen halten müßten.146

Tagsüber schoben sich Menschen und Tiere durch ein unentwirrbares

Chaos Schaulustiger, die Gauklern oder Schlangenbeschwörern zuschauten,

fliegenden Händlern, die an provisorischen Verkaufsständen

ihre Waren feilboten und Handwerkern, die vor ihren Läden (Taberna)

Kunden anlockten; sie verengten und blockierten den Raum vor den

Häusern. Nicht selten kamen Menschen im Gedränge ums Leben,147

besonders gefährlich waren Menschenansammlungen zu festlichen Anlässen.

Als Caligula vom Dach der Basilica Julia Geld in die Menge werfen

ließ, wurden 32 Männer, 47 Frauen und ein Eunuche von der Masse

erdrückt.

Auf den Straßen, die mehr engen, verwinkelten Gassen als geräumigen

Verkehrsadern glichen, herrschte ein solches Gedränge und Getümmel

von Menschen und Tieren, daß der Gespannverkehr am Tage aufgrund

der Gefährdung der Passanten verboten werden mußte – was zur Folge

hatte, daß ab sofort die Nächte Roms vom ohrenbetäubenden Lärm des

Hufgetrappel der Pferde und den wütenden Flüchen der Kutscher

durchdrungen waren.150 Erneut beklagt sich Juvenal:

“Hier sterben viele, weil Schlaflosigkeit sie krank gemacht hat; […] denn in welcher

Mietwohnung kann man schlafen? […] Wagen biegen in scharfer Wendung um die

Straßenecken, die Treiber schimpfen laut, wenn ihre Herde nicht weiter kann – all

das würde einem Drusus oder einem Meerkalb den Schlaf rauben.”

Doch selbst ein solches Verbot war keine Gewähr für die gefahrlose

Benutzung der Straßen, da vom Fahrverbot Transporte für öffentliche

Gebäude ausgenommen waren. Wie Juvenal berichtet, richteten diese

auch weiterhin erheblichen Schaden an.

“Man zerreißt sich die gerade geflickte Tunika; auf dem Karren, der dir entgegenkommt,

schwankt ‹gefährlich› ein langer Fichtenstamm, auf einem anderen Wagen

führt man Pinienholz, das hochgetürmt bebt und die Passanten bedroht. Wenn nämlich

ein mit ligurischen Marmorblöcken beladener Karren umkippt und seine Ladung

auf die dichte Menschenmenge ergießt, was bleibt da noch vom Körper übrig? Wer

könnte die Glieder, die Gebeine heraussuchen? Völlig zerquetscht verschwindet die

Leiche wie die verhauchte Seele.”

Es ist leicht vorstellbar, daß der dergestalt von äußeren Gefahren bedrohte

Römer, soweit er die dazu erforderlichen materiellen Grundlagen

besaß, ein starkes Bedürfnis nach einem Rückzugsbereich hatte,

einem Raum sowohl der psychischen als auch physischen Reproduktion,

die er in den Räumen der privaten Hausgemeinschaft fand. Aber waren

diese Bereiche, wie die oben vorgestellten Arendtschen Studien zum

Themenkomplex Öffentlichkeit glauben machen wollen, damit als

durchgängig privat zu kennzeichnen? Zur Beantwortung dieser Frage

scheint eine eingehende Betrachtung der Räumlichkeiten und die funktionale

und bedeutungsmäßige Einordnung der einzelnen Räume anhand

der ausgeführten Unterscheidungsbegriffe notwendig.

3.1. Räume der privaten Hausgemeinschaft

Es lassen sich bauhistorisch im wesentlichen zwei bereits angesprochene

Gebäudetypen ausmachen, die den Römern als Wohnraum und Rückzugsbereich

im weitesten Sinne dienten. Der wohlhabene römische Bürger

oder reiche Freigelassene bewohnte mit seiner Familie und den

dazugehörigen Sklaven oftmals ein oder mehrere Herrschaftshäuser

(Domus),während sich ärmere Bewohner Roms mit einer Wohnung

in den Mietskasernen zufrieden geben mußten. In diesen waren darüber

hinaus die im Erdgeschoß befindlichen Läden (Tabernae) eingerichtet,

die von Handwerkern und Arbeitern, aber auch Schreibern

bewohnt wurden. Im folgenden wird sich die Untersuchung zunächst auf

die römische Domus konzentrieren, um dann im weiteren Verlauf das

Mietshaus näher zu betrachten.

3.1.1. Die Domus

Das römische Wohnhaus bezeichnet einen horizontalen, langgestreckten

Gebäudekomplex von durchschnittlich 800-900 Quadratmetern,156 der

sich durch eine hohe, nur im oberen Bereich durch Fenster durchbrochene

Mauer von seiner Umgebung, der Straße oder dem Nachbarhaus

abschließt.157 Die Bezeichnung Domus leitet sich vom lateinischen Ausdruck

dominium (Grundbesitz) her, das zum patrimonium, der materiellen

Grundlage des römischen Bürgers gerechnet wurde. Ausgehend

von der Idee, daß ein Mensch, der sich an der Gestaltung der allen

gemeinsamen Welt beteiligt, selbst einen festen Platz in dieser einzunehmen

imstande sein müsse, galt es zu Beginn der römischen Republik

im 5. Jahrhundert v.u.Z. als Grundbedingung der Erlangung des

römischen Bürgerrechts, konnte aber später aber auch von reichen

Freigelassenen erworben werden und bezeichnete dann das einzelne

Haus, das der Hausherr mit seiner Familie bewohnte.

Daß es sich sehr wohl lohnt, innerhalb der Domus nach Räumen mit

öffentlichen Funktionen zu suchen, belegt ein Zitat von Vitruv, der

bereits selbst eine Unterscheidung öffentlicher und privater Räume

innerhalb der Domus vornimmt.

Vitruv hat diese aus seinem Hauptwerk “De architectura” stammenden

Überlegungen etwa um 25 v.u.Z., zwei Jahre nach der staatsrechtlichen

Fundierung des Prinzipats niedergeschrieben. Sie lassen daher auch

Rückschlüsse auf die öffentliche Bedeutung der Domus in der späten

Republik zu. “Wie die staatlichen Gebäude” sollen die Privatbauten der

römischen Bürger aussehen; “basilicaähnliche Hallen” sollen den “politischen

Beratungen” im kleinen Kreis einen entsprechenden Rahmen

geben. Der Widerspruch zwischen der antiken Unterscheidung von

Öffentlichkeit und Privatheit und den Aussagen Vitruvs erscheint hier

so offensichtlich, daß eine nähere Betrachtung der einzelnen Räumlichkeiten

der Domus aussichtsreich erscheint.

Vor einer eingehenden Darstellung der einzelnen Räumlichkeiten des

Herrenhauses erweist es sich als sinnvoll, einige Gedanken über den

Gesamtzusammenhang der Domus anzustellen. Betrachtet man die Beziehung

der Räume, so fällt auf, daß diese keineswegs abgeschlossen,

sondern bestenfalls durch Vorhänge voneinander getrennt waren. Die

Aufteilung des Wohnhauses läßt sich als eine Abfolge überwiegend freier

Räumlichkeiten denken, bei der sich weite offene mit kleineren, eher

geschlosseneren abwechselten. Diese waren nur spärlich gefüllt, es dominierte

der leere Raum und innerhalb des gesamten Hauses beherrschten

perspektivische Aus- und Durchblicke die Anlage, die dem Besucher

seine architektonische Grundkonzeption zu erkennen gaben. Die

Zimmer wurden, vielleicht aus Gründen der Platzersparnis derart angelegt,

daß Gänge vermieden werden konnten und jeder Raum direkt an

einen anderen anschloß. Große hallenartige Räume, Peristyl und Atrium,

die als Unterscheidungsmerkmale der Typologisierung römischer

Gebäudearchitektur dienen, übernahmen raumkoordinatorische Funktionen,

d.h. eröffneten die Möglichkeit, mehrere Räume von dort aus

erreichen zu können, ohne andere durchqueren zu müssen.

Als zentrale Verbindungsstellen im Haus vervielfachten sich ihre Verwendungsmöglichkeiten,

so daß solche Räume meist mehrere Funktionen

übernahmen. So konnten Zimmer z.B. durch Aufziehen der trennenden

Vorhänge miteinander verbunden und damit abgeschlossene

Räume zu offenen werden, um – normalerweise zur persönlichen Rückzugssphäre

des Hausherren zählend – als Empfangs- oder Speisezimmer

zu dienen. Das bedeutet, daß es Bereiche in der Domus gibt, die aufgrund

ihrer wechselnden Nutzung sowohl privaten als auch öffentlichen

Charakter gehabt haben können. Sie lassen sich mit einer Begriffsdefini-

tion, die nach dem Charakter ihrer funktionalen Nutzung fragt, nicht

eindeutig fassen.

Sinnvoll erscheint es, von außen, von der Straße her systematisch in die

Domus vorzudringen und jeden Raum eingehend zu betrachten, um

eine nähere Bestimmung ihrer generell als privat gefaßten Räumlichkeiten,

die bei detaillierter Betrachtung jedoch private und öffentliche

Anteile erkennen lassen, vorzunehmen. Selbst wenn man das Haus als

Ganzes, als undifferenzierte räumliche Einheit ansieht und versucht,

Lage und Verhältnis zur ihrer Umwelt zu bestimmen, finden sich Zwischenräume,

die einer eindeutigen Zuordnung zum privaten oder öffentlichen

Raum widerstehen. Als Beispiel kann der Übergang von der öffentlichen

Straße zum Haus dienen, der über einen Portikus oder einen

Kolonnadengang erfolgte. Diese Bereiche waren bereits Bestandteil des

Hauses und als solche privater Natur, auf der anderen Seite aber für

alle Bewohner Roms zugänglich.163 Eben aus diesem Grund entstanden

immer wieder Auseinandersetzungen zwischen der Stadt und einzelnen

Bürgern, die ihre Häuser durch das Vermauern der vorgelagerten Kolonnadengänge

auf Kosten des gemeinsamen Raumes erweitern wollten

und durch ungeniertes Bauen in den Straßenraum teilweise sogar den

Durchgangsverkehr behinderten. In diesen Fällen wurden also Teile

des öffentlich zugänglichen Raumes in Privatbereiche umgewandelt und

so der ambivalente Charakter dieser Übergangszone von der Straße zum

Haus deutlich.

Das Portal stellte die eigentliche Grenze zwischen Straße und Hausinnerem

dar. Es bestand meist aus zwei oder drei Toren, von denen eines

besonders groß ausgelegt war. Während die kleinen Eingänge, in vielen

Fällen auch nur einer von ihnen, täglich von den Hausbewohnern, den

Angehörigen der Familie des Hausherren wie den Bediensteten benutzt

wurden, öffnete man das große Hauptportal ausschließlich zu besonderen

repräsentativen Anlässen, etwa zu einem wichtigen Empfang, oder

um anzuzeigen, daß der Hausherr für den morgendlichen Besuch der

Klienten bereit war.Das Hauptportal war somit nach außen gerichtet,

es diente der repräsentativen Legitimation des hausherrlichen Status im

gesellschaftlichen Gefüge Roms. Friedländer beschreibt, daß bereits in

der republikanischen Zeit, aber dann vor allem infolge der Entwicklung

des Prinzipats, die gesellschaftliche Bedeutung der Ausstattung von

Privatbauten zunahm.

Stellt der öffentliche Bedeutungsgehalt der Portalgestaltung noch nicht

zwingend den als privat postulierten Charakter des Hauses in Frage,

ergibt sich ein anderes Bild, wenn man der räumlichen Folge ins Innere

des Hauses weiter nachgeht. Durch das Portal trat man in eine Eingangshalle

ein, die offensichtlich eine Reihe außerhalb des direkten

hausgemeinschaftlichen Lebenszusammenhanges stehender Funktionen

hatte. Sie konnte je nach Hausform sowohl ein Atrium, ein Peristyl

als auch ein erweitertes Vestibulumsein. In jedem Fall wurde die

Eingangshalle noch zum Übergangsbereich von außen nach innen ge-

rechnet. So wie die Kolonnaden eine Verbindung zur Straße hatten, die

den öffentlichen Charakter mehr als den privaten betonte, so stehen

auch hier noch Hausinneres und seine Umgebung in Beziehung, wenngleich

dabei die Zugehörigkeit zum Haus vorherrscht. Die Eingangshalle,

in den meisten Fällen der größte Raum der Domus, war weitläufig,

hoch und vor allem relativ lang, damit ein Sklave, der ianitor (Türöffner)

genug Zeit hatte, den eintretenden Gast während der Durchquerung

des Raumes als freundlich oder feindlich gesinnt zu erkennen und

ihn gegebenenfalls unschädlich zu machen. Neben der Ermöglichung

einer eingehenden Prüfung des Fremden diente die prunkvoll ausgestattete

Eingangshalle dazu, den eintretenden Gast zu beeindrucken, aber

gleichzeitig wenig vom Rest des Hauses preiszugeben.Vor allem aber

war sie der Ort, an dem der Hausherr jeden Morgen die Huldigung

seiner Klienten entgegennahm.

Um zu verstehen, welch eminent wichtige Bedeutung der Klientenempfang

für das politische Leben in Rom, die gesellschaftliche Hierarchie

und Machtverteilung hatte, muß man sich vergegenwärtigen, daß die

ganze römische Gesellschaft bereits zur Zeit der Republik durch Klientelverhältnisse

strukturiert war, die seit der Einführung der Heeresklientel

durch Marius allerdings eine neue Qualität erhielten Jochen

Bleicken hat darauf hingewiesen, daß die römische Nobilität, die Klasse

derjenigen Familien, deren Angehörige einmal das Konsulat innegehabt

hatten, obwohl sie nicht mit dem Senatorenstand identisch war, dennoch

das Zentrum des Gemeinwesens darstellte. Sie war der entscheidende

politische Faktor als sozialer Faktor, dessen Verhaltensregeln nicht in

Rechtsformen objektiviert worden waren. Insofern sich der politische

Willensbildungsprozeß in den Kommunikationsformen der Nobilität

abspielte, ist die Frage berechtigt, ob von strikter Trennung zwischen

Politik und “Gesellschaft”, sozialen Beziehungen, überhaupt gesprochen

werden kann. Als Konsequenz dieses Gedankens schließt Jochen Bleickens

Verfassungsbegriff alle sozialen Bindungen als eminent politische

Beziehungen mit ein.

Dieser geschlossene, sich hemmungslos aus öffentlichen Mitteln bereichernde

Kreis mächtiger, einflußreicher Bürger beteiligte – einer mafiaähnlichen

Organisation gleich – junge vornehme Bürgersöhne fast

ausschließlich über persönliche Bindungen im Patronat an der politischen

Macht. Daher läßt sich mit Recht sagen: “Die öffentlichen Ämter

standen im Zeichen privater Würden, und den Zugang zu diesen Würden

erschloß das Instrument privater Gefolgschaft”. Auswahlkriterien

für ein öffentliches Amt bemaßen sich nicht allein an den zureichenden

Fähigkeiten einer künftigen Verwaltungskraft, sondern natürliche Autorität,

Bildung und Reichtum, private Eigenschaften eines Individuums

waren für die Wahl in ein öffentliches Amt ausschlaggebend. Dazu gehörten

in erster Linie die Klientelverhältnisse. Sie galten als nicht-

öffentliche Privatbeziehungen und waren nicht kodifiziert. Für den

aufstrebenden jungen Mann spielte eine wichtige Rolle, daß er einen

einflußreichen Patron, einen angesehenen Fürsprecher hinter sich wußte,

doch war das Klientelverhältnis keineswegs ein einseitiges Abhängigkeitsverhältnis.

Umgekehrt beruhte nämlich das Ansehen des Patrons

wesentlich darauf, eine Zahl nahmhafter Jünglinge seine Klienten nennen

zu können.

Das Klientelverhältnis stellte ein durch gegenseitige Abhängigkeit gekennzeichnetes,

unverzichtbares Instrument zur Erlangung politischer

Macht dar. Junge Karrieristen, die sich als Klienten einem mächtigen

römischen Bürger anschlossen und durch seine Fürsprache Zugang zu

politischen Ämtern fanden, waren neben Freigelassenen die eigentlich

bedeutsamen Kandidaten für dieses System.

Dieses gegenseitige Verpflichtungsverhältnis läßt sich zeitgenössischen

Äußerungen entnehmen. In einem Brief an Firmus versichert Plinius

d.J., ihn bei seiner weiteren Karriere nicht nur durch seinen Einfluß,

sondern auch finanziell beim Zusammenbringen des Zensus zu unterstützen,

weist ihn aber gleichzeitig darauf hin, nach vollendeter Laufbahn

nicht zu vergessen, wer sein Gönner gewesen ist.

Das elementare Regelsystem politischer Macht und gesellschaftlichen

Einflusses in Rom während des ersten christlichen Jahrhunderts fand

also seinen Ausdruck im allmorgendlichen Zeremoniell des Klientenemfangs

in der Eingangshalle des Herrenhauses. In den ersten beiden

Stunden des Tages fanden sich hier die Klienten ein, wurden vom Patron

empfangen und erwiesen ihm ihre Ehrerbietung, indem sie ihn mit

Dominus (Herr) begrüßten. Sowohl die den Klienten auferlegte Pflicht,

eine feierliche Toga zu tragen, als auch die Einhaltung der streng an der

Rangordnung orientierten Begrüßungsreihenfolge durch den Hausherren

verdeutlicht, welche Bedeutung diesem täglich wiederholten Ritus

zukam. Dem Empfang unentschuldigt fernzubleiben, wurde als grober

Vertrauensbruch gewertet und entsprechend schwer geahndet.- Nachdem

alle Klienten erschienen waren, führte der Hausherr die Begrüßungszeremonie

durch und dokumentierte mit der Vergabe kleiner Geldgeschenke, den Sporteln, das Abhängigkeitsverhältnis zwischen ihm und seinen Klienten.184 War der Klientenempfang beendet, beeilte sich der Hausherr, nun selbst als Klient seinem Patron die Aufwartung zu

machen.

Es erscheint einleuchtend, daß ein Raum, in dem jeden Tag ein so zentrales,

die städtische Machtverteilung beeinflussendes Zeremoniell abgehalten

wurde, nicht dem Bereich des Privaten zugerechnet werden

kann. Nicht allein, daß diesen Raum Fremde oder dem Hausherren nur

entfernt verbundene Personen betreten durften, gibt den Hinweis auf

die öffentliche Funktion der Klientenhalle, sondern die regelmäßig

abgehaltenen, mit einem rituellen Element behafteten Zusammenkünfte

zwischen Herr und Klient prägten den Charakter der Räumlichkeiten –

der morgendliche Klientenempfang war vor allem die machtlegitimatorische

Demonstration par exellence. Hier feierte sich die herrschende

Klasse Roms, indem die gegenseitigen Ehrenbezeugungen die Beteiligten

als solche von Stand auswiesen, während sie diese gleichzeitig strukturierte

und hierarchisierte.186 Mögen Eingangshalle, Atrium, Peristyl

oder Vestibulum zu bestimmten Zeiten auch von engeren Angehörigen

der Hausgemeinschaft benutzt worden sein, in den Morgenstunden und

zu besonderen Anlässen hatten sie den Charakter eines vorpolitischöffentlichen

Raumes.

In einigen römischen Herrenhäusern Nordafrikas (Volubilis) verrät der

architektonische Stil der großen Empfangssäle ihren vorpolitischöffentlichen

Charakter. Ihre Anlage war der Struktur der auf dem Forum

stehenden öffentlichen Basilicen nachempfunden, ihre Seitenschiffe

verbreitert, das Hauptschiff um die Apsis ergänzt.187 Säle dieser Art

waren eigens für das Patron-Klient-Zeremoniell vorgesehen; Vitruv

sprach von einer Privatbasilica.188 In der Privatbasilica richtete sich das

gesamte Geschehen auf die Apsis aus, so daß Yvon Thébert feststellen

kann: “Mit ihrer Apsis und dem Querschiff eignete sie sich trefflich für

die öffentlichen Auftritte des ‘Dominus’. Der Dominus nahm, wahrscheinlich in der Apsis stehend, die Parade seiner Klienten ab, wobei die das Querschiff bildenden Erweiterungen der

Seitenschiffe möglicherweise den Ablauf des Klientenbesuchs vereinfachten.

Hier konnten zum einen die Sporteln aufbewahrt werden, die

den Klienten im Laufe des Zeremoniells übergeben wurden. Zum anderen

ermöglichte der um das Querschiff erweiterte Raum eine streng

hierarchische Anordnung der Klienten: Während die Höherstehenden

im Querschiff halbkreisförmig um den Hausherren gruppiert werden

konnten, waren diejenigen im hinteren Längsschiff gezwungen, den

Empfang aus einiger Entfernung zu beobachten. Denkbar ist darüber

hinaus auch ein halbkreisförmiger, zirkulierender Umgang der Klienten

im Querschiff, ein an der Apsis vorbeiführendes Defilee der Klienten.190

Wahrscheinlich ist die christliche Bauform der Basilica aus dieser Vorform

hervorgegangen.191 Entscheidend aber scheint, daß die architektonische

Struktur eines öffentlichen Gebäudes in die Domus übernommen

wurde, um möglicherweise den Rahmen einer vorpolitischen, machtlegitimatorischen

Öffentlichkeit zu schaffen.

Von der Eingangshalle aus, soweit es sich um ein Atrium oder ein Peristyl

handelte, konnten mehrere Räume erreicht werden. Handelte es

sich um ein größeres Haus, das in seinem hinteren Abschnitt ein weiteres

Peristyl aufzuweisen hatte, trennte eine Raumfolge den Eingangsbereich

von den abgeschlosseneren Teilen des Hauses; war der Bau räumlich

beschränkter, wies er nur ein Peristyl oder Atrium auf, mußten

auch abgeschlossenere Bereiche wie Schlaf- und Wirtschaftsräume an

die Eingangshalle angeschlossen werden.

Die trennende Raumfolge in den großen, aus Rom, Pompeji, Priene

oder dem nordafrikanischen Volubilis bekannten Herrenhäusern bestand

aus dem hausherrlichen Arbeitszimmer, Exedra in Nordafrika

und Tablinum im europäischen Raum, dem Triclinium, einem Speisesaal

und in manchen Fällen einem Durchgangsraum, der den vorderen

Teil des Gebäudes mit einem geschlosseneren hinteren verband.193

Exedra bzw. Tablinum stellten zum einen Rückzugsmöglichkeiten des

Hausherren dar, wurden aber zum anderen als Arbeitszimmer genutzt,

in dem dieser geschäftliche Besprechungen abhielt und Freunde traf.194

Tagsüber, darauf verweisen die Motive der Mosaiken, die durch die

Darstellung von Musen- oder Theatermasken auf geistige und kulturelle

Betätigungen anspielen, wurden hier allem Anschein nach Gespräche

und Diskussionen geführt oder Lesungen abgehalten.Auf jeden Fall

waren diese Teile des Hauses aufgrund ihrer räumlichen Beschränktheit

für den Klientenempfang ungeeignet. Über ihren Bedeutungsgehalt

gehen die Meinungen auseinander. Für den nordafrikanischen Bereich

stellt Thébert fest, daß die Exedra als Raum für alltägliche Routineangelegenheiten

kaum eine übergeordnete Bedeutung gehabt habewährend

Brödner das Tablinum zu den repräsentativen Räumen des Hauses

zählt. Dafür spräche vor allem das für Frauen und Kinder geltende

Verbot, diesen Raum zu betreten. Ihrer Meinung nach war das Tablinum

durch die Öffnung der Vorhänge zur Eingangshalle mit in den

morgendlichen Klientenempfang einbezogen.

All diese Deutungsversuche reichen aber nicht aus, Exedra oder Tablinum

eindeutig in ihren privaten oder öffentlichen Bedeutungsgehalten

zu bestimmen. Vielmehr muß man ein Mischungsverhältnis zugrundelegen,

das den Räumen je nach Verwendungsart eine öffentliche bzw.

private Komponente gab. Als Rückzugsort des Hausherren hatten sie

eher privaten Charakter, dienten aber gleichzeitig als Ort der Repräsentation

einer vorpolitischen Öffentlichkeit. Unklar bleibt, ob nicht auch

politische Gespräche oder Entscheidungen während der Lesungen und

Diskurse im engen Freundeskreise gefällt wurden, die dann für die

Dauer dieser Gespräche eine Sphäre politischer Öffentlichkeit innerhalb

der Domus geschaffen hätten. Bedeutungsvolle Mosaiken, die in

diesen Räumlichkeiten gefunden wurden, unterstreichen, daß es sich um

zentrale Orte der Domus gehandelt haben muß.

Einen Raum von ähnlicher Komplexität, aber weitaus größerer Bedeutung

stellte das Triclinium198 dar, der große Speisesaal des Herrenhauses,

in dem die abendliche Mahlzeit (Cena) abgehalten wurde. Von allen

am prunkvollsten ausgestattet, war dieser mit 100-200 qm meist größte

Raum des Hauses voll von üppigen Mosaiken, die die Standorte der

Tischliegen (Clinen) markierten und Tier- oder Jagdmotive zeigten.199

Offensichtlich diente er der Demonstration des hausherrlichen Reichtums

und stellte darüber hinaus das Zentrum des Hauses dar.

Es wäre aufschlußreich zu erfahren, was Thébert an dieser Stelle mit

der vagen Formulierung über die Diskussion der “Veränderung gesellschaftlicher

Verhältnisse” meint? Waren es tatsächlich lediglich philosophische

Themen, die im Kreise der eingeladenen Gäste erörtert wurden?

Hatten sie keine Verbindung, keinen Zusammenhang mit den

politischen Geschäften des Alltags?

Zunächst war das Triclinium ein kodifizierter Raum, der jedem einen

seinem sozialen Rang angemessenen Platz anwies und auf diese Weise

das gesellschaftliche Gefüge repräsentativ verdeutlichte.201 Ein “nomenclator”

kündigte die Gäste an und führte sie an ihren Platz, einer

der hierarchisch geordneten Clinen,202 durch die die Rangfolge der mit

Klienten und Freunden aus allen Schichten der Bevölkerung speisenden

Römer wiederhergestellt wurde.203 Bei Ausrichtung eines großen Festmahles

nahm daran auch die Familie teil, so daß der Repräsentationsrahmen

sich dann um die Vorführung des intakten Familienlebens des

Hausherren erweiterte.204 Wie wichtig die Integrität privater Beziehungen

für die öffentliche Bedeutung einer Person waren, hat Paul Veyne

deutlich gemacht:

Unter diesen Vorzeichen muß das Zeremoniell des Abendmahls betrachtet

werden. Die Cena diente einerseits dem Zusammenhalt der Familia,

andererseits der Vermittlung privater Verhältnisse mit nichtprivaten

Beziehungen zu Gästen:

Nimmt man diese Bedeutung wörtlich, so meint sie nichts anderes, als

daß die bestehenden Beziehungen und Machtverhältnisse bei der Cena

demonstriert wurden. Zum speisenden Freundeskreis war zwar zumeist

nur eine kleine Zahl von Gästen zugelassen, die aber untereinander

zumindest ausgeprägte Repräsentation pflegten. Insofern steckt in der

Formulierung, daß die Beziehungen der Beteiligten zutage treten und

sichtbar werden, bereits ein Moment ihrer Veröffentlichung. Noch fraglicher

wird der als rein privat ausgewiesene Charakter der Cena, wenn

wir die bereits oben gestellte Frage nach den thematischen Inhalten der

Tischgespräche wieder aufnehmen.

Das Nachtmahl war teilweise eine willkommene Zerstreuung, ein Amüsement

für die geladenen Gäste, die die Gelegenheit nutzten, über ihre

Mitbürger herzuziehen oder die neuesten Gerüchte auszutauschen. In

persiflierenden Übertreibungen berichtet Petron, daß auf Trimalchios’

Cena Klatsch und Tratsch einen Gutteil des Abends beherrschen. Es

geht um die Ehefrau des Trimalchio, etwas später um die Sitten der

Neureichen:

“Ich konnte keinen Bissen mehr essen, sondern wandte mich dem Mann zu, um

möglichst viel mitzubekommen, holte weit aus und zog Erkundigungen ein, wer die

Frau da sei, die kreuz und quer herumlaufe. ‘Trimalchios Gattin’, sagte er, ‘Fortuna

heißt sie und mißt das Geld in Scheffeln. Und gerade eben was war sie? Dein Schutzgeist

wird mir verzeihen: du hättest aus ihrer Hand kein Stück Brot nehmen mögen.

Jetzt hat sie mir nichts dir nichts Karriere gemacht und ist Trimalchios A und O.’”208

Nach der Beschäftigung mit dem Leben und Treiben der Fortunata, der

Gattin des Hausherren, erzählt man sich Gerüchte über einen anderen

reichgewordenen Freigelassenen. Jetzt geht es um Hausbesitz und Vermietung:

Dieser kleine Einblick in das Tischgespräch der Gäste an Trimalchios

Tafel macht deutlich, daß im Triclinium nicht nur über Philosophie und

feine Lebensart gesprochen wurde, sondern daß die Anwesenden versuchten,

sich auf Kosten ihrer Standesgenossen ins rechte Licht zu rücken.

Dem anderen eine Ansehensminderung zuzufügen und sich dabei

gleichzeitig selbst in der gesellschaftlichen Rangfolge zu erhöhen, scheint

eine genauso beliebte Zerstreuung wie wirksame Methode zur Ausbalancierung

gesellschaftlichen Ansehens gewesen zu sein.

Natürlich bestimmten die neuesten Gerüchte und Skandale nur einen

Teil des Tischgesprächs. Auf die Frage, worüber außerdem bei Tisch

gesprochen wurde, gibt Veyne Auskunft, daß der Gastgeber von seinen

Gästen im Laufe des Abends eine rege Beteiligung an Themen der Ethik

und Moral oder Schilderungen aus ihrem Leben erwartete.210 Um die

oben bereits gestellte Frage wieder aufzunehmen: Schlossen diese Gesprächsinhalte

nicht auch politische Themen ein? Der römische Bürger

setzte sich nach seinem Selbstverständnis als “Privatmann” zu Tisch,

doch kann damit die Frage nicht verneint werden. Die Römer organisierten

ja gerade ihr politisches Leben in der Perspektive des idealen

Privatmannes, der die öffentlichen Belange regelt; “der Kontakt der

politischen Eliten vollzieht sich in den Bahnen persönlicher Bekanntschaft”

212. Wo aber war der Kontakt dieser Eliten intensiver und ausgeprägter

als im kleinen Kreise bei der gemeinsamen Cena, die nach Carcopinos

Bericht teilweise an die zehn Stunden dauern konnte213 und nur

ausgewählte Gäste beteiligte? Könnte es nicht möglich sein, daß die überlieferten

“Konventionen”, die während der Mahlzeit ausgetauscht wurden,

durch die der Hausherr sowie seine Gäste sich “in ein Verhältnis

zur Gesellschaft und deren Moden setzten”,214 als versteckte Hinweise

auf beiläufig abgehaltene politische Beratungen im kleinen Kreise verstanden

werden müssen?

Sicherlich war die Cena eine gesellschaftliche Zwischenform mit mehreren

Bedeutungsgehalten. Auf der einen Seite Sphäre einer vorpolitischöffentlichen

Repräsentation des familiären Lebens, kurzweiliger Anlaß

für Unterhaltung und Zerstreuung und Forum für Klatsch und Tratsch,

bot sie auf der anderen möglicherweise Gelegenheit, Gespräche mit

politisch-öffentlichem Inhalt zu führen.

Die Anwesenheit von Sklaven oder Familienmitgliedern muß dem nicht

unbedingt widersprechen, da Personen niederen Ranges von Zeit zu Zeit

von den Bürgern gar nicht wahrgenommen werden. Ein ausgezeichnetes

Beispiel hierfür findet sich in der Schilderung eines römischen Dichters,

der seinen einsamen Gartenspaziergang schildert. Erst vier Zeilen später

erfährt der Leser, daß der Autor dabei von mehreren Sklaven begleitet

wird: Er hat sie nicht erwähnt; sie sind für ihn einfach nicht existent.

Überlegungen, die dem römischen Nachtmahl einen politischöffentlichen

Gehalt zumessen wollen, können als nicht beweisbare Spekulationen

selbstverständlich nur Hinweise und Anmerkungen zur

Diskussion um den Charakter des Tricliniums und die Bedeutung der

Cena sein. Trotzdem scheinen sich solche Gedanken aus dem Kontext zu

erschließen, ja geradezu aufzudrängen, ist es doch schwer vorstellbar,

daß Männer, die sich während der überwiegenden Tageszeit mit öffentlichen

Belangen des städtischen Lebens befaßten und darüber hinaus in

dieser Öffentlichkeit ihre Beziehungen in private Freundschaften kleideten,

abends beim gemeinsamen Nachtmahl kein Wort über diese Angelegenheiten

verloren haben sollen.

Läßt sich die politisch-öffentliche Komponente der Cena letztlich nur als

Vermutung formulieren, so scheint ihr Bedeutungsgehalt als vorpolitisch-

öffentliche, machtlegitimatorische Demonstration, als Ort der

Zurschaustellung von Reichtum und Tugend des Gastgebers unbestreitbar.

Schon der abendliche Tratsch mit seinen Versuchen, andere Bürger

zu diffamieren, abfällig von ihnen zu reden, sich über sie lustig zu machen

und sie in Mißkredit zu bringen, bot Spielraum für die Verteilung

öffentlicher Anerkennung, die für das politische Leben Roms so wichtig

war.

Carcopino dagegen hat in der eitlen Selbstdarstellung und -erhöhung, in

der Völlerei einer untergehenden Kultur den einzigen Sinn der Cena

gesehen und damit die Bedeutung des Nachtmahls für die gesellschaftliche

Strukturierung offensichtlich verkannt. Seiner Meinung nach war

sogar die Selbstdarstellung des Hausherren noch von dessen Geiz, sich

selbst besseres Essen und besseren Wein als den Gästen zu servieren,

überschattet.215 Denn “bei den großen Prunkgelagen gab es wirklich oft

mehr Berufene als Auserwählte. Aus Eitelkeit lud der Hausherr möglichst

viele Leute zum Essen ein”.216 Der eigentliche Charakter des

Nachtmahls liegt nach Carcopino im überschwenglichen und exzessiven

Verhalten der Speisenden. Von einer Kultur geprägt, die ihren Zenit

schon überschritten hat, lassen sie in ihrem Verlangen, ihre zügellose

Gier nach Unterhaltung und Zerstreuung zu stillen, keine Geschmacklosigkeit

aus. So gehörten in der Schilderung Carcopinos Lästereien über

Standesgenossen, leichte Mädchen und orgiastische Mahlverläufe zu den

gewöhnlichen Elementen der Cena.217 Darüber hinaus galt es als legitim,

dem Hausherrn durch lautes Rülpsen und Pfurzen sein Gefallen an der

Mahlzeit kund zu tun. Besonders abgestoßen zeigt sich Carcopino über

die Gewohnheit einiger Römer, dringende Bedürfnisse nicht auf der

Toilette zu erledigen, sondern sich bei Tisch von einem Sklaven ein Glas

oder eine Schüssel für solche Zwecke reichen zu lassen.218

Carcopinos Deutungsversuch ist scheinbar allzusehr von der Auseinandersetzung

mit dem romantisch-getrübten bürgerlichen Blick auf das

glorreiche römische Zeitalter geprägt, erscheint seine Schilderung doch

wie eine trotzige Gegendarstellung. Wahrscheinlich hat es exzessive

Mahlverläufe, wie Carcopino sie beschreibt, gegeben, doch ist das für

den Bedeutungsgehalt der Cena nur von untergeordneter Bedeutung.

Was sich abends während des Essens abspielte, glich wohl eher einem

kodifizierten Ritual, einer Form der besonders im 18. und 19. Jh. gepflegten

Etikette. Dazu gehörten in erster Linie die Ausweisung der

Lebensanschauungen einzelner Beteiligter, aber auch die Demonstration

der intakten familiären Verbindungen. Gerade dieser Aspekt verdeutlicht

die Ambivalenz des Tricliniums. Nach Einschätzung Théberts bot

die Mahlzeit Gelegenheit zum Ausdruck einer Ethik, deren Rohstoff die

Lebensgeschichte des Hausherren bot.

Das Tricilinium glich einem Theater, in dem soziale Verbindungen,

sowohl zwischen den Eheleuten als auch deren Verhältnis zu ihren Gästen

inszeniert wurden. Während der Mahlzeit wurden zum Teil private

Beziehungen gepflegt, aber eben immer mit dem Aspekt der öffentlichen

Demonstration; die Familienmitglieder traten im Triclinium wie auf

einer Bühne vor geladenen Gästen auf, um durch ihren korrekten Umgang

miteinander die Intaktheit der originären Machtbasis des Hausherren,

seines Hausstandes, vorzuführen. Es unterstreicht den vorpolitischöffentlichen

Gehalt des Tricliniums, daß für den täglichen Gebrauch

und vor allem für kleinere Mahlzeiten im Familienkreis kleinere und

bescheidenere Räume benutzt wurden,220 konnte doch im privaten

Rund der Familienmitglieder weitgehend auf repräsentative Elemente

verzichtet werden.

Folgt man der Betrachtung bis zu diesem Punkt, so ergibt sich ein gravierendes

Problem in der Trennung privater und öffentlicher Elemente

der Cena. Wenn es zutrifft, daß zu den Funktionen des Tricliniums

neben der vorpolitischen Repräsentation des hausherrlichen Reichtums

die Darstellung der familiären Verhältnisse zählte, ob die Beziehung

zwischen Hausherr und Ehefrau intakt war und sich mit den geltenden

Normen im Einklang befand, sich also die Familie als Teil der vorpolitischen

Öffentlichkeit des Tricliniums präsentierte, dann muß grundsätzlich

gefragt werden, ob an dieser Stelle die Unterscheidung zwischen

Privatheit und Öffentlichkeit überhaupt zu treffen ist, oder ob die Unterscheidung

zwischen privaten und öffentlichen Elementen hier keine

aussagefähige Größe mehr darstellt. Denn die familiären Bande, der

Verband der Hausgemeinschaft, der als private Machtbasis des Pater

familias auch Keimzelle der römischen Gesellschaft war, nahmen in

diesem Fall nicht mehr aus dem verborgenen Bereich der Privatheit

heraus, sondern auf direktem, vorpolitisch-öffentlichem Wege Einfluß

auf das politische Vermögen des Hausherren – die privaten Beziehungen

wurden so öffentlich. Für den römischen Bürger wird sich diese Situation

nicht als problematisch dargestellt haben, kannte er doch lediglich

die Unterscheidung zwischen freiheitlich-öffentlicher Gleichheit der

Polis und der hierarchisch strukturierten Privatheit seiner Familienverhältnisse.

Ein Versuch, diese strikten Trennungen aufzulösen zugunsten

eines differenzierteren Betrachtungshorizontes, muß sich aber

auf das Paradox einer Privatheit, die zum Gegenstand öffentlicher Repräsentation

wird, einlassen. Während der Cena erhielten Ausgewählte in

einer vorpolitisch-repräsentativen Öffentlichkeit Einblicke in die inneren

Beziehungen der Hausgemeinschaft. Insofern rückte Privatheit ein

Stück weit in den öffentlichen Raum hinein.

Der an die trennende Raumfolge anschließende zweite Teil der Domus,

in den ausschließlich Angehörige der Hausgemeinschaft oder Freunde

des Hausherren gelangten, hatte einen eher privaten Charakter. Er

setzte sich aus einem zentralen Raum, meist einem Peristyl, und – soweit

vorhanden – einem angrenzendem Bad, sowie Wirtschafts- und Schlaf-

räumen, zusammen. Daneben war an den hinteren Teil des Hauses oft

ein weiters Triclinium angeschlossen.

Das Peristyl im hinteren Hausbereich hatte sowohl private als auch

öffentliche Funktionen zu erfüllen.

Wiederum zeichnet sich ein zentraler Raum des Hauses durch seine

Mischnutzung aus. Umgeben von zumeist privaten Räumen wurde das

Peristyl in den Wirtschaftsbereich des Hauses einbezogen. Angehörige

der Hausgemeinschaft mußten es während der Erledigung von Hausarbeiten

vielfach durchqueren. Gleichzeitig diente es als Ort der Erholung

und Besinnlichkeit, seine architektonische Gestaltung vereinte durch die

kunstvolle Ausformung des Innenraumes als Garten oder fischreicher

Teich, Kultur und Natur miteinander. Besonders in Nordafrika, wo

Fische als Wassertiere einen besonders hohen Stellenwert hatten, bewies

ein fischreiches Wasserbassin die Vornehmheit des Hausherren. “Tatsächlich

gab es so gut wie kein Peristyl von einiger Bedeutung, das nicht

seine Wasserspiele gehabt hätte”.222 Darüber hinaus war es bei geöffneten

Vorhängen von der Eingangshalle aus in repräsentativer Weise

sichtbar, wenn auch für gewöhnliche Besucher wahrscheinlich nicht

zugänglich, denn der Hausherr empfing hier wie im Tablinum und

Triclinium nahestehende Freunde. Zuweilen erfüllte das Peristyl mehrere

seiner Funktionen gleichzeitig: Während es der Hausherr bei schö-

nem Wetter in ein Festessen für seine engsten Freunde mit einbezog,

wurde das Peristyl weiterhin als Durchgangsraum für die alltäglichen

Erledigungen genutzt. Der Raum wurde in solchen Fällen durch Tücher

oder Vorhänge gegliedert, die ihn in verschiedene Sphären einteilten.

Hatte der für das Festmahl abgetrennte Bereich die bereits bei der

Betrachtung des Tricliniums herausgearbeiteten Züge einer zumindest

vorpolitischen Öffentlichkeit, so konnte der private Alltag der Domus

ohne Störung weiter vor sich gehen.

Als raumtrennende Elemente machten Vorhänge gegenüber Türen einen

weitaus stärkeren Eindruck auf die Zeitgenossen. Durch Verwendung

von Vorhängen umgab sich der Hausherr mit einer Aura, die dem privaten

Arkanbereich eine würdige, beinahe religiöse Bedeutung verlieh.

Auf diese Weise entstanden im zentralen Peristyl zeitweilig mehrere

“Räume” unterschiedlichen Charakters, die für eine gewisse Dauer

bestanden, um dann wieder aufgelassen zu werden.

An den zentralen Bereich des hinteren, abgeschlosseneren Hausteils

grenzten Räumlichkeiten, die ausschließlich von der Hausgemeinschaft

genutzt wurden; Schlaf- und Wirtschaftsräume waren selbst engen

Freunden der Familie nicht zugänglich. Zumeist mit schweren Vorhängen

abgetrennt, galt es als unschicklich, Außenstehende in diese Hausteile

Einblick nehmen zu lassen. Die hausherrlichen Schlafzimmer (Cubile),

die heute aufgrund ihrer den Standort der Schlafstelle

markierenden Fußbodenmosaiken in vielen Fällen eindeutig zu entziffern

sind, lagen in der Regel an der Peripherie des Hauses und boten

Raum zur Entspannung und Ruhe für die Hausbewohner.225 In den

Häusern besonders reicher Bürger existierten oft sogar zwei separate,

von Mann und Frau getrennt benutzte Schlafzimmer.226 Im Selbstverständnis

der Zeitgenossen waren diese Räume der Inbegriff von Privatheit.

227 Schon immer haftete dem Schlafraum eine eindeutig sexuelle

Konnotation an; Freunde ins Schlafzimmer eindringen zu lassen, galt im

höchsten Grade als moralisch verwerflich.228 Insofern läßt sich mit Alain

Corbin sagen, daß das Schlafzimmer “ein Tempel des Privatlebens, ein

Ort der Intimität im Herzen des häuslichen Bereichs”229 war.

Die Wirtschaftsräume des Hauses waren die Stätten der materiellen

Reproduktion, hier wurde für das leibliche Wohl der Familie gesorgt

und all das vorbereitet, was der Hausherr dann zur Repräsentation

seines Hausstandes einsetzte. Vor allem wurde bei ihrer Einrichtung

darauf geachtet, daß sie in nicht allzu großer Entfernung vom Triclinium

lagen, aber gleichzeitig nicht von dort eingesehen werden konnten.230

Private Bäder und Latrinen, die sich ebenfalls im hinteren Abschnitt

des Hauses befanden, nahmen in dem Maße zu, in dem der Kontakt

zwischen Menschen verschiedener Klassen und Stände Roms durch die

Formalisierung der sozialen Beziehungen zunehmend beeinflußt wurde

und sich mit der Herausbildung einer solchen sozialen Distanz eine neue

Scham vor der Körperlichkeit ausbreitete.231 Der freizügige Umgang mit

Untergebenen, Sklaven oder Freigelassenen, die nicht zur Hausgemeinschaft

gehörten, wurde in der Übergangszeit von der Republik zum

Kaisertum zunehmend kritisch betrachtet. Zum Baden und Verrichten

seiner Notdurft zogen sich die reichen Bürger Roms zunehmend in die

privaten Bereiche des Hauses zurück, deren Existenz sie darüber hinaus

in zunehmendem Maße von den kommunalen öffentlichen Einrichtungen,

den Bädern und Thermen, unabhängig machte. “Schließlich war

ein privates Bad die Regel”.232 Überlegenswert ist in diesem Zusammenhang,

inwieweit öffentliche Diskussionen und Kontakte, die vordem in

den Thermen und öffentlichen Badeanstalten stattgefunden hatten, sich

in die Bäder der Herrenhäuser zurückzogen und so ihren privaten

Charakter veränderten. Dafür spricht, daß in der kaiserlichen Blütezeit

die Privateinladungen zum Bad zunahmen.

Faßt man die Überlegungen zum privaten und öffentlichen Charakter

der Domus zusammen, so läßt sich sagen, daß sie sich sowohl aus privaten

Bereichen, als auch Räumen mit öffentlicher Bedeutung zusammensetzte.

Während Schlaf- und Baderäume, aber auch Exedra und Tablinum

private Rückzugsmöglichkeiten der Hausbewohner waren, gab es

mit Atrium und Triclinium Bereiche der vorpolitisch-repräsentativen

Öffentlichkeit, in denen sich womöglich auch politisch-öffentliche Gespräche

unter Gleichen über gemeinsame Belange ergeben konnten.

Allerdings hat sich im Verlauf der Untersuchung gezeigt, daß diese beiden

Bereiche nicht homogen gegliedert waren, sondern Räume mit mehr

privatem oder ausgeprägterem öffentlichen Charakter oftmals bunt

gemischt durcheinanderlagen. Gerade diese scheinbar ungeordnete

Plazierung von öffentlichen und privaten Räumen, nicht das strikte

Arrangement nach öffentlichen oder privaten Gesichtspunkten in der

Gesamtstruktur des Gebäudes, kennzeichnet den Charakter der Domus,

denn Peristyle, die die Räume in eine unabhängige Beziehung zueinander

brachten, ermöglichten die Anlage privater Schlafräume neben

öffentlichen Empfangssälen.233 Die Darstellung der Räume der Domus

erhellt, daß die Raumstruktur in gewisser Weise sogar variabel war.

Ebenso wie Räume zeitweilig miteinander verbunden werden konnten,

waren sie auch voneinander zu trennen und abzuschließen, so daß ihr

Charakter durch die gemischte Anordnung von öffentlichen und privaten

Räumen nicht verlorenging.

In exemplarischer Weise markiert die Aufwertung des privaten Bades

die Veränderung der Stellung des Herrenhauses in der römischen Gesellschaft.

Je mehr sich die römische Republik von einem Zusammenschluß

gleicher, souveräner Bürger zu einem hierarchischen Gesellschaftsgefüge

entwickelte, das die politische Macht in die Hände einiger

weniger der herrschenden Klasse legte, wurde auch der Bedeutungsgehalt

der Domus größer. Zu demselben Schluß gelangt Thébert am Ende

ihrer Untersuchung: “In dem Maße, wie öffentliche Akte privat wurden,

gewann der häusliche Raum an Bedeutung für das öffentliche Leben;

 Am Ende dieser Entwicklung sollte in der Kaiserzeit eine vollständige

Politisierung des Herrenhauses stehen, die sich bereits in der

ausgehenden Republik ankündigte: “Das politische Leben spielte sich

[nunmehr IF] ebensowohl in der Wohnung Caesars oder Pompeius’ wie

im Senat ab”. Gleichzeitig dokumentierte sich der Bedeutungszuwachs

des Herrenhauses in seiner Ausweitung zum kaiserlichen Palast. Als

wollte sie den gesamten öffentlichen Bereich in sich aufnehmen, dehnte

sich Neros’ Domus aurea (goldenes Haus) aus, bedeckte mehr als die

Gesamtfläche des Palatin. Zu seinem Hausbereich zählten weitläufige

Gärten und Parks. “In Rom spottete man, daß die ganze Stadt ein einziges

Haus würde”

 

 Die Insula

 

Das mehrstöckige Mietshaus mit einer durchschnittlichen Grundfläche

von 300-400 qm diente der überwiegenden Mehrheit der Einwohner

Roms, in der Regel mittelständischen Bürgern und Freigelassenen mit

einer schmalen ökonomischen Basis als Wohn- und Arbeitsstätte.237 Die

netzförmig verlaufenden, horizontalen und vertikalen Straßen begrenzten

eine Vielzahl von Grundstücken, die wie Inseln im Straßenmeer, als

Baugrund dem Mietshaus seinen Namen gaben.238

Die Insula öffnete sich mit Fenstern und Türen nach außen. Sie bestand

im Erdgeschoß aus mehreren Läden (Tabernae), bot aber in den Obergeschossen

in jeder der fünf bis sechs Wohnungen (Cenaculae) einer

Etage etwa sechs Personen Raum zum Leben.239 Oftmals standen mehrere

Gebäude auf der Insula, die sich gemeinsam zu einem zusammenhängenden

Baukörper formierten.240 Während die Anlage der Straßen,

Bürgersteige und Kloaken als Bestandteile öffentlicher Einrichtungen

von den zuständigen Magistraten übernommen wurde, blieb die bauli-

che Gestaltung der Insula bis auf die Errichtung einer einheitlichen

Fassade ihren Besitzern überlassen.

In den meisten Fällen bildete ein einziger ungeteilter, durch Bretterverschläge

einer großen Rundbogentür zur Straße hin abschließbarer

Raum die Ladenfläche einer Taberna. Hier gingen die Mieter, zum

“armseligen Volk” zählende freie Arbeiter oder Haussklaven ihren

Tätigkeiten nach, indem sie den Raum als Warenlager, Werkstatt oder

Schreibstube nutzten und ihre Kunden entweder in der Taberna oder

aber auf der Straße davor bedienten. Während der Zeit des Geschäftsverkehrs

war die Taberna ein alltagsöffentlicher Ort, in dem fremde

Menschen einander zur Aufrechterhaltung ihrer Lebensgrundlagen

begegneten. Dabei vollzog sich der Kontakt der tauschenden und handelnden

römischen Bewohner streng nach klassengebundenen Kriterien:

Ein Handwerker empfing in seiner Taberna selten einen vornehmen

römischen Bürger: Während dieser am Vormittag Standesgenossen in

ihren Häusern oder Handelskontoren (Horreae) aufsuchte, schickte er

seine Sklaven oder Bediensteten zur Erledigung kleiner Besorgungen,

oder ließ sich den Handwerker später persönlich ins Haus kommen; die

Klasse der beherrschten Sklaven und Freigelassenen kam hier unter

sich zusammen.

Neben der Nutzung als Arbeitsraum kam der Taberna aber noch eine

weitere Bedeutung zu. Ein eingezogener Holzboden, der sie um ein

notdüftiges Obergeschoß erweiterte, trennte den alltagsöffentlichen

Ladenbereich vom privaten Rückzugsraum des Taberna-Bewohners. In

diesem Verschlag, der durch eine quadratische Öffnung zur Straße mit

Licht und Luft versehen wurde, befand sich die Schlaf- und Wohnstätte

des Inhabers der Taberna. Die Taberna wies also sowohl öffentliche, als

auch private Bereiche auf. Es ist deshalb nicht haltbar, nur dem vor-

nehmen römischen Bürger einen Privatbereich zuzurechnen.242 Allerdings

ist die Frage berechtigt, inwieweit die privaten Rückzugsmöglichkeiten

in der Domus mit denen in der Taberna vergleichbar sind. Während

nämlich der Hausherr in der Domus einen oder mehrere Räume

für sich beanspruchen konnte, herrschte auf dem Boden einer Taberna

ein unvorstellbares Gedränge. Hier stand dem Tabernabewohner und,

falls vorhanden, dessen Familie, ein einziger Raum als Privatbereich zur

Verfügung, der nicht nur als Wohn- und Schlafstätte diente, sondern

darüber hinaus vielfach auch als Küche fungierte.243

Neben der Taberna wies die Insula mehrere Wohnungen auf. Die Cenaculae,

private Mietswohnungen, bestanden überwiegend aus zwei bis

drei Räumen, die oft von mehr als einer Familie bewohnt wurden. In

diesen privaten Räumen, zu denen niemand außer ihren Bewohnern

Zugang hatte, gab es mit Sicherheit keinen intimen Bereich, da sich die

unvermögenden Freigelassenen, typische Bewohner der Cenacula, aufgrund

der horrenden Mieten in Rom zusammenschließen mußten, um

überhaupt eine solche Wohnung halten zu können. So waren viele Familien

gezwungen, Räume, die sie nicht unbedingt benötigten, unterzuvermieten.

Man kann sagen, daß die Insula infolge der Bevölkerungszunahme Roms

im ersten Jahrhundert u.Z. zum gängigen privaten Aufenthaltsort für

diejenigen Einwohner Roms geworden war, die die von den Hausbesitzern

durch ihre Hausverwalter geforderten Mieten zahlen konnten. Da

die Räume der Insula aber weder einen Wasseranschluß, noch eine

Möglichkeit zur Feuerung (z.B. eine Herdstelle) aufwiesen, waren ihre

Bewohner bei der Verrichtung privater Lebenssicherungen auf öffentliche

Einrichtungen wie öffentliche Brunnen und öffentliche Garküchen,

aus denen sich die Insula-Bewohner warmes Essen in die Wohnung

holten, angewiesen. Diese Anlagen gehören mit den öffentlichen Latrinen

zum Bereich der Alltagsöffentlichkeit, der für die marginalisierten

Bewohner Roms zur Schnittstelle zwischen dem Leben draußen und

drinnen, der Sphäre der Kommunikation, des Austausches und der

Isolation, des Abgeschlossenseins wurde.

 Öffentliche Räume in der Kaiserzeit

Einleitung: Die öffentliche Dimension des Euergetismus

Die bauliche Gestaltung des politisch und des vorpolitischrepräsentativen

Bereichs blieb in Rom den großen reichen und mächtigen

Bürgern vorbehalten.245 Der Gedanke des Euergetismus,246 der

ursprünglich an die materielle und kulturelle Versorgung der römischen

Stadtbewohner gekoppelte Beweis eigener Größe und Nobilität, entsprang

einerseits einem spezifischen Verständnis als Stadtbürger, andererseits

dem Streben nach Ruhm und ehrgeiziger Auszeichnung der

eigenen Person. Aus der Einsicht, daß der Einzelne ohne die Stadt nicht

bestehen könne, erwuchs das Gebot, mit allen Kräften ihren Erhalt zu

sichern.247 Indem er sich der Forderung, die eigene Existenz hinter

diejenige der Stadt zurückzustellen, durch den Bau öffentlicher Gebäude

und Anlagen oder die Ausrichtung von Festen unterwarf, unterstrich

er gleichzeitig seine Größe und Bedeutung für die Stadt; als Privatmann

entschied sein persönliches Engagement über seinen öffentlichen Einfluß.

“Was patriotische Aufopferung war, war zugleich Streben nach

persönlichem Ruhm (»ambitus«)”.248 In diesem Selbstverständnis erscheinen

die öffentlichen Bauten Roms als Verkörperung städtischer

Ideologie der römischen Antike, sie setzen die Größe Roms mit der ihrer

Erbauers in eins. Was in den Gebäuden als Werdegang städtischer Geschichte

erscheint, ist von der politischen Geschichte einzelner römischer

Dynastien und ihrer Vertreter nicht zu trennen.

Die öffentlichen Gebäude Roms sollen im folgenden anhand der Kategorien

der politischen, vorpolitischen und der Alltagsöffentlichkeit untersucht

werden. Zunächst aber soll der politische Hintergrund der ab dem

Prinzipat stark zunehmenden öffentlichen Bautätigkeit geklärt werden.

Dazu werden die Wandlungen der römischen Staatsverfassung untersucht,

die von einer republikanischen Öffentlichkeit zu einer privaten

Politik der Principes geführt haben. In dem Maße nämlich, in dem sich

der Raum der politischen Öffentlichkeit für die Mehrzahl der Bürger

schloß, wuchs der Bereich der personalen Repräsentationsöffentlichkeit

und damit die Notwendigkeit zu einer Ausweitung des prestigeträchtigen

Engagements im Rahmen der öffentlichen Bautätigkeit. In der Folge

werden dann zunächst das Marsfeld als Ort der Volksversammlungen

und Senat sowie Basilicen auf dem Forum als Gebäude der politischen

Öffentlichkeit analysiert. Danach folgen Circus und Amphitheater und

Thermen als Bauten der vorpolitischen Sphäre. Schließlich wird versucht,

Orte der Alltagsöffentlichkeit in Rom zu lokalisieren.

Da sich der Bedeutungsgehalt der politischen Öffentlichkeit während

des Übergangs von der Republik zum Prinzipat entscheidend ändert, ist

es notwendig, zunächst die Auswirkungen dieser Entwicklung im Zusammenhang

mit dem oben ausgeführten Begriff der politischen Öffentlichkeit

in Übereinstimmung zu bringen, ehe eine Darstellung der Räume

politischer Öffentlichkeit sinnvoll erscheint. Hierzu ist es hilfreich,

skizzenartig die staatsrechtlichen Wandlungen in dieser Übergangszeit

nachzuzeichnen.

In der Staatsverfassung der römischen Republik, die bis zur Errichtung

des Prinzipats durch Augustus Geltung behielt, bestimmten die Volksversammlungen

die Magistrate durch Wahl. Da jeder Inhaber einer

Magistratur nach Ablauf seiner Amtszeit einen Platz im Senat erhielt,

bestimmten die Volksversammlungen indirekt auch über die Zusammensetzung

des Senats, des höchsten römischen Gremiums.255

Das römische Bürgerrecht war Voraussetzung für eine Teilnahme an

den Volksversammlungen, die in drei Komitien zerfielen: Die als Centuriatscomitien

(Comitia centuriata) bezeichneten Heeresversammlungen

wurden von den Konsuln auf dem Marsfeld einberufen und galten als

wichtigste Volksversammlung, die über die Besetzung der höchsten

Magistrate Roms, der Konsuln, Praetoren und Censoren entschied.

Untergeordnete Magistrate wie Aedile oder Quaestoren, die kein imperium,

die allumfassende Befehlsgewalt des Staatsoberhauptes mit allen

Sonderrechten innehatten, bestimmten die Versammlungen der Tributcomitien,

die nach der Tribuszugehörigkeit der Bürger organisiert waren

und ihre Beratungen auf dem Comitium, dem freien Platz auf dem

Forum Romanum vor der Rednerbühne (Rostra) abhielten.257 Abschließend

bestätigten die noch aus der Königszeit stammenden Curiatscomitien

(Comitia curiata)258 durch das Recht der Lex curiata jene, durch

die Centuriatscomitien gewählten Konsuln.

Diese staatsrechtliche Konstruktion erweckt den Eindruck, als habe das

römische Volk tatsächlich breite Einflußmöglichkeiten auf den Bereich

der römischen Politik gehabt, denn die Besetzung der Magistrate betraf

ja in der Tat das Zentrum der römischen Politik. Die moderne Forschung

hat diese Interpretation jedoch als rechtspositivistische Überzeichnung

des staatsrechtlichen Rahmens der römischen Republik

nachgewiesen. So weist Bleicken in seinem Standardwerk zur Verfassung

der römischen Republik darauf hin, daß sich eine rechtliche Kodifizierung

immer auch auf einen sozialen Zusammenhang beziehen müsse.

Die ältere Forschung des 19. Jhds. – hier wird selbstverständlich vor

allem Theodor Mommsen angesprochen – interpretiere “die römische

Republik von der Volksversammlung und von der Magistratur her, die

als Institutionen Rechtsinstitutionen waren[…]“, weil die dieser Interpretation

zugrundeliegende “rechtspositivistische Staatslehre, welche die

rechtlichen Erscheinungen des Staates als das wesentliche des staatlichen

Seins ansieht […,] konsequent alles das ausscheidet, was nicht in

die Form des Rechts gegossen ist (Sozialstruktur; Politik; Sitte; Ökonomie;

Philosophie usw.) […]“.260 Dem hält Bleicken entgegen: “Es gibt

aber kein Recht ohne einen sozialen Bezug dieses Rechts.“

Bezieht man diese Überlegungen auf den rechtlichen Rahmen der römischen

Republik, so ergibt sich ein völlig anderes Bild, denn die soziale

Lebenswelt der römischen Republik wurde durch eine begrenzte Zahl

politisch aktiver, herausragender Bürger bestimmt. Diese Gruppe setzte

sich zunächst aus den patrizischen Familienoberhäuptern zusammen,

die auf eine lange Tradition politisch aktiver Familienmitglieder zurückblicken

konnten. In den Ständekämpfen wurden sie von ausgewählten

Plebejerfamilien ergänzt und bildeten fortan die politische Elite des

römischen Staates.262 Die Oligarchie der römischen Nobilität organisierte,

wie bereits oben auf Seite 84 ausgeführt, die politische Interaktion

weitgehend in den Formen privater Kommunikation. Wichtige Entscheidungen

wie die über Gesetzesvorhaben, sowie die Besetzung der

Magistraturen, die rein rechtlich betrachtet die Zustimmung der

Volksversammlungen voraussetzten, wurden zunächst im Kreis der

Nobilis diskutiert, der seinerseits durch gegenseitige Freundschaften

und Verpflichtungen stark strukturiert war. Wie für die Beziehungen

der vornehmen römischen Bürger zum Rest der Bürgerschaft das

Verhältnis zwischen Patron und Klient konstitutiv war, so

zwischen Patron und Klient konstitutiv war263, so strukturierte die

Amicitia ihrerseits die Verbindungen innerhalb der römischen Elite.264

Das Ergebnis dieser sozialen Formierung war, daß die Rechtsverhältnisse

den Eindruck nahelegten, die politische Souveränität gehe von der

gesamten römischen Bürgerschaft aus, während sich in der politischen

Praxis die Oligarchie bereits auf politische Kandidaten und Ziele geeinigt

hatte, bevor diese in den Volksversammlungen zur Abstimmung

vorgelegt wurden.265 Die gesellschaftliche Realität der sozialen Beziehungen

stand also in einem Spannungsverhältnis zur staatsrechtlichen

Konstruktion der römischen Republik. Die eigentlichen Machthaber

waren der Senat und innerhalb der Gruppe der Senatoren diejenigen,

die als Inhaber der höchsten politischen Ämter, des Konsulates, der

Prätur und der Zensur, die römische Nobilität stellten. Sie waren diejenigen,

die die politische Initiative ergreifen konnten und innerhalb des

römischen Gemeinwesens die nötige Autorität besaßen, diese Initiativen

durchzusetzen.

Demgegenüber beschränkte sich der Einfluß der Volksversammlungen

auf die Bestätigung politische Anträge. Sowohl die Zusammensetzung als

auch die Befugnisse der Volksversammlungen weisen ihnen, was die

praktischen Möglichkeiten der Einwirkung auf die politischen Entscheidungen

angeht, einen untergeordneten Rang zu. Seit der Einführung der

sogenannten “servianischen Centurienordnung” im frühen 5. Jh. v.u.Z.

wurde die wichtigste römische Volksversammlung, die Comitia centuriata,

aus 193 Centurien gebildet, von denen jede jeweils eine Stimme innehatte.

Diese zerfielen in 18 Reitercenturien und 175 Centurien der Fußsoldaten,

die fünf Vermögensklassen in unterschiedlicher Stärke

zugeordnet waren. So umfaßte die erste Vermögensklasse 80 Centurien,

die zweite bis vierte Klasse 20 und die fünfte Klasse 30 Centurien. Die

verbleibenden fünf Centurien nahmen all jene Bürger auf, die jenseits

der Einkommensgrenze der fünften Vermögensklasse lagen.266 Diese

Zusammensetzung bedeutete, daß die Centurien sehr unterschiedliche

Stärken aufwiesen. Während einige wenige Centurien mit Bürgern der

unteren Einkommensklassen den Hauptteil des römischen Volkes aufnahmen,

waren die zahlreichen Centurien der wohlhabenden Römer

nur mit wenigen Bürgern besetzt. Bei Abstimmungen, z.B. über die

Kandidatenvorschläge für wichtige Magistrate, waren die Mitglieder der

vermögenden Schicht damit erheblich im Vorteil, “war das politische

Gewicht der Centurien, in welche die Besitzenden eingeschrieben waren,

unverhältnismäßig größer als das derjenigen, in denen die Minderbemittelten

abstimmten“267. Da die Abstimmung abgebrochen wurde, sobald

eine Mehrheit erreicht war, werden die unteren Klassen kaum je zur

Abstimmung gekommen sein.268 Meyer kommt deshalb zu dem Schluß:

“Wir haben hier also das extremste Klassenwahlrecht vor uns, das die

Geschichte kennt.”

Einberufung und Ablauf der Volksversammlungen machen darüber

hinaus die untergeordnete Beteiligung des gesamten römischen Volkes

am staatspolitischen Geschehen deutlich. Sie konnten nicht eigenmächtig

zusammentreten, sondern mußten von den Magistraten zu vorher bekanntgegebenen

spezifischen Themen einberufen werden. Die Versammlungen

waren in ihrem Verlauf zu weiten Teilen von der Haltung des ihr

vorstehenden Magistrats abhängig, da sie Anträge weder selbst einbringen,

noch diskutieren konnten. Der Magistrat formulierte die Anträge,

präsentierte die Kandidaten für Wahlen und erhob im Volksgericht die

Anklage. Nach erneuter öffentlicher Verkündigung des Themas ließ er

die einzelnen Centurien zur Abstimmung antreten. Die Anerkennung

ihrer Vota war ebenfalls abhängig von der magistralen Zustimmung, da

sie erst mit der öffentlichen Bekanntgabe durch ihn rechtskräftig wurden.

Oft genug ließ der vorsitzende Magistrat einzelne Centurien bei

unliebsamen Stimmresultaten erneut abstimmen, um ein besseres Ergebnis

zu erziele Damit offenbaren schon diese wenigen Bestimmungen

über den Ablauf der Volksversammlungen, daß sie nur einen begrenzten

Einfluß auf die römische Politik nehmen konnte. Der Magistrat

“war Herr der Versammlung: […] Was das Volk wollte bzw. was sein Interesse war,

stellte der Beamte fest. Einen Willen des Volkes gab es nur durch den Mund des

Magistrats, und da die Magistrate der Nobilität angehörten oder doch ihr nahestanden,

spiegelten die Gesetzesthematik oder die Vorschläge für die Beamtenwahlen in

aller Regel die Bewusstseinslage der Nobilität wider. Angesichts dieser Sachlage

überrascht es daher nicht, wenn wir sehen, dass der Senat, also dasjenige Kollektiv,

durch das die Nobilität als Ganze ihren Willen kundtat, auch von sich aus direkt in

die Verhandlungen eingriff, indem er durch Beschluß die Beamten aufforderte,

bestimmte Gegenstände vor die Volksversammlung zu bringen.“273

Der eigentliche Souverän Roms274, die Nobilität, der ihren Willen repräsentierende

Senat und seine höchsten Vertreter, die Konsuln, hatten auf

diese Weise einen maßgeblichen Einfluß auf Entscheidungen, die rein

rechtlich betrachtet dem Votum der Volksversammlungen unterlagen.

“Die Begrenztheit der Aktivität, die den Volksversammlungen möglich war, kann man

gar nicht überschätzen, zumindest nicht im Hinblick auf die Bürgerschaft als Ganze.

Wenn Kandidaten oder Vorlagen, die zur Abstimmung kamen, allein von der Oligar-

chie ausgewählt und ins Spiel gebracht wurden, wenn die Wahlen zu Konsulat und

Prätur sowie die Volksbeschlüsse in den Händen der comitia centuriata, einer Versammlung

lagen, in der es selten vorkam, daß die Centurien der unteren Klassen

überhaupt zur Stimmabgabe aufgefordert wurden, dann ist es nicht weit von der

Wahrheit entfernt zu sagen, daß der römische populus nicht durch seine Teilnahme

an den formalisierten staatlichen Entscheidungsverfahren, nicht durch sein Stimmrecht

ausübte, sondern dadurch, daß er auf die Straße ging, durch Agitation, Demonstration

und Aufruhr – und dies schon lange vor der Zeit der organisierten Banden

und Privatarmeen der Bürgerkriegsära.”275

Hier klafft also ein Graben zwischen römischem Verfassungsanspruch

und Verfassungswirklichkeit. Auch wenn das römische Volk in den

Volksversammlungen wichtige staatspolitische Entscheidungen durch

Abstimmung legitimierte, also zur politischen Öffentlichkeit gerechnet

werden muß,276 waren die eigentliche Träger der staatlichen Macht in

politischer Hinsicht Magistrate und Senat, in sozialer Perspektive die

dünne Schicht der Nobilität, des ‘sozialen’ Adels der aus dem Königtum

entstandenen römischen Republik.277

Innerhalb dieses Zentrums politischer Öffentlichkeit gab es Sicherungen

gegen die übermächtige Einflußnahme eines Einzelnen. Beschränkung

der konsularischen Amtszeit auf ein Jahr (Annulität), Schaffung mindestens

zweier, in ihrer Machtbefugnis gleichgestellter Magistrate (Kollegialität),

Verbot der Ämterhäufung (Kumulation) und Bindung von

Rechtsprivilegien an die mit ihnen verbundenen Ämter verhinderten

über einen langen Zeitraum, daß sich Machtkonzentrationen bildeten,

die einen despotischen Umgang mit den an die Magistrate gebundenen

Befugnissen ermöglichten.278 Die einflußreichen Mitglieder der römischen

Gesellschaft – vornehme Bürger, Mitglieder der Nobilität und

Magistrate – waren vielmehr darauf angewiesen, sich untereinander zu

verständigen und gemeinsam Entscheidungen in wichtigen staatspolitischen

Fragen herbeizuführen, anstatt in unbegrenztem Umfang eigen-

mächtige Entscheidungen zu treffen. Darüber hinaus bedurften manche

Fragen, die die römische Bevölkerung besonders betrafen, z.B. die über

Krieg und Frieden, der Zustimmung gesonderter Volksversammlungen.

279 Der kleine oligarchische Kreis der aktiv am politischen Geschehen

beteiligten Bürger war somit in der Zeit der Republik sehr darauf

bedacht, ein Mindestmaß an Chancengleichheit im Zusammenhang mit

der Besetzung von Ämtern und Zugängen zu Machtbefugnissen zu wahren.

Wenn überhaupt, kann nur für diese führende Klasse im Sinne

Hannah Arendts von politischer Öffentlichkeit die Rede sein. Auch

wenn sich der Einfluß Einzelner nach seiner Auctoritas280 bemaß und

der Senat in allen wichtigen Fragen in “beratender Funktion” Einfluß

nehmen konnte,281 war es doch niemandem erlaubt, Entscheidungen

ohne Legitimation durch die Bürgerschaft, d.h. ohne ein gewähltes Amt

zu treffen, dessen Bestätigung in regelmäßigen Abständen erneut eingeholt

werden mußte.

Eine entscheidende Wende in der Struktur des politischen Gemeinwesens

brachte die unter Marius Gaius im 1. Jh. v.u.Z. durchgeführte

Heeresreform, die das römische Milizheer vor dem Hintergrund eines

ständig steigenden Bedarfs an Soldaten des expandierenden römischen

Weltreiches durch ein Berufsheer ersetzte. Diese Reform veränderte die

bestehenden Klientelverhältnisse der großen Familien und damit ihren

Einfluß auf die Entscheidungen der Volksversammlungen der römischen

Republik. Es ist bekannt, daß es zu den Pflichten eines Klienten gehörte,

seinen Herren in den Volksversammlungen zu unterstützen, d.h., ihn

oder den von ihm favorisierten Kandidaten zu wählen. Vor der Reform

nun herrschte “ein gut ausgewogenes Verhältnis unter den Clientelen

der regierenden Familien”282 Roms. War bis dahin die selbständige

Bewaffnung aus eigenen Mitteln eine der Grundbedingungen für die

Teilnahme des Bürgers am Kriegsdienst, seine selbständige ökonomische

Basis somit Ausgangspunkt seiner militärischen Aktivitäten gewesen,

erhielten nun durch die Veränderung der staatsrechtlichen Maßgaben

auch unvermögende römische Bürger Zugang zum Kriegsdienst.283 Die

Schwierigkeiten, die diese Neuerungen mit sich brachten, werden deutlich,

wenn man sich ihre Konsequenzen vor Augen führt: Im Gegensatz

zum vermögenden Bürger, der sich sowohl ausrüsten, als auch nach

beendetem Feldzug selbständig unterhalten konnte, mußte der arme

Römer mit Waffen versehen und später versorgt werden. An die Lösung

dieser Probleme war die für Rom eminent wichtige Frage geknüpft, wie

und ob dieser marginalisierte Teil der römischen Bevölkerung nach

Beendigung der Kriegshandlungen wieder in die römische Gesellschaft

einzugliedern sei. Zu steten Fürsprechern der armen römischen Bürger

entwickelten sich die Oberbefehlshaber der römischen Legionen. Ihr

Einsatz für die proletarischen Soldaten band sie stärker an sich und

etablierte eine neue Klientelbeziehung (Militärklientel), die neben den

bestehenden den Charakter der römischen Gesellschaft entscheidend

änderte.

Auf diese Weise erweiterten die mächtigeren und reicheren Römer den

Kreis ihrer Abhängigen beträchtlich. Die Vergrößerung ihrer Gefolgschaft

führte zu einer Konzentration politischer und militärischer

Macht in den Händen derjenigen Bürger, die ohnehin zum Kreis der

mächtigeren und reicheren gehörten. Die vererbbare Klientel vergrößerte

den Einflußbereich einiger Familien kontinuierlich, so daß sich das

Verhältnis der einflußreichen Bürger untereinander immer stärker

differenzierte und hierarchisierte.285 Am Ende des ersten vorchristlichen

Jahrhunderts konnten nur noch drei Noble als tatsächlich souverän

bezeichnet werden: Brutus, Crassus und Julius Caesar, die Begründer

und Träger des ersten Triumvirats. Die faktische Übernahme der

Staatsgeschäfte durch diese drei; ihr Machtkampf, aus dem Julius Caesar

als tragischer, weil an der untergehenden, aber eben noch nicht

bedeutungslosen Aristokratie gescheiterter, Sieger hervorging, markierten

nur das Ende einer Entwicklung, in deren Verlauf einige mächtige

Männer durch den ständigen Zuwachs ihrer Heeresklientel das fein

austarierte Machtverhältnis von Senat, Magistraten und Volksversammlungen

der römischen Republik aus dem Gleichgewicht brachten.

Da das Klientelverhältnis nicht als Rechtsverhältnis, sondern als Netz

sozialer Verpflichtungen verstanden wurde, mußte der offene Machtanspruch

Caesars, der aufgrund seiner faktischen Stellung als Patron des

Heeres zwar gerechtfertigt, aber verfassungsrechtlich nicht zu begrün-

den war, scheitern. Sein in letzter Minute adoptierter Nachfolger Augustus/

Octavian ließ deshalb folgerichtig seine Machtstellung im Prinzipat

rechtlich fixieren. Während er auf die von Caesar über den Konsulaten

etablierte Diktatur auf Dauer (perpetuo) verzichtete und das Rechtssystem

der Republik durch die Eingliederung seiner Person wiederherstellte,

ließ er sich vom Senat gleichzeitig eine Fülle von Machtbefugnissen

einzelner, aus den verschiedenen Ämtern herausgelöster Rechte übertragen.

288 Dazu gehörten vor allem das 27 v.u.Z. übertragene “imperium

proconsulare” über die großen Reichsprovinzen (Spanien, Gallien,

Syrien, Kilikien, Cypern und Ägypten), das die Befehlsgewalt über das

römische Heer einschloß, ein durch Senatsbeschluß abgesichertes Sonderrecht,

das es ihm ermöglichte, auch nach Aufgabe des Konsulats 23

v.u.Z. weiterhin wie ein Konsul durch Beschlußvorschlag im Senat die

Initiative zu ergreifen, und die 23 v.u.Z. erworbene, dem Volkstribunat

entlehnte “Tribunicia potestas”, die ihm Gesetzesinitiativen in der Comitia

tributa und Blockierung öffentlicher Vorhaben durch Vetorecht

ermöglichte.289 Nominell als “primus inter pares”, lediglich Erster unter

Gleichen, doch faktisch durch die Fülle seiner Befugnisse allen anderen

Bürgern überlegen, konnte er die Aristokratie, der sowieso keine andere

Wahl blieb, als den Übermächtigen zu integrieren, zufriedenstellen,

indem die durch Caesar auf ihn übertragene Machtfülle mit den Grundvoraussetzungen

der republikanischen Staatsverfassung formal abgestimmt

und seine Befugnisse rechtlich festgeschrieben wurden. Damit

hatte er die Republik zwar wieder in ihre alte Funktion eingesetzt und

den Senat erneut zum Mittelpunkt des Staatsgefüges gemacht, gleichzeitig

aber den Übergang zum Kaisertum vorbereitet, das in dem Maße die

alten republikanischen Rechtsprinzipien der Dezentralisierung und

Trennung von Machtbefugnissen im Sinne der Erhaltung gleicher

Machtverhältnisse sprengte, als das Zusammenwachsen der gebündelten

Rechtstitel zur Kaisermacht den Spielraum von Senat und Magistrat

immer stärker einschränkte.

Der Einfluß der Nobilität nahm seit dieser einschneidenden Neustrukturierung

der römischen Staatsverfassung durch Augustus kontinuierlich

ab. Stellte die aristokratische Bürgerschaft zunächst aufgrund ihrer

eigenen Gefolgschaft und ihrer Bedeutung für die Verwaltung des Reiches

einen nicht unwesentlichen Machtfaktor dar, verstanden es die

Principes, durch geschickte Ämtervergabe die Macht der einflußreichen

Familien allmählich zu begrenzen und die Nobilität durch die vollends

von den Kaisern abhängigen Ritter zu ersetzen.291 Die ehemals souveränen,

nur dem Senat und den Volksversammlungen verpflichteten Magistrate

wurden von den Principes zunehmend zu Verwaltungsämtern

kaiserlicher Macht degradiert. Die Einführung des erblichen Ordo

senatorius unter Augustus, in den vom Princeps Personen berufen

wurden, die ein bestimmtes Mindesteinkommen vorzuweisen hatten,

forcierte in Verbindung mit der dem Volkstribunat (Tribunicia potestas)

entnommenen und zum kaiserlichen Rechtsbündel hinzugefügten Kandidatenvorschlagsrecht

die Entwicklung eines geschlossenen, vom kaiserlichen

Willen abhängigen Senatorenstandes und willfähriger Magistrate.

So wurden Magistrate bald nicht mehr durch den Vorgänger im

Amt den Volksversammlungen zur Bestätigung vorgeschlagen, sondern

vom Kaiser einem in zunehmendem Maße mit kaiserlichen Vertrauten

und Abhängigen besetzten Senat vorgestellt.292 Der Charakter der

Volksversammlungen wandelte sich von einem Kernstück republikanischer

Staatsverfassung zu einem reinen Instrument akklamativer Bestätigung

der vom Kaiser vorgeschlagenen, aber faktisch eingesetzten Kandidaten

und wurde später ganz abgeschafft.

Wie sehr der Bereich politischen Handelns durch diese Entwicklung

eingeschränkt wurde, beleuchtet ein Zitat von Plutarch, welches das mit

demokratischen Momenten versetzte Verfassungsideal in eine Art politische

Theatervorstellung uminterpretierte.

Diese Entwicklung, die sich über mehr als ein Jahrhundert hinzog,

macht deutlich, daß die Sphäre politischer Öffentlichkeit in der römischen

Republik in dem Maße schrumpft, wie sich das römische Reich zu

einem weltumspannenden Imperium entwickelt. Mit der wachsenden

Macht und Bedeutung des römischen Reiches und der damit verbundenen

Zunahme der Heeresklientel formierten sich bereits jene Kräfte, die

die Sphäre politischer Öffentlichkeit garantierende republikanische

Staatsverfassung sprengen und den Übergang zum Kaisertum vorbereiten

sollten. Im letzten vorchristlichen Jahrhundert verschwinden also

die letzten Anzeichen, die einer größeren Anzahl sicherlich auch schon

priveligierter Bürger eine Teilnahme an der Politik ermöglichten. Die

politische Öffentlichkeit entwickelte sich langsam aber kontinuierlich zu

einem Privatunternehmen des souveränen Princeps.

Mittelpunkt republikanischer Politik: Der Senat

Die 25,5 Meter lange und 67,6 Meter breite, von Diokletian neu erbaute

Curia des Julius Caesar bot auf drei übereinanderliegenden Estraden

Platz für 300 Senatoren. Obwohl der Senat in der späten Republik

gelegentlich im Concordia-Tempel, auf dem Capitol und dem Marsfeld

und an anderen Orten getagt hatte, entwickelte sich die Curia im Laufe

der Zeit zum zentralen Versammlungsort des Senats318. Der Senat

verkörperte das Zentrum politischer Öffentlichkeit und Entscheidung

unter Ausschluß des Volkes, waren doch zu den Beratungen ausschließlich

Beamte zugelassen. Die Abgeschlossenheit des Versammlungsraumes

garantierte der Öffentlichkeit der Senatoren, daß sie intern und unbehelligt

von störenden äußeren Einflüssen über die öffentlich-politischen

Angelegenheiten der Bürgerschaft Roms beraten und beschließen konnten

und unterstreicht damit seine Funktion als institutionelles Zentrum

der römischen Aristokratie. Die ursprünglich aus den Wahlentscheidungen

der Volksversammlungen hervorgegangenen Mitglieder des Senats,

die sich von 300 auf 600 verdoppelten und in der späten Republik sogar

auf 900 Senatoren anwuchsen, berieten in den Sitzungen über Vorbereitungen

von Gesetzesvorschlägen, Kriegserklärungen und Friedensschlüssen,

über die Einrichtung von Provinzen und die Ausrüstung von

Heeren.319 Mit seinen weitgehenden Befugnissen, die ihn den Magistraten

teils gleichstellte, teils überordnete, wurde der Senat zum maßgebli-

chen Verfassungsorgan der römischen Republik.320 Die in der Republik

üblichen regelmäßigen Sitzungen des Senats fanden, verringert durch

Augustus, nur noch an zwei Tagen im Monat, an Kalender und Iden

statt, waren aber aufgrund der Länge der gehaltenen Reden, von denen

manche bis zu fünf Stunden andauern konnten, außerordentlich anstrengend.

Die teilweise über mehrere Tage andauernden Beratungen

waren besonders ermüdend, wenn sich zu wichtigen Anlässen mehr als

die Hälfte der Senatoren einfand und der Raum in der Curia eng wurde.

Tage der Senatssitzungen begannen frühmorgens nach Gebet und Opfer

mit dem gemeinsamen Einzug der Senatoren in die Curia und endeten

meist erst spät abends. Allerdings erlaubte ein Gewohnheitsrecht den

Senatoren, das Gebäude nach Belieben zu betreten oder zu verlassen, da

die Beteiligten andernfalls die Sitzungen, die durch sintflutartige Redeschwälle

und tumulthafte Diskussionen geprägt waren, gar nicht hätten

überstehen können. Es ist daher nur zu gut verständlich, wenn der

Senator Cornelius Marius am Ende eines solchen Tages klagt: “Du

kannst Dir vorstellen, wie müde wir sind nach all den Plädoyers und

Debatten, nach all den Zeugen, die zu verhören, zu bestätigen, oder zu

widerlegen waren.”322

Mit diesen Eigenschaften zählt der Senat zu den markantesten Orten

politischer Öffentlichkeit. Seine Mitglieder hatten in der republikanischen

Zeit alle denselben Status, der sich auf eine indirekte Legitimation

durch die Volksversammlungen zurückführte. Darüber hinaus war er

der Ort des politischen Diskurses, der freilich nicht immer im Zeichen

des Logos stand, sondern von wüsten Auseinandersetzungen gekennzeichnet

war, vor allem aber oft viel Zeit beanspruchte, da die Redezeit,

wenn sie beantragt worden war, nicht auf ein bestimmtes Maß begrenzt

werden konnte. Doch gerade das freie Rederecht der Gleichen unter

Gleichen macht deutlich, daß im Senat politische Öffentlichkeit stattfand.

Die Errichtung des Prinzipats wandelte den Charakter des Senats nachhaltig.

Augustus änderte nicht nur Anzahl und Rhythmus der angesetzten

Senatsversammlungen, sondern setzte auch andere thematische

Akzente. War der Senat in der Republik das mächtigste Gremium politischer

Entscheidungen gewesen, das aufgrund der volksnahen Legitimation

seiner Mitglieder den republikanischen Charakter des Staates verkörperte,

diente es mit zunehmender Ausweitung der Caesarischen

Rechte zunehmend als privater Gerichtshof des Princeps für politische

Verbrechen, vor dem sich untreue Statthalter zu verantworten hatten.323

Der Charakter einer Vertretungsinstanz kaiserlicher Politik manifestierte

darüber hinaus die übrigen politischen Entscheidungen der Senatoren,

die, wenn auch nicht immer abgestimmt, doch die politische Strategie

des Caesaren unterstützten.

Die Basilicen als Bindeglieder zwischen politischer und vorpolitischer

Öffentlichkeit

Einen wichtigen Faktor des politischen Lebens verkörperte die römische

Rechtsprechung. Neben der freien Rede im Senat oder in den Volksversammlungen

diente sie den Römern als wesentliches Medium der Auseinandersetzung.

In republikanischer wie in kaiserlicher Zeit wurden

oberste Beamte und Magistrate für ihre Verbrechen und Amtsanmaßungen,

mit denen sie dem im Recht kodifizierten Willen der Bürgergemeinde

Roms zuwidergehandelt hatten, vor Gericht zur Rechenschaft

gezogen. In den allen römischen Bewohnern zugänglichen Verhandlungen

taten sich einzelne Advokaten sowie Kläger und Beklagte durch

rhetorische Kunststücke und Meisterleistungen hervor. Ebenso wie die

politischen Auseinandersetzungen der Senatoren in der Curia, entwickelten

sich die meisten Prozesse zu wahren Exzessen an Redegewandtheit

und Wortgewaltigkeit. Verhandlungen nahmen oft einen ganz anderen

Verlauf, als daß von einer von vernünftigen Argumenten getragenen,

dem Primat des Logos folgenden Auseinandersetzung der gleichen Bürger

hätte die Rede sein können. Statt im Gespräch das bessere Argument

auszumachen, gerieten solche Versammlungen oftmals zu Selbstdarstellungen

der Kontrahenten, die mangelnde Argumente mit rhetorischen

Effekten und vor allem der Dauer ihrer Rede auszugleichen versuchten.

Die Redezeit für ein Plädoyer war zwar begrenzt, konnte aber trotzdem

eine beträchtliche Länge erreichen, worüber das von Martial für den

redseligen Caecilianus geschriebene Epigramm Auskunft gibt:

“Sieben Wasseruhren hast laut, Caecilian, du gefordert, / die widerstrebend zwar,

doch dir der Richter gewährt; / und jetzt sprichst du schon lang über dies und jenes:

halb liegst du / während aus Flaschen von Glas lauwarmes Wasser du schlürfst. / Tu

doch endlich dem Durst und zugleich deiner Stimme genüge: / Bitte, Caecilian, trink

aus der Wasseruhr doch!”324

In der Kaiserzeit stiegen die Prozesse mit zunehmender Größe des Reiches

und dem damit verbundenen Zuwachs an administrativen Funktionen

in der kaiserlichen Verwaltung sprunghaft an, so daß Augustus das

nach ihm benannte Forum bereits im Jahr 2 v.u.Z. als Gerichtshof freigeben

mußte.325 Bedingt durch die stetige Zunahme juristischer Auseinandersetzungen

hatte sich nach zweihundert Jahren eine wahre Pro-

zeßseuche entwickelt. Nahezu alle Gebäude des Forum Romanum dienten

als Verhandlungsorte für juristische Auseinandersetzungen.

Die thematische Ausrichtung der Prozesse war keinesfalls nur auf politische

Fragen, d.h. die ganze Stadt oder das Reich betreffende Inhalte

beschränkt. Vielmehr zeigt sich, daß ein großer Teil zur Regelung alltäglicher

Belange angestrengt wurde. Verhandelt wurden Konflikte aus

nahezu allen Lebensbereichen: An 230 Tagen im Jahr reichte die Palette

vom Strafprozeß wegen Machtmißbrauchs und Korruption über Erbstreitigkeiten

und testamentarischen Fragen bis hin zur Regelung von

Ehebruchsdelikten.327 Darüber hinaus schlossen die Verfahrensregeln

niemanden von der Teilnahme an den Verhandlungen aus.

“[Das Prozeßwesen] ergriff nicht nur Kläger und Beklagte, sondern auch die Advokaten

und die Menge der Neugierigen, die aus Sensationssucht und Lust an Wortgefechten

stundenlang gebannt den Gerichtssitzungen lauschten”.328

Sowohl Bürger als auch Freigelassene und Sklaven konnten sich in den

ursprünglich als Markthallen errichteten329 Basilicen einfinden, um dem

Geschehen zu folgen. Dabei war ihre Anwesenheit keinesfalls unwirksam,

sondern hatte, wie sich noch zeigen wird, Einfluß auf den Prozeßverlauf.

Daraus läßt sich ein weiteres Mal ersehen, wie eng verknüpft politische

und vorpolitische Öffentlichkeit in Rom sein konnten. Die Entscheidungen

wurden während der republikanischen Periode zwar von souveränen

Bürgern getroffen, doch weist sowohl die Mischung aus öffentlich

bedeutsameren und weniger bedeutsamen Themen als auch die indirekte

Beteiligung von Abhängigen am Prozeßverlauf darauf hin, daß hier

Verbindungselemente, Übergänge von einer politischen zu einer vorpolitischen

Öffentlichkeit bestanden. Wie sich diese Mischung von Elementen

der politischen und vorpolitischen Öffentlichkeit in Anlage und

Nutzung der dafür vorgesehenen Gebäude ausprägte, soll die folgende

exemplarische Untersuchung der dem Senat gegenüberliegenden Basilica

Julia zeigen.

In der dreischiffigen, 18 Meter breiten und 82 Meter langen Basilica

Julia aus dem Jahre 46 v.u.Z versammelten sich während eines laufenden

Prozesses die Zuschauer in den beiden Seitenschiffen und auf der

Tribüne des ersten Stocks. Auf diese Weise deutlich vom Volk abgesetzt,

verhandelte die aus Richtern und Beisitzern bestehende Corona, sowie

der Kläger mit seinen Bürgen und Freunden und der Beklagte im Verein

mit seinen Verteidigern, den vorliegenden Fall.330 Zuweilen tagten bis zu

vier durch Vorhänge und Stellwände voneinander getrennte Gruppen

gleichzeitig, deren lautstarke Auseinandersetzungen in der ohnehin

mangelhaften Akustik der Basilica ein schwer verständliches Stimmengewirr

ergaben. Es konnte geschehen, daß die Zuschauer der einen

Gruppe dem lautstarken Plädoyer des Advokaten einer anderen Gruppe

durch Beifallsbekundungen zustimmten.

 Brot und Spiele: Orte vorpolitischer Öffentlichkeit

 Spiele in der Kaiserzeit. Anlässe und Bedeutungszusammenhänge

Spiele fanden im wesentlichen aus drei möglichen Gründen statt: sie

waren durch Kalenderdaten fixiert, markierten den Regentengeburtstag

oder den Tag der Thronbesteigung, oder waren Feste die – einmal durch

den Kaiser eingeführt – in den darauffolgenden Jahren beibehalten

wurden. Insgesamt 182 Tage, mehr als die Hälfte des Jahres, waren den

Spielen gewidmet, wenn zu dieser Aufstellung die Feste der Collegien,

Gilden, Bruderschaften, diejenigen für Soldaten und vom Kaiser ausgerichteten

unregelmäßigen Gelegenheitsfeste nicht hinzugerechnet werden.

334 Durch immer neue Anlässe vermehrten sich die Tage der Spiele

so stark, daß im zweiten Jahrhundert kein Jahr verging, in dem nicht

auf einen Arbeitstag mindestens zwei Festtage kamen.335

Spiele waren in republikanischer Zeit Veranstaltungen, die zumindest in

den Bereich der politischen Öffentlichkeit hineinragten. Als Veranstaltungen

religiösen Ursprungs manifestierten sie den Zusammenhalt der

Stadtgemeinde und des politischen Gemeinwesens Roms.336 Obwohl sich

die Bedeutung des sakralen Elements allmählich verlor, kam ihnen noch

im ersten vorchristlichen Jahrhundert liturgische Bedeutung zu.

Je mehr aber der Raum der politischen Öffentlichkeit von den Principes

eingenommen und das republikanische Element zurückgedrängt wurde,

desto stärker traten in den Spielen Aspekte hervor, die die Transformation

der gesellschaftlichen Ordnung widerspiegelten. Die Spiele wurden

zum Ausdruck einer Öffentlichkeit, die in der Art, Machtbefugnisse an

die Person eines Einzelnen zu binden, bereits Merkmale der mittelalterlichen

repräsentativen Öffentlichkeit in sich trug.339 Im Gegensatz zum

ausgeprägten mittelalterlichen Typus blieben politische und juristische

Entscheidungen zwar weiterhin an Institutionen gebunden, doch nahm

die Art und Weise, wie der Princeps in und durch diese Öffentlichkeit

mit seinem Volk in Kontakt trat, bereits Momente der repräsentativen

Öffentlichkeit vorweg: Sowohl die für alle Zuschauer vorgeschriebene

feierliche Toga,340 als auch Elemente der Einzugsprozession der Staatsgötter

und des Kaisers (Acclamatio) bestimmten die Spiele als Bestandteil

kaiserlicher Etikette, der der liturgische Charakter abhanden gekommen

war.

Andererseits waren Ludi in einer Zeit, in der die Volksversammlungen

ruhten und der Senat lediglich nachsprach, was ihm aufgetragen wurde,

ein Mittel, die wachsende Masse der von politischer Macht Ausgeschlossenen

zu unterhalten. Auf der einen Seite nahm die Bevölkerung Roms

mit zunehmender Ausbreitung des römischen Reiches kontinuierlich zu,

während auf der anderen immer weniger Bürger tatsächlich in die politischen

Entscheidungen eingreifen konnten. Aus diesem Grunde bezeichnet

Carcopino die Spiele in der ausgehenden Republik als großes

Ablenkungsmanöver der herrschenden politischen Elite.

Ihrer Bedeutung als religiöser Komponente einer politischen Öffentlichkeit

beraubt, entwickelten sich die Spiele zur Sphäre vorpolitischer

Öffentlichkeit des Princeps. Doch hinter dem Zeremoniell der Begegnung

zwischen Kaiser und Volk stand gleichzeitig auch immer die Angst

vor einer Revolution der Plebs, die in Erinnerung an ihre einstige Bedeutung

das Kaisertum aufgrund ihrer Masse hätte ernsthaft bedrohen

können.

Während Bleickens Überlegungen den Bedeutungsgehalt der Spiele als

kompensatorische Lustbarkeiten beleuchten, greifen sie in ihrer umfassenden

Beurteilung zu kurz. Die Ausprägung einer vorpolitischen Öf-

fentlichkeit, die statt der liturgischen Legitimation des Gemeinwesens die

Beziehung der römischen Bevölkerung zu einem Einzelnen zum zentralen

Thema macht, relativiert die Bedeutung der Spiele als einem reinen

Vergnügungstaumel. Boten sie auf der einen Seite Möglichkeiten kaiserlicher

Selbstdarstellung, so wurden sie auf der anderen als Bestandteil

vorpolitischer, akklamativer Öffentlichkeit in dem Maße bedeutsam, in

dem die Plebs in ihnen den einzigen Rahmen fand, in welchem sie sich

in Bezug auf politische oder die Stadtgemeinde betreffende Angelegenheiten

öffentlich äußern konnte. Die Orte der Spiele dienten einerseits

der Verherrlichung des Princeps, der sich hier dem Volk zeigte, andererseits

formulierte das Volk in der acclamatio seine Zustimmung oder

Ablehnung des Kaisers, den die Mißachtung dieser von der durch die

angelegte Sitz- bzw. Standordnung sozial gegliederten Masse vorgebrachten

Meinung in ernste Schwierigkeiten bringen konnte.

Die Art und Weise, wie sich während der Spiele die Beziehungen zwischen

Kaiser und römischer Bevölkerung im Laufe der Jahrhunderte

entwickelten, offenbart möglicherweise die allmähliche ‘Absonderung’345

des Princeps, seine Trennung von der Bürgerschaft, deren Mitglied er

einmal gewesen war.

Alan Cameron ist einer derjenigen Historiker, die sich mit der Entwicklung

des Verhältnisses von Princeps und Volk eingehender beschäftigt

haben. Bereits im Jahre 15 u.Z. sieht er in dem am geringen Interesse

der Bevölkerung gescheiterten Versuch des Gaius, die zeitweilig ausgesetzten

Volksversammlungen wiederzubeleben, die Verschiebung politischer

Belange in die Sphäre der vorpolitischen Öffentlichkeit weit fortgeschritten.

Ansprechpartner des Volkes waren nicht mehr in erster

Linie die Inhaber der alten, aus der republikanischen Tradition übernommenen

Ämter wie Konsuln oder Praetoren, sondern der Principes

selbst.346 Hierdurch in ihrer aus der Bürgerschaft herausgehobenen und

gleichzeitig mit ihr verbundenen Position bestätigt, bedeutete die Fixierung

der öffentlichen Anliegen auf die Person des Princeps jedoch auch,

daß dieser den vorgetragenen Wünschen und Anliegen ein wesentlich

stärkeres Gewicht zumessen mußte, wollte er den friedlichen Ausgleich

zwischen seinem staatsrechtlich abgemilderten Machtanspruch und den

Bedürfnissen der Bevölkerung aufrechterhalten.

Darüber hinaus wurde die moralische Verpflichtung des Princeps, den

Anliegen der Bevölkerung Rechnung zu tragen, durch deren vielfache

zahlenmäßige Überlegenheit unterstrichen.

Die Forderungen der versammelten Bevölkerung waren im höchsten

Grade wirksam,350 die von den Principes dagegen angewandten Strategien

unterschiedlich, wenn auch meist zustimmend. Titus z.B. eröffnete

die Spiele mit dem gehaltenen Versprechen, alles das zu erfüllen, was die

Anwesenden von ihm verlangten. Tiberius dagegen war erst nach erheblichen

Protesten zur Rückgabe einer Statue bereit, die er aus den Agrippathermen

in seine Domus hatte schaffen lassen. Als ihn die Menge

ein anderes Mal dazu zwang, einen Schauspieler für seine gelungene

Vorstellung freizulassen, gab Tiberius den Besuch der Spiele ganz auf.

Daß die Forderungen des Publikums bis in den Bereich des Politischen

vordrangen, mag der Vortrag moralischer Urteile über mächtige Amtsinhaber

Roms verdeutlichen. Während der Spiele des Jahres 46 v.u.Z.

kam es zu lautstarken Protesten und Schmähungen des Konsuls Fabius

Maximus, da die Rechtmäßigkeit seiner Beamtenschaft in Frage stand.352

Er mußte sein Amt aufgeben. Lautstarke Proteste der Bevölkerung

beschleunigten auch den Tod des Gaius (Caligula), der sich durch seine

Gewaltherrschaft bereits erheblich diskreditiert hatte. Josephus berichtet,

daß seine Reaktion auf das Anliegen der Circusbesucher, die Steu-

ern zu senken, nämlich durch Ausschicken von Soldaten gewaltsam

Ruhe zu schaffen, sein Ende besiegelte.

Es werden wohl Begebenheiten wie diese gewesen sein, die Cicero zu

seiner kritischen Bemerkung über die politische Aufladung der Spiele in

der späten Republik veranlaßte. Mochte dies dem von ihm hochgehaltenen

republikanischen Verfassungsideal auch widersprechen, als Medium

der Volksmeinung und als wichtige Informationsquelle über die politischen

Stimmung der plebs gewannen die Spiele in der Zeit der großen

Heerführer, die die Mischverfassung der Republik zunehmend aus dem

Gleichgewicht brachten, an Bedeutung. Deshalb heißt es in “Pro Sestio”:

“Bei Volksversammlungen, Wahlversammlungen, Spielen und Gladiatorenkämpfen

zeigt das römische Volk seine Meinung”.354 Was Cicero hier

ohne Zweifel im Geiste der Mißbilligung politischer Deformationen

formuliert, weist doch andererseits auf die faktischen Verhältnisse hin:

Der Verlagerung des politischen Zentrums aus den verfassungsmäßigen

Institutionen in deren “gesellschaftliches” Umfeld lud die Spiele gewissermaßen

politisch auf: In der Cavea stellten sich die priveligierten

Vertreter der Senatsaristokratie ihrem Volk.

Insofern übersteigen die öffentlichen Veranstaltungen ihre Funktion als

Repräsentationsrahmen des Princeps mit geringfügigen plebejischen

Einflußmöglichkeiten: Man könnte sie als vorpolitische Öffentlichkeit

bezeichnen, als Repräsentationssphäre bezeichnen, die zeitweilig aber

auch den eigentlichen Herrscher politisch zu be- und gegebenenfalls zu

verurteilen sich anschickte; eine zweite, inoffizielle Instanz der Anerkennung

und fortlaufenden Bestätigung der obersten Römer, die sie

ihnen, später dann mit dem Princeps an der Spitze leisten oder verweigern

konnte.

Daß die Kaiser trotz der Gefahr, durch die Anliegen der Zuschauermenge

in Zugzwang zu geraten, überhaupt an den Spielen teilnahmen,

spricht allein schon für die Bedeutung, die sie ihnen beimaßen. Diese

bestand über ihre repräsentative Funktion hinaus in doppelter Hinsicht:

Zum einen scheinen die Principes die Spiele als Informations- und

Einflußmöglichkeit verstanden zu haben. Schon Cicero hatte gebeten,

für den Fall, daß keine politischen Neuigkeiten vorlägen, ihm von den

Begebenheiten in Theatern und Stadien zu berichten.356 Die vorgebrachten

Anliegen des Volkes, von diesem selbst an seinen obersten

Vertreter gerichtet, boten ihm ein sehr viel genaueres und unmittelbareres

Bild von der Befindlichkeit des Volkes, als es irgendein Bericht aus

zweiter Hand hätte leisten können. Zum anderen konnten die Principes

durch ihre leibliche Anwesenheit Einfluß nehmen, auf das Stimmungsbild

der Masse einwirken und möglicherweise einen Teil der Aggressionen

an Ort und Stelle abfangen, indem sie sich dem Unwillen der Bevöl-

kerung stellten. Durch Zurschaustellung seiner Person versuchte z.B.

Nero das Volk zu beruhigen, als er nach dem Mord an Agrippa zum

ersten Mal den Circus betrat.

Eine weitere Dimension der Spiele eröffnet sich im Selbstverständnis des

Prinzipats, das Cameron als Ideologie der Civilitas beschreibt.358 Anders

als bei den Parthern, wo ein Despot über die ihm vollständig untergebenen

Untertanen wie über Sklaven herrschte, war das Prinzipat, wie

oben dargestellt, an die Ideologie des Princeps als “Gleichem unter

Gleichen” gebunden. Wodurch hätte der Kaiser seine vermeintliche

Gleichheit besser demonstrieren können als durch seine Teilnahme an

den Spielen, die ihn als Zuschauer den anderen gleichstellte. Hier wurde

in der Zusammenkunft von Volk und Kaiser der Etikette Genüge getan,

der Kaiser hob sich zwar von den Zuschauern ab und war doch gleichzeitig

unter ihnen, “dokumentierte […] als Zuschauer seine Volksnähe”

359. Aus diesem Grund wurde von den Kaisern auch erwartet, daß sie

die Spiele mit voller Anteilnahme verfolgten und nicht etwa daneben

Staatsgeschäften oder der Lektüre von Dekreten nachgingen.360 Diese

Verpflichtung wurde durch die Festigung des Kaisertums umso verbindlicher.

Solche Überlegungen verdeutlichen, daß die Spiele mehr als nur ein

großes Ablenkungsmanöver der Kaiser waren, um die Masse der römischen

Bevölkerung ruhig zu halten. Ebenso greift eine Interpretation zu

kurz, die sie auf ihren rein repräsentativen Aspekt beschränkt. Vielmehr

ergibt sich bei differenzierter Betrachtung ein Bild, das das im

römischen Staatsrecht verankerte ambivalente Verhältnis von Princeps

und Bevölkerung aufhellt. Eröffnete das Zeremoniell der Ludi einerseits

eine Sphäre vorpolitischer Öffentlichkeit, indem es die herausragende

Stellung des obersten römischen Bürgers betonte, so manifestierte es

zugleich dessen Verpflichtungen und Verantwortungen gegenüber der

römischen Bevölkerung und wirkte damit durch seine nicht nur symbolische,

sondern oftmals reale Bedeutung für die machtpolitischen Ereignisse

des römischen Reiches in den Bereich einer bereits durch repräsentative

Züge gekennzeichneten politischen Öffentlichkeit hinein.

Insgesamt läßt sich feststellen, daß während der Wettkämpfe eine gesellschaftliche

Struktur gefeiert wurde, die die meisten Römer von der

aktiven Beschäftigung mit Politik ausschloß und ihnen daher andere

Betätigungs- und Beteiligungsfelder eröffnen mußte. Um diese Interpretation

zu unterstreichen, sollen in den folgenden Abschnitten die beiden

größten Schauplätze der Spiele, der Circus Maximus und das Colosseum

untersucht werden. Dabei wird es vor allem um die Frage gehen, ob und

inwieweit sich die hier vorgetragene Interpretation anhand der Anlage

und Nutzung dieser Bauten nachweisen läßt.

 Das Colosseum

Genauso wie durch den Ausbau des Circus Maximus das Beziehungsgeflecht

zwischen Kaiser und Volk sowie dessen Strukturierung während

der Spektakel der Pferderennen festgeschrieben wurde, bildete der

architektonische Ausbau jener anderen, den Spielen vorbehaltenen

Bauten den gesellschaftlichen Kontext in zunehmendem Maße ab. Die

aus zwei halbrunden Holztribünen zu den ebenfalls religiös motivierten

Veranstaltungen der Menschenopfer (Munus) gebildeten Amphitheater,

erhielten mit der Errichtung des im Jahre 80 u.Z. durch Domitian fertiggestellten

amphitheatrum flavorumin, besser bekannt als Colosseum,

eine eigene dauerhafte Gestalt, die dieselben Strukturmerkmale wie der

Circus aufwies. Mit Achsenlängen von 188 und 156 Metern und einem

vierstöckigen, 57 Meter hohen Tribünenumbau, in dem sich 45.000

Sitzplätze und 5.000 Stehplätze befanden, war es zwar wesentlich kleiner

als der Circus Maximus,372 hielt aber genau wie dieser sorgfältig

voneinander abgegrenzte Zuschauerränge bereit. Während sich im

Norden die Loge des Kaisers befand und im Süden Stadtpräfekten und

Magistrate ihren Platz hatten,373 war die übrige Cavea, die vier Meter

über der Arena begann, in vier Abschnitte eingeteilt: Senatoren und

andere mächtige Römer nahmen auf dem Podium Platz. Dieser aus

Steinsitzen gebildete Ring schloß die Arena ein und bot neben den kaiserlichen

und magistralen Logen die beste Sicht auf das Geschehen. Von

seinem etwas erhöhten Sitzplatz aus konnte der Princeps den Kreis der

ersten Römer gut überblicken und einzelne “Privilegierte” erkennen, da

sie feste Plätze hatten. Einem “Dauerabonnement” gleich, waren die

meisten Steinsitze mit dem Namensschild ihres Benutzers versehen.

Oberhalb des Podiums war die Cavea im unteren Oval noch einmal in

einen ersten und zweiten Rang aufgeteilt, während mit seinen Stehplätzen

der dritte Rang, der dem gemeinen Volk, Sklaven und marginalisierten

Römern zur Verfügung stand, durch praecinctiones (umlaufende

Gänge) und eine fünf Meter hohe Mauer von der übrigen Cavea abgetrennt

war. In dem durch die Trennmauer gebildeten Gewölbe saßen die

Frauen der Zuschauer.

Nicht nur durch seine architektonischen Analogien erweist sich das

Colosseum als äquivalentes Gebäude des Circus Maximus; auch das

zeremonielle Geschehen verlief ähnlich. Nachdem die Gladiatoren nach

ihrem Einmarsch in die Arena dem Kaiser gehuldigt hatten (Ave Imperator,

morituri te salutant) hatte dieser erneut Gelegenheit, sich durch

die Eröffnung des Kampfes feiern zu lassen.375 Auf die dialogische Urteilsfindung

zwischen Volk und Kaiser, wie mit dem Verlierer zu verfahren

sei, ist bereits weiter oben hingewiesen worden. Der Sieger des

Kampfes trat sein Gnadenrecht, den Verlierer am Leben zu lassen, an

den Kaiser ab, der es seinerseits meist an das Publikum weitergab. Für

diesen kleinen Augenblick, in dem das Publikum durch seine Zustimmung

bzw. Ablehnung über Leben und Tod des unterlegenen Gladiators

entschied, erschien es souverän und erwartete, daß der Princeps der

Willensäußerung der versammelten Menge Rechnung trug.376 Das Colosseum

kann man daher mit Hönle ähnlich wie den Circus folgendermaßen

charakterisieren:

“Der sparsamste Kaiser ausgerechnet begann mit dem aufwendigsten Bau des römischen

Weltreiches, anders gesagt: der nüchterne Rechner Vespatin erkannte genau,

daß dieser Bau für das Bestehen des Reiches unerläßlich war, nicht als Symbol,

sondern als Schaltstelle der Macht, die schwer zu beherrschenden Emotionen der

Volksmassen zu beobachten und zu steuern. Nicht nur die amorphe Masse der besitzlosen

plebs urbana war im Amphitheater präsent und allen Einflüssen zugänglich;

auch hier am Ort des Vergnügens, herrschte Hierarchie: die für Ehrungen stets

empfänglichen Stützen der Monarchie, der Stand der Senatoren und Ritter, bekamen

für alle Zeiten bevorzugte Plätze; sie wurden dadurch herausgehoben aus der Menge,

wurden wohlwollend gestimmt und waren leicht zu beobachten. Zweifellos hatte

Augustus diese Möglichkeiten schon erkannt.”377

Das Colosseum als eine “Schaltstelle der Macht” war durch seine Übersichtlichkeit

und damit verbundene Steuerbarkeit des versammelten

Publikums und der ausgefallenen Repräsentation ein Ort vorpolitischer

Öffentlichkeit. Die abgetretene Entscheidung über Leben und Tod eines

Gladiators, aber auch die offen geäußerte Haltung des Publikums gegenüber

seinem Kaiser ergänzte ihn um Elemente politischer Öffentlichkeit.

Vor allem aber müssen die Spiele in den riesigen Amphitheatern und

Circussen Roms für die Beteiligten ein rauschhaftes Massenerlebnis

gewesen sein, das den einzelnen im Taumel der Spiele mit sich riß und

ihn seinen Alltag vergessen ließ. Elias Canetti hat die Begeisterung der

erregten Masse, die in zunehmendem Maße weniger das Kampfgeschehen,

sondern vielmehr sich selbst feiert, ihre emotionale Spannung, ihr

Recht auf Entladung der angestauten Emotionen, aber auch die Wirkungen,

die ein solches Spektakel auf die umliegende Stadt ausübte,

prägnant beschrieben:

“Die Arena ist nach außen hin gut abgegrenzt. Sie ist gewöhnlich weithin sichtbar.

Ihre Lage in der Stadt, der Raum, den sie einnimmt, ist allgemein bekannt. Man fühlt

immer, wo sie ist, auch wenn man nicht an sie denkt. Rufe von ihr dringen weithin.

Wenn sie oben offen ist teilt sich manches vom Leben, das sich in ihr abspielt, der

umliegenden Stadt mit. […] Nach außen, gegen die Stadt, weist die Arena eine leblose

Mauer. Nach innen baut sie eine Mauer von Menschen auf. Alle Anwesenden kehren

der Stadt ihren Rücken zu. Sie haben sich aus dem Gefüge der Stadt, ihren Mauern,

ihren Straßen herausgelöst. Für die Dauer ihres Aufenthalts in der Arena scheren sie

sich um nichts, was in der Stadt geschieht. […] Ihr Beisammensein in großer Zahl ist

für eine bestimmte Zeit gesichert, ihre Erregung ist ihnen versprochen worden – aber

unter einer ganz entscheidenden Bedingung: Die Masse muß sich nach innen entladen.

Die Reihen sind übereinander angelegt, damit alle sehen, was unten vorgeht. Aber das

hat zur Folge, daß die Masse sich selbst gegenübersitzt. Jeder hat tausend Menschen

und Köpfe vor sich. Solange er da ist, sind sie alle da. Was ihn in Erregung versetzt,

erregt auch sie, und er sieht es. Sie sitzen in einiger Entfernung von ihm; die Einzel-

heiten, die sie sonst unterscheiden und zu Individuen machen, verwischen sich. Sie

werden sich alle sehr ähnlich, sie benehmen sich ähnlich. Er bemerkt an ihnen nur,

was ihn jetzt selbst erfüllt. Ihre sichtbare Erregung steigert die seine.”378

Die Thermen

Die Anlage großer Bäderkomplexe, die Möglichkeiten des gesellschaftlichen

Umgangs eröffneten, sind eng an die Festigung des Kaisertums, an

seine Entfaltung zum alleinigen Zentrum politischer Macht geknüpft.

Um ihre Popularität zu steigern, gewährten bereits in der späten Republik

Mitglieder der Aristokratie dem einfachen Volk als gelegentliche

Vergünstigung die kostenlose Benutzung öffentlich zugänglicher, teils

von ihnen selbst gebauter Bäder.379 Nach einer von Agrippa 33 v.u.Z.

veranlaßten Zählung existierten bereits vor der Einrichtung des Prinzipats

170 römische Bäder,380 doch erscheinen diese vor dem Hintergrund

von 856 bezeugten öffentlichen Bädern aus der Zeit Konstantins im 4.

Jh. u.Z.381 erst der Anfang einer Entwicklung jenes ausgeprägten Badewesens

gewesen zu sein. Darüber hinaus entstehen die klassischen Orte

römischer Badekultur, die Kaiserthermen, erst ab Mitte des 1. Jh. u.Z.

mit der Erbauung der Thermen des Nero und des Titus. Mit dem Bau

dieser, von Brödner als “kleiner Kaisertyp” klassifizierten Thermen

setzt jedoch wiederum die Ausprägung kaiserlicher Bäder erst ein. Voll

entwickelt im “großen Kaisertyp” treten sie ab dem 3. Jh. u.Z. mit der

Anlage der Caracallathermen auf; es folgen die im 4. Jh. u.Z. errichteten

Diokletian- und Konstantinthermen.382 Da aber die großen Kaiserthermen

erst den spezifischen Charakter urbanen Lebens innerhalb der

Bäder entfalten, läßt sich feststellen, daß in der Übergangszeit der römi-

schen Republik zum Kaisertum die Badekultur als gesellschaftliches

Ereignis erst im Entstehen begriffen war. Im Jahre 410 u.Z., dem Jahr

der Plünderung Roms durch die Goten boten 11 große Kaiserthermen

und 926 Bäder der römischen Bevölkerung Gelegenheit zum Baden.383

Die Thermen sollten nicht nur als Bäder dienen, sondern „die Möglichkeiten

athletischen, gesellschaftlichen und intellektuellen Vergnügens,

wie sie insbesondere die prunkvollen öffentlichen Bauten des Marsfeldes

seit der augusteischen Zeit boten, in andere Stadtviertel übertragen.

Ihre Bibliotheken, Parks und Wettkampfstätten zielten auf körperliche

und intellektuelle Ertüchtigung , und damit selbstverständlich nicht in

erster Linie auf das ‚gemeine Volk’, sondern eher auf das mittlere und

gehobene Bürgertum als Publikum.“384 Gleichwohl „waren die Thermen,

wie jede andere öffentliche Einrichtung in Rom, für alle offen,

auch für Sklaven.“385

Das antike Bad setzte sich als Wechselbad aus einer Reihe unterschiedlich

temperierter Räumlichkeiten zusammen, die neben Umkleideräumen

mindestens Frigidarium, Tepidarium und Caldarium umfaßte.

Das Frigidarium war ein Kaltbad, von dem aus der Besucher durch den

Übergangsraum mit mäßiger Temeratur, dem Tepidarium, ins heiße

Caldarium, dem Warmbad gelangte. In manchen Fällen war dieser

Raumfolge noch ein Laconium, ein Heißluftsaal, angegliedert. Der

Hauptzweck der Bäder erschließt sich aus ihrem ursprünglichen Namen.

Mit thermae war nicht allein das warme Wasser, sondern Wärme

schlechthin gemeint; die gesamte räumliche Durchwärmung und der

Aufenthalt in warmer, feuchter Luft machte den eigentlichen Charakter

des Badbesuches aus.386 Folgt man den Überlegungen Brödners, die den

Charakter römischer Thermen am türkischen Hamam orientiert, ähnelten

römische Bäder den heutigen Saunen. Während in Umkleideräumen

17°C herrschten, stieg die Temperatur im tempidarium wahrscheinlich

auf 23-25°C bei 90-95 %iger Luftfeuchtigkeit, um im Caldarium bei 32-

33°C und einer Luftfeuchtigkeit von 100% ihren Höhepunkt zu erreichen.

Das Laconium dagegen wies wahrscheinlich ähnliche Merkmale

wie die heutige finnische Sauna auf.387 Eine solche räumliche Anlage läßt

darauf schließen, daß ein Badbesuch als Wandel durch die unterschiedlich

temperierten Räumlichkeiten gedacht werden muß, der immer

wieder durch Aufenthalt auf den Palästren, jenen großen offenen, sich

im Umkreis der Bäder befindlichen Plätzen für Spiel und Sport, unterbrochen

wurde.388

Seit der zweiten Hälfte des 1. Jh. u.Z. gewann das Bad als gesellschaftliches

Ereignis an Bedeutung; zwei bis dreimal täglich, zwischen Mittag

und Sonnenuntergang389 badete man üblicherweise.390 Die starke Bedeutungszunahme

führte im 1. Jh. u.Z. zur Veränderung der alten, bis

dahin üblichen hellenischen Reihenbäder, die ihren Namen einer achsialen

Anlage der zum Wechselbad gehörigen Räume des Frigidarium,

Tepidarium und Caldarium verdankten. Während der Besucher im

Reihenbad denselben Weg zum Betreten und Verlassen des Caldariums

nehmen mußte, eröffnete der seit Anfang des 1. Jh. u.Z. übliche “Ringtyp”,

der einzelne Komponenten des Wechselbades ringförmig gruppierte,

einen Rundgang.391 Durch Erweiterung dieses, in seiner räumlichen

Struktur ringförmig angelegten Bades, seiner räumlichen Ausdehnung

und Einfügung repräsentativer Hallen und Aufenthaltsräume, entstand

der Ort öffentlich-repräsentativer Zusammenkunft in den Kaiserthermen:

“Die Pflege des Körpers stellte nur eine der Funktionen dar, denen diese großen

Anlagen dienten. Im gleichen Maße erfüllten sie wichtige soziale und kommunikative

Aufgaben: als Einrichtungen für Sport aller Art, Erziehung, Kunstausstellungen und

Vorträge. Die Kaiserthermen wie die Trajans, die Caracalla-, die Diokletiansthermen

[…] waren Brennpunkte des gesellschaftlichen Lebens.”392

Die offene Palästra verwandelte sich in eine, der architektonischen

Thermeneinheit zugefügte Sportanlage, die zum einen der körperlichen

und geistigen Pflege, aber auch Spielen oder anderen kulturellen Veranstaltungen

offenstand.393 Exedren, basilical gestaltete Sport- und Wandelhallen

verbanden die Umkleideräume (Apodyterium) mit den Kaltund

Warmbädern.394 Sie boten durch ihre Großzügigkeit Gelegenheit,

Kunstgegenstände auf- und auszustellen. Nirgendwo sind mehr Statuen

gefunden worden, als in den Ruinen der großen Kaiserthermen.395 Besonders

aber unterstreichen angeschlossene Bibliotheken, von denen

zwei allein in den Caracallathermen nachgewiesen werden konnten, die

Bedeutung, die die Thermen als Orte des gesellschaftlichen und kulturellen

Austausches innehatten.

Mehr und mehr wuchs die Bedeutung von Thermen als Zentren des

gesellschaftlichen Lebens, in denen sich neben dem gesellschaftlichkulturellen

Bereich auch alltagsöffentliche Dienstleistungsbeziehungen

ausbildeten:

“Verkaufsstände und Gasträume befanden sich wohl in erster Linie in den Umfassungsgebäuden.

In den Säulenhallen wimmelte es nach den Beschreibungen der

Zeitgenossen von Garköchen, Schankmädchen und Kupplern.“

Die soziale Struktur der Thermenbesucher war gemischt, in der Regel

hatten alle Stadtbewohner Roms Zugang zu den aus euergetistischen

Mitteln entstandenen öffentlichen Einrichtungen.397 Für ein geringes

Entgeld konnten sich auch arme Römer stundenlang in den kaiserlichen

Bädern aufhalten. Wie beliebt der Aufenthalt in den Thermen unter der

römischen Stadtbevölkerung war, verdeutlicht das Verbot Hadrians, die

Thermen vor der achten Stunde, d.h. vor der Mittagszeit zu betreten.

Um zu verhindern, daß sich schon morgens große Teile der Bevölkerung

in die Thermen zurückzogen, wurde deren Benutzung bis zum Mittag

einfach untersagt.398 Auf der anderen Seite beleuchtet das von Hadrian

erlassene Verbot aber auch die Situation der Plebs, die besonders im

Winter auf die Thermen als geheiztem Aufenthaltsort angewiesen waren.

Wo sich arme Stadtbewohner aufhielten, badete auch die herrschende

Oberschicht Roms, sowohl wohlhabende Bürger als auch der Kaiser

selbst. In Begleitung ihrer Sklaven und Abhängigen entfalteten sie einen

ausgeprägten Repräsentationsrahmen, trafen befreundete Bürger und

wandelten allein oder im Gespräch mit anderen durch die Thermen.

Petron beschreibt seine Eindrücke vom Thermenbesuch eines römischen

Bürgers, dessen ausgefallene, sein aristokratisches Selbstverständnis

widerspiegelnde Selbstdarstellung geradezu komisch anmutet:

“Selbst begannen wir einstweilen, noch angezogen umherzuschlendern, richtiger

gesagt, Kurzweil zu treiben und uns Gruppen anzuschließen, als wir plötzlich einen

alten Kahlkopf erblickten, der in roter Tunica unter Burschen mit langem Haar Ball

spielte. Dabei hatten nicht so sehr die Burschen, obwohl es sich gelohnt hätte, unsere

Augen auf sich gezogen, als der Hausvorstand selbst, der in Sandalen mit grünen

Bällen übte. Und wenn einer davon den Boden berührt hatte, verwendete er ihn nicht

weiter, sondern ein Sklave hielt einen vollen Beutel bereit und versorgte die Spieler.

Weiter fiel uns als seltsam auf, daß zwei Eunuchen auf den entgegengesetzten Seiten

der Gruppe standen, von denen der eine einen silbernen Nachttopf in der Hand

hielt[…]. Menelaus sprach noch, als Trimalchio mit dem Finger schnippte, zum Zeichen

für den Eunuchen, ihm mitten im Spiel den Nachttopf unterzuhalten. Als er

seine Blase geleert hatte, ließ er sich Wasser für die Hände kommen und sich ein paar

Tropfen auf die Finger sprengen, die er dann an den Haaren des Burschen abtrocknete.”

400

Der gesellschaftliche Status wurde auf mannigfaltige Art und Weise

vorgeführt. Reiche römische Bürger wurden wohl immer von eigenen

Sklaven begleitet, die sich um Badewäsche, Garderobe und die benötigten

Utensilien wie Öl und Massage- sowie Hautschabgeräte (Strigilles)

kümmerten. Durch ihr Gefolge unterschieden sie sich deutlich von den

weniger vermögenden Bürgern, die innerhalb des Bades Öl kaufen

konnten, um sich selbst damit einzureiben.401 An der Spitze der

vorpolitischen Repräsentation stand der Kaiser, der häufig in den

öffentlichen Thermen unter dem Volk badete. Wie bei den Spielen hatte

er hier mit der Stadtbevölkerung Kontakt und konnte für eigene

Popularität sorgen. Über den Umgang mit den übrigen Stadtbewohnern

gibt es überwiegend positive Schilderungen des Kaisers, wie in einer

Episode von Cassius Dio:

“[Beim Bad bemerkte der Kaiser] einen Veteranen, den er von Feldzügen her kannte.

Dieser rieb sich den Rücken an der Marmorverkleidung der Caldariumwand. Als

Hadrian fragte, warum er das tue, antwortete der Alte, er sei zu arm, um einen Sklaven

zu bezahlen. Darauf mietete der Kaiser ihm einen Sklaven und gab ihm außerdem

Geld.”

Das Bad in den Thermen war demnach auch ein Ort, an dem man seine

Wünsche und Anliegen mit anderen besprechen konnte. Folgte ein Bürger

dem Ansinnen eines Bittstellers, vergrößerte dies gleichzeitig dessen

eigenes Ansehen. Die Thermen stellten so einen vorpolitischrepräsentativen

Rahmen dar. Darüber hinaus legt die Tatsache, daß die

Einwohner Roms nahezu den ganzen Nachmittag in den Thermen ver-

brachten, die Vermutung nahe, daß sie hier auch über andere Dinge

gesprochen wurde; daß sie womöglich, ähnlich wie beim gemeinsamen

Nachtmahl, über politische Themen diskutierten, Allianzen schlossen

und so politische Entscheidungen vorbereiteten.

Mit ihrem Alltagstreiben in den Garküchen und Läden der Nebengebäude,

den vorpolitisch-repräsentativen Selbstdarstellungen der Römer

und Gelegenheiten zu politischen Debatten bildeten Thermen durch die

Verbindung der drei Sphären antiker Stadtöffentlichkeit städtisches

Leben und Treiben, urbane Kultur im kleinen ab. Vor allem in Zeiten,

in denen Witterungsverhältnisse das Stadtleben außerhalb von Gebäuden

unmöglich machten, konnte es sich in den Thermen ausbreiten:

“Die Badeanlagen gaben den Römern der späteren Kaiserzeit die Möglichkeit eines

vom Wetter unabhängigen gesellschaftlichen Lebens. Auch die Stadt ist ja ihrem

Wesen nach ein von der Natur abgegrenzter, menschlichen Lebensbedingungen

unterworfener Bezirk. Die fora mit ihren Säulengängen, die vor Regen und Wind

schützten; die überdachten Hallen, Basilicen und Exedren im römischen Städtebau

entsprechen den Fußgängervierteln der modernen Stadt. Mit den Thermen wird eine

Stadt in der Stadt geschaffen, um den Bewohnern auch bei schlechtem Wetter und bei

Kälte einen ausgedehnten gesellschaftlichen Kontakt zu ermöglichen.”403

Zeitweilig, besonders zur Sommerzeit, in der die Thermen als alternativer

Ort antiker Stadtöffentlichkeit weniger bedeutsam waren, wurden

die auf der Mittelachse liegenden repräsentativen Bereiche der Kaiserthermen

geschlossen. Die zu beiden Seiten der betroffenen Räume befindlichen

Baderäume wurden in diesem Fall von Männern und Frauen

separat benutzt, als seien sie zwei vollständig voneinander getrennte

Einrichtungen.

Alltagsöffentlichkeit

Zeugnisse, die auf Räume der Alltagsöffentlichkeit hinweisen könnten,

sind äußerst spärlich. Da sie für den Verlauf der römischen Politik und

Geschichte nicht von Bedeutung waren, sind archäologische Zeugnisse

schwer auszumachen und lassen sich meist nicht eindeutig identifizieren.

Hinzu kommt, daß viele Orte, an denen sich Alltagsöffentlichkeit abgespielt

haben könnte, gar nicht befestigt waren und demzufolge auch

keine architektonischen Zeugnisse hinterlassen konnten. Die Möglichkeiten,

Alltagsöffentlichkeit in ihren räumlichen Zusammenhängen nachzuweisen,

sind daher sehr begrenzt.

Ein Ort ständigen alltäglichen Austausches waren Markttage, die regelmäßig

überall im römischen Reich abgehalten wurden. Ursprünglich aus

dem Bedürfnis der Landbevölkerung entstanden, ein wenig Abwechslung

in die eintönige Bauernkost zu bringen und sich kleinere Luxusartikel

zu verschaffen, waren sie für die ländlichen Gebiete, die im Umkreis

Roms lagen, weit wichtiger als für die Versorgung der Bevölkerung

der Städte, die zu jeder Zeit alle Produkte erwerben konnte.405 An solchen

Tagen strömte die Bevölkerung der umliegenden Dörfer in die

Stadt, um sich mit Waren zu versorgen.:

. Andererseits boten außerordentliche Märkte den städtischen

Händlern die Möglichkeit, durch Attraktionen eine größere städtische

Käufermenge anzuziehen. Zu diesem Zweck wurden Markttage von

jahrmarktähnlichen Spektakeln, sportlichen und artistischen Wettkämpfen

mit halbreligiösem Charakter, begleitet. Sie zogen die gesamte

städtische Bevölkerung, sämtliche Schichten und sozialen Gruppen an,

und entfalteten als Konzentrationspunkte gesellschaftlicher Zusammenkunft

einen Bereich alltäglicher Öffentlichkeit. Besonders wirkungsvoll

waren Markttage, die sich an öffentliche Feste anschlossen, um auf diese

Weise die einmal versammelte Menschenmasse für die angebotenen

Produkte zu interessieren.

Derartige Markttage (Nundinae) lassen sich in Rom schon für das 2. Jh.

v.u.Z. nachweisen. Inschriften belegen, daß drei Perioden ausgedehnten

Handels (Mercatus) auf die Tage unmittelbar nach den öffentlichen

Spielen folgten. Darüber hinaus nahmen Nundinae und Mercatus Vorrangstellungen

im offiziellen römischen Kalender ein. Zusätzliche

Resonanz erzeugten Markttage, die zum Zeitpunkt politischer Entscheidungen,

wie z.B. wichtiger Gerichtsverhandlungen stattfanden. Daß das

Geschworenengericht des Stadtoberhaupts alle Schichten der römischen

Bevölkerung anzog, belegt das Zitat eines Redners aus dem 2. Jh. u.Z.

“Prozessierende, Geschworene, Redner, Edelleute, Gefolge, Sklaven, Zuhälter, Viehtreiber,

Straßenhändler, Dirnen und Handwerker. Auf diese Weise erzielen Leute, die

etwas zu verkaufen haben, den besten Preis, und nichts in der Stadt steht müßig

herum – weder Zugtiere noch Unterkünfte, noch Frauen – was zu der Wohlhabenheit

in nicht geringem Maße beiträgt; denn überall dort, wo die größten Menschenmassen

zusammenströmen, ist auch notwendigerweise der größte Reichtum, und der Ort

blüht naturgemäß auf.”

Was diesem Redner ausschließlich als Ort wirtschaftlicher Prosperität

erscheint, erweist sich darüber hinaus als allgemeines Kommunikationszentrum

der Bevölkerung. Wo sonst, wenn nicht auf dem Markt bei der

Besorgung benötigter Gegenstände war Zeit für ein Gespräch zwischen

Stadtbewohnern, die zwar nicht am politischen Leben teilnahmen, aber

doch zusammen lebten und daher Bezugsverhältnisse zueinander entwickeln

mußten. Stammkunden und Händler, Freunde und Bekannte oder

auch Fremde konnten hier ins Gespräch kommen. Darüber hinaus bot

der Markt Gelegenheit, Nachrichten auszutauschen. Eine besondere

Rolle können dabei Händler gespielt haben, die mit ihren Waren von

Ort zu Ort zogen und damit gleichzeitig Neuigkeiten aus anderen Gebieten

des Reiches in die Stadt brachten.410 Dieses könnte einen Einfluß auf

die Informationlage und damit auf die Meinungsbildung der Stadtbevölkerung

gehabt haben. Auf diese Weise hätte die alltagsöffentliche Kommunikation

einen Anteil an allgemeinen Stimmungslagen gehabt, die

ihrerseits politische Prozesse indirekt tangieren konnten; der Markt war

insofern eine Basis der städtischen Meinungsbildung.

Wie Pekáry beschreibt, wurden Markttage im Verlauf der Stadtwerdung

Roms in zunehmendem Maße als ständige Märkte in Gebäuden untergebracht

oder von ihrem ursprünglichen Ort – dem Forum – verdrängt. Sie

lassen sich dadurch zwar besser nachweisen, verlieren aber ihren reinen

alltagsöffentlichen Charakter. Durch die Errichtung der Kaiserforen auf

dem Forum Romanum, um die sich das Marktgeschehen gruppierte und

einen baulichen Rahmen fand, wurde jene Sphäre der Alltagsöffentlichkeit

von Elementen vorpolitischer Öffentlichkeit überlagert. Zum einen

dienten die Kaiserforen wie alle öffentlichen Gebäude Roms der Verherrlichung

ihrer Erbauer, zum anderen übernahmen die Gebäude

zusätzliche, über das Marktgeschehen hinausgehende Funktionen.412

Aus Anlage und Nutzung des in den Jahren von 109 bis 113 u.Z. entstandenen

Trajanforums läßt sich die funktionale Vermischung der

verschiedenen Öffentlichkeitssphären ablesen. Der Markt wurde mit

Gebäuden von politischer und vorpolitischer Bedeutung verbunden und

so von verschiedenen Öffentlichkeitssphären belegt. Das Trajansforum,

das das Forum des Caesar mit dem des Augustus verband, bestand aus

einem Gebäudekomplex, der neben den Gebäuden der alltagsöffentlichen

Märkte einen öffentlichen Platz, ein Forum, eine Gerichtsbasilika

und zwei Bibliotheken aufwies.

Die Berührung von politischer und Alltagsöffentlichkeit prägte aber

auch unmittelbar den Bau, der dem Marktgeschehen auf dem Trajansforum

Platz bot. In über 150 Tabernae, die sich über fünf Stockwerke

des das eigentliche Trajansforum umgebenden Ziegelbaus erstreckten,

wurden verschiedenste Produkte angeboten. Während in dem auf der

Höhe des Forums liegenden Erdgeschoß wahrscheinlich Obst und Blumen

verkauft wurden, drängten sich im ersten Stock die von einer Loggia

gesäumten geräumigen Gewölbe mit Lagerbeständen an Wein und Öl.

Feinere und seltenere Waren, etwa Gewürze wie Pfeffer, boten Händler

im zweiten und dritten Stock feil. Das vierte Stockwerk war der kaiserlichen

Verwaltung vorbehalten. Hier befanden sich seit dem zweiten

Jahrhundert die Räume der kaiserlichen Unterstützungsämter (Stationes

Arcariorum Caesarianorum) und der Staatssaal zur Verteilung der

Getreide- und Geldspenden. Als administrativer Bestandteil der Praxis

des Euergetismus gehörten diese Räume zu einer vorpolitischen Öffent-

lichkeit, die die Schnittstelle zur Alltagsöffentlichkeit bildete. Im fünften

Stock befanden sich schließlich die Becken des Fischmarktes, die über

Aquädukte mit Wasser versorgt wurden.

Lange bevor das erste Kaiserforum errichtet wurde, hatte sich der Großund

Fernhandel vom örtlichen Marktgeschehen abgespalten und eigene

Zentren gebildet. Zum einen fanden sich Kaufleute und Handwerker in

Handelsforen, wie z.B. in Ostia (Forum der Korporationen) zusammen,

415 zum anderen eroberten Lagerhäuser jene Stadtteile um die

römischen Häfen.

Handelsforen waren Kontorgebäude, die sich um einen großen freien

Platz gruppierten. In Ostia umgaben auf einer Fläche von 100 Metern

Länge und 80 Metern Breite, von Kolonnadengängen gesäumte, rechteckige

Fluchten mit insgesamt 61 Kammern das Forum. Angeschlossene

Tempel und Theater geben eine Vorstellung von seiner Bedeutung und

erlauben darüber hinaus, die Handelsforen als Zentren des mit repräsentativen

Anteilen durchsetzten alltagsöffentlichen Handels vornehmlich

unter wohlhabenden Bürgern zu bestimmen. Obwohl die Mehrzahl

der Kontore reichen Bürgern gehörten, waren auch kleinere Händler

vertreten, die die in der Regel vier Quadratmeter großen Kontorräume

angemietet hatten.

Alltagsöffentliche Bereiche der unteren Schichten der römischen Bevölkerung

lassen sich eher im Umkreis der Lagerhäuser (Horrae) rund um

die römischen Häfen ausmachen. Obwohl sie den reichen Bewohnern

Roms gehörten, trafen hier doch eine Vielzahl Handwerker, Arbeiter

und Sklaven aufeinander, die für den reibungslosen Ablauf des Warenumschlags

zuständig waren. Hier hatten sie ihre Arbeitsstätten, auf

denen sie gemeinsam die Endverarbeitung der Waren oder Reparatur-

arbeiten an den Gebäuden durchführten. Die Produktpalette der gehandelten

Güter läßt die römischen Häfen Portus und Ostia als Haupthandelszentren

der damaligen Welt erscheinen und auf einen entsprechenden

Bedarf an Arbeitskräften schließen.

In den Lagerhäusern wurden diese Handelsgüter gelagert und weiterverarbeitet,

um sie als Endprodukte an den Verbraucher zu bringen,

teilweise an Ort und Stelle weiterverkauft oder für den weiteren Transport

umgeladen. Der Warenumschlag zog große Massen von Arbeitern

und Handwerkern an, die sich als kleine oder große Händler am Geschäft

beteiligten. In den Kontoren Collegien waren gängige Organisationsformen des alltagsöffentlichen Beziehungsgeflechts, die ihren Zusammenhalt nicht auf Standes-, sondern

auf Berufszugehörigkeit oder eine gemeinsame religiöse Überzeugung

gründeten.419 Diese Zünfte und Bruderschaften setzten sich sowohl

aus freigelassenen und unfreien Angehörigen des verarbeitenden Ge-

werbes (Schuster, Schneider, Seiler, Gerber, Kürschner) als auch aus

Arbeitern zusammen (Maurer, Zimmermänner, Flößer, Treidler und

Sandschlepper). Hier waren Menschen unter sich, die nichts als ihre

Arbeitskraft anzubieten hatten. Frauen waren ausgeschlossen.420 Eine

geringe Aufnahmegebühr ermöglichte dem sozial deklassierten Römer

die Aufnahme in eine solche Vereinigung, deren Sinn darin bestand, sich

beim Barbier, im Bad oder in der Schenke (Caupona) zu treffen und bei

gemeinsamen Gastmählern Zeit miteinander zu verbringen.421 Vor allem

aber bedeutete der Eintritt in eine Collegia für den Einzelnen, daß von

ihm ein Zeugnis über seine physische Existenz hinaus bestehenblieb: aus

den eingenommenen Beiträgen und Spenden der Zunftmitglieder wurden

deren Beerdigungen finanziert.

Obwohl sie aus alltagsöffentlichen Zusammenhängen heraus entstanden

waren, gingen Collegien doch über diesen Bereich hinaus und brachten

auch politische Anteile zum Tragen. Wie sehr sie sich in ihrer Struktur

an der Sphäre politischer Öffentlichkeit in Rom orientierten, offenbart

ein Blick auf ihre Organisation. Genauso wie in der politischen Öffentlichkeit

der Republik mit Senat und Magistraten als zentralen Organen,

gab es auch in den Collegien einen Rat, Funktionäre mit einjähriger

Amtszeit, und – dem Euergetismus der Stadtgrößen gleich – Wohltäter,

die für die Bankette der Bruderschaften aufkamen. Collegien, so urteilt

Paul Veyne, waren “Städte en miniature”. Deshalb zogen sie auch

Verdächtigungen der Kaiser auf sich, die hinter den undurchschaubaren

Treffen ihrer Untertanen stets Revolten witterten. Tatsächlich weist

Veyne auf das “gebündelte Machtpotential” in den Collegien hin und

stellt darüber hinaus fest, daß in der späten Republik Kandidaten, die

sich um öffentliche Ämter bewarben, nicht nur um Unterstützung der

Städte, sondern auch um die der Collegien warben.425 Trotz alledem

sieht Veyne in diesen Zusammenschlüssen das “Zentrum der plebejischen

Privatsphäre”426, da deren Mitglieder ja faktisch von jeder Teilhabe

an politischen Entscheidungen ausgeschlossen waren. Die Rolle der

Collegien während der Entstehung des Prinzipats jedoch beleuchtet

ihren mittelbaren Einfluß auch auf die “großen” Ereignisse der Zeit.

E.M. Štaerman weist darauf hin, daß Caesar und Octavian ihre politische

Laufbahn als Führer der unteren Schichten Roms begannen427. Es

ist bereits oben angedeutet worden, daß der Übergang der tribunicia

potestas, der Gewalt der Volkstribune in die Hände der Caesaren, ein

wichtiger Schritt auf dem Weg zum Kaisertum gewesen ist. Štaerman

stellt vor diesem Hintergrund fest, daß mit der Verleihung dieses Rechtes

nicht nur die Verpflichtung verbunden war, für Belustigung und

Ernährung der Plebs zu sorgen und die Lohnzahlungen für staatliche

Bauarbeiten zu übernehmen, sondern ebenfalls die Wiederherstellung

der Collegien zu garantieren.428 Das bedeutet nicht, daß sich Octavian

nicht auch ohne Erfüllung dieser Forderungen durchgesetzt hätte, verdeutlicht

aber die öffentliche Bedeutung der Collegien in der Übergangszeit.

Vielleicht könnte man sie als eine Art proletarischer Ersatzöffentlichkeit

fassen, die ausgeschlossene männliche Stadtbewohner aus

einer alltagsöffentlichen Sphäre in den Verbund mit anderen politisch

rechtlosen Römern zusammenführte.

Andere Bereiche der Alltagsöffentlichkeit lassen sich aus den Lebensbedingungen

der römischen Stadtbewohner erschließen. Es ist bereits

darauf eingegangen worden, daß die Wohnungen (Cenaculae) der Mietshäuser

weder Toiletten noch einen Wasseranschluß aufwiesen.Auch

die Zubereitung einer warmen Mahlzeit war den Bewohnern nicht möglich,

da die Wohnungen weder Kamin noch Feuerstelle aufwiesen. Sie

waren deshalb gezwungen, aushäusig zu essen und sich mit Wasser an

den zahlreichen öffentlichen Brunnen zu versorgen, die – entlang der

Aquädukte angelegt – sich damit zu Bereichen des alltagsöffentlichen

Kontaktes entwickelten.

Kleine Garküchen, die einem großen Teil der römischen Bevölkerung

zur Versorgung dienten, sind zwar in den Schriften der Zeitgenossen

überliefert, lassen sich aber ebenfalls nicht nachweisen, da sie entweder

in unbefestigten, mitten in den Straßenraum hineingebauten Hütten,

oder in kleinen Tabernae, die keine spezifische Raumstruktur aufwiesen,

untergebracht waren. Im Hinblick auf ihre Funktion kann davon

ausgegangen werden, daß sie, indem sie regelmäßig von einem festen

Kundenkreis besucht wurden, ein Ort alltagsöffentlicher Gespräche und

Zusammenkünfte der breiten Masse der römischen Bevölkerung waren.

Etwas präziser, wenn auch vielleicht aus heutiger Sicht befremdlich,

lassen sich Toiletten als alltagsöffentliche Kommunikationspunkte

bestimmen. Als öffentliche Einrichtungen, die von der Stadt errichtet

und von Gemeindepächtern (Conductores foricarum) verwaltet wurden,

waren sie prunkvoll ausgestattet und konnten gegen geringen Eintritt

von jedermann benutzt werden. Im Gegensatz zu heutigen Einrichtungen

wiesen sie aber keine abgetrennten Kabinen auf – die Toiletten lagen

in einer langen Reihe nebeneinander.

“Genauso wie die Freiluftsitze der Soldaten im Felde waren sie im wahrsten Sinne des

Wortes öffentlich. Ohne irgendwelches Schamgefühl traf man sich dort, unterhielt

sich und nahm Einladungen zum Essen an. […] Andererseits aber waren sie entgegen

unseren Gewohnheiten prunkvoll ausgestattet.”

Auch das Leben des “gewöhnlichen” Römers, der keine politischen

Rechte oder Privilegien besaß, wies Bereiche des privaten Rückzugs und

der alltagsöffentlichen Kommunikation auf. Wenn diese auch für die

Entwicklung Roms von untergeordneter, nur zeitweilig in den großen

Krisen, den Sklavenaufständen der ausgehenden Republik schlagartig

wachsender Bedeutung waren, kann doch nicht ausgeschlossen werden,

daß auch hier Meinungsbildung stattfand. Während der Besorgungen

auf dem Markt, dem täglichen Essen in den Garküchen, den geselligen

Abenden in den Collegien wurden die Ereignisse und Skandale der in

öffentlichem Ansehen stehenden Römer, ihre Freigiebigkeit oder Tyrannei,

thematisiert und besprochen. Hier könnten sich jene Überzeugungen

und Beurteilungen in Ansätzen gebildet haben, die zu den großen

Veranstaltungen, den Gladiatorenkämpfen oder Pferderennen, der

herrschenden Oberschicht Roms, zunächst den Magistraten und dann

den Kaisern, vorgetragen und eingefordert wurden.

 

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