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Die Metropole am Bosporus ist Kulturhauptstadt.

Die Metropole am Bosporus ist Kulturhauptstadt. Doch vor allem ist sie die Hauptstadt vieler Kulturen 

Istanbul wird als Kulturhauptstadt des Jahres 2010 die europäische Kultur mit einer Dimension bereichern, die in Europa noch keine tiefe Wurzeln hat: die orientalische Dimension. Im Gegensatz zur jüdischen Tradition und Kultur, die in Europa tief verankert sind, ist die orientalische Kultur den Europäern fast völlig unbekannt. Die Kulturhauptstadt Istanbul kommt also sehr gelegen in einer Zeit, in der wir uns nolens volens mit dem Islam auseinandersetzen müssen.

Der Fremde, der zum ersten Mal nach Istanbul kommt, entdeckt überall den Orient, sei es als Byzanz oder als Osmanisches Reich. Fast 90 Jahre Türkische Republik, in denen der Integrationsprozess der Türkei in den Westen abgeschlossen wurde, konnten die Dominanz des Orients in Istanbul nicht beseitigen. Vielleicht liegt das an der Einzigartigkeit der Stadt. Istanbul ging über Nacht von der Hauptstadt des byzantinischen Reiches – Konstantinopel – in die Hauptstadt des Osmanischen Reichs – Istanbul – über, ohne dass der Stadt ein Haar gekrümmt wurde, und mit einer Haltung, die fast an das heutige „business as usual“ grenzt.

Islam und Christentum existieren nirgendwo sonst auf der Welt so dicht nebeneinander. Das ist vor allem die Folge eines orientalischen Pluralismus. Denn auch die christlichen Kirchen, die griechisch-orthodoxe und die armenisch-gregorianische, sind östliche Religionen. Es bleibt eine offene Frage, ob dieses Zusammenleben von Kulturen mit einer westlichen Religion, etwa der katholischen, möglich gewesen wäre. Die Geschichte der Stadt liefert auf jeden Fall ein Beispiel dafür. Die größte Zerstörung hat das byzantinische Konstantinopel nicht nach der Eroberung der Stadt von den Osmanen erlebt, sondern 1204 von den katholischen Kreuzfahrern und den Venezianern, denen die orthodoxe Religion weitaus mehr verhasst war als den Muslimen. Die Erinnerung an die Verwüstung der Stadt und die unzähligen menschlichen Opfer saßen so tief im Bewusstsein der Byzantiner, dass sie zweieinhalb Jahrhunderte später die Eroberung der Stadt durch die Osmanen als das kleinere Übel betrachteten.

Die kulturelle Vielfalt von Istanbul rührt von den diversen Nationen her, die die Stadt seit Jahrhunderten bewohnen. Diese Minderheiten haben die Kultur der Stadt zutiefst geprägt. Das erkennt man am einfachsten an den verschiedenen Sprachen, die in der Stadt gesprochen werden. Als ich Ende der Vierzigerjahre mein Gymnasial-Studium im österreichischen Sankt-Georg-Kolleg begann, musste ich, um in die Schule zu kommen, durch den Stadtteil Kuledibi, der damals ein fast ausschließlich jüdisches Viertel war. Ich hörte neben Türkisch fast nur noch das Ladino, die Mundart der Sepharden. Im Stadtteil Kurtulus, wo meine Familie wohnte, sprach man außer Türkisch überwiegend Griechisch und zum Teil auch Armenisch. So erging es vielen Stadtvierteln. Balat am Goldenen Horn war ein jüdisches Viertel, aber Fener auf der anderen Seite, wo das Ökumenische Patriarchat seinen Sitz hat, war ein griechisches Quartier. Dagegen waren Samatya oder Bakirköy griechisch-armenische Stadtteile.

Der Schmelztiegel dieses Sprachgewirrs war die Istiklal Straße, die zentrale Einkaufsstraße und Promenade im Stadtteil Beyoglu. Wenn ein Passant in der Istiklal Straße Richtung Taksim Platz spazierte, hörte er gleichzeitig Türkisch, Griechisch, Armenisch und Ladino, aber auch Französisch und Italienisch. Istanbul war Ende der Vierziger-, Anfang der Fünfzigerjahre ein Sonderfall der Multinationalität, so dass der Mann auf der Straße gar nicht aufmerkte, als diese verschiedenen Sprachen gesprochen wurden. Das Sprachengewirr gehörte zu seinem Alltag.

Der Begriff „Istanbuler“ kommt aus dieser Diversität. Istanbuler ist weder eine Ortsbezeichnung, noch hat er mit der Geburt oder direkt mit den Familienursprüngen etwas zu tun. Vielmehr nennen sich Istanbuler jene Bewohner der Stadt, welche deren langjährige Geschichte und Kultur von der byzantinischen bis zur osmanischen Zeit als ein kontinuierliches Ganzes verinnerlicht haben. Diese alteingesessenen Einwohner, ob Türken, Armenier, Griechen oder Juden, nennen sich zuerst Istanbuler, weil sie Istanbul mehr geprägt hat als ihre nationale oder religiöse Zugehörigkeit.

Mehrere türkische Autoren haben über dieses besondere Verhältnis der Istanbuler zu Ihrer Stadt berichtet. Zwar ist das (zumindest in Deutschland) bekannteste von diesen Werken „Istanbul“ von Orhan Pamuk, aber mir gefallen die Romane von Ahmet Hamdi Tanpinar viel besser. Einen wichtigen Beitrag liefert der Roman von Mario Levi „Istanbul ist ein Märchen“, der nicht nur das Leben der Juden, sondern auch das (Zusammen-)Leben der Minderheiten miteinander thematisiert.

Istanbul ist eine der wenigen Städte in der langen (und teilweise auch sehr fragwürdigen) Reihe von Kulturhauptstädten, die statt „Europäische Kulturhauptstadt“ besser „Hauptstadt der Kulturen“ genannt werden sollte. Doch die Verwahrung und Pflege dieser kulturellen Vielfalt war ein Werk des Osmanischen Reichs, nicht der Republik Türkei. Das distanzierte, ja fast misstrauische Verhalten gegenüber der kulturellen Vielfalt und den Minderheiten fing schon bei den Jungtürken an. Sie kämpften für einen türkischen Nationalstaat und waren von dieser Mischkultur nicht besonders beeindruckt.

In der osmanischen Zeit war Istanbul zwar das Zentrum, aber keinesfalls die einzige Stadt mit nationaler und kultureller Vielfalt. David Ben Gurion, einer der Gründerväter von Israel und sein erster Premierminister, ging im Jahre 1911 aus dem osmanischen Palästina nach Thessaloniki, um dort Türkisch (!) zu lernen, und er nannte Thessaloniki „eine jüdische Stadt ohne ihresgleichen auf der Welt“.

Die Gründung der Türkischen Republik im Jahre 1923 war mit den Ideen eines laizistischen Nationalstaates im Sinne der Jungtürken eng verbunden und bedeutete auch den Bruch mit der osmanischen Tradition. Schon die Wahl von Ankara, damals ein regelrechtes Provinznest, zur Hauptstadt des neuen Staates, bestätigte diesen Bruch. Das multikulturelle Istanbul war ein Relikt aus der osmanischen Vergangenheit, das in die Geschichte gehörte. Das traf besonders hart die Minderheiten, denn die Nachfolger von Kemal Atatürk betrieben den Prozess der nationalen Vereinheitlichung intensiver, zielstrebiger und auch brutaler voran, vor allem während des Zweiten Weltkriegs, als die Welt weder Zeit noch Augen hatte, um auf die Türkei zu blicken. Aber auch die Istanbuler Türken wurden nicht mit Samthandschuhen angefasst. Sie bekamen bei jedem Anlass zu spüren, wie unbeliebt und suspekt sie dem neuen Regime waren. Die Republik hat versucht, durch die konsequente Förderung der inneren Migration die bildungsbürgerliche Tradition Istanbuls zu untergraben und aus den Istanbuler Türken eine weitere Minderheit zu machen, was ihr langfristig gelungen ist. Die Istanbuler Türken leben heute als Minderheit in ihrer eigenen Stadt fast nur noch in Enklaven.

Der Bruch hatte primär nicht mit Istanbul zu tun, sondern mit der Durchsetzung einer neuen Politik. Dem Osten wurde der Prozess gemacht und die Schuld aufgeladen für die Rückständigkeit des Osmanischen Reichs. Der Westen trat auf die Bühne mit Hut, lateinischem Alphabet und dem Laizismus, verankert in der neuen Verfassung der Republik Türkei.

Die Verschiebung des politischen Zentrums des Landes nach Ankara öffnete der Literatur neue Horizonte. Großstädte wie Istanbul und das levantinische Izmir traten in den Hintergrund, und die während der Zeit der Osmanen verschmähte und ignorierte Provinz rückte nach vorn. Zwischen Mitte der Vierziger- bis zur Mitte der Fünfzigerjahre wuchs eine neue Generation von Autoren heran, die weder Istanbuler noch Absolventen von Elite-Schulen wie Galatasaray oder Robert College waren. Sie kamen aus der Provinz und thematisierten das Leben in den Dörfern und den kleinen Provinzstädten, in denen sie aufgewachsen waren, die Armut, das Unrecht und die Willkür der republikanischen Behörden. Yasar Kemal, der nach Orhan Pamuk vielleicht im Ausland bekannteste türkische Autor kurdischer Herkunft, wie er sich selbst nennt, stammt aus dieser Generation. Das reiche literarische Angebot, das die Türkei auf der Frankfurter Buchmesse 2008 entfaltete, hat seinen Ursprung in dieser Blütezeit der türkischen Prosa.

Dagegen die Lyrik nach wie vor Istanbul verhaftet. Alle bedeutenden Lyriker der Nachkriegsgeneration waren Istanbuler. Das lyrische Werk von Orhan Veli, Melih Cevdet Anday und Oktay Rifat, den ich als einen der wichtigsten Dichter des 20. Jahrhunderts schätze, ist ohne Istanbul fast undenkbar.

Vom sprachlichen Reichtum Istanbuls ist wenig geblieben. Wenn man heute durch die Istiklal Straße schlendert, hört man fast nur noch Türkisch. Und in Thessaloniki hört man nur noch Griechisch, wenn auch aus anderen Gründen. Würde David Ben Gurion heute nach Thessaloniki kommen, hätte er weder Türkisch lernen noch die Stadt als jüdische Metropole erkennen können. Aus Thessaloniki ist eine fast gänzlich griechische Stadt geworden.

Das große Verdienst von Istanbul ist aber, dass es seine orientalische Mischkultur trotz alledem bewahrt hat. Wäre Istanbul Hauptstadt der Türkischen Republik geblieben, dann wäre die Türkei heute wahrscheinlich ein anderes Land. Aber gerade das wollte Kemal Atatürk vermeiden.

 Welt Online:  Europa braucht den Orient – wenn er so ist wie Istanbul

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