Christentum

Die Geburt des Christentums

 Der Mann ist aufs Äußerste gereizt. Diese Christen mit ihrem »perversen, maßlosen Aberglauben«   gehen   ihm zunehmend auf die Nerven. Deshalb schreibt er im Som­mer des Jahres 112 einen Brief an Kaiser Trajan, mit der Bitte um Anweisungen, wie er mit diesen Leuten verfahren soll. Der Mann heißt Plinius, ist römischer Statthalter in Bithynien am Schwarzen Meer und wartet nun ungeduldig l auf Antwort…

Nutzen wir die Zeit für einen Rückblick:  Nach dem Tod Jesu (etwa im Jahr 30) scharen sich seine Anhänger um den galiläischen Fischer Petrus, später übernimmt Jakobus, der Bruder von Jesus, die Führung. Aber schon bald bil­den sich zwei Parteien: Die »Hebräer« fordern, dass Mitglieder der christlichen Gemeinde l zunächst zum Judentum übertreten müssen. Die »Griechen« halten diesen Umweg für unnötig. Ihr prominentester Sprecher ist Paulus von Tarsus. Die Spannungen zwischen den Parteien l werden immer größer. Die Gemeinden der »griechischen Partei« sind zwar verstreut im  Römischen Reich, trotzdem bleibt Jerusalem f Zentrum des neuen Glaubens.

Dann geschieht eine Katastrophe, die eine völlig neue Wendung bringt. Die Juden erhe­ben sich gegen die römischen Besatzer, ein mörderischer Krieg beginnt. Am Ende, im Jahr 70, erobern die Römer nach einem brutalen Straßenkampf Jerusalem. Die Bürger werden zu Tausenden in die Sklaverei verkauft oder ver­jagt. Die Stadt wird dem Erdboden gleichge­macht, der Tempel ist nur noch ein rauchender  Trümmerhaufen,

Es ist ein Schicksalsjahr, nicht nur für die  Juden, sondern auch für die Christen. Beide  verlieren mit der Zerstörung der Stadt und des Tempels ihren Mittelpunkt. Für die »Hebräer«, die am Judentum festhalten, ist es der Untergang; sie versinken in die Bedeutungslosigkeit. Die »Griechen« können den Verlust des  Tempels besser verkraften. Paulus hat ihnen immer wieder gesagt, dass sie einen Tempel aus Stein gar nicht brauchen. Der wahre Tempel des Herrn sei der Leib eines jeden Christen – ein  ganz neuer Gedanke, der sich nun durchsetzt. Bleibt die Frage: Wer übernimmt jetzt die Führung der Christen? Zu den Ersten, die  Anspruch darauf anmelden, gehören die Füh­rer der römischen Gemeinde. Sofort erhebt sich

| Widerspruch. Wieso Rom? Andere Gemein­den können immerhin darauf verweisen, dass sie von einem Apostel gegründet wurden oder Reliquien besitzen. Tatsächlich hat die römische Gemeinde nichts in der Hand, und so pocht sie auf ihren einzigen, den Standort-Vorteil: Sie befindet sich in der Hauptstadt, im Zentrum der Macht. Aber damit kommt sie nicht durch.

Auch die durch nichts zu beweisende Behauptung, dass Petrus in Rom gestorben sei, zieht nicht. Wenn Roms Bischof sich auf das Matthäus-Evangelium beruft, wo Jesus im Kapitel 16 sagt: »Du bist Petrus, und auf diesem Felsen will ich meine Gemeinde bauen« – dann kontern die Gegner mit Kapitel 18, in dem Jesus den Petrus verflucht: »Hebe dich hinweg, Satan! « Nein, die römischen Bischöfe haben kein Glück, und es wird noch Jahr­hunderte dauern, bis ihre Stunde kommt.

DIE ZERSTÖRUNG JERUSALEMS hat noch eine andere, folgenschwere Wirkung. Lei­se Zweifel melden sich. Steht der von Jesus und den Aposteln verkündete Weltunter­gang wirklich unmittelbar bevor? Jeder kann doch sehen: Die Macht Roms ist un­gebrochen, die Großeltern und Eltern sind gestorben, Kinder und Enkelkinder wer­den geboren – die Welt dreht sich weiter.

Aus dieser Erfahrung heraus wächst der Wunsch, aufzuschreiben, was damals geschehen ist, damit auch die Kinder der Enkelkinder davon erfahren. So entstehen zwischen 70 und 100 n. Chr. vier Bücher; die zur Heiligen Schrift des Christentums werden – die Evangelien. Zugeschrieben sind sie vier Männern, deren Namen wir zwar kennen, nicht aber ihre Identität.

Den Anfang macht Markus; von ihm heißt es, dass er Petrus noch gekannt hat. Ob das stimmt oder nicht, jedenfalls kann er sich nur auf mündliche Aussagen stüt­zen, Geschriebenes gibt es nichts, außer den Briefen von Paulus. Aber mit denen kann er nicht viel anfangen, denn erstaun­licherweise kommt der Mensch Jesus da­rin kaum vor. Diese merkwürdige Abwe­senheit Jesu hat einen besonderen Grund; wir kommen noch darauf zurück.

Markus kann auch keine Historiker zitieren; es gibt nicht einen einzigen zeit­genössischen Schriftsteller, der über Jesus berichtet. Sogar Josephus von Tiberias, ein jüngerer Zeitgenosse und Landsmann von Jesus – er wohnt nicht weit von Kapernaum – erwähnt Jesus in seiner jüdischen

Geschichte nur in einem Nebensatz. Die­ses Schweigen der Zeitgenossen nährt bis heute den Verdacht: Jesus von Nazareth hat in Wahrheit nie gelebt, er ist nur ein Mythos, ein Gespinst aus frommen Wunschvorstellungen. Aber selbst wenn dies stimmt – ist es denn so wichtig? Ändert es etwas an der Geschichte? Wenn wir der Definition »Wirklichkeit ist, was wirkt« folgen, spielt es keine Rolle, ob Jesus gelebt hat oder nicht. Entscheidend ist seine Wir­kung. Und die war weltbewegend.

Markus macht sich nun daran, die mündlichen Überlieferungen zu sammeln, zu ordnen und sie in eine Chronologie zu bringen. So entsteht die erste Jesus-Biografie. Auffallend dabei ist: Sie berichtet über einen Menschen. Über einen unge­wöhnlichen Menschen mit klugen Gedan­ken und erstaunlichen Fähigkeiten, mit denen er Kranke heilt und Schwachen Mut macht. Sie sind dafür dankbar, und einige nennen ihn ehrfürchtig »Sohn Gottes«. Das ist aber für die ersten Leser dieser Bio­grafie nichts Spektakuläres; auch Pythagoras, Platon und Kaiser Augustus gibt man diesen Ehrentitel. Bei Markus ist Jesus zwar eine außerordentliche Persönlichkeit, die sich aber durchaus menschlich verhält: Er kann ärgerlich werden, ist ungeduldig, ängstlich und verzweifelt. Er spricht mit den Menschen ganz normal und stellt auch ganz normale Fragen, z.B. bei der Spei­sung der Fünftausend: »Wie viele Brote habt ihr denn? Schaut doch mal nach. « Oder bei der Heilung eines Jungen:»Wie lange ist er denn schon krank? « Keine Rede von göttlicher Allwissenheit.

Und die Wunder? Nun, Wundertätig­keit ist für die Menschen dieser Zeit ein Ausdruck für die Besonderheit eines Men­schen. Wunder sind in diesem Sinne etwas Selbstverständliches- und keineswegs ein­zigartig. Auch Joshua und der Prophet Elias gehen im Alten Testament über das Wasser, und der »Mann Gottes« Elisa speist hundert Männer mit nur 20 Broten. Und die römischen Kaiser, jeder weiß es, kann ebenfalls Wunder vollbringen; allein durch die Berührung ihres Gewandes wer­den Kranke gesund. Wunder, selbst Toten-Erweckungen, sind nicht Göttern vorbe­halten. Kurz: Markus erzählt die Geschich­te eines bewunderungswürdigen Men­schen.

Etwa zehn Jahre später macht sich ein gewisser Matthäus an die Arbeit. Und schon beginnt, noch vorsichtig, ein bedeu­tungsvoller Prozess: die Vergöttlichung Jesu. Matthäus, der den größten Teil des Markus-Evangeliums übernimmt, fängt an umzuschreiben, neu zu schreiben, hin­zuzufügen. Und Unpassendes wegzulas­sen, z. B. die ganz normalen Fragen, die Jesus noch im Markus-Evangelium stellt. Bei Matthäus fragt Jesus nicht mehr, er kennt bereits die Antworten.

Der nächste Evangelist, Lukas (um 90 n. Chr.), schreibt die Vergöttlichung fort -und bei Johannes schließlich (frühestens 100 n. Chr.) ist sie vollendet. Beispiele: Bei Markus sagt Jesus zu einem reichen Mann noch: »Wieso nennst du mich gut? Nie­mand ist gut, außer Gott! « Bei Johannes dagegen sieht der makellose, göttliche Jesus in die Runde und spricht: »Gibt es einen unter euch, der mir eine Sünde vorwerfen kann? « – Bei Markus schreit der gekreu­zigte, gequälte Jesus: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? « Da stirbt ein verzweifelter Mensch. Bei Johan­nes spricht ein Gott, der sich aus eigenem Entschluss für die Menschen am Kreuz opfert, in ruhiger Erhabenheit: »Es ist voll­bracht, «

TATSÄCHLICH sprechen Markus und Johannes von zwei ganz unterschiedlichen Personen. Markus berichtet über den Zim­mermannssohn aus Nazareth; Johannes dagegen schreibt über den göttlichen »Menschensohn« – und damit sind wir wieder bei Paulus. Es ist sein Jesus, der im Johannes-Evangelium dargestellt wird. Dieser »paulinische Jesus« hat nur wenig mit dem Zimmermannssohn zu tun, son­dern hat seinen Ursprung im Alten Testa­ment, im Buch Daniel (7,13): »… es kam einer mit den Wolken des Himmels wie ein Menschensohn und gelangte zu dem Uralten und ward vor ihm gebracht. Der gab ihm Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker… dienen sollten. Seine Macht ist ewig, vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende. «

Dieser Menschensohn ist für Paulus der Christus (»der Gesalbte«), er ist der Weltenherrscher seit ewig. Der Zimmer­mannssohn Jesus ist für Paulus die mensch­liche Hülle seines Christus. Entscheidend für Paulus ist, dass Christus auf die Erde gekommen ist, die Menschen erlöst hat und nun in kürzester Zeit wiederkommen wird, um sein Reich zu errichten. Deshalb ist das, was der Zimmermannssohn im Einzelnen sagte und tat, für ihn nicht so wichtig. Darum auch diese merkwürdige Jesus-Abwesenheit in seinen Briefen.

Es gibt also 70 Jahre nach dem Tod Jesu zwei Jesus-Bilder – den menschlichen Jesus von Nazareth und einen göttlichen Chris­tus. Unsere heurige Vorstellung von Jesus Christus ist in Wahrheit das Ergebnis einer Verschmelzung von zwei Personen.

Es ist keineswegs so, dass alle Christen damit einverstanden gewesen sind. Gera­de die einfachen Leute wehren sich. Sie wollen den Zimmermannssohn, der einer von ihnen ist, den sie verstehen und mit dem sie sich identifizieren können. Mit die­sem, wie sie meinen, weit hergeholten paulinischen Christus, den schon Petrus nicht verstanden hat und viel zu kompliziert fand, können sie nichts anfangen. Ein erbit­terter Streit bricht los, mit gegenseitigen Beschimpfungen, Verwünschungen und Verleumdungen wüstester Art. Wieder spaltet sich die Christenheit, neue Sekten entstehen und jede kocht ihr eigenes Süppchen, 200  Jahre dauert dieser Streit, bis einer kommt und ein Machtwort spricht. Es ist pikanterweise ein römischer Kaiser – und dazu noch ein Heide: Kons­tantin der Große. Wir werden noch auf ihn zu sprechen kommen.

Wie gesagt, die einfachen Leute halten an ihrem Zimmermannssohn fest, hoch­gestochene Theologie ist nicht ihre Sache. Sie erzählen sich lieber ergreifende, mit­unter abenteuerliche Geschichten aus sei­nem Leben. Ein Teil davon ist erhalten geblieben in den »Apokryphen«, den »ver­borgenen« Schriften. Es kursieren zahllo­se Evangelien, und alle erheben den Anspruch auf Wahrheit. 300 Jahre dauert es, bis aus diesem Wirrwarr der Kanon (= Richtschnur) entsteht, das Neue Testa­ment also mit seinen 27 Schriften (wie wir es heute kennen). Das beschließt die Sy­node in Rom im Jahr 581.

Zurück ins z. Jahrhundert. Die Zwei­fel daran, dass der Weltuntergang unmit­telbar bevorsteht, werden immer lauter. Inzwischen hat sich bereits die erste Führungsschicht der Christen gebildet. Es sind die Episkopoi (= Aufseher) der Gemeinden, die Bischöfe. Sie müssen mit ansehen, wie ihre Schäfchen ihnen davon­laufen, weil es mit dem Weltuntergang offenbar nichts wird. Wie ist das Ausblei­ben des Endes zu erklären?

Eine neue Idee entsteht: Der Weltunter­gang kommt, das ist gewiss! – aber noch wartet Gott damit, um möglichst vielen Menschen die Chance zu geben, zum rech­ten Glauben zu finden, damit sie gerettet werden. Und wenn die Apostel verkündet haben, dass die letzten Tage bereits gekom­men seien, dann müsse man das so ver­stehen, dass ja vor Gott — wie es in einem Psalm heißt -tausend Jahre wie ein Tag sei­en.

ÜBERDIES: Das versprochene »Reich Gottes«, das ursprünglich für die Gläubi­gen das »Himmelreich« auf Erden bedeu­tete – diese beiden Begriffe werden jetzt getrennt. Das »Reich Gottes« ist bereits gekommen, heißt es nun; es ist in uns und wird repräsentiert durch die Kirche, die die Gläubigen auf den rechten Weg führt zum »Himmelreich« – das jetzt allerdings erst im Jenseits zu erwarten ist.

Diese Wendung bringt gleich zwei Vor­teile. Erstens befreit sie die Bischöfe aus der Erklärungsnot (wegen des ausbleiben­den Weltuntergangs); zweitens legitimiert sie die Bischöfe als geistige Führer und stärkt so ihren Einfluss auf die Gemeinde­mitglieder.

So weit, so gut. Aber das Hinausschie­ben des Weltuntergangs erzeugt ein neues, gigantisches Problem: Warten auf den Weltuntergang – das ist kein Programm, damit kann man auf Dauer die Menschen nicht zufrieden stellen. Dieses Warten muss einen Grund haben. Es ist Zeit, dass die Sehnsüchte und Hoffnungen, die sich mit Jesus verbinden, eine Form finden – und eine Lehre entsteht.

Niemand betritt Neuschnee, auch Reli­gionen nicht. Das Judentum schöpfte aus babylonischen und altägyptischen Quel­len, die Römer ließen sich von den Grie­chen inspirieren, und der Islam baute auf der Bibel auf. Die Christen nun nähren sich aus dem jüdischen Alten Testament und den Mythen und Schriften anderer großer Religionen.

Einer der überraschendsten Paten des Christentums ist – Herkules. Wir kennen ihn heute nur noch als Muskelprotz, der sich mit diversen Tyrannen prügelt. Aber selbst beim albernsten Hollywood-Film schimmert noch durch, wer er einmal war: der Gott Herakles, der »große Wohltäter« und »Friedensbringer« für die ganze Menschheit, er ist »Gottes Sohn« und »Retter der Welt«. Auch Herakles voll­bringt erstaunliche Wunder, er wandelt über dem Wasser und fährt zum Himmel auf. Die Gläubigen der Herakles-Religion nennen ihn den »Logos«, und es heißt in einer Schrift: »Denn nicht um zu schaden oder zu strafen, sondern um zu retten ist der Logos da. « Bei Johannes heißt es: »Denn nicht hat Gott seinen Sohn in die Welt gesandt, um die Welt zu richten, son­dern damit die Welt durch ihn gerettet wer­de. « Und: Johannes beginnt sein Evange­lium mit dem Satz: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. « Ein mysteriöses Satz. Aber wenn wir »das Wort« ins Griechische über­setzen, dann wird er verständlich, denn »das Wort« heißt: »Logos«. Bei Johannes ist (der paulinische) Jesus der »Logos « – und dann lesen wir:»Im Anfang war Jesus, und Jesus war bei Gott, und Gott war Jesus. « Es wurde viel geschrieben über die Ver­wandtschaft von Herakles und Christus, am schönsten hat es der Dichter Hölder­lin ausgedrückt. Er nennt Jesus »Herakles‘ Bruder«.

Eine andere Quelle der Inspiration ist Dionysos, der im Laufe der Jahrhunderte in unserem Gedächtnis heruntergekom­men ist zu einem ständig besoffenen Gott, der nichts als Orgien im Kopf hat. Tatsäch­lich aber ist er das Idol einer weit verbrei­teten Religion, die ihn verehrt als Gottes­sohn in Menschengestalt, der Kranke heilt und den Menschen Freude bringt. Diony­sos ist »der Weinstock« (bei Johannes ist Jesus »der wahre Weinstock«), und er ver­wandelt Wasser in Wein, wie der griechi­sche Dichter Euripides etwa 450 Jahre v. Chr. berichtet. Später wird bei der Hoch­zeit von Kanaan Jesus dieses Wunder tun. Und auch Dionysos muss einen grausamen Tod erleiden; sein Leib wird von den Tita­nen in Stücke gerissen, aber Dionysos ersteht wieder auf, denn er ist »Herr über Leben und Tod«; sein Leib wird gegessen und sein Blut getrunken, um eins zu wer­den mit dem unsterblichen Gott.

Die Vorstellung, sich auf diese Art mit Gott zu vereinigen, wird später in die christliche heilige Kommunion einfließen. Die Transsubsfantiation, d. h. die Ver­wandlung der Substanzen von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi, wird zunächst nur von einer christlichen Sekte, den valentinianischen Markosiern, gefei­ert. Der heilige Irenäus, Kirchenlehrer und führender Theologe seiner Zeit (z. Jh.), ver­dammt diese Vorstellung als volkstümli­chen Aberglauben. Wieder bricht ein Streit los; aber nach etwa tausend Jahren ist die Verwandlungs-Idee bei den Gläubigen so stark, dass der Papst eine Entscheidung treffen muss. Im Jahr 1215 erklärt Innozenz III. beim 4. Laterankonzil die Abend­mahlslehre der Markosier zum Dogma (Glaubenssatz) der katholischen Kirche. Die Entwicklung der eigenen Lehre ist für die Christen ein langet, oft schmerz­hafter Prozess, begleitet von gegenseitiger Verdammung, Exkommunikation und Verbannung. Dass die Kirche diese schwe­re Geburt überlebt hat, verdankt sie einer geradezu überirdischen Anpassungsfähig­keit.

SIE ZEIGT SICH bereits in den Evangelien. Man will es sich mit den Römern nicht verderben, deshalb schiebt man den Juden die Schuld an Jesu Tod in die Schuhe. Der römische Statthalter Pilatus spricht das Todesurteil nur deshalb aus, weil er von den Juden erpresst wird. Eine Darstellung, die später als Rechtfertigung für die schlimmsten Verbrechen gegen die Juden benutzt wird.

Anpassung – das gilt auch für die eige­nen Gläubigen. Als die Christen noch eine Weltuntergangssekte sind, stört sich (unter den Christen!) niemand daran, dass die Gemeinden zum größten Teil aus den Underdogs der Gesellschaft bestehen: Bett­ler, Kranke, Behinderte, Sklaven – oder Menschen, die Trost und Hilfe suchen. Sie kommen gern, nicht zuletzt wegen des gemeinsamen Abendmahls, bei dem sie sich satt essen können. Die meisten sind sicherlich redliche Leute, aber – die geisti­ge Elite ist es nicht. Und wenn sie andere bekehren wollen, fühlen sich die gebilde­ten Heiden oft peinlich berührt – und haben nur Spott für diese eifernden Chris­ten. Der Schriftsteller Celsius schreibt (ca. 180) höhnisch über sie: »Ein Chor von Fröschen sitzt im Sumpf und quakt: Um unseretwillen ist die Welt geschaffen«.

Ja, die Christen haben einen miserablen Ruf. Sogar Kirchenlehrer Tertullian (ca. 160 – 2.2.5 n– Chr.) schreibt, dass die Mehr­heit der Christen aus »Idioten« besteht. Es muss sich etwas ändern, damit man end­lich ernst genommen wird. Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch: Wenn wir mit den heidnischen Philosophen konkur­rieren wollen, dann müssen wir sie erst einmal kennen, damit wir über sie reden -und sie widerlegen können.

So geschieht es auch. Und dabei, was gar nicht beabsichtigt ist, fließt wieder grie­chisches und römisches Gedankengut in die christliche Lehre. Mehr noch: Dieses Studium hat eine fast hymnische Vereh­rung für Platon, Aristoteles und Pythagoras zur Folge; dass wir ihre und die Schrif­ten anderer Philosophen heute kennen, haben wir dem Christentum zu verdanken. Wie auch immer, mit der Zeit ändert sich das Image: Man beginnt, die Christen tatsächlich ernst zu nehmen.

Die Bereitschaft zur Anpassung geht so weit, dass der römische Bischof Kailist im Jahr 218 per Erlass »Frauen vornehmen Standes einen Beischläfer nach ihrer Wahl« erlaubt »und diesen auch ohne recht­mäßige Ehe als ihren Mann anzusehen«. Damit verstößt er gegen ein bis da hin eher­nes christliches Gesetz: Unzucht, Mord und Abfall vom Glauben sind Sünden, die nur Gott vergeben kann. Wer sich einer die­ser Sünden schuldig macht, wird für immer aus der Kirche ausgestoßen.

Wieder wütender Protest. Wieder eine Spaltung. Die Gegner nennen sich »katheroi« (die Reinen), woraus später das deutsche Wort »Ketzer« wird. Man mag Kallist Leichtfertigkeit vorwerfen, aber er rettet damit die Kirche…

Das bringt uns zurück zu Plinius, dem Statthalter von Bithynien, der im Sommer des Jahres i tz ungeduldig auf die Ant­wort von Kaiser Trajan wartet. Der Kai­ser schreibt, »dass jeder, der leugnet, ein Christ zu sein, und dies durch die Tat beweist, indem er unsere Götter anruft, wegen seiner Reue Verzeihung erhalten soll«. Anonyme Anzeigen seien nicht zu beachten. »Denn das wäre ein schlimmes Beispiel und unserem Zeitalter nicht ange­messen. «

Was ist der Hintergrund? Im römischen Denken gibt es keine Trennung von Staat und Religion. Der Erfolg Roms ist abhän­gig von der Gnade der Götter. Die Römer lassen allen unterworfenen Völkern ihre Götter, aber sie verlangen, um den Erfolg Roms nicht zu gefährden, die Verehrung der römischen Götter. Und damit auch die Verehrung des Kaisers, denn er ist der » Pontifex maximus«, der »große Brücken­bauer« zwischen den Göttern und der Menschen. Daraus folgt: Wer sich der Ver­ehrung der römischen Götter verweigert, der verweigert sich auch dem römischen Staat.

In der Geschichte wird oft gesprochen von blutrünstigen Christenverfolgungen mit Tausenden von Märtyrern. Tatsächlich gingen die Kaiser mit den Christen relativ milde um, das wissen wir aus ihren Erlas­sen. Der Versuch, die Christen einzu­schüchtern und zur Loyalität dem Staat gegenüber zu zwingen, gelingt. Die Chris­ten laufen scharenweise davon, nur ver­schwindend wenige bleiben standhaft. Die meisten sprechen das geforderte Gebet zu den Göttern, oft reicht auch nur das Schwingen des Weihrauchfasses – und die Sache ist erledigt. Das Problem: Nach dem bisherigen christlichen Gesetz sind sie damit vom Glauben abgefallen – und des­halb auf ewig aus der Gemeinde ausge­schlossen. Die Gemeinden schrumpfen so sehr, dass es fast das Aus für das Chris­tentum bedeutet hätte. Wieder einmal. Und wieder kommt es ganz anders. Dank Bischof Kaliist.

Sein frivoler Erlass hat es möglich gemacht, dass selbst schwerste Vergehen auch von Menschen (!) vergeben werden können. Das ist die Rettung. Allen Chris­ten, die vom Glauben abgefallen sind, wird nun vergeben; sie dürfen zurückkehren in die Gemeinschaft.

Die Vergebung der Sünden erweist sich als ein Meilenstein in der Geschichte des Christentums. Sie spendet den Gläubigen Trost und Erleichterung; sie gibt ihnen die Möglichkeit, sich von Schuld zu befreien – und damit auch von der Angst vor rach­süchtigen Göttern und einem unerbittli­chen Schicksal. Und sie gewährt immer wieder aufs Neue die Gnade und das Wohl­wollen Gottes. Das hat es bis dahin nicht gegeben.

DAS CHRISTENTUM gewinnt an Faszinati­on. Seine Lehre wird immer attraktiver, auch deshalb, weil sie Strömungen und Ideen aufgreift, die in der Luft liegen –l. B. den zaghaft aufkeimenden Individu­alismus. Es gibt nun einen persönlichen Gott, der jeden Menschen kennt und liebt, der sich um ihn sorgt und will, dass es ihm gut geht. Jeder kann sich an ihn wenden und ihn – das hat es vorher so nicht gege­ben-ganz persönlich um Hilfe bitten. Und: Jeder Mensch ist einzigartig! Wenn jemand anfällig ist für eine solche Schmeichelei -dann sicherlich die Intellektuellen. Wen diese Idee nicht gefangen nimmt, der lässt sich von der Hoffnung leiten, dass der lie­bende Gott des Christentums die Men­schen in den lang ersehnten Frieden führt. Das Christentum ist auf der Sieger­straße. Und es hat Glück. Im Jahr 312 kämpft Konstantin der Große in Rom an der Milvischen Brücke gegen seinen Rivalen Maxentius. Nach dem Sieg beginnt Konstantin, das Römische Reich neu zu ordnen; die Christen sollen dabei eine ent­scheidende Rolle spielen. Er schenkt dem römischen Bischof den Lateran-Palast, befreit den Klerus von Steuern und stellt die geistliche Rechtsprechung der staatli­chen gleich. Diese und weitere Gunstbe­weise bringen den Christen mehr und mehr Ansehen, sie werden hoffähig. Konstantin tut dies nicht, weil er gläubig geworden wäre; seine Taufe auf dem Sterbebett ist eine Legende. Er ist römischer Kaiser, auch in seinem Denken: Die enge Verbindung von Staat und Gott ist notwendig für das Wohl des Reiches. Und da es offenbar der Christengott ist, der Zukunft hat, ent­scheidet er sich für das Christentum als einigendes Band seiner Untertanen.

Für die Kirche ein großer Schritt nach vorn, aber alles hat seinen Preis. Konstan­tin, der seinen Regierungssitz nach Kons­tantinopel verlegt, herrscht über die Bischöfe mit derselben Härte wie über sei­ne Beamten. Sein größtes Bestreben ist, nach all den Machtkämpfen wieder Ruhe herzustellen. Deshalb kann er diesen Unru­he stiftenden innerchristlichen Streit, ob Jesus Mensch oder Gott gewesen ist, nicht weiter dulden. Im Jahr 325 ruft er die Bischöfe in seiner Sommerresidenz in Nicäa zusammen – und teilt ihnen seine Entscheidung mit: Jesus ist Gott! Und er zwingt sie, ein Glaubensbekenntnis zu for­mulieren, das – mit einem späteren Zusatz über den Heiligen Geist – noch heute Gül­tigkeit hat. Der Kaiser hat seine Bischöfe fest im Griff. Auch nach seinem Tod (337) ändert sich da­ran nichts.

Konstantins Leiche ist noch warm, da lässt sein Sohn Konstantius II. – um erst gar keine Rivalitäten aufkommen zu las­sen – innerhalb von wenigen Stunden seine beiden Onkel und sieben Vettern ermorden, setzt sich auf den Thron und erklärt den eingeschüchterten Bischöfen: »Was ich will, ist kanonisch!« Konstantius meint es ernst, ebenso seine Nachfol­get Sie sind es, die letztlich darüber ent­scheiden, was Christen zu glauben haben oder nicht.

Am 2,8. Februar 380 erklärt Kaiser Theodosius das Christentum zur Staatsre­ligion. Das ist zweifellos ein gewaltiger Erfolg für die Christen. Aber noch müs­sen sich die Bischöfe vor dem Kaiser nie­derwerfen und ihm die Füße küssen. Auch die Bischöfe von Rom fügen sich – zähneknirschend, denn ihren Anspruch auf die Führerschaft der Christen haben sie nie aufgegeben. Aber jetzt spielt die Musik in Konstantinopel, und der Dirigent ist der oströmische Kaiser. Doch dann: wieder eine überraschende Wendung. Für die römischen Bischöfe kommt unerwartete Hilfe von einem Mann, der ebenfalls ein Auserwählter ist: Mohammed. In seinem und Allahs Namen fegen im 7. Jahrhundert die muslimischen Heere über Asien, Nordafrika und die Ibe­rische Halbinsel. Die Kaiser in Konstantinopel haben alle Hände voll zu tun, um sich zu wehren; sie sind zu geschwächt, um die römischen Bischöfe, wenn nötig, mit Gewalt zur Räson zu bringen.

Das ist die Stunde Roms. Nun erhebt der Bischof wieder die Stimme und for­dert Gehorsam. Die noch vor kurzem so mächtigen Patriarchen in Karthago, Alexandrien und Antiochien widersprechen nicht mehr, sie sind unter der muslimischen Herrschaft stumm geworden. Jetzt blicken die Christen nach Rom.

So beginnt der Aufstieg der römisch­katholischen Päpste – jetzt nennen sie sich selbst »Pontifex maximus«, und sie wer­den eine Macht entfalten, die der eines römischen Kaisers in nichts nachstellt. Die Kir­che triumphiert.

Die Christenheit hat große Gebiete an den Islam verloren, aber die Welt bietet noch genügend Platz. Im Jahr 718 beschließt Papst Gre­gor II., den jungen iri­schen Mönch Wynfried nach Thüringen zu schicken. Dieser Mönch nennt sich später Bonifazius. So kommt das Christentum auch zu uns Deutschen. Und mit ihm jüdische, griechische und römische Ideen, Mythen und Philosophi­en, die unsere Kultur entscheidend prä­gen. Bis heute.

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