Antike Zeiten und Kulturen

Die Antike Bibliotheken

Als der römische Schriftsteller Plinius der Jüngere um das Jahr 100 n. Chr. hörte, daß seine Werke in der gallischen Stadt Lugudunum, dem heutigen Lyon, zu kaufen seien, meinte er verwundert: „Ich wußte gar nicht, daß es in Lugudunum überhaupt Buchhandlungen gibt!“ Aber er zeigte sich erfreut, daß er von den Provinzbewohnern ebenso geschätzt wurde wie von den Stadtrömern.
Die Voraussetzung dafür, daß eine erst vor einem halben Jahrhundert gegründete Provinzstadt sozusagen die Neuerscheinungen im Schaufenster hatte, war ein gut organisierter Buchhandel, der von der Hauptstadt aus die Länder des Römischen Reiches belieferte.

Vervielfältigung im Abschreibsaal

Die Anfänge eines professionellen Buch- und Verlagswesens in Rom gehen auf das erste Jahrhundert vor Christus zurück. Cicero beklagt sich über die schlechten, von Fehlern wimmelnden Abschriften griechischer Werke; er fand dann aber in seinem Freund Titus Pomponius Atticus einen berufenen Förderer, gewissermaßen seinen Verleger. Atticus – diesen Beinamen führte er von seinem langen Aufenthalt in Athen und seinen großzügigen Stiftungen – war ein Freund der Literatur und der Wissenschaften und zugleich ein tüchtiger Geschäftsmann. So gab er sich nicht mit dem üblichen Abschreiben der Texte durch einzelne Haussklaven zufrieden; er schuf ein rationelles Kopierwesen. Zuvor auf ihre Qualität geprüfte Texte wurden in mehreren Sälen jeweils einer Mehrzahl von Schreibern diktiert, die Abschriften wurden wiederum geprüft, bevor sie ihren Weg zur Leserschaft nahmen. Ob Atticus, der neben Cicero noch andere römische Schriftsteller betreute wie Marcus Terentius Varro, einen regelrechten Verlag als Geschäftsunternehmen betrieb oder ob er lediglich gute Manuskripte für Interessenten bereitstellte, ist nicht ohne weiteres zu klären.
Schon durchaus kommerziell ging es bei den Gebrüdern Sosius zu, die Horaz betreuten. Sie schrieben seine Manuskripte ab und verkauften sie, waren also Verlagsbuchhändler. Belehren und unterhalten soll die Dichtung, sagt Horaz in seiner Ars Poetica, der Versepistel über die Dichtkunst, und, so meint er, ein Buch, das dem Leser Vergnügen bereitet und doch Tiefgang hat, das findet allgemeinen Beifall und füllt den Brüdern Sosius die Kasse, es nimmt auch den Weg übers Meer und sichert seinem bekannten Verfasser ein langes Nachleben. Oft mußte sich der Bestsellerautor mit seiner Popularität trösten, denn es gab weder ein Urheber- noch ein Verlagsrecht. Jeder konnte sich – wie ja heute wieder – eine Kopie machen.

Papyrusrollen

Wie sahen nun diese Bücher aus? Es waren Rollen aus Papyrus, aus dem Mark der Papyrusstaude, die in den sumpfigen Gegenden Ägyptens, vor allem im Nildelta, wuchs und von den Ägyptern schon in frühester Zeit als Schreibmaterial verwendet worden war. Aus den Stengeln samt ihrem weichen Mark schnitt man der Länge nach schmale dünne Streifen und fügte sie so aneinander, daß sie sich ein wenig überlappten. Eine zweite Schicht wurde darübergelegt und beide so lange geklopft und gepreßt, bis sie zu einem zusammenhängenden dünnen Blatt geworden waren. Als Klebstoff genügte der Saft der Pflanze. Das Papyrusblatt wurde an der Sonne getrocknet und geglättet. Für kürzere Texte, wie Urkunden, Rechnungen oder Briefe, verwendete man einzelne Blätter, für längere klebte man mehrere Einzelblätter zu einer Rolle zusammen.

Byblos – das Buch und das Alphabet

Diese Rolle hieß griechisch bíblion, daher unser Wort Bibel, das „Buch der Bücher“. Biblion ging zurück auf die phönizische Stadt Byblos, in der Nähe des heutigen Beirut, Hauptumschlagplatz für den aus Ägypten kommenden Papyrus, der dort in großen Ballen verkauft wurde. Die Ägypter schrieben bereits um 3000 v. Chr. auf Papyrus, zum Beispiel ihre berühmten Totenbücher, und die Phönizier profitierten von ihren Handelsbeziehungen mit Ägypten. Sie importierten nicht nur den Papyrus, sondern schufen auch ein höchst brauchbares Alphabet, das die Griechen, die Handelspartner der Phönizier, dann übernahmen. Sie entwickelten es weiter, indem sie der phönizischen Konsonantenschrift Vokale einfügten. Diese griechische Schrift blieb im Gegensatz zu den altorientalischen Schriften nicht auf eine Elite oder eine Schreiberkaste beschränkt, sondern wurde vom ganzen Volk verwendet: eine Voraussetzung für den kulturellen Aufschwung Griechenlands. Die bekannte Dipylonkanne, ein Weinkrug mit einer eingeritzten Alphabetschrift um 740 v. Chr. – die Inschrift für den Sieg bei einem Tanzspiel in Athen .

Verbreitung des Lesens und Schreibens zur Zeit Homers.

Die Papyrusrolle der Griechen und Römer war im allgemeinen sechs bis zehn Meter lang, die Breite betrug 25 bis 30 Zentimeter. Zum Schutz vor Bücherwürmern wurde der Papyrus mit Zedernöl eingerieben, die Schnittflächen der Rolle wurden, um ein Zerfasern des Randes zu verhüten, poliert und eingefärbt. Man schrieb mit schwarzer oder roter Tinte, die aus Ruß oder Ocker mit Wasser und einer Gummilösung hergestellt wurde. Ein Binsen- oder Rohrstengel, der kálamos, mit verschieden feinen Spitzen, diente als Schreibwerkzeug.

„Wälzer“ mit Randbemerkungen und Paragraphen

Die Rolle wurde nicht, wie man vielfach meint und wie es auch in Filmen bisweilen zu sehen ist, von oben nach unten abgerollt, sondern zur Seite hin. Man hielt sie mit der linken Hand fest und rollte sie mit der rechten auf; zur leichteren Handhabung war die Rolle um einen Stab gewickelt, der mit einem Knopf (omphalós) versehen war. Der Text war in einzelnen Spalten, den Kolumnen, abgesetzt und hatte einen breiten Rand. Das bot Platz für Rand- und Zwischenbemerkungen, die Scholien, Glossen oder Marginalien. Einzelne Abschnitte wurden durch ein Zeichen abgetrennt, den Paragraphen. Das Stück mit der fertiggelesenen Textspalte wurde jeweils wieder eingerollt. Von dieser typischen Handhabung des Rollens stammt der Ausdruck volumen, „Wälzer“, für einen Band. Wenn ein Werk wie die Aeneis aus zwölf Büchern besteht, so heißt dies, daß sie auf zwölf Papyrusrollen geschrieben war. Der Autor konnte den Platzbedarf seines Werkes im voraus bedenken und die passenden Zäsuren dazu schaffen.
Nach beendeter Lektüre wurde der Papyrus wie ein Film wieder „zurückgespult“. Die einzelnen Rollen bewahrte man in einem Kasten oder einem Regal auf, einer „Biblio-Theke“.
Vom oberen Rand der Rolle hing ein kleiner Streifen herab, der titulus, mit dem Namen des Autors und des Werkes. Wollte man eine einzelne Rolle verschicken oder auf Reisen mitnehmen, wurde sie verschnürt und versiegelt, je nach ihrer Wichtigkeit auch mehrfach. Sie war dann „ein Buch mit sieben Siegeln“, wie später die Geheime Offenbarung des Johannes.
In Athen waren schon im 5. Jahrhundert v. Chr. Buchrollen im Umlauf, zum Beispiel Kopien eines Exemplars von Homer, das sorgfältig überprüft und von Zusätzen gereinigt war. Dann kamen die Dramen und Komödien dazu, die in Athen beim Theaterwettbewerb der Großen Dionysien aufgeführt und preisgekrönt worden waren. Auch die Schriften der Philosophen waren im Buchhandel in Athen zu kaufen.

Die Bibliothek von Alexandria – Bücherwurms Weltwunder

Bücher zu sammeln war eine Leidenschaft der hellenistischen Herrscher; Aristoteles war einer der ersten Privatpersonen, von denen man weiß, daß sie eine größere Bibliothek besaßen. Die griechischen Gelehrten von Alexandria können den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, die erste Bibliothek für Wissenschafts- und Forschungszwecke eingerichtet zu haben, wobei die Ptolemäerkönige um 280 v. Chr. als Gründer und Mäzene auftraten. Diese Bibliothek war in einem großen Gebäude untergebracht, das Museion hieß: den Musen geweihter Ort. Auch Statuen von Göttern und berühmten Dichtern waren dort aufgestellt: im Museum. Die Verbindung von Museum und Bibliothek ist auch heute noch bekannt, wie in London das British Museum und die British Library mit ihrem berühmten Lesesaal.
Das Museion von Alexandria war gleichzeitig eine Forschungsstätte, eine Akademie. Die Könige beriefen Gelehrte aller Art, die dort, großzügig besoldet und von Steuern befreit, sich in völliger Freiheit ihren Studien widmen konnten. Unter ihnen waren Naturwissenschaftler wie Euklid und Mediziner wie Erasistratos sowie Bibliothekare und Philologen, die alle griechischen Literaturwerke sammelten. Hier wurde systematisch Textkritik und Texterklärung betrieben, auch trug man biographische Einzelheiten über die Autoren zusammen und stellte ihrem Werk jeweils eine Lebensbeschreibung voraus: der Anfang der Biographie.
Man hatte von den wichtigen Autoren, wie von Homer, mehrere Ausgaben, die verglichen wurden. Auf diese Weise erklärt sich die sagenhaft anmutende Zahl von 700 000 Buchrollen, über die das Museion von Alexandria in seiner Blütezeit verfügt haben soll.

„Der mit dem eisernen Sitzfleisch“

Die alexandrinischen Gelehrten verfaßten auch zahlreiche Kommentare, in denen sie das Licht ihrer Gelehrsamkeit leuchten ließen, auch auf die Gefahr hin, den Leser zu ermüden. Didymos, einer der Philologen erhielt den Beinamen Chalkénteros, „der mit dem eisernen Sitzfleisch“. Man nannte ihn auch den „Büchervergesser“, weil er selbst bisweilen den Überblick über die Masse seiner Werke verloren haben soll. Seneca schreibt über ihn: „Der Grammatiker Didymos hat 4000 Bücher geschrieben; er täte mir schon leid, wenn er soviel überflüssiges Zeug auch nur gelesen hätte. In diesen Bänden stellte er Forschungen an über die Heimat Homers, über die wahre Mutter des Aeneas und ähnlich Wissenswertes, das man gleich wieder verlernen müßte, wenn man ’s gewußt hätte – und da bestreitet man noch, das Leben sei lang!“
Doch wir wollen nicht ungerecht sein: Durch den Gelehrtenfleiß der Alexandriner sind uns nicht nur die antiken Texte selbst, sondern auch viele unschätzbare Nachrichten überliefert worden. Ein wichtiges Werk war der Bibliothekskatalog, der im Auszug auf Tafeln an den Wänden der Lesesäle angebracht war. In Buchform umfaßte er – als ein Verfasserlexikon sämtlicher griechischer Autoren – 120 Buchrollen.

Dicke Bücher und kleine Gedichte

Dieses Mammutwerk, das als „der Katalog der Kataloge“ noch durch die Erzählung „Die Bibliothek von Babel“ von Jorge Luis Borges geistert, stammte von Kallimachos, der nicht nur Gelehrter, sondern auch ein bedeutender Dichter war.
Gleichsam als Gegengewicht zu seinen umfangreichen Arbeiten als Bibliothekar pflegte er in seiner Poesie das kleine, aber feine Gedicht. Ihm wird der sprichwörtlich gewordene Stoßseufzer zugeschrieben: „Ein großes Buch, ein großes Übel (Méga bíblion, méga kakón).“
Kallimachos sah auch die Schattenseiten eines großzügig subventionierten Wissenschaftsbetriebes und nahm seine Kollegen mit ihrer Professoreneitelkeit humoristisch aufs Korn. So erinnerte er an die Geschichte von den Sieben Weisen, denen ein kostbarer Becher für den Allerweisesten zugesandt worden war. In ihrer Tafelrunde gab ihn einer an den anderen weiter; keiner dünkte sich weiser als die anderen, und der Becher wurde schließlich dem Gott von Delphi geweiht. Diese Weisen, so Kallimachos, nehme sich leider keiner mehr zum Vorbild. Auch ein Spottvers ist uns überliefert:
Viele werden genährt im volkreichen Ägypten, Bücherkritzler, pausenlos zankend im Vogelkäfig der Musen.

Bücher als Prestigeobjekte

Der Eifer und Sammlerfleiß der Bibliothekare wurde von den Ptolemäerkönigen unterstützt. Agenten durchzogen in ihrem Auftrag ganz Griechenland und Kleinasien, um wertvolle Handschriften aufzustöbern. Bisweilen bewegte man sich etwas außerhalb der Legalität. So hatte man aus Athen das kostbare Archivexemplar der drei großen Tragiker ausgeliehen. Die Athener kannten die Sammelleidenschaft der Alexandriner und ihres Königs und hatten eine horrende Summe als Pfand verlangt. Der König bezahlte sie – es entsprach etwa 70 000 Goldmark – ließ aber das Pfand verfallen und verleibte das gute Stück der Bibliothek von Alexandria ein. Auf den empörten Protest der Athener stellte er ihnen eine Kopie in Aussicht, sorgfältig hergestellt von seinen Spezialisten.
Im Jahr 47 v. Chr. stattete Caesar Alexandria einen kriegerischen Besuch ab. Dabei brach ein Brand aus, der auf die Bibliothek übergriff. So berichten übereinstimmend mehrere antike Schriftsteller, darunter Plutarch, und es besteht kein Grund, daran zu zweifeln. Freilich bedeutete dies nicht das Ende der weltberühmten Forschungsstätte; man kann annehmen, daß die Verluste mit Hilfe der zweiten alexandrinischen Bibliothek, beim Serapeion, wieder behoben wurden, nicht zu vergessen den immensen Gelehrtenfleiß solcher Autoren wie des schon erwähnten Didymos, der um die Zeitenwende am Museion lebte und wirkte.
Alexandria blieb nicht die einzige berühmte Bibliothek. Der ehrgeizige König Eumenes II. von Pergamon in Kleinasien schuf ein Konkurrenzunternehmen, das im 1. Jahrhundert v. Chr. über 200 000 Buchrollen verfügte. Es wird sich noch zeigen, wie wichtig Pergamon für das antike Buchwesen wurde.
Als die Römer die Herrschaft im Mittelmeerraum übernahmen, erbten sie auch die berühmten Bibliotheken und entwickelten bald einen ähnlichen Sammeleifer wie ihre Vorgänger. Bibliotheken und kostbare Bücher wurden zum Statussymbol für die Mächtigen wie für den Bürger, der etwas gelten wollte. Desgleichen bewies sich wieder die betrübliche Tatsache, daß die Leidenschaft für Bücher die Menschen keineswegs besser macht. Von Sulla, dem Feldherrn im ersten der unseligen Bürgerkriege Roms, erzählte man, er habe bei der blutigen Eroberung Athens ganz versunken in den Schätzen eines griechischen Büchersammlers geblättert, und das Wehgeschrei der massakrierten Frauen und Kinder sei gar nicht an seine Ohren gedrungen.
Der Imperator Marcus Antonius wollte seiner Geliebten, der ägyptischen Königin Kleopatra, einen Großteil der Bibliothek von Pergamon zum Geschenk machen – als Ersatz für die durch seinen Vorgänger Caesar verursachten Verluste in Kleopatras Hauptstadt. Ob es wirklich dazu kam, ist ungewiß. Immerhin fand der berühmte Arzt Galenus im 2. Jahrhundert n. Chr. in seiner Heimatstadt Pergamon noch genügend Bücher vor, um dort seine medizinischen Standardwerke zu schreiben.

Die Bibliothek auf dem Palatin

Als Augustus die Bürgerkriege beendet hatte, verschönerte er die Hauptstadt durch glänzende Bauten, darunter die große Bibliothek auf dem Palatin. Sie war in eine griechische und eine römische Abteilung gegliedert und besaß auch Säle für Lesungen – ein Forum für die Dichter, die Schützlinge von Augustus‘ Freund Maecenas. Vergil, Horaz und Properz wurden nun eingeladen, in den Räumen der palatinischen Bibliothek aus ihren Werken vorzutragen, der Beginn der bis in unsere Zeit beliebten „Autorenlesungen“. Die Bibliothek brachte Autoren, Verleger und Publikum zusammen, auch heute noch ein Wunschziel. Für den schüchternen Vergil bedeutete es eine Überwindung, öffentlich aufzutreten und aus seiner Aeneis zu lesen. Andere Autoren genossen die Publicity, und die literarischen Vorträge wurden schließlich zu einem gesellschaftlichen Ereignis, bei dem man dabei sein mußte. Der zur Lesung eingeladene Autor war „in“, man kannte ihn und zitierte aus seinen Werken.

Verfemte Dichter – Zensur für Bücher

Freilich konnte ein Dichter auch plötzlich wieder „out“ sein, wie Ovid, der lange Zeit Roms berühmtester Dichter war. Im Jahr 8 n. Chr. traf ihn der Bannstrahl des Augustus: Ohne Gerichtsurteil wurde er ans Ende der Welt verbannt, an die Küsten des Schwarzen Meeres. Von dort schrieb er Versepisteln an seine Freunde nach Rom, in denen nur andeutungsweise von den Beschuldigungen die Rede ist, die zu der harten Strafe geführt hatten. Ein Vorwurf betraf Ovids Ars amandi, die „Liebeskunst“. Verdammungswürdig sei sie, ein laszives Werk, in dem zum Ehebruch und zur freien Liebe aufgerufen werde – ein Verstoß gegen die von Augustus erlassenen Sittengesetze! Ovid rechtfertigt sich in einem „Offenen Brief“ in Versform und verweist auf den spielerisch-poetischen Charakter seines Werkes; Zudem sei das Thema Liebe schließlich überall zu finden, angefangen bei Homer, der den Ehebruch der Göttin Venus besingt. Gar nicht zu reden von der römischen Geschichte, von Romulus, dem Stammvater Roms, der durchaus nicht im ehelichen Bette gezeugt wurde! Außerdem sei die „Liebeskunst“ schon vor acht Jahren veröffentlicht worden, sie stehe seitdem in allen Bibliotheken, und eine Strafe komme reichlich spät. Doch Augustus blieb unerbittlich, der Poet sah sein geliebtes Rom nie wieder.
Ein klassischer Fall von Zensur, der sich gegen den Dichter als Freigeist richtete, der Sitte und Moral untergrub. Im selben Jahr wie Ovid hatte Augustus auch seine eigene Enkelin Julia wegen Ehebruchs verbannt. Sie war streng nach alter Vätersitte erzogen worden – zu ihrem lockeren Lebenswandel hatten sie wohl solche leichtfertigen Poeten verführt, die sich dann, man kennt das ja, auf die Freiheit der Kunst herausreden wollten!

Untergrundliteratur

Die Bücher Ovids verschwanden aus den Bibliotheken, und seine Klagelieder vom Schwarzen Meer gingen nur im Freundeskreis von Hand zu Hand.
Ohne mich gehst du, mein Büchlein, nach Rom, und ich will es dir gönnen.
Weh mir! Ist deinem Herrn doch diese Reise versagt.
So schickt Ovid seine Buchrolle auf die lange Fahrt. Sie ist nicht geschmückt und gepflegt: nicht mit Zedernholz eingerieben, mit Bimsstein geglättet und in eine bunte Hülle gesteckt – all das hat der arme Verbannte in seiner Gegend am Ende der Welt nicht zur Hand, das Büchlein kommt gewissermaßen im Trauergewand, wie es sich für seinen Verfasser ziemt. Bang fragt sich dieser, ob es wohl noch Leute gibt, die wissen wollen, wie es ihm geht. Aber er hatte noch Freunde, die seine Gedichte eifrig abschrieben und zirkulieren ließen. Mochte der Dichter selbst auch ein Opfer der Zensur bleiben, seine Werke waren unzerstörbar. Noch zu Ovids Lebzeiten kehrten sie in die Bibliotheken zurück, und seine „Metamorphosen“ traten ihren Siegeszug an.

Kaiserliche Autorenlesungen – ein zweifelhafter Genuß

Auch unter den späteren Kaisern wurden Schriftsteller Opfer der Zensur. Geschichtsschreiber büßten sogar mit dem Leben, wenn sie, was nicht zu vermeiden war, historische Persönlichkeiten darstellten, die für Roms Freiheit eingetreten waren. Manche Kaiser huldigten auch selbst den Musen und trugen ihre Werke öffentlich vor, was zur Pein wurde, denn die geladenen Zuhörer mußten stundenlang höchste Ergriffenheit zur Schau tragen – ein Husten oder gar Niesen wurde als Mißfallenskundgebung angesehen. Nero sprang übel um mit einigen, die das richtige Kunstverständnis vermissen ließen. Man hörte von Senatoren, die Sklaven mit einer Trage bereitstehen hatten, um sich als Ohnmächtige heimtragen zu lassen.
Glimpflich ging folgende Begebenheit aus: Während einer Lesung des Kaisers Claudius brach ein besonders korpulenter Zuhörer krachend mit seiner Bank zusammen und erregte ein unbezähmbares Gelächter, das immer wieder ausbrach, zumal Claudius, der selbst miteinstimmte, im Verlauf der Rede mehrfach auf den Vorfall anspielte.

Baden und Lesen

Im zweiten nachchristlichen Jahrhundert, unter den Adoptivkaisern, waren die Verhältnisse liberaler. Trajan erbaute auf seinem großen Forum nicht nur Thermen, sondern auch eine Bibliothek. Das bedeutete eine Popularisierung des Buches und der Literatur, denn man konnte nach dem Aufenthalt im „Erlebnisbad“ hinüberschlendern zur Bibliothek, die Neuerscheinungen zur Hand nehmen und vielleicht eine Lesung hören – ein absolutes Muß, wenn man selbst schrieb – es ging nach dem Motto: Gehst du zu meiner Lesung, komm‘ ich zu deiner!
„Ich soll dir meine Verse vorlesen?“, sagt der Dichter Martial zu einem Kollegen. „Ich habe keine Lust dazu – du willst ja nicht meine hören, sondern dann deine vortragen!“ Es kam vor, daß sich einige Zuhörer aus dem Auditorium in die nahen Tavernen verzogen. Ein Diener gab Bescheid, wenn man an der Manuskriptrolle sehen konnte, daß der Vortragende bald fertig war. Dann kam man möglichst unauffällig herein, um reichen Applaus zu spenden. Manche Autoren gingen auf Nummer sicher und mieteten eine Claque.
Überall in Rom gab es Lesungen, selbst in den Sommerferien, man konnte ihnen nicht entgehen. Ein Freund des Dichters Juvenal zog aufs Land, und der Satiriker zeigte Verständnis: „Wer kann es hier auch aushalten, mit der ständigen Angst vor Bränden, vor dem Einsturz von Häusern und sonstigen Gefahren, einschließlich der unentrinnbaren Dichterlesungen!“ Doch wie sollten die armen Poeten sonst einen Mäzen und einen Verleger finden – Juvenal klagte ja selbst ständig über sein kärgliches Dasein.

Prachtbauten mit Ausleihzeiten

Nicht nur in Rom, sondern überall im römischen Reich entstanden in der Kaiserzeit prächtige Bibliotheken. In Athen ließ Kaiser Hadrian eine zur Universität gehörende Bibliothek erbauen, in Ephesus stiftete der reiche Privatmann Celsus einen mehrgeschossigen Marmorbau, dessen Prunkfassade noch heute zu den Sehenswürdigkeiten gehört. Es waren mehrstöckige Gebäude mit zahlreichen Sälen, Galerien und Umgängen, die möglichst viel Platz für die in Regalen und Schränken untergebrachten Bücher boten. Wandnischen luden zum bequemen Sitzen und ungestörten Studieren ein. Die Bücher durften in Athen nicht nach Hause entliehen werden, in Rom war man großzügiger. Es gab auch bestimmte Öffnungszeiten. Ein gut geschultes Personal besorgte die Neuanschaffung, Ergänzung und Ausbesserung der Bücher. In der Schreiberstube wurden die mit Fernleihe eingetroffenen Texte kopiert und damit der Bestand erweitert. So erfreulich dies für die Leser war, der Autor hatte nichts davon, denn es gab ja wie gesagt noch kein Urheberrecht.
Von all den zahllosen Papyrusrollen ist uns nur durch Zufall etwas erhalten, so in Ägypten, wo der Wüstensand einiges konservierte, als schönsten Fund zwei Komödien des Menander. In der Villa dei Papiri in Herculaneum haben zahlreiche Rollen, obwohl reichlich verkohlt, den Ausbruch des Vesuvs überstanden. Mit modernen Mitteln konnten sie entziffert werden: Es handelt sich um Schriften des epikureischen Philosophen Philodem von Gadara, der hier – in der Villa der Pisonen-Familie – lehrte.

Das Pergament

Der Papyrus behauptete sich als Beschreibstoff unangefochten bis ins zweite vorchristliche Jahrhundert, dann erwuchs ihm eine Konkurrenz im Pergament. Dieses besteht aus enthaarter, geglätteter und besonders behandelter Tierhaut von Eseln, Ziegen oder Rindern, daher der lateinische Ausdruck membrana, dünne Tierhaut, für dieses Schreibmaterial. Man hatte solche Tierhäute auch bisher schon zum Schreiben benutzt, vor allem für kürzere Texte, und zwar in Form von Notizbüchern anstelle der einfachen Wachstäfelchen. Der Papyrus blieb jedoch das vornehmere Schreibmaterial.
Im zweiten vorchristlichen Jahrhundert verfügte jedoch einer der Ptolemäerkönige ein Ausfuhrverbot für Papyrus, wovon sich besonders die Konkurrenzbibliothek von Alexandria, in Pergamon, betroffen fühlte. Der dortige König Eumenes II. startete daraufhin ein Forschungsprojekt und ließ ein besseres und leichteres Verfahren entwickeln, das die Massenproduktion von Tierhäuten als Beschreibstoff ermöglichte. Dieser erhielt daher den Namen Pergament.

Es wird „kodifiziert“

Die Vorteile lagen auf der Hand: Das Material war widerstandsfähiger, und es ließ sich gut beiderseitig beschriften. Und man konnte es in Lagen heften und damit umblättern, was vor allem für Nachschlagewerke und die nun aufkommenden Gesetzessammlungen der Juristen wichtig war. Der codex, das aus Pergamentblättern geheftete Buch, verdrängte seit den ersten nachchristlichen Jahrhunderten allmählich die Papyrusrolle; er blieb die gängige Buchform im Mittelalter, bis sich dann seit dem 13. Jahrhundert das – zuerst in China erfundene – Papier durchsetzte. Die Juristen machten sich nun überall im Reich daran, die kaiserlichen Gesetze und Verordnungen zu sammeln und auf die neue Buchform umzuschreiben: Sie „kodifizierten das Recht“. Der Codex Justinianus, im Jahr 534 veröffentlicht, wurde zur Grundlage des Römischen Rechts.
Aber nicht nur die Juristen bedienten sich des Pergaments, auch die Verleger und Bibliothekare begannen allerorts eifrig mit der Umschrift ihrer Bücherbestände. Martial empfiehlt seine Gedichte, die nun als Neuauflage in einem praktischen kleinen Codex veröffentlicht wurden, als bequeme Reiselektüre – der Vorläufer unseres Taschenbuchs.
„Andere Bücher füllen den Schrank, ich bin handlich“, läßt Martial sein Büchlein sagen und verrät auch gleich, wo es in Rom zu kaufen ist: beim Buchhändler Secundus am Friedenstempel. Dort gab es außer Martial auch Livius, und zwar in einer Kurzform.

Die Klassiker als „Readers Digest“

Die 142 Rollen vom Geschichtswerk des Livius paßten kaum in einen privaten Bücherschrank, auch nicht in der Form von Codices. Und so kamen nun mit der Umschrift in die neue Buchform auch die Auszüge der großen klassischen Werke auf. Die Kurzfassungen verdrängen vielfach das Original. Von Livius sind Geschichtsepochen, die nicht in der Schule gelesen wurden, nur noch im Auszug erhalten. Man konnte solche Auswahlausgaben bequem überall mit sich führen, wie es Kaiser Julian Apostata tat. Er war von klein auf ein Büchernarr und hatte auch im Feldlager seine Bücher bei sich.

Liebesromane und Evangeliare

Von Julian sind auch Zensurbestimmungen bekannt, die sich allerdings nur auf die heidnische Priesterschaft bezogen. Als Pontifex Maximus, als geistlicher Oberhirte des Reiches, bestimmte er in einem Sendschreiben, was der fromme Diener der Götter zu lesen hat und was nicht. Homer und die Philosophen: ja – freche Spötter wie den Dichter Archilochos: besser nicht. „Liebesgeschichten und alle derartigen Romanwerke sind grundsätzlich zu verwerfen. Solche Lektüre schickt sich nicht für einen Geweihten der Götter. Denn sie entfachen die Begierden und Leidenschaften, wovor man sich hüten muß.“ Stattdessen empfiehlt Kaiser Julian, Götterhymnen zu lesen und auswendig zu lernen.
Der griechisch-römische Roman, den Kaiser Julian hier – wenigstens für die Priesterschaft – auf den Index setzt, war die Lieblingslektüre vor allem des Großstadtpublikums im römischen Reich. Da gab es Exotik und Erotik, Abenteuer und ein Happy End. Das Fragment eines Romanpapyrus aus Ägypten weist unter den Textspalten jeweils Illustrationen auf. Vielleicht war dies als Hilfe für ungeübte Leser gedacht, nach dem Motto: Und wer nicht lesen kann, schaut sich die Bilder an. Im zweiten und dritten nachchristlichen Jahrhundert wurden die Romane meist auf einen Codex geschrieben – die Mehrheit der Leser hatte offenbar diese Buchform akzeptiert.
Auch die Christen bedienten sich des Codex. Er ließ sich besser als die Rolle bei der Liturgie verwenden, und man konnte ihm eine repräsentativere Form geben. Das Christentum war ja eine Buchreligion, und so mußte dieses Buch im Gottesdienst auch seinen erhabenen Inhalt widerspiegeln. Die Pergamentblätter eigneten sich gut für die Buchmalerei, die sich nun entfaltete und die Evangeliare zu einzigartigen Kunstwerken machte.
Und was wurde aus den griechischen und römischen Klassikern? Glücklicherweise hatten sich nach dem Sieg des Christentums nicht die Bilderstürmer, sondern die besonneneren Geister durchgesetzt, die das kulturelle Erbe des Heidentums bewahren wollten. So wurden die antiken Texte in die Klosterbibliotheken übernommen und dort weiterhin gesammelt und abgeschrieben. Freilich galt für sie das Wort: Habent sua fata libelli – Die Bücher haben ihre Schicksale. In Zeiten, in denen das Pergament knapp und teuer war, wurde von manchen Handschriften der antike Text mit einem Messer abgeschabt und das Blatt neu beschrieben. Es entstand ein Palimpsest, das „Wiederbeschriebene“. Man hat in der Neuzeit Wege gefunden, um die abgekratzte Schrift wieder sichtbar zu machen. So kam unter einer Sammlung von Psalmen Ciceros „De re publica“ zum Vorschein.
Bedroht waren vor allem diejenigen Texte, die nicht in der Schule gelesen wurden und die auch nicht als Gegenstand klösterlicher Erbauung galten. So waren vor allem die Romane gefährdet, die schon vom heidnischen Kaiser Julian auf den Index gesetzt worden waren – natürlich auch keine Lektüre für einen frommen Klosterbruder. Nun ist uns der griechische Liebesroman „Daphnis und Chloe“ in einer Fassung aus dem 13. Jahrhundert überliefert, in einer ganz winzigen Schrift und einem ungewöhnlich kleinen Format. Und für alle Fälle stehen am Anfang wie am Ende erbauliche Texte der Kirchenväter.
Mit wieviel Glück so mancher verschollen geglaubte Codex gerettet wurde, erleben wir in Conrad Ferdinand Meyers Novelle „Plautus im Nonnenkloster“. Der italienische Humanist Poggio greift wie einst die Alexandriner zu nicht ganz legalen Mitteln, um den von ihm aufgestöberten Codex des römischen Komödiendichters an sich zu bringen. Dafür schenkt er ihn dann aber seinem Freund Cosimo de Medici, der in Florenz die erste öffentliche Bibliothek seit der Antike gegründet hatte. Bald darauf wurde der Buchdruck erfunden, und nun bewahrheitete sich, was schon Martial so zuversichtlich behauptet hatte.

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