Antike Zeiten und Kulturen

Neuer Kampf um Troja

Wie wahr ist Homers Ilias?
Ein zwanzig Meter hohes Hügelchen in Troja soll der Original-Schauplatz des Trojanischen Krieges sein? Generationen von Archäologen glauben es, obwohl sie keinen Beweis dafür finden. Troja ist zweifellos der Ort der Sage vom Trojanischen Krieg. Doch in Kilikien spielt die wahre Geschichte, achthundert Kilometer entfernt und fünfhundert Jahre später. Homer hat die wahre Geschichte nur in der alten Sage verpackt.

Kilikien ist ein fruchtbares, von hohen Bergen umgebenes Land. Nur dort teilt ein Hügelzug die Ebenen, wie es die „Ilias“ bezeugt. Das ist nur eines von Hunderten von Indizien, die Raoul Schrott gesammelt hat. Seine These: Homer habe die Aufstände kilikischer Könige gegen die assyrische Großmacht geschildert. Homers Heimat war Kilikien.
Homer ein Eunuch?
Von griechischer Herkunft, diente er den assyrischen Herrschern als Schreiber. Diese Schreiber werden bartlos dargestellt – als Eunuchen. Homer ein Eunuch? Homer ein Mann des Orients? Die Bewunderer des Griechentums sind schockiert. Raoul Schrott ficht das nicht an: „Die Idee eines Dichters, der nicht nur der erste Dichter ist, zugleich der beste ist, gleichzeitig auch noch das Alphabet für seine Zwecke übernimmt und aus dem Nichts ein 600 Seiten umfassendes Epos schafft, das ist wie der Glaube der Kreationisten an Gott. Und deswegen ist die Diskussion mit manchen Gräzisten so anstrengend, denn mit Kreationisten über Gott zu reden und über die Evolution hat sehr viel Ähnliches, wie mit Gräzisten, mit manchen, über Homer.“
In Kilikien vermutet Schrott den wahren Schauplatz der Ilias: auf hohem Fels über schiffbaren Flüssen, in einer Burg mit nur zwei Toren, also ganz anders als Troja. Das kilikische Karatepe, zeigt Schrott, entspricht haargenau Homers Beschreibung. Der Kampf tobte auch um eine Furt, die noch bis zum Bau des Staudamms benutzt wurde. In Karatepe sind Steinreliefe zu bestaunen, die wie Illustrationen der Ilias anmuten. Raoul Schrott: „Die Griechen die hier her kamen, kamen mit Schiffen und das ist, meines Wissens nach, die einzige Darstellung, die auch Homers Beschreibungen in allen Details entspricht. Vom Steuermann bis zur Besatzung, von dem kuhhornförmigen Bug bis zum Rammsporn vorne. Von den Toten, die bei Homer in einem fischreichen Meer treiben.“
„Das Allerwahrscheinlichste“
Tieropfer und Festgelage zeigen die Steine, auch Kampfszenen – genau wie bei Homer, so Schrott: „Hier wird ein Krieger von zwei Löwen angefallen. Was dann passiert ist, dass zwei Geier ihn zerfleischen oder zerfleddern und er dann wie eine tote Ziege daliegt. Genau diese Konstellation von Tieren und Vergleichen findet sich perfekt in einer Stelle der Ilias wieder. Innerhalb von zwanzig Zeilen wird auch ein Krieger von zwei Gegnern angefallen wie von zwei Löwen und dann am Ende liegt er dann da, um von zwei Geiern wie eine tote Ziege abgeschleppt zu werden.“
Homer baute ältere Epen und Analen der Assyrer in seine Geschichte ein. Überliefert wurden sie in phönizischer Schrift, aus der sich das griechische Alphabet entwickelt hat. Frank Kolb, Althistoriker der Universität Tübingen, meint: „Kilikien war zweifellos ein Zentrum dieser Kulturbegegnung und deshalb ist die Idee, Homer dort anzusiedeln, sagen wir zunächst mal, nicht absurd.“ Schrott weiß: „Beweisen lässt es sich natürlich nicht, aber es ist das Allerwahrscheinlichste.“
„Verfehlt und naiv“, sagen die Kritiker
Die Hauptstadt Kilikiens ist Adana. Die Danaer waren nachweislich hier zuhause. „Danaer“ lautet eine Bezeichnung der „Ilias“ für die Griechen. Wie orientalisch ist die griechische Kultur? Schrott hält diese Diskussion für genau so ideologisch geführt: „Die eigentliche Kultur wird nie als Austausch verstanden, sondern immer nur als Abgrenzung, während alle kulturellen Errungenschaften sich immer in einem Wechselspiel von Übernahme und eigener Weiterentwicklung herauskristallisieren.“ Frank Kolb dazu: „Die Griechen haben zwar Anregungen aus dem alten Orient empfangen, aber doch etwas ganz Neues daraus gemacht. Das müsste man, glaube ich, noch einmal in den Vordergrund rücken.“
Noch ein Beweis: In der Ilias ist vom „kilikischen Thebe“ die Rede, eine Nachbarstadt Trojas und die erste Burg, die Achill erobert hat. In der Nähe Trojas ist diese Stadt nicht zu finden. Aber hier in Kilikien: Castabala, nicht weit entfernt von Karatepe. Frank Kolb hält nichts von dieser These: „Der Versuch, das Troja der ‚Ilias‘ als Stadt, also die Beschreibung Trojas als Ort, zu lokalisieren und wieder zu erkennen in Ruinen, die noch existieren oder die man ausgraben kann – das ist völlig verfehlt und naiv. Man sollte es unterlassen, danach zu graben, denn es ist bisher immer gescheitert.“
Beeindruckende Indizienkette
Die Verteidiger von Trojas Helden beschimpfen Schrott als dilettantischen Dichter. Der nimmt’s gelassen: „Ansonsten sind es mehr oder minder freundliche Arten des Dünkels, die aber letztlich mit Wissenschaft nichts, eher mit dem Vertreten von Dogmen und Ideologien, zu tun haben. De Facto ist meine Arbeit eine aus Hunderten von forschungsinternen Einzelergebnissen zusammengesetzte These, die einen Bezug zwischen Homer, Kilikien und der Ilias herstellt und das ganze als, nicht nur als Gesprächsangebot, sondern wirklich als These, in den Raum stellt – in der Erwartung, dass dann die einzelnen Fachwissenschaftler Assyrologen, Hethitologen, Gräzisten, Althistoriker das alles auf Herz und Nieren abklopfen werden.“
Darauf darf man gespannt sein. Als „historischen Roman“ jedenfalls wird man Schrotts Indizienkette nicht länger abtun können.
von Wolfgang Herles (aus ZDF)

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