Türkische Leben und Kultur

Der Hamam

Das Lächeln dieses Menschen hätte mich warnen sollen. Es kräuselte sich herausfordernd unter dem dünnen Schnurrbart und ließ einen goldenen Eckzahn sehen. Er neigte den kurzgeschorenen Kopf und kreuzte seine monströsen Arme über dem Bauch, der sich nackt und glänzend aus dem karierten Tuch um seine Hüfte wölbte. In dieser Pose blieb er eine Weile, was offenbar als Höflichkeitsgeste gedacht war, aber es wirkte, als senkte ein Stier die Hörner zum Angriff.
Auch der Patron, als einziger in dieser Vorhalle vollständig bekleidet, verneigte sich lächelnd, während die halbnackte Garde seiner Gehilfen neben einen schönen alten Brunnen in der Mitte des kuppelüberwölbten Raums auf Befehle warteten.
Ein Handtuch um die Hüften drapiert, Holzpantinen an den Füßen, so schlurfte ich durch die katakombischen Gänge des alten, zu einem Drittel ins Erdreich versenkten Baus. Mein monströser Meister führte mich durch den vorgeheizten Eingangsraum von dem die Toiletten abgehen und die kleinen Kabinen mit den Spiegeln schräg zwischen Wand und Boden, wo sich der Badegast auch an schwer zu überblickenden Stellen rasieren kann. Höflich öffnete er die schwere Tür zum heißen Herzstück des Hamam, führte mich durch die dampfende Dämmerung des mächtigen Kuppelsaals in eine Nische, drückte mich zu Boden und goß heißes Wasser über mich.
Er tat es mit einem gewissen professionellen Ingrimm, schöpfte es, ohne hinzusehen, aus einem Messingnapf über Brust und Schultern, Bauch und Beine, quetschte Shampoo in meine Haare, schmierte Seife auf Leib und Glieder, knetete mich durch, als wäre ich Teig, setzte mich unter Wasser, walkte, schrubbte mit einem schwarzen Handschuh aus Ziegenhaar die letzte Spur Schweiß und Staub aus den Poren, schrubbte mich ab, grub seine Finger in meine Kopfhaut und ließ sie kreisen, daß die Ohren wackelten, fetzte das Ziegenhaar über Waden, Schenkel und Bauch, wich dabei haarscharf dem Teil des Ganzen aus, den das Tuch deckte, rubbelte die Haut von Armen, Schultern und Rücken, hüllte mich in Seifenschaum und war erst zufrieden, als die Prozedur dreimal wiederholt war und ich schlaff, wie angeklatscht an der warmen Wand hing.
Doch der Meister liess nicht ab von mir, zog mich am Arm in die Höhe, führte mich zu dem zimmergroßen, einen halben Meter hohen Marmorquader, der den ganzen Raum unter der Kuppel einnahm. Dort bettete er mich unerwartet sanft auf den Rücken und gab mir zu verstehen, daß ich eine halbe Stunde ruhen dürfte, dann begänne die Exekution.

Nein, genaugenommen sprach er nicht von einer Exekution, aber im nachhinein scheint es mir gerechtfertigt, die türkische Massage so zu nennen. Sie ist nur im Zustand völliger Apathie zu überstehen, wenn der Körper bis zur letzten Faser weich und widerstandslos erwärmt ist und der Geist mit dem Dampfschwaden über dem geheizten Nabelstein aufsteigt, um sich treiben zu lassen, wie und wohin es das Kismet bestimmt.
Nach einer halben Stunde war ich soweit, noch einmal eingeseift und abgespült, halb abgehoben, halb zerschmolzen in der Hitze, lethargisch in die monströsen Hände des Meisters gleitend, der sich bei den Füßen angriff und sich methodisch an den Innenseiten der Beine bis zu den Leisten voranarbeitete, wobei er die Daumen bis zu den Schenkelknochen eindrückte, während sich die übrigen Finger in die Muskeln eingruben und darin wühlten. Das wiederholte sich bei den Armen, die er von den Händen aus bis in die Achselhöhlen regelrecht durchmolk, worauf er mich auf den Bauch wälzte und mit brachialer Gewalt den Knöchel seines Mittelfingers über die Wirbelsäule wandern ließ, Bandscheibe für Bandscheibe mit kurzen Drehbewegungen in den Körper schraubend.
Gleich darauf spürte ich, daß er sein Knie auf mein Kreuz setzte, meine Schultern packte, und im Nächsten Moment bog sich mein Oberkörper in einem Halbkreis nach oben, wurde nach rechts und links geschwenkt, wobei es gefährlich im Schultergelenk knackte und sich ein schrei aus mir löste, der schaurig unter der Kuppel widerhallte.
Inzwischen hatten sich die übrigen Besucher des Hamam um uns versammelt und delektierten sich an dem ungleichen Kampf, der hier tobte. Ich weiß nicht, ob sie Wetten abgeschlossen, die meine Zukunft betrafen, weiß nur, daß sie Beifall spendeten, als meine Ellbogen so über den Hinterkopf gebogen wurden, bis sie sich irgendwo im Nacken berührten, daß sie anerkennend nickten, als der Meister seinen dicken Hintern auf meine Lendenwirbel plazierte und meine Füße über seine Schultern zog.
So ging es weiter. Kein Körperteil wurde ausgespart, alles wurde in Positionen gezerrt, gebogen, gerenkt, gerissen, die jeder physiologischen Grundbestimmung des menschlichen Organismus spotteten. Dumpf erinnere ich mich noch, daß mein Meister zum Finale meinen Rücken bestieg und darauf herumsprang, in die Hände klatschte und gutturale Laute ausstieß, die seltsam mit den Schreien korrespondierten, die mein flachgequetschter Brustkorb entließ. Danach wurde ich noch mal abgeseift, gespült und mit schlenkernden Gliedern abgeführt, ein fassungsloses Grinsen im Gesicht, weil ich, o Wunder des Orients noch lebte.!
Wie neugeboren.!
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