Antike Zeiten und Kulturen

Der Alltag vor zweitausend Jahren

 Die Römer beschreiben sie als trinkfest, tapfer und rauflustig. Aber wie lebten unsere Vorfahren wirklich? Ein germanischer Junge erzählt.

 

Bei Wotan! Der Hahnenschrei geht mir durch und durch. Das kommt davon, wenn man mit seinem Vieh unter einem Dach lebt. Ruhe ist jetzt nicht mehr zu erwarten. Ich schäle mich aus Fell und Decke und steige von der Holzbank an der Wand.

 

Meine Mutter Braido fächelt schon das glimmende Feuer unter dem großen Eisenkessel an. Was gibt’s zum Frühstück? Weizengrütze, schon wieder. Immer das Gleiche. Wenn der wässrige Brei wenigstens süß wäre. Aber den Honig aus dem Wald behalten sich die Männer für Met vor, das süße alkoholische Gebräu, das sie zu besonderen Anlässen aus gewundenen Kuh- oder Ochsenhörnern trinken. Die kann man nicht absetzen und muss sie auf Ex austrinken, das gibt dann einen mächtigen Rausch.

 

Jetzt hocken wir im Morgengrauen um den »Grapen«, den Esskessel in unserer Mitte, und beginnen zu löffeln – mein Vater Hrabnaz, was Rabe heißt, meine Mutter Braido, die »Breite«, meine zehnjährige Schwester Holda und ich. So hold ist sie meist gar nicht. Ich heiße Wulfstan und bin zwölf. Unsere Namen sind an Natur und Äußerlichkeiten angelehnt, sollen Tugenden und Wünsche symbolisieren oder gegen böse Kräfte schützen.

 

Familiennamen kennen wir nicht. Dafür aber die Sitte, die Kinder bei der Namensgebung mit Wasser zu begießen. Das wird später mal große Mode.

 

Bei festen Mahlzeiten sitzen wir auf den Wandbänken, jeder hat ein kleines Holzgestell mit Brettchen darauf. Fleisch schneiden wir mit Messern, die Löffel sind aus Holz, Gabeln unbekannt.

 

Wir wohnen in einem Dorfweiler mit acht anderen Familien. Jede in einem großen Langhaus, in dem sich auch der Viehstall befindet. Ringsum haben wir Wald, einen kleinen See gibt es auch. Wir nennen uns übrigens nicht »Germanen«, das sagen nur die Römer, die all die verschiedenen Stämme in einen Topf werfen. Was uns alle eint – neben dem morgendlichen Hahnenschrei im Haus –, ist die Sprache. Aus dem Germanischen entstehen später die modernen Sprachen Nord- und Mitteleuropas: Deutsch, Englisch, Niederländisch, Friesisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch. Auch isländisch und faröisch – da sieht man, wie weit wir siedeln.

 

Heute steht uns ein harter Tag bevor. Wir verhütten Eisen. Das ist lebensnotwendig. Eisen benötigen wir für Schwerter und, wichtiger noch, für Messer und Äxte, für Pflugscharen, Sensen und Getreidesicheln. Die halten viel länger als die früheren aus Bronze. Und der Eisenpflug bearbeitet den Boden leichter und tiefer als der simple Holzpflug, mit dem sich manche noch abplagen – ein einfacher Dornhaken hinter dem Ochsengespann, der die Erde nur ritzt. Da gedeiht das Getreide mangels Bodentiefe nur kümmerlich.

 

Wir sind Acker- und Viehbauern, keine kriegslüsternen Horden. Unter einzelnen Stämmen gibt es schon mal Hiebe; nur den Römern verpassen wir gemeinsam eine Abreibung. Dabei sind wir keine hünenhaften, muskelbepackten Opern-Siegfrieds, als die man uns später darstellt. Wir messen im Durchschnitt 1,72 Meter.

 

Und dicke Felle und Helme mit langen Ochsenhörnern, mit denen uns die Gallier später in einer Comic-Reihe verunglimpfen, haben wir auch nicht. Die Frauen tragen bodenlange, ärmellose Gewänder aus Wolle oder Leinen mit schönen Farbmustern, die sie an den Schultern mit schmucken Gewandfibeln (Broschen mit Nadeln) befestigen.

 

Mein Vater und ich ziehen jetzt das braune Wams und die leichten Schnürschuhe an, dazu die weichen, eng anliegenden Hosen; das alles ist aus Leder. Mögen die kurz berockten Römer uns deswegen belächeln – die spätere Hosenmode wird zeigen, wer Recht behält.

 

Am Dorfrand erwarten uns schon die anderen Männer am Schmelzofen. Jeder hat seine Aufgabe. Eisengießen ist kompliziert. Funken von Feuersteinen bringen trockenen Zunder und Gras zum Brennen, dann braucht man Holzkohle. Normales Holz erzeugt nicht genügend Hitze, um das Eisen aus dem Rasenerz zu schmelzen, das in Steinen frei auf der Erde oder knapp darunter liegt.

 

Ich helfe mit und schleppe haufenweise dicke Äste herbei. Die schichten wir zu einem zeltförmigen Meiler auf und verglimmen sie in tagelanger Arbeit zu Holzkohle. Die stecken wir dann in Brand, legen Torf darauf und darüber das Rasenerz.

 

Mit einem Blasebalg wird das Feuer auf hohe Temperaturen gebracht, bis das Rasenerz schmilzt. Am Ende dieses aufwändigen Prozesses entsteht eine ausgeschmolzene »Eisenluppe«. Die erhitzen wir nochmals und bearbeiten sie mit Hämmern. Dann können wir das erneut verflüssigte Eisen zu fertigen Gegenständen gießen – mit Hilfe von Gussformen.

 

Die bestehen aus zwei Hälften mit einem Hohlkern, der die später ge-wünschte Form hat. Nach dem Erkalten der eingefüllten Eisenschmelze nehmen wir die Hälften auseinender und erhalten zum Beispiel die schönsten Lanzenspitzen. Schwerter, Messer und Sicheln hämmert der Schmied gleich vor Ort auf seinem dicken Amboss zu.

 

Meine Mutter Braido und Holda versorgen derweil Haus und Hof. Braido entspelzt Getreide mit einem flachen Schlagstein – ein mühseliges Geschäft –, während Holda die Kühe und Ziegen im Wohnstallhaus melkt.

 

Unser Langhaus misst 17 Meter, hat solide Stützpfeiler aus Holz und ein hölzernes, strohgedecktes Dachgebälk. Die Wände sind aus dickem Flechtwerk, das wir mit Lehm abdichten. Daraus entsteht später das Fachwerkhaus. Geräumig ist es ja, doch wir selbst haben nur wenig Platz. In der Mitte unseres Raumes hängt der schwere eiserne Kochkessel von der Decke, über dem Tag und Nacht schwelenden Feuer.

 

Die langen Viehställe befinden sich gleich hinter einer Trennwand. Zwei Boxenreihen links und rechts, ein breiter Gang in der Mitte. So sind Schweine und Schafe nachts und im Winter geschützt vor Kälte, Bären und Wölfen, die in Rudeln umherstreifen. Und sie sind da-durch auch sicher vor zweibeinigen Viehdieben von anderen Stämmen.

 

Eigentlich ist es ja ganz gemütlich bei uns, nur ziemlich dunkel. Fenster haben wir nicht. Das einzige Licht kommt vom Feuer und der offenen Tür. Statt eines Schornsteins dient als Rauchabzug eine dreieckige Aussparung unterm Dachgiebel. Wenn wir schlachten, brauchen wir Schinken und Würste nur an die Decke zu hängen – wir leben in einer richtigen Räucherkate. Manchmal beißt der Rauch in den Augen, dass sie tränen.

 

Von dem dreieckigen »Windauge« am Dachfirst stammt übrigens das spätere englische Wort »window« für Fenster. Schließlich sind die Angelsachsen auch ein germanischer Stamm, genau genommen zwei, die Angeln und die Sachsen von der Nordseeküste. Weil Sturmfluten ihr Gebiet zerstört haben, sind sie übers Meer nach England gezogen.

 

Den Göttern sei Dank haben wir ge-nug zu essen. Abends nach der Arbeit gibt es Eintopf oder Grütze, dazu Fladenbrot. Fleisch ist selten, denn unser Vieh ist unser einziger Reichtum. Wir brauchen es vor allem zum Handeln. Zudem ist es klein, unsere Schafe sind nur so groß wie Heidschnucken. Selbst unsere Pferde reichen uns nur bis an die Brust.

 

Dafür liefert uns der Wald genug Bau- und Brennmaterial und Holz für Gefäße. Mit Eicheln und Bucheckern mästen wir die Schweine; Schafe und Ziegen knabbern an den grünen Trieben des Unterholzes. Wir sammeln Beeren, Haselnüsse und Pilze, gönnen uns mal einen Auerhahn und Bienenhonig aus hohlen Baumstämmen. Die Hühner legen ihre Eier, und die Kühe liefern Milch, aus der die Frauen Butter machen. Gemüse ziehen wir auch: Erbsen und Möhren, dazu Kohl, Zwiebeln, Schnittlauch und Porree.

 

Holda schleppt jetzt Wasser und Lehmerde herbei. Ihre blonden Zöpfe hüpfen über ihrer tiefroten Kutte. Mutter will Schüsseln und Schälchen töpfern, aus denen wir essen und trinken.

 

In öffentlichen Angelegenheiten haben die Frauen kein Mitspracherecht. Dennoch sind sie geachtet: Kein Mann ist sich zu schade, Ehefrau oder Mutter um Rat zu fragen. Auch verfügen sie über geheimes Heilwissen.

 

Am Nachmittag spinnen Braido und Holda aus Flachs und Schaffell kühles Leinen und warme Wolle für Kleider und Decken. Sie arbeiten an einem mannshohen Webstuhl in einem kleinen separaten Häuschen, das wie ein Bunker vertieft in der Erde steht. Im feucht-kühlen Klima darin lassen sich die Fasern leichter verarbeiten.

 

Zum Kleiderfärben kennen unsere Frauen viele Tricks. Blau zum Beispiel machen sie aus Färberwaid, einer Blume. Dazu zupfen sie die grünen Blätter ab und vergären sie in einem Sud. Zieht man das Garn oder das fertige Gewand aus der Brühe, färbt es sich durch den Zutritt von Sauerstoff blau – wasser- und lichtecht. Wir können aus Pflanzen und Mineralien Farben von rot bis grün, von gelb über braun bis schwarz herstellen.

 

Besondere Sorgfalt verwenden wir auf den Rechteckmantel, den Rückenumhang aus schönem Tuch mit Fransen dran, den sich Adlige über ihren Lederwams werfen und an den Schultern mit Schmuckschnallen befestigen. Unseren Schmuck, zumindest den von Reichen und Höhergestellten, könnten Juweliergeschäfte später nicht schöner anbieten: Broschen und Ringe und Amulette aus hellgrünen oder rubinroten Edelsteinen, mit Gold eingefasst, dazu Bernstein, zu wunderschönen Halsketten gearbeitet.

 

Um die beneiden uns selbst die Römer. Wir exportieren ihnen das »Gold des Nordens« gegen echtes Gold. Unter Kaiser Nero ist eine kleine Bernsteinfigur so viel wert wie ein guter Sklave. Die Handelswege werden von unseren Kriegern gut bewacht.

 

Der Herbst naht – Schlachtfest. Die Schweine haben sich an Eicheln und Kastanien dick gefressen, jetzt wird richtig gevöllert. Räucherschinken und Pökelfleisch werden als Wintervorrat angelegt. Genug Futter, um alles Vieh über den Winter zu bringen, liefert unsere Zweifelderwirtschaft ohnehin nicht. Eine Ackerhälfte liegt übers Jahr als Viehweide brach, damit sich der ausgelaugte Boden erholen kann, die andere wird bestellt – mit Gerste und Hafer, Einkorn oder Weizen.

 

Zum Schlachtfest fließt das Bier in Strömen. Es ist aber ein anderes Gebräu als in späteren Tagen. Hopfen für Geschmack und Haltbarmachung kennen wir nicht, und für die Gärung nehmen wir Sauerteig. Die Römer sagen, das sei ein schauerlicher Saft, den wir da aus Gerste oder Weizen herstellen.

 

Gezecht wird vor allem bei unseren drei Hauptfesten: dem Herbstbeginn – mit Ernte und Schlachten für uns der Jahresanfang – und beim Mittsommer- und Mittwinterfest, an dem die Tage wieder länger werden. Man sagt uns ja nach, wir könnten tagelang zechen, ohne umzufallen. Auch in unserer Götterwelt wird viel gebechert: Wenn Wotans Truppe feiern will, müssen die Götter Tyr und Thor losziehen und dem Riesen Hymir gewaltsam den gewaltigen Braukessel abnehmen. Hängt der Himmel über uns voller Wolken, dann brauen die Götter gerade Bier. Donnert es, putzt Thor den riesigen Braukessel. Und der Traum jedes Sterblichen ist, an Wotans Tafel im Jenseits immer genug zu trinken in den Hörnern zu haben.

 

Ich bin noch zu jung, um ans Sterben zu denken. Aber die Kindheit ist kein Vergnügen. Im letzten Jahr habe ich eine jüngere Schwester verloren, die krank wurde. Niemand konnte ihr helfen, dabei kennen sich unsere weisen Frauen mit Heilkräutern aus. Sie wissen sogar, wie man im Kampf eingeschlagene Schädel operiert: Man kratzt mit einem scharfen Feuerstein den Schädelknochen vorsichtig ab und pickt mit einer Pinzette die Splitter heraus, die durch Schwerthiebe entstanden sind. Oder man lässt aufs Hirn drückende Blutungen abfließen.

 

Unsere Heilkundigen führen sogar Amputationen durch. Zur Schmerzlinderung nehmen sie betäubende und narkotisierende Samen vom Bilsenkraut. Einem unserer Krieger wurde sogar ein quer im Rachen steckender Pfeil entfernt, und ein anderer hatte eine abgeschlagene Schulter, sodass die Lunge frei lag. Auch dieser Mann wurde erfolgreich behandelt. Bei solchen Verletzungen helfen neben dicken Pflastern aus Wachs und Harzen auch die magischen Heilzauber von wohlmeinenden Göttern.

 

Was wir in der Heilkunde noch können: Mit kleinen gelochten Bronzeplatten und Lederschnüren stabilisieren wir das Knie nach Kreuzbandrissen. Knochenbrüche, besonders an Unterarm und Schienbein, heilen bei Ruhe von allein, da sie mit ihrem Gegenüber durch starke Bänder verbunden werden. Außerdem können wir Karies ausbohren. Die wird durch das zuckerhaltige Bier und Getreide leider immer häufiger, klagt meine Mutter.

 

Sie ermahnt mich auch oft zur Körperpflege, obwohl sie nicht glaubt, dass ich krank werde, wenn ich mich nicht wasche. Krankheiten sind ein Schicksalsschlag oder die Strafe der Götter. Dennoch pflegen wir uns – mit Kämmen aus Knochen oder Horn, mit Haarbürsten aus Schweineborsten, Rasiermessern und Scheren zum Haareschneiden.

 

Eine Art Seife kennen wir auch, sie wird aus Buchenasche und Ziegentalg gemacht. Aber sie reinigt nicht besonders gut, und so nehmen wir sie eher als Haarpomade oder vermischen sie mit Erden und Auszügen von Pflanzen, um damit die Haare zu färben. Unser Aussehen ist uns ja nicht gleichgültig.

 

Vielleicht werden Sie sich fragen, wie wir unsere Notdurft verrichten. Da Holz schnell und gründlich verrottet, wird man von irgendwelchen Toiletten später keine Überreste finden. Unter uns: Es ist oft ganz einfach so, dass wir eine Hofecke benutzen oder aufs Feld gehen. Und im Winter folgen wir dem Ruf der Natur auch mal in einem Stallteil unseres Langhauses.

 

Dem Ruf des Gesetzes folgen mein Vater und andere freie Männer dagegen auf ihrer Stammes-Zusammenkunft, dem »Thing«. Hierher kommen alle mit ihren Waffen – aber bei strengster Waffenruhe. Auf Vorschlag der adligen Wortführer werden bei den Versammlungen die unterschiedlichsten Beschlüsse gefasst: über Recht und Ordnung, Krieg und Frieden, über Heerführer und Könige. Missfällt der Versammlung ein Vorschlag, murren die Männer laut; schlagen sie aber klirrend die Waffen zusammen, dann gilt der Vorschlag als angenommen.

 

Der Thingplatz ist auch Gerichtsstätte. Wer im Kampf feige ist oder heilige Gebräuche missachtet, den erwartet die Todesstrafe – gefesselt ab ins Moor. Das gilt auch für Schwerverbrecher. Die übrigen Vergehen werden meist mit Geldbußen gesühnt, bis hin zum Totschlag. Das hindert freilich manche Sippe nicht, sich an Familienmitgliedern der anderen mit Mord zu rächen – Blutrache! Das geht manchmal hin und her, bis kaum noch einer übrig ist.

 

Für heute ist es genug. Es dunkelt, und ich bin vom Eisenverhütten müde. Der Eintopf ist gegessen, das Vieh versorgt. Morgen steht Schafehüten am Waldrand an. Ich werde wohl den Hund und die Lanze mitnehmen.

 

Die Feuersglut unter dem Suppenkessel in der Mitte unseres Raumes verbreitet den letzten rötlichen Schein. Es ist Zeit, unter die Decken zu kriechen. Bis zum nächsten Hahnenschrei.

 

 

 

 

Autor(in): Hansjörg Heinrich

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