Ören Yerleri

Nikolaus Kirche in Demre

Geschichte

 In den antiken literari­schen Quellen begegnet uns Myra erst­mals im 1. Jh. v. Chr., doch belegen die Felsgräber mit ihren großartigen Reliefs sowie Inschriften und Münzen, daß der Ort bereits im 5. Jh. v. Chr. eine bedeu­tende lykische Residenz war. Der antike Schriftsteller Plinius (1. Jh. n. ehr.) weist daraufhin, dass der Lykische Bund aus 70 Städten bestand. Artemidoros (2. Jh. n. Chr.) ergänzt, dass eine der sechs Städte mit jeweils ‚drei Stimmrechten Myra, sowie Xanthos, Patara, Olympos, Pinara und Tlos waren. In der römischen Kaiserzeit scheint Myra zunächst hinter anderen lyki­schen Städten zurückzustehen, nur zwei Ereignisse sind im 1.Jh. n.Chr einer Erwähnung wert: 18 n. Chr. be­suchte Germanicus mit seiner Frau Agrippina die Stadt, die die Mitglieder der kaiserlichen Familie durch die Auf­stellung von Statuen ehrte, und 60 n.Chr. wechselte der Apostel Paulus auf dem Wege nach Rom in Myra, d. h. im Hafen Andriake, das Schiff.

Seine große Blütezeit erlebte Myra paradoxerweise nach den schweren Zerstörungen durch das Erdbeben des Jahres 141 n. Chr., denn in diesem Mo­ment traten außer den römischen Kai­sern auch die bekannten lykischen Mä­zene helfend auf den Plan. Licinius Langus aus Oinoanda beteiligte sich mit 10000 Denaren am Wiederaufbau des Theaters und einer Säulenhalle; auch von Jason von Kyaneai sind grö­ßere Stiftungen überliefert. Beide aber werden bei weitem übertroffen von der Freigebigkeit des seinerzeitigen Lykiarchen Opramoasvon Rhodiapolis, des­sen Wirken die Stadt in erster Linie neue Pracht und den Ehrentitel Metropolis zu verdanken hat. Seine Stiftun­gen hat er akribisch in der großen In schritt auf den Außenwänden seines Grabhauses in Rhodiapolis (S. 161) festgehalten: »Der Stadt Myra, die ebenfalls von dem einstigen Erdbeben geschädigt war, stellte er das Heilig­tum der (Artemis) Eleuthera wieder her, unter allen Bauwerken in Lykien das größte und schönste, und die Exedra, die sich im Gymnasien angebaut an die Stoa findet, wobei er für die Marmorwandvertäfelung der vorgenann­ten Exedra noch zusätzlich 10000 Dinare aufbrachte. Für den Bau des Theaters gab er … Dinare … und für die Elaionoi (Beamte, die im Auftrag der Stadt Öl beschafften) 12 000 Dinare als Stiftungskapital; ferner weihte er ein vergoldetes Standbild der Tychopois, wofür er mehr als 10000 Dinare aufwendete, auch veranstaltete er ein Fest zu Ehren der Göttin und des Kai­sers.

Aus dem 2. Jh. n.Chr. berichten zahlreiche Inschriften von Einzelheiten des städtischen Lebens, die hier nicht alle erwähnt werden können. Beson­ders interessant scheint aber, daß es einen rege mäßigen Fährbootbetrieb zwischen Myra und Limyra gab, der jährlich von der Stadt an private Unter­nehmer verpachtet wurde. Nur der je­weilige Pächter hatte das Recht, Perso­nen zwischen beiden Städten zu beför­dern; sollte jemand einen nicht genehmigten Fährdienst aufziehen, so riskier­te er die Beschlagnahme seines Boo­tes.

Es zeigt sich, daß das kaiserzeitliche Myra ein straff organisiertes Gemein­wesen war, das mehr und mehr nicht nur die politische, sondern durch den Kult der Artemis Eleuthera auch die re­ligiöse Führungsrolle unter den lykischen Städten innehatte. Unter Theodosios II. (408-450 n. Chr.) schließlich wurde die Stadt in den Rang der Hauptstadt Lykiens erhoben, ein halbes Jahrhundert nachdem in den Mau­ern de‘ Stadt der in Patara geborene Bischof Nikolaos wirkte. Seine Person und seine Kirche, die schon bald nach seinem Tode zu einem bedeutenden christlichen Wallfahrtsort wurde, setz­ten die wesentlichen Akzente der Ge­schichte von Myra seit byzantinischer Zeit.

Vom antiken Myra haben sich eigent­lich nur drei Bereiche bewahrt: die Akropolis auf der Spitze der felsigen Anhöhe am Nordrand der Ebene, die beiden großen lykischen Felsnekropolen in den Felsen unterhalb der Burgan­lage und das große römische Theater zwischen den Nekropolen. Das gesam­te übrige Stadtgebiet ist unter einer dicken Schlamm- und Geröllschicht ver­borgen, da sich einerseits die Küste allmählich absenkte und andererseits der Myros immer wieder über seine Ufer trat. Auf diese Weise ist in gut einem Jahrtausend eine bis zu 6 m ho­he Ablagerungsschicht entstanden. Diese läßt sich am besten an der Nikolaoskirche ablesen, die in den letzten Jahrhunderten bis zur Empore ver­schüttet war; lediglich den Innenraum konnte die schwache christliche Bevöl­kerung vom Schwemmlandboden frei­halten. In jüngster Zeit erst hat man die Kirche gewissermaßen freigestellt und um die Gebäude hohe Schutzmau­ern errichtet.

Das römische Theater.

Bei einer Besichtigung der Ruinen von Myra erreicht man zunächst das gut erhaltene Theater, das in griechischer Art am Hang erbaut ist. Seine mehr als halbkreisförmige Cavea liegt im Mittelteil auf dem Felsen auf, die Seiten des Zuschauerraumes werden von hohen, konzentrisch ange­legten Gewölben getragen. Darin führen Treppen zum Zuschauerraum hinauf, der durch ein Diazoma in zwei Ränge aufgeteilt wird: den unteren mit 29 Sitzreihen, die über 14 Treppen zu erreichen sind, und den oberen mit 9 Sitzreihen, von denen die drei obersten weitgehend abgerutscht sind. Einlaßlöcher für Stützmasten zeigen, daß an heißen Tagen der nach Süden ausgerichtete Zuschauerraum mit großen Son­nensegeln überspannt werden konnte. Die breite Diazoma wird von einer 2 m hohen Mauer gestützt, in der Mitte ragt ein Treppenaufgang vor, über den die Zuschauer die Sitzreihen des oberen Ranges erreich­ten. An diesem Treppenaufgang steht in einer kleinen Nische eine Tychestatue, die im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau des Thea­ters durch Opramoas von Rhodiapolis gestiftet worden ist; möglicher­weise handelt es sich um die Kopie einer beim Erdbeben zerstörten Statue.

Das stark zerfallene Bühnenhaus, vor dem sich ein großer Steinhau­fen mit z. T. mächtigen Architekturgliedern erhebt, war in der Höhe des i. Stockwerkes von einem Fries mit Theatermasken geschmückt – eine lange Reihung tragischer wie komischer Masken beiderlei Geschlechts. Ein besonders schönes Stück dieses Frieses mit drei Masken liegt heute linker Hand des Fußweges zum Theater im Gestrüpp; auf den schweren Blöcken erkennt man in den Kassetten u. a. Ganymed mit der phrygischen Mütze und dem Adler des Zeus sowie ein Medusenhaupt.

Die Nekropolen

Den heutigen Besucher mag ein wenig seltsam anmuten, daß das Theater, der Platz des Schauspiels und der Unter­haltung, so unmittelbar am Fuße der Felswand mit der großen >Meernekropole< errichtet wurde, doch waren in dar Antike Leben und Tod engerund natür­licher miteinander verknüpft, als das in unserer Gesellschaft der Fall ist. Auch die zweite große Nekropole von Myra, die »Flußnekropole«, liegt nur wenig östlich des Theaters; ihre Felsgräber mit den unterschiedlichsten Fassadenfor­men ziehen sich oberhalb und parallel des Myros auf einer Länge von etwa 250 m hin. Direkt unterhalb der Gräber ist hier ein Kanal aus dem Felsen ge­schlagen, der Trinkwasser für Myra aus dem Myrostal bis in ein großes Brun­nenhaus am Südrand der Flußnekropole führte.

Beide Nekropolen, die ungeheuer dicht mit Gräbern besetzt sind und zu den eindrucksvollsten Gräberwänden in Lykien gehören, umfassen gut 100 Felsgräber, wobei nahezu alle in unserer Systematik für Felsgräber angeführten Haus- und Dachformen vorkommen. Über diese Typenvielfalt hinaus liegt der einmalige Wert der Nekropolen von Myra in sieben Grabanlagen, die mit zum Teil sehr umfangreichen, vereinzelt auch bemalten Reliefbildern ausgeschmückt sind. In der Meernekropole trifft man unmittelbar am Fuß der Gräberwand auf ein Hausgrab mit einem Kampfrelief m Giebel des Satteldaches.

Ein besonders interessantes und zugleich qualitätvolles Relief befin­det sich auf halber Höhe der Felswand rechts oberhalb des einzigen freistehenden Hausgrabes dieser Nekropole und ist ohne große Schwie­rigkeiten zu erklettern. Dieses Relief, das insgesamt drei Motive zu einem Gesamtbild vereint, ist auf in unterschiedlichen Winkeln zuein­ander stehenden Felsflächen angebracht. Links erkennt man eine Rü­stungsszene, in der ein Knappe einem bärtigen, mit Muskelpanzer gerüsteten Krieger, der sich auf seine Lanze stützt, Helm und Schild reicht. In der Mitte stehen zwei nackte Krieger, die nur einen kurzen Mantel über ihre Schultern geworfen haben; während der linke seinen Schild abgesetzt hat, trägt der andere ihn über der Schulter und stützt sich auf seine Lanze. Rechts ruht ein Mann auf einer Kline beim Mahl und hebt mit der Rechten einen Rhyton empor; hinter ihm sitzt seine Frau auf einem Sessel, zwischen beiden erkennt man eine weitere Frauengestalt; am Fußende der Kline stehen eine Flötenspielerin und ein Speisen reichender Knabe. Die Deutung dieser Bilder scheint zunächst nicht schwer. Die linke Szene ist wohl so zu interpretieren, daß der Verstorbene – nach seiner Rüstung von vornehmer Abstammung -im Kampf gefallen ist, die rechte Szene zeigt ihn im Kreis seiner Familie und Dienerschaft beim Totenmahl. Probleme bereitet allerdings die Mittelszene: Zu dem beim Xntabura-Grab von Limyra noch zu besprechenden Totengericht gehören sicher keine bewaffneten To­tenrichter; sollte also vielleicht der Zugang zum Jenseits durch Heroen erfolgen und unser Relief das darstellen, was in der Kaiserzeit der Sophist und Satiriker Lukian von Samosata (ca. 120-180 n. Chr.) mit >bei den Heroen sein< meint?

WER IST ST. NIKOLAUS

Nikolaus von Myra, (um 245 bis ca. 326), beliebter Volksheiliger in der griechischen und lateinischen Kirche.

Über das Leben des Heiligen existieren wenige historisch gesicherte Zeugnisse. Vermutlich stammte Nikolaus aus Patara, einer früheren Stadt in der kleinasiatischen Provinz Lykien. Er trat ins nahe gelegene Kloster von Sion ein und wurde später zum Erzbischof oder Metropoliten von Myra geweiht. Angeblich nahm er am Konzil von Nicäa teil. Ende des 11. Jahrhunderts brächte man seine Gebeine nach Bari (1087) und errichtete eine Grabkirche. Nikolaus gilt als Schutzherr der Kinder, Seefahrer, Kaufleute, Apotheker und Bäcker. Auf Grund der Legenden und der Wundertaten wird Nikolaus der Patron zahlreicher Landschaften, Städte und Stände. Länder wie Rußland, Griechenland und Lothringen, Städte wie Bari, Venedig, Meran, Ancona, Sassari in Italien oder La Rioja in Argentinien, verehren ihn als ihren Patron.

Am Nikolausabend stellen Kinder ihre Stiefel oder Strümpfe vor die Tür, in der Hoffnung, dass diese mit Süßigkeiten gefüllt werden. In vielen Ländern werden Weihnachten und das Fest des heiligen Nikolaus, da sie beide in den Dezember fallen, zusammen gefeiert. Der Weihnachtsmann mit weißem Bart und rotem Gewand, der den Kindern am Heiligen Abend die Geschenke überreicht, geht auf den niederländischen Sinterklaas zurück. Das Namensfest des Heiligen findet am 6. Dezember statt.

Der 6. Dezember soll sein Sterbetag gewesen sein, und wie bei den Heiligen üblich, gilt dieser Tag als sein Geburtstag in Gottes neuer Welt und wird darum als Gedenktag begangen.

Weitere Legenden:

So dürftig die Daten seines Lebens auch sind, so üppig ist die Anzahl der Legenden, die sich um St. Nikolaus drehen, Die meisten seiner Taten waren gut durchdachte Nacht-und Nebel-Aktionen wie die Bewahrung dreier Nachbarstöchter vor der Prostitution. Durch ein Geschenk, drei goldene Äpfel, die Nikolaus heimlich in der Dunkelheit ins Haus der Jungfrauen legte, verzichtete der Vater auf den Plan, diese zu verkaufen, um den Lebensunterhalt zu sichern. Auf diese Legende ist das heimliche Schenken in der Nacht vor dem Nikolaustag zurückzuführen. Auch wenn die „Stutenkerle“ schon in St. Martins-Tüten gepackt werden, der Ursprung des auch als „Weckmänner“ bezeichneten Gebäcks liegt bei St. Nikolaus.

Als eine Hungersnot in Myra ausgebrochen war, legten kaiserliche Getreideschiffe im

Hafen der Stadt an, die Schutz vor einem Sturm suchten. Alles Bitten und Betteln der

Bürger half nichts, die Schiffer blieben hart und die Laderäume zu. Bis eben der Bischof selbst anklopfte und die Herzen erweichte. Ausreichend Getreide zum Backen und für die Saat bekamen die Bürger Myras. Die Legende besagt weiter, daß, als die Schiffe im Heimathafen einliefen, die Ladung auf wundersame Weise wieder auf das ursprüngliche Gewicht angewachsen war.                                                                                             

Weitere Legenden kreisen um die Heilung von Kranken sowie die Rettung von Seefahrern. Auf der Fahrt eines Schiffs nach Palästina soll Nikolaus der Besatzung erschienen sein und sie vor dem Untergang bewahrt haben. „Nikolaikirchen“ erinnern noch heute in den Hafenstädten der Hanse an ihre frühere Aufgabe als Leuchttürme. Ebenso wie die Bischofskirche von Myra gaben sie den Seefahrern Orientierungshilfen.

St. Nikolaus nahm einen wichtigen Platz in der russisc­hen Zarenzeit ein, wie auch in Europastädten wie Freiburg in Deutschland; Bari, Napoli und ganz Sizilien in Italien. In Holland und England war er unter dem Namen Santa Klaus bekannt und wurde durch seinen Ruhm der beliebte heilige Beschützer der Stadt New York in Amerika. In den‘ nördlichen Europaländern hat St. Nikolaus durch seine Ei­genschaften wie Gutmütigkeit, Hilfsbereitschaft und Beschützer der Kinder sich als eine Legende in der Religion entwickelt. Dass der St. Nikolaus vor seinen Schlitten Ren­tiere spannte, ist auf die Nordländer zurückzuführen. Doch in der Wirklichkeit lebte der St. Nikolaus am Mittelmeer in Myra, wo es niemals schneite. Der im Norden beliebte St. Nikolaus hat sich als Beschützer der Kinder, Jugendlichen, Hilfe und seelischen Beistand Suchenden der damaligen Zeit, in einen sympathischen alten Mann, der am Weih­nachtsabend die Kinder beschenkt, umgewandelt. Ob­wohl es der Tatsache nicht entspricht, warten alle Kinder in den christlichen Ländern auf Ihren geliebten St. Nikolaus. Unter anderem war er ein geehrter Schutzheiliger der See­leute, was man an Hand der Bilder und Ikonen der kleinen griechischen Fischerboote nachweisen konnte und darauf zurückzuführen ist, dass er Eigenschaften des Meeresgot­tes Poseidon (in Rom Neptun) trug.

Als St, Nikolaus starb, verwendeten die Christen Myras in der römischen Zeit vermutlich einen Sarg aus dem 2. Jh. n. Chr., womit sie ihn in der Stadtnekropole heimlich bestatteten. Später baute man eine Kapelle und dann schließlich die Kirche, die das Grab des Heiligen schützend verbarg. Die Kirche befindet sich heute 150 m westlich in Zentrum der Stadt an der Hauptstrasse. Im Garten auf der linken Seite des Einganges steht heute ein Denkmal des Heiligen, wo der beliebte Alte mit seinem Sack auf dem Rücken von Kindern umgeben dargestellt ist.

Der Sterbetag des St. Nikolauses wird von allen Chris­ten als der 6. Januar akzeptiert. Nur ist dieses Datum nicht genau belegbar. Sogar die ältesten Werke, die über St. Ni­kolaus berichten, wie „Vita Nicolae Sionitae“ und „Vita de Stratelatis“ können kein genaues Datum angeben. Diese besagen nur, dass der Geburtsort des Heiligen Patara, die größte Hafenstadt Lykiens war.

Patara existierte schon im 5. Jh. v. Chr. und wurde sogar vom Herodot als reiche Hafenstadt erwähnt. Die Stadt liegt heute etwas westlich des Ortes Kalkans im Gelemis Dorf, unter den Ruinen befinden sich eine große An­zahl von prächtigen Ehrengräbern, sowie ein dreiportaliger Triumphbogen aus der römischen Zeit. Dazu gehören die vom wohlhabenden Modestus erbauten Ruinen einer Therme, die zu Ehren es Kaisers Vespasianus errichtet wurden, und ein kleiner Korinthen-Tempel. Das Theater, das vom reichen Velia Procula and seinem Vater 147 n. Chr. erbaut wurde, ist trotz der Versandung noch in guter Kondition. Es sind große Reste eines Getreidespeichers zu sehen, die ein Zeichen für eine wohlhabende Handelsstadt waren. Zu Beginn des Christentums durchzog der Jünger Paulus auch Patara. Aus diesem Grunde ist Patara eine der Städte, die in der Bibel erwähnt wird (Kapitel 21; l -2). Aus diesem Kapitel erfahren wir, dass der Jünger Paulus mit Lukas auf dem Rückweg von Miletos nach Jerusa­lem in Patara übernachtete und vermutlich mit einem größeren Schiff seine Reise fortsetzte. Das heute versan­dete Patara war zur Zeit des St. Nikolauses eine reiche und kultivierte Stadt. Wie über viele Heilige, weiß man von sei­nem Leben auch nicht viel. Später erfand man viele Le­genden, die sein Leben schmückten. Es ist umstritten, ob diese der Wahrheit entsprechen. Er war der Sohn einer Fa­milie, die Getreidehandel betrieb. Die religiösen Bücher besc­hreiben Ihn als Geschenk des Himmels, die Frucht der Opfer und Gebete seiner Eltern und Retter der Armen. Es wurde daran geglaubt, dass er als Baby schon Wunder vollbrachte und wusste, dass er Reisen nach Ägypten und Palästina durchführte. Es ist erwiesen, dass er in dem 3, und 4. Jh. n. Chr. zur Kaiserzeit Konstantins lebte. Nach! seinem Tode wurden für ihn in vielen Städten Europas! Kirchen erbaut; von denen die Basilika aus dem 6. Jh. in Is­tanbul ein schönes Beispiel ist. Er galt auch als meist geehrter Schutzheiliger der Kinder, Gefangenen, sowie See-und Kaufleuten in Russland und Griechenland.

Es wurden unzählige Geschichten über sein Leben und seine Wunder erzählt. Die Entscheidung, warum er Bischof wurde, lag laut Erzählung darin, ‚dass er der erste Mann war, der einen Tag nach der Weissagung und Wahlversammlung die Kirche zum ersten Male betrat. Nach anderen Erzählungen aus der Kaiserzeit Diocletian (284 – 305) wird behauptet, dass er wegen seinem Leiden ‚wahrend der Christenverfolgung, ausgesucht wurde. Er wurde wegen seinem Glauben von Richtern verhaftet und angekettet und dann einige Jahre später durch den christlichen Kaiser Konstantin freigelassen und wieder nach Myra gebracht. Eine andere Geschichte wiederum war, dass der Heilige 325 n. Chr. bei der Konsultation in Nikeia (Iznik) teilnahm.

Einmal soll er in einem Traum des Kaisers Konstantins erschienen sein, in dem er ihn um die Freilassung, zum Tode Verurteilter unschuldiger Gefangener, gebeten hatte. In einer weiteren Wahrsage hat er das Volk von Myra vorm Verhungern gerettet, indem er von einem Schiff, dass von Ägypten nach Istanbul fuhr, Getreide einsam­melte. Das Schiffsoll jedoch mit dem fehlendem Getreide ergänzt, in Istanbul angekommen sein. Dieses Wunder bestätigt deshalb vielleicht die Beziehung zu den Seefahrern mit dem Heiligen. Deshalb verabschiedeten die Seefahrer des Mittelmeeres, bevor sie auf Fahrt gingen, sich mit dem Spruch: „St. Nikolaus möge Eurer Streuer führen.“

Die alten Traditionen mit Ihren heutigen Überlieferungen und Weissagungen übermitteln uns, warum St. Nikolaus ein wichtiger Heiliger der Seeleute war.

A.  ALTE TRADITIONEN:

1. Religiöse Bräuche: Die Seefahrer der Umgebung besaßen eine große Ikone des Heiligen, welche sie von einer Feierlichkeit zur anderen mitnahmen.

2. Gebete: Vor einem Fischfang riefen die Fischer einen Priester an die Küste, der mit Wunschgebeten St. Nikolaus um einen reichen Fang bat.

3.  Gekochter Weizen (Kolliva): Die Seefahrer warfen am Tag der Heiligen, gekochten Weizen in die stürmischen Meere, um sie zu beruhigen.

4. Votivgeschenke: Die Seefahrer brachten Votivgeschenke aus Silber wie Fisch und Schiff, in die Kirche des Heili­gen.

B.  HEUTIGE BRÄUCHE:

1.  Bilder: Weil der Heilige wegweisend war, wird er heute auf vielen Schiffen bildlich dargestellt.

2.  Namensgebung: Heutzutage findet man unzählige Inseln, Buchten, Küstenstriche, Dörfer und Leuchttürme, die nach dem Heiligen benannt werden.

3.  Seefahrer: Viele Küstenbewohner glauben immer nach daran, dass der Heilige nur der Beschützer der See­fahrer ist.

4.  Gebethymne: In vielen Gebetshymnen kommt der Heilige als Beschützer der Seefahrer vor.

5. Heutige Literatur: Aus der heutigen Literatur ist zu er lesen, dass immer noch die meisten Wünsche an diesen Heiligen gestellt werden.

C. URSPRUNG DER VOLKSGLAUBEN:

1. Die meisten Meeres-Wunder des Heiligen sind auch in religiösen Büchern nachzulesen.

2.  Die lykische Küste war während der Leb-und Resi­denzzeit des Heiligen, das wichtigste Schifffahrtszentrum der bekannten Seefahrer des Mittelmeeres.

Die folgenden beiden Geschichten sind Beispiele dafür, dass er der Heilige der Kinder war. Die erste erzählt von einem Fleischer, der in der Hungersnot drei Jungen zu sich ins Haus lädt und diese im Schlaf zerstückelt, um sie zu verkaufen. St. Nikolaus lief, sobald er dies hörte, zum Haus des Fleischers und erweckte die drei Jungen wieder zum Leben. Die zweite erzählt von einem armen Kaufmann, der seine Töchter nicht verheiraten konnte, und dem St. [Nikolaus drei kleine Beutel mit Gold ins Haus warf, damit die Töchter nicht auf falsche Wege kamen. Aus diesem -Grund werden die Kinder am Weihnachtstag beschenkt. Dazu kommt die Sitte, dass einige Pfandhäuser in Europa drei Goldkugeln im Laden aufhängen. Diese Geschichte beweist vielleicht sogar, warum der Heilige auf seinen Bildern und Ikonen mit drei Goldkugeln dargestellt wird.

Es klingt schon fast wie Ironie: Eigentlich soll der heilige Niko­laus – unter anderem – vor Diebstahl schützen, doch seinen eigenen Raub konnte er nicht verhindern. In einer Blitzaktion entwendeten 62 See­leute aus Bari im April 1087 die Gebeine des Heiligen aus der ihm geweihten Gra­beskirche in Myra. Der Zeitpunkt für ein solches Sakrileg war günstig. Sie bra­chen den Sarkophag auf, entnahmen die Gebeine und segelten mit der Beute zu­rück in ihre Heimat. Mit der Ankunft der Reliquien am 9. Mai in Bari war der Coup abgeschlossen. Wie bereits Venedig, das im Jahre 828 die Überreste des Evangelis­ten Markus aus Alexandria in die Lagu­nenstadt überführen ließ, hatte nun auch Bari seinen Heiligen, dessen Prominenz  jener von Markus in nichts nachstand. Nikolaus war bereits zum Zeitpunkt des Diebstahls eine überragende Heiligengestalt, vergleichbar mit dem Drachentöter Georg oder dem Schutzpatron der Reisenden, Christophorus, und ist heute einer der 14 Nothelfer. Und genau darauf spekulierten die Seeleute aus Bari. Obwohl er an einem 6. Dezember um das Jahr 345 nicht als Märtyrer starb, verehrte man den Bischof von Myra be­reits 50 Jahre später, besonders in der Ostkirche. Vor allem die über ihn erzähl­ten Wundertaten – über sein alltägliches Leben ist nichts überliefert – förderte seine Popularität. Im Zuge seiner Vereh­rung schmückten zahlreiche Legenden Nikolaus’ Leben aus; als halbwegs gesi­chert gelten nur sein Geburtsjahr um 270 sowie sein Sterbedatum. Und: Nach dem frühen Tod seiner Eltern erbte er ein beträchtliches Vermögen. Es ist zwar schwer, die historische Figur greifbar zu machen, aber es sei »ein me­thodischer Fehler, die Geschichtlichkeit eines Myrenischen Bischofs Nikolaus (…) in Abrede stellen zu wollen«, schreibt Gustav Anrieh in seinem Standardwerk »Hagios Nikolaos« und fährt fort: »Es kann einen Bischof diesen Namens gege­ben, es kann derselbe sogar große Be­deutung für seine Heimat gehabt haben. Es kann auch der 6. Dezember der Tag seines Todes oder seiner Beisetzung ge­wesen sein. Das alles sind Möglichkeiten, denen man sogar eine gewisse Wahr­scheinlichkeit wird zugestehen können. Weiter ist nicht zu kommen. «

Ein antikes Städtchen ist die Heimat des Nikolaus

Vielleicht trug gerade dieses Unklare und Schemenhafte zur Popularität des Wundertäters von Myra bei. Einig sind sich die Forscher in dem Punkt, dass die Figur des Heiligen, wie wir sie kennen, nie existiert hat. Vielmehr handelt es sich um eine Verschmelzung aus zwei historischen Personen. Dabei vermischten die Gläubi­gen Leben und Taten des Bischofs Niko­laus von Myra und des Nikolaus von Sion, Bischof von Pinara in Lykien, der am 10. Dezember 564 starb. Relativ ein­fach lässt sich dagegen die früheste Nikolauslegende, das aus dem 6. Jahr­hundert stammende »Stratelatenwunder« (griechisch »stratelatos« bedeutet Feld­herr) dem Bischof von Pinara zurechnen. In dieser Erzählung rettet er das Leben von drei zu Unrecht zum Tode verurteil­ten Feldherrn. Hierbei könnte es sich um ein Ereignis aus der Zeit von Kaiser Justinian (527-565) handeln. Derartige Geschichten förderten die Nikolausverehrung bereits im 6. Jahr­hundert in der griechischen Kirche. Diese widmet die Wochentage dem Andenken bestimmter Personen wie Johannes dem Täufer oder der Mutter­gottes und ehrt den heiligen Nikolaus am Donnerstag. In der Folge ent­wickelte sich auch die Grabeskirche in Myra zu einem wichtigen Anlaufpunkt für Pilger.

Nikolausreliquien: für die Benediktiner von Bari eine schöne Bescherung

Seit Mitte des 8. Jahrhunderts ist die Heiligengestalt auch in Rom bekannt. Zu den ältesten Nikolausdarstellungen zählen dort die Fresken in der Kirche Santa Maria Antiqua auf dem Forum Romanum (8. oder 9. Jahrhundert). Ende des 9. Jahrhunderts erscheint das in La­teinisch abgefasste Werk »Vita S. Nicolai episcopi« des Johannes Diaconus von Neapel, die erste Biografie über den Bi­schof von Myra. Kurz vor der Jahrtau­sendwende breitete sich der Nikolauskult in ganz Süditalien aus und wurde von der dort lebenden griechischstämmigen Be­völkerung zusätzlich gefördert. Bei ihr galt Nikolaus als Schutzheiliger. Äußerst beliebt war der Bischof auch bei den Fischern und Kaufleuten Apuliens. Ihrem Schutzpatron zu Ehren errichteten sie zahlreiche Kirchen.

Zum Mekka der Anbetung entwickel­te sich Bari und erreichte mit der Über­führung der Gebeine im Mai 1087 einen Höhepunkt. Papst Urban II. (1088-1099) bestattete die Reliquien im Oktober 1089 in der Krypta der Basilika San Nicola, an der noch gebaut wurde. Nun feierte die katholische Kirche den 9. Mai als Tag der Ankunft (die weltweite Verpflichtung zur Feier des Gedächtnistages entfiel erst mit der Reform des kirchlichen Festkalenders im Jahre 1969). Die Beisetzung löste regelrechte Pilgerströme in die Stadt Bari aus, in der Slawen, Sarazenen, Juden und Griechen ohnehin schon auf engstem Raum zusammenlebten.

Die Bevölkerung Baris erkannte schnell den Wert ihres Publikums­magneten. So erhoben die Benediktiner­mönche, denen die sterblichen Überreste anvertraut worden waren, für den Besuch des heiligen Ortes einen Obolus, um damit die Baukosten für die Kirche San Nicola zu begleichen. In der näheren Umgebung des Nikolausgrabes stieg die Zahl der Gaststätten und Pilgerherber­gen. Bei den Souvenirhändlern ent­wickelte sich das »Oleum Sancti Nicolai«, eine aus dem Sarkophag entnommene und angeblich wundertätige Flüssigkeit, zum Verkaufsschlager.

Mit dem so verdienten Reichtum konnte die Hafenstadt Bari, die zur Jahr­tausendwende durch Kaufleute und See­fahrer eine erste große Blütezeit erlebt hatte, wieder an die glanzvollen Jahr­zehnte vor der Ankunft der Normannen im Jahre 1071 anknüpfen. Als Apulien unter der Herrschaft normannischer Kö­nige stand, war der Alltag der Einheimi­schen von Fehden und Volksaufständen geprägt. Doch mit den Reliquien und dem Aufstieg des Hafens zur Kreuzrit­terzeit war das vorbei.

Handelsmetropolen förderten den Kult um den Heiligen

Nördlich der Alpen dehnte sich der Nikolauskult vornehmlich durch die Kai­serin Theophanu (um 955-991) aus, die griechische Ehefrau Kaiser Ottos II. Nachdem Nikolaus sogar zu einem Haus­heiligen der Ottonen erhoben worden war, folgte der Bau vieler Nikolaikirchen vorrangig in Handelsstädten. Bis heute stehen in Deutschland noch knapp 400 der 12 000 katholischen Pfarrkirchen oder Seelsorgestellen unter dem Patronat des  Nikolaus. Nach dem Schutzpatron der Seefahrer und Händler wurde aber auch ein Viertel in der heutigen deutschen  Bundeshauptstadt benannt. Das Nikolai viertel, das älteste Berliner Wohngebiet, liegt im Zentrum am Ostufer der Spree. Vor allem Handwerker und Kaufleute ließen sich hier zuerst nieder.

Im Mittelalter setzte in der gesamten christlichen Welt ein Geschäft mit Reli­quien ein, und viele Geistliche kauften sie für ihre Gemeinden, weil sie auf Pilger­einnahmen hofften. Glücklich konnten sich die Kirchen schätzen, die über Reli­quien des heiligen Nikolaus verfügten. Neben Bari entwickelte sich vor allem das lothringische Dorf Port zu einem Kult­zentrum. Dort verwahrte man ein Finger­glied des Heiligen, das ein Kreuzfahrer im 11. Jahrhundert aus Bari gestohlen hatte. Der kleine Ort, wenige Kilometer süd­westlich von Nancy, entwickelte sich dank dieser Reliquie zu dem bedeutenden Wallfahrtsort Saint-Nicolas-de-Port.

Welchen Stellenwert eine solche Reli­quie bis zum heutigen Tag besitzt, zeigt das Beispiel des schweizerischen Fribourg (Freiburg im Üechtland), wo man bis heute am ersten Samstag im Dezember das St.-Nikolaus-Fest feiert. Wegen der besonderen Verehrung des »bewun­dernswerten Wundertäters voller Barm­herzigkeit«, wie Nikolaus in der Ostkirche umschrieben wird, richtete die Bischofs­stadt Minsk eine ungewöhnliche Bitte an die Fribourger Nikolauskathedrale: Als Zeichen der Verbindung zwischen Ost und West möge Fribourg der Stadt Minsk einen Partikel der Reliquie über­lassen. Bei dieser handelt es sich um einen Oberschenkelknochen, der über einige Umwege im Mai 1506 in die Schweiz kam. Im Februar 2006 war es dann so weit: Aus dem Knochen wurde ein fünf Zentimeter langes Stück heraus­gesägt und der Kathedrale von Minsk übergeben.

Die Wurzeln der heutigen Weihnachts­bescherung liegen im Nikolausbrauchtum begründet: »Obschon es keinen bekann­ten Termin einer ersten Nikolausfeier gibt«, wie Manfred Becker-Hubert von der Pressestelle des Erzbistums Köln sagt, »kann die Tradition der Bescherung am 5. beziehungsweise 6. Dezember auf das 12. Jahrhundert zurückverfolgt wer­den.« Für diesen Brauch können die seit Beginn des 9. Jahrhunderts bekannten Knabenabts- oder Knabenbischofsspiele der Ausgangspunkt gewesen sein. Bei dem »ludus episcopi puerorum« verklei­dete sich ein Schüler von einer Kloster-und Bischofsschule als Abt oder Bischof, dem die übrigen Mitschüler an einem Tag gehorchen mussten. Dies vermischte sich später mit dem so genannten Wurf- oder Streuabend. Am Nikolausabend werden in den Raum, in dem sich die Kinder der Familie aufhielten, Säckchen mit Äpfeln, Nüssen, Gebäck und Süßigkeiten gewor­fen. Dem Brauch liegt die Legende von den drei Jungfrauen zugrunde: Sie be­richtet, dass Nikolaus von Myra drei Töchter eines verarmten Kaufmanns vor der Prostitution bewahrte, indem er ihnen nächtens drei Goldkugeln für ihre Hei­ratsausstattung ins Zimmer warf.

Die Praxis des Gabenbringens änderte sich mit der Reformation. Martin Luther lehnte das Überreichen von Geschenken ab, obwohl er selbst bis 1535 vor seinen Kindern in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember einen Nikolaus auftreten ließ. Dann ersetzte Luther den Heiligen durch das Christkind, das bereits vor Luther als Gabenbringer der Weih­nachtszeit bekannt war. Es sollte nicht mehr in Konkurrenz zum Nikolaus treten, sondern alleine die Kinder beschenken -und zwar an Weihnachten und nicht am 6. Dezember. Allerdings bescherte in katholischen Regionen weiterhin der Nikolaus die Kinder, während in protes­tantischen Gebieten das Christkind die Geschenke brachte.

In Deutschland schenkt er Äpfel, in den USA schützt er den »Big Apple«

Konkurrenz bekamen der Heilige und das Christkind mit der Wandlung des Nikolausbildes, das sich mit der Koloni­sierung Amerikas durch die Niederländer zu Beginn des 17. Jahrhunderts vollzog. Sie gründeten in ihrer amerikanischen Kolonie die Stadt Neu-Amsterdam, zu deren Schutzpatron sie Nikolaus wählten, in den Niederlanden einer der Haupthei­ligen. 1664 nahmen die Engländer die Stadt in Besitz, tauften sie in New York (moderner Spitzname: Big Apple) um -und behielten den Schutzpatron bei.

In Deutschland war in der Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem Bischof mit Mitra und Stab eine Person mit langem Mantel und Zipfelmütze geworden. Im Buch »Struwwelpeter« des Frankfurter Arztes Heinrich Hoffmann (1809-1894) tunkt der »böse Niklas« die ungehorsa­men Kinder in ein Tintenfass. Der Maler Moritz von Schwind stellt den gaben­bringenden Nikolaus in seinem Holz­schnitt »Herr Winter« (1847) mit weißem Bart und einem Kapuzenmantel dar.

Auch für den Weihnachtsmann, der heute dem Konsumenten in der Vor­weihnachtszeit lächelnd und mit einem weißen Rauschebart und rotem Mantel ausgestattet entgegentritt und seine Schau mit einem »Ho-Ho-Ho!« akustisch untermalt, zeichnet ein Deutscher ver­antwortlich. Der in die USA ausgewan­derte, aus der Pfalz stammende Künstler Thomas Nast zeichnete den Nikolaus in seinem Bild »Merry Old Santa Claus« (1881) als gütigen, weise lächelnden Gabenbringer. Davon angeregt, schuf der Grafiker Haddon Sundblom den »Weihnachtsmann«, den der Coca-Cola-Konzern ab 1931 für Werbekampagnen benutzte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs setzte sich diese Figur in jenen Ländern durch, in denen US-Truppen stationiert waren.

Kapitalistischer Santa Claus gegen sozialistisches Väterchen Frost

Der amerikanisierte Weihnachtsmann wurde aber auch in Frankreich (Pere Noel), in Italien (Papa Natale) oder in der Türkei (Noel Baba) als Überbringer von Geschenken populär, wobei in einigen Re­gionen Frankreichs oder Italiens immer noch das Christkind die Gaben bringt. In den Niederlanden hingegen konnten we­der das Christkind noch der Weihnachts­mann dem Nikolaus (Sinte Klaas) den ersten Rang als Kinderfreund streitig machen. Der mittelalterlichen Tradition verpflichtet, wird dort die Bescherung der Kinder am 6. Dezember gefeiert.

»Heutzutage hat sich die Stellung des Nikolaus vor allem im Westen relativiert. Hierfür gibt es gleich mehrere Gründe: Es existieren viele weitere populäre Heilige, die Reformation schwächte seine Stellung genauso wie die Schaffung einer säkula­risierten Abart des Nikolaus mit Namen Weihnachtsmann«, erläutert Becker-Huberti, der mehrere Bücher zum Thema Nikolaus verfasst hat.

Einen ganz anderen Rang nimmt Nikolaus hingegen in der russisch-orthodoxen Kirche ein. Hier gilt er nach wie vor als ei­ne Art »Überheiliger« und ist der Schutzpatron des russischen Volkes. Doch für die Bescherung ist heutzutage jemand an­deres verantwortlich. Die aufklärerische Nikolausmutation »Herr Winter« wurde
im marxistischen Russland durch »Väter­chen Frost« (Ded Moroz) ersetzt, der in der Silvesternacht den Kindern Geschen­ke unter den Christbaum legt.

Das Nikolausfest in Bari

Die Sonne brennt vom Himmel, die Palmen bewegen sich im Takt des Windes, und die Luft riecht nach dem Wasser der Adria. Sommerliche Tem­peraturen – und Bari feiert Nikolaus. Statt Glühwein, Lebkuchen und Schoko-nikoläusen werden in der verwinkelten Altstadt Eis, Oliven und gekühltes Mine­ralwasser angeboten. Jedes Jahr ist die Stadt in Apulien im Mai für mehrere Tage im Ausnahmezustand. Dann gibt Bari zu Ehren des Stadtpatrons ein großes Fest, dessen Ursprünge in Pro­zessionen zu Beginn des 17. Jahrhun­derts liegen. Heute ist es eine Mischung aus Volksfrömmigkeit und Volksfest.

Den Auftakt, den historischen Umzug, verfolgen über 100000 Menschen auf den Straßen. Sie warten gespannt, wie der Choreograf wohl diesmal den Dieb­stahl der Reliquien szenisch umgesetzt hat. Natürlich haben nun neben Bischof Elias – ihm wurden die Knochen im Jah­re 1087 übergeben – auch normanni­sche Reiter und die 62 Seeleute in drei Holzschiffen ihren Auftritt. Der Höhe­punkt ist jedoch der 8. Mai: Um 4.30 Uhr in der Frühe reißen zehn Böllerschüsse die Bevölkerung aus dem Schlaf, und jeder weiß: Es ist der Tag, an dem die Reliquien ankommen. Nach Sonnen­aufgang tragen junge Männer eine 320 Kilogramm schwere Statue aus Silber und Holz durch die Gassen von Bari, be­vor sie in einer feierlichen Zeremonie mit einem Boot auf die Adria hinaus­gefahren wird. Den ganzen Tag über pendeln nun Hunderte Fischerboote mit Gläubigen zwischen dem Hafen und dem Schiff mit der Statue. Jeder will dem Heiligen ganz nah sein. Eine ge­wisse Distanz muss jedoch gewahrt bleiben, und so dürfen sie nur ihre Spenden in die Klingelbeutel werfen. Dabei können sie den Nikolaus auf dem Wasser zumindest aus der Nähe sehen. Dann müssen sie. ohne ihn berührt zu haben, zurück an Land. Dort warten schon die nächsten zahlenden Kunden auf eine Schnellvisite. Um acht Uhr abends kehrt die Statue aufs Land zurück. Das symbolisiert das Eintreffen der Nikolausreliquien im Jahr 1087. Es gibt auch in den Tagen des Trubels Orte der Ruhe in dieser pittoresken Stadt mit ihren wunderschönen Innen­höfen, in denen kleine Hausaltäre ab­wechselnd Maria oder Nikolaus ehren. Die Krypta der Basilika San Nicola ist der meistfrequentierte Ort während des Fests. Beeindruckend ist jedoch die Stille an diesem kühlen Platz unterhalb des Ostchores der romanischen Kirche. Seit nunmehr fast 1000 Jahren zieht der magische Ort Pilger aus aller Welt an. Hier treffen sich christliche und ortho­doxe Gläubige am Grab des Heiligen, das durch ein Schild mit der Aufschrift »Tomba del Santo« gekennzeichnet ist. Ein Gitter gewährleistet den nötigen Abstand. Andächtig knien die Gläubigen minutenlang auf dem Marmorfußboden und reihen ein Gebet an das andere, während der Rosenkranz behutsam durch ihre Finger gleitet. Andere stim­men Lieder in lateinischer Sprache an -die Krypta, getragen von 32 Säulen, wird von einem summenden Klangteppich erfüllt. Kerzen in goldenen Leuchtern hüllen den Ort in mystisches Licht.

Kehrt man aus der dämmrigen Krypta ans mediterrane Tageslicht zurück, muss man erst einmal kräftig die Augen zusammenkneifen. Dann erkennt man: In den Gassen rund um die Kirche scheint die Zeit stillzustehen. Ältere Damen sitzen wie an jedem anderen normalen Werktag vor ihren »bassi«, den Erdgeschosswohnungen. Finger­ fertig formen sie aus frischem Teig Orecchiette und breiten die apulische Pastaspezialität auf großen Sieben zum Trocknen aus. Das hektische Treiben und die Temperaturen von 30 Grad Celsius scheinen sie zu ignorieren. Bari feiert zwar seinen Nikolaus, aber ohne ein schmackhaftes Abendessen wäre in Italien auch so ein hoher Feiertag nur eine halbe Sache.

Wie sah der Heilige wirklich aus?

Dieser Frage geht der italienische Pa­thologe Franco Introna seit Jahren nach. Der Professor aus Bari möchte dem Nikolaus ein Gesicht geben. Doch für ei­ne wissenschaftliche Untersuchung der in Bari bestatteten Knochen verweigert ihm der Vatikan die Erlaubnis. Dafür bedarf es eines religiösen Grundes wie zum Beispiel bei einer beabsichtigten Selig- und Heiligsprechung, was in die­sem Fall nicht gegeben ist. Daher bleibt Introna nichts anderes übrig, als sich mit Fotos und radiografischen Unter­suchungen aus dem Jahre 1953 zufrieden zu geben – damals wurden die Ge­beine in eine neue Urne umgebettet und dabei wissenschaftlich abgezeichnet. Darauf stützt Introna auch seine Bewer­tung über den Inhalt des Grabes: »In Bari liegt ein fast komplettes mensch­liches Skelett. Die männliche Person war 1.60 Meter groß und erlitt zu Leb­zeiten eine Nasenfraktur. «

Dem möglichen Aussehen dieser Per­son kommt er zusammen mit seiner Kollegin Caroline Wilkinson von der Universität Manchester ein Stückchen näher. Mit einem speziellen Computer­programm gelingt es im Jahr 2004 der Expertin für Gesichtsrekonstruktion, der Person das Antlitz zurückzugeben. »Ist das nicht ein wahrer Charakterkopf? «, fragt Introna schmunzelnd. Ob es sich hierbei um das Gesicht des Heiligen handelt, bleibt fraglich. »Um festzustel­len, wann die in Bari bestattete Person gelebt hat. müssten wir nicht nur eine DNA-Analyse, sondern auch die C-14 Methode anwenden. Aber dafür muss ich erst einmal die Knochen der Urne entnehmen«, sagt Introna.

Mittlerweile ist Nikolaus für den italie­nischen Mediziner zu einer Herzens­sache geworden, der sogar den Weg in sein Privatleben gefunden hat. Seinen Sohn hat er auf den Namen Nicola tau­fen lassen, und an den Wänden seiner Wohnung hängen Nikolausikonen. Doch eines bereitet ihm Sorge: der Umgang der Kirche und der Bevölkerung von Bari mit dem prominenten Toten, des­sen Gebeine zu zerfallen drohen. »Viel wichtiger als die wissenschaftliche Un­tersuchung ist die Konservierung des Skeletts. Eindringendes Wasser hat die Knochen stark zerstört. Bevor sie total pulverisiert sind, müssen wir sie für die Nachwelt retten. Das ist meine Mis­sion. Hoffentlich wird es keine >Mission lmpossibile<. «

Doch solange der Vatikan für eine sol­che Aktion keine Erlaubnis erteilt, bleibt auch die wahre Identität des Mannes von Bari ein Rätsel. Weniger rätselhaft, aber dafür umso erstaunlicher sind die »Wächter« des Grabes in Bari. Alle 62 Seeleute, die 1087 die Gebeine geraubt haben, fanden ebenfalls in der Basilika San Nicola ihre letzte Ruhestätte. Hätte der Heilige gegen die kriminelle Nachbarschaft zu seinen Grabräubern etwas
einzuwenden gehabt? Wahrscheinlich nicht. Zu seinen Aufgaben gehört es zwar, Diebe fernzuhalten – er ist aber zugleich deren Schutzpatron!       

Bei seinem ersten Weihnachtsfest als Papst Benedikt XVI. griff Joseph Alois Ratzinger im Dezember 2005 tief in die Klamottenkiste seiner Vorgänger. Eine »neue« Kopfbedeckung sollte ihn vor der Winterkälte Roms schützen und an eine jahrhundertealte Tradition anknüpfen.

Der »camauro« war vom 12. bis 19. Jahrhundert eine der wichtigsten Kopfbedeckungen der Päpste. Sein Name leitet sich vom lateinischen camaurum (griechisch: kamelauchion) ab und steht für das ursprüngliche Material: eine Mütze aus Kamel­leder. Mit dem »camauro« und dem ebenfalls tiefroten Umhang, der Mozzetta, gaben die Päpste Audienzen, sprachen Recht – und traten in dieser Tracht als Herrscher über die Weltkirche auf. In der Zeit Napoleons verlor der Papst an Macht – und verzichtete im­mer öfter auf die Kopfbedeckung, die mittlerweile aus Samt und Her­melinpelz gefertigt war. Einige spätere Päpste wie Pius XII. wurden vor ihrer Beisetzung mit dieser Haube aufgebahrt.

Es scheint kein Zufall, dass sich der konservative Vordenker und Papst Benedikt XVI. am 21. Dezember 2005 mit »camauro« und Mozzetta zeigte – nachdem die Mütze für vier Jahrzehnte im päpst­lichen Kleiderschrank verschwunden war. Die Medien betitelten den Auftritt doppelsinnig als Rückkehr des Weihnachtsmanns.

Der Rückgriff auf eine alte »Mode mit Machtanspruch«, die schon am oströmischen (byzantinischen) Kaiserhof hohen Beamten und Geistlichen vorbehalten war, lässt Spekulationen über die Weltsicht ihres aktuellen Trägers zu. Viele Schäfchen denken hierzulande mit patriotischem, deutsch-bayerischem Gefühl an ihren Oberhirten
(»Wir sind Papst! «) – aber als Reformer der katholischen Kirche hat sich der 79-jährige Benedikt bis jetzt nicht gezeigt. Sein Zitat des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaiologos, das nichts Gutes am Propheten Mohammed ließ, war – wie Benedikt nach heftigen Pro­testen von Moslems beteuerte – wohl nicht abschätzig gemeint, kam
aber so an. Was wollte der in theologischen Fragen so versierte Benedikt aber wirklich mit diesem Zitat sagen und bewirken? Suchte er die Konfrontation oder den Dialog mit dem Islam? Die Kritiker melden sich auch an anderen Fronten – Stichworte Empfängnis- und Aidsverhütung, Zölibat, Frauenpriesterschaft oder Homosexualität.
Viele Zeichen sprechen dafür, dass sich Papa Benedetto weiterhin warm anziehen muss, auch nach der kalten Jahreszeit.

Nikolaus Kirche

Aus dieser Zeit sind keine mutwilligen Beschädigungen an der Kirche überliefert. Diese verfällt vielmehr und wird allmählich von den Sand- und Geröllmassen des Demre-Flusses zugeschüttet. Im 15. Jahrhundert war bereits soviel angeschwemmt worden, daß über den eingestürzten Gewölben einer der Seitenkapellen eine kleine Kirche errichtet werden konnte, die 1738 sogar renoviert wurde. Die Erhöhung des Bodenniveaus führte zum Bau von Obergeschossen im Klostertrakt. 1862 wurde – dank des russischen Zaren Nikolaus l. – der Komplex von Rußland aufgekauft. Die Innenräume befreite man vom Geröllschutt und der Bau erhielt ein neues Dach mit Tonnen- und Kreuzgratgewölben. Bis dahin war das kirchliche Leben nie ganz verloschen. Erst um 1920, mit den Anfängen der jungen Türkei als neuem Staat, starb die letzte Flamme. Das Klostergebäude und die kleine Kirche wurden abgerissen – die Nikolauskirche ist verwaist.

Die Nikolauskirche befindet sich ziemlich in der Ortsmitte von Kale. Jeder kennt sie und Hinweisschilder gibt es genügend. Auch wird die Nähe schon vorher durch eine plötzliche Häufung von Cafes und Speiselokalen im Freien >eingeläutet<.

Beim Betreten fällt sofort auf, daß die Kirche erheblich tiefer unter dem Bodenniveau liegt als die umstehenden Häuser und Straßen. Man begibt sich also hinunter und erreicht den Komplex an seiner Südseite. Als erstes fallen drei Absiden auf, die an der Ostseite eines relativ niedrig gehaltenen Baues aus diesem hervortreten. Die beiden nördlicheren gehören zum ältesten Trakt der ganzen Anlage und damit zum Vorgängerbau des 6. Jahrhunderts. Es sind zwei Kapellen. Derselben Zeit gehört noch der Flügel auf der Nordseite des Atriums an, dessen Verlängerung das nördliche Seitenschiff aus dem 8. Jahrhundert darstellt. Die südlichste der drei Absiden hingegen ist Teil einer Kreuzkuppelkirche, an die sich im Westen ein einschiffiger, vier Joch tiefer Raum, sowie im Süden eine Halle mit zwei von je zwei Säulen getragenen Durchgängen anschloß.

Von der Halle haben sich drei Säulen sowie eine vierte nur als Stumpf erhalten. Dieser Trakt sowie ein Längsgestreckter Anbau auf der Nordseite der eigentlichen Kirche und des Nordflügels der Atriums mit fünf Räumen unterschiedlicher Gestaltung, darunter ein Treppenhaus, werden als mittelbyzantinische Bauten bezeichnet und gehören der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts an. Aus der gleichen Zeit oder geringfügig später sind wohl auch die Anbauten an der Süd- und Westseite des Atriums, die zum Teil vermauert und noch nicht freigelegt sind. Das Äußere des eigentlichen Kirchenkerns weicht stark vom ursprünglichen Aussehen ab. Daß hier einst ab dem 8. Jahrhundert eine große Kreuzkuppelkirche stand, läßt sich nicht sofort erkennen, denn die jetzt vorhandene Kuppel stammt aus dem Jahre 1862 und stellt eine Neuschöpfung, aber keine Wiederherstellung des alten Zustandes dar. Weder die nördlichen und südlichen Außenseiten noch die Fassade, an die eine Vorhalle ebenfalls 1862 angebaut wurde, lassen die ursprüngliche Form und die einstige Pracht der Grabeskirche erkennen.

Der schon von außen verwirrende Eindruck setzt sich im Innenraum fort. Diesen kann man nur von Süden über die ehemaligen Säulendurchgänge, also durch die freistehenden Säulen sowie durch einen gerahmten Eingang betreten. Man befindet sich in dem >Vorraum< der kleinen früheren Kreuzkuppelkirche aus mittelbyzantinischer Zeit – der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts. Trotz des heruntergekommenen Zustandes – das Mauerwerk aus Bruchstein zeigt sich überall mit abgebröckelten Putzschichten – kann man in der Apsis noch Freskenreste mit Heiligenfiguren erkennen. Besser erhalten zeigt sich der Fußboden. Die aus vielfarbigen Marmorsorten angelegten Intarsien sind in unterschiedlicher Technik ausgeführt. So sieht man neben dem opus secWeauch geometrische Ornamente als Mosaike gearbeitet oder Muster aus schmalen Marmorleisten gelegt.

Über die beiden Kapellen aus dem 6. Jahrhundert betritt man die Hauptkirche in Höhe des Chorraumes. Auch hier beeindruckt trotz des heruntergekommenen Zustandes noch das Verbliebene. Auffallend ist die Raumgröße, die nur unterbrochen wird von zwei Säulenstümpfen, die zu einer Dreibogenanlage gehören, ähnlich wie in der Basilica di San Nicola zu Bari. Sie trennt den Chor vom Kirchenraum. Im Chor Säulen eines nicht mehr erhaltenen Altarziboriums. In der Apsis ein Stufen-Presbyterium, ein Bema, das einem gewölbten >Chorumgang< aufsitzt. Auch hier noch gut konservierte Reste der früheren Fußbodenausschmückung. Von dem ursprünglich mit einer Kuppel, aber seit 1862 mit einem Kreuzgratgewölbe gedeckten Zentralraum führen jeweils nach Norden, Westen und Süden drei Durchgänge mit Bogenwölbung zu den >Seitenschiffen< und dem Narthex bzw. zu den Kreuzarmen der Kreuzkuppelkirche. In den Kreuzarmen auch Emporen, die über das Treppenhaus in einem der nördlichen Räume zugänglich sind. Farbspuren an den verbliebenen Stuckresten lassen darauf schließen, daß ursprünglich die gesamte Kirche ausgemalt war. Fresken sind noch in der Apsis der kleinen Kreuzkuppelkirche an der Südseite, in den Nischen des >Vorraumes< dieser Kirche sowie in der Kuppel eines im Nordosten gelegenen Raumes mit einer Apostelkommunion, datiert nach 1300, vorhanden. Im westlichen Kreuzarm, in den Deckengewölben, sind die Fresken etwas besser konserviert, wenngleich auch sehr beschädigt. Allein sechs Konzilsbilder sind auszumachen, wobei man unter den versammelten Bischöfen auch die Figur eines Kaisers erkennt.

Nun ist überliefert, daß Nikolaus an dem von Kaiser Konstantin dem Großen nach Nicaea einberufenen Ökumenischen Konzil im Jahre 325 teilgenommen haben soll, wo auch der Kaiser zugegen war. Die Fresken könnten eine Anspielung auf dieses Konzil sein. Sie werden dem 11. und 12. Jahrhundert zugeschrieben.

Bei der Freilegung der Räume von dem angeschwemmten Schutt kamen auch zahlreiche Marmorskulpturen ans Tageslicht. Darunter byzantinische Blattkapitelle, auch solche mit Vogeldarstellungen, dann Architrave, Gebälkstücke, Tür- und Fensterrahmen mit geometrischen und pflanzlichen Mustern, schließlich Altar- und Ikonostasis-Schrankenplatten, meist mit Kreuzmotiven sowie eine Anzahl von Sarkophagen. Damit kommen wir zur Frage, wo in dieser ehemaligen Grabeskirche sich nun das Grab des heiligen Nikolaus befunden haben soll.

Nikolaus Sarg

Nach dem Bericht des Mönches Nicephoro, der die Bareser >Reliquienexpedition< begleitete, sollen die Kauffahrer im Jahre 1087 den Marmor-Fußboden vor dem Altar geöffnet und ein weißes Marmorgrab gefunden haben. Mit einem Hammer zerschlugen sie den Sarkophag und fanden den Heiligen Leib in einer Flüssigkeit schwimmend, derein angenehmer Duft entstieg, sodaß jeder meinte, in Gottes Paradies zu weilen. Und sie stiegen hinab in das Heilige Öl und bargen die Reliquien sorgfältig in einem Tuch aus Seide.

Sie brachten ihn per Schiff nach Bari. Vor dem Hauptaltar konnten keine Spuren gefunden werden, die diesen Bericht belegen, d.h. das Vorhandensein eines Grabes unter dem Fußboden beweisen.

Zwei Sarkophage wurden je nach >Empfinden< und gemäß einiger unschvorstellungen< als das echte Grab von Nikolaus angesehen.

Der eine im südlichen Seitenschiff ist ein sogenannter Säulensarkophag aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts n.Chr. mit einem liegenden Paar. Der Sarkophag ist stark beschädigt, was auf die christliche Politik der Tabula rasa angesichts heidnischer Symbole zurückgeht. So fehlen dem Paar die Köpfe und Gliedmaßen und dem Sarkophag auf der Vorderseite in den drei Nischen, von denen nur noch eine erhalten ist, die Figuren. Wie man an dem Vorhandenen sieht, war der Sarkophag ehemals prachtvoll verziert mit kleinen Architekturen, Statuetten und Ornamenten.

Der andere Sarkophag in einer Nische des Vorraumes der kleinen Kreuzkuppelkirche gehört zur Gruppe der Rankensarkophage und wird ebenfalls in die zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts n.Chr. datiert. Die Vorderseite schmücken pflanzliche Ranken, die Schmalseiten Sphinxen und Stierköpfe. Das Kreuz über dem mittleren Blattkelch ist eine spätere Veränderung bei der Wiederverwendung des Sarkophages für eine christliche Bestattung. Ursprünglich entwuchs dem Blattkelch die Figur einer Rankengöttin.

Erst in jüngster Zeit hat sich dank neuer Forschungsergebnisse das Interesse auf einige Sargdeckelfragmente konzentriert, die bei der türkischen Ausgrabungskampagne 1963/64 zum Vorschein kamen. Die Fragmente, heute im Innenhof der Nikolauskirche, gehören zu einem Sarkophagdeckel in der Form eines Satteldaches. Interessant sind jedoch die quadratischen Aussparungen, die im Zentrum eine halbkugelförmige Vertiefung einer Öffnung zum Sarginnern aufweisen. Diesen trichterförmigen Öffnungen begegnen wir noch an anderen Sarkophagen in Lykien. In ihnen wurden Männer bestattet, die im Ruf der Heiligkeit standen. Im 4. Jahrhundert gab es in Kleinasien einen Brauch, Wundertäter in wieder verwendeten Sarkophagen – oft waren es römische – zu bestatten. Diese hatte man mit Duftölen – meist Olivenöl, das zuvor mit aromatischen Pflanzenextrakten angereichert worden war – aufgefüllt. Diesem Öl gab man den Namen Myrrhe. Die so >bestatteten< Heiligen bezeichnete man als Myroblyten. Grabstätten dieser Art wurden das Ziel vieler Pilgerfahrten und standen in hohem Ansehen bei der Bevölkerung. Den Pilgern wurden gegen eine Spende einige Tropfen des Duftöls, das die Gebeine des Heiligen berührt hatte und daher als besonderes Wunderheilmittel galt, am unteren Rand des Sarkophag-Kastens abgezapft. Mittels der Trichter im Sargdeckel wurde wieder >nachgefüllt<. Nikolaus gehörte zweifellos zu diesen Myroblyten, und sein Ruf, daß heiliges Manna aus seinem Grab fließe, hat sicherlich hier seinen Ursprung. Auch wird jetzt der Bericht des Mönches Nicephoro verständlich, der ja dieses Duftöl im Sarg erwähnte. Die vorliegenden Fragmente können daher durchaus zu dem Sarg des heiligen Nikolaus gehört haben. Über das Aussehen des wirklichen Sarkophages und über seinen Aufstellungsort in der Kirche wissen wir dadurch auch nicht mehr.

Andriake

Von Myra/Kale sind es nur wenige Kilometer durch das schmale Tal des Andrakos-Flusses nach Andriake.

Andriake liegt an der Mündung des Andrakos in einer von Bergen geschützten Bucht. Seine Entstehungszeit fällt mit der von Myra im 5. Jahrhundert v.Chr. zusammen, da Myra einen Hafen brauchte. So wurde die Stadt zu beiden Seiten der Bucht bzw. des Flusses angelegt. Der Hafen selber befand sich im hinteren Bereich der Bucht und konnte durch eine Eisenkette verschlossen werden. Parallel zur Straße und zum Fluß verlaufen zwei Wasserleitungen, die als Kanal im Felsen und als Aquädukt stellenweise noch recht gut erhalten sind. Andriake brauchte dieses Wasser, da der Fluß und die örtlichen Quellen schwefel- und salzhaltiges Wasser enthalten.

Nymphäum: Noch vor Erreichen Andriakes sieht man auf der rechten Seite eine Ruine, die durch ihre großen Bogenöffnungen auffällt. Im Altertum wußte man um die heilende Wirkung schwefelhaltigen Wassers. So ist es nicht ausgeschlossen, daß die Bewohner hier eine Thermenanlage einrichteten, wobei dem verbliebenen Gebäude die Funktion des Frigidariums mit Kaltwasserbecken zukam. Da hier aber auch eine Quelle entspringt, spricht vieles dafür, in dem Bauwerk eine Quellfassung, ein Nymphäum, zu sehen. In den Nischen im Innenraum standen vermutlich Statuen von Quellnymphen.

Rundgang durch die antike Stadt

Von Andriake ist nicht mehr viel übriggeblieben. Die Nordstadt ist regelrecht unter Sand begraben, und ein noch sichtbarer Mauerring erweckt den Eindruck einer verwunschenen Wüstenburg.

Fündig wird man auf der Südseite des heute sich als Sumpf zeigenden ehemaligen Hafenbeckens. Man erkennt in den direkt am früheren Hafen liegenden Mauerresten eine teilweise überdachte Hafenstraße, dann mehr als 20 nebeneinander angeordnete Lagerräume, die Agora mit den ehemaligen Markthallen, eine unterirdische gewölbte Zisterne und ein großes flaches Gebäude, das die Ausmaße von 65 m x 32 m besitzt.

Eine erhaltene Inschrift, die sich über das gesamte Gesims der Frontseite erstreckt, gibt Auskunft über den Erbauer und die Funktion des Gebäudes. Danach wird es als Horreades Imp. Caesar/s… Hadriani Augusti Cos. III. bezeichnet. Horrea läßt sich mit Speicher, Lager übersetzen. Die Form des Bauwerkes weist es eindeutig als Getreidespeicher, als Granarium aus.

129 n.Chr. weilte Kaiser Hadrian mit seiner Gemahlin Sabina auf seiner zweiten Reise durch Kleinasien auch in Myra, und wir dürfen davon ausgehen, daß das Granarium auf seine Anordnung erbaut wurde. Die Portraits des Kaiserpaares auf dem Gesims der Vorderseite bestätigen diese Vermutung. Der Mittelpfeiler des 5. Doppelfensters von links trägt ein Rundschild mit zwei Lanzen. Damit galt das Gebäude als staatliche, sogar als militärische Einrichtung und diente zur Versorgung der Bevölkerung, zum Lagern von lykischen Getreidevorräten, die zum Export für Rom bestimmt waren, aber auch zur Versorgung des römischen Militärs. Weitere Inschriften belegen, daß das Granarium noch Ende des 4. Jahrhunderts als Getreidespeicher in Gebrauch war.

Aus einer ganz anderen Richtung kommt eine Legende, die, wie könnte es hier in Lykien anders sein, mit dem heiligen Nikolaus zusammenhängt. Sie schildert eine Begebenheit, die die Bedeutung Andriakes als Umschlagplatz für Getreide hervorhebt.

Nach dieser Legende, der Praxis De Navibus Frumentariis in Porti/ der Kornschifflegende, soll sich folgendes ereignet haben:

Während einer Hungersnot landen in Andriake mehrere Kornschiffe aus Alexandria in Ägypten. Als Nikolaus die Schiffer bittet, ihm etwas von ihrer Kornladung für die notleidende Bevölkerung abzugeben, lehnen diese die Bitte ab, da sie fürchten, bei ihrer Ankunft in Konstantinopel von ihren Vorgesetzten bestraft zu werden. Doch Nikolaus sichert ihnen kraft seines Amtes als Bischof, wodurch ihm in der Reichsverwaltung auch eine Art höhere Instanz zukommt, vor der sich sogar ein Statthalter zu beugen hat, [Novellae Justiniani; Bern.: viele Legenden über Nikolaus sind in die Zeit Kaiser Justinians l., also in das 6. Jahrhundert versetzt worden] Straffreiheit zu. Dadurch beruhigt entnehmen die Händler jedem Schiff 100 Scheffel Korn. In Konstantinopel angekommen, bemerken sie jedoch voll Verwunderung und Staunen beim Nachwiegen, daß von der Ladung nichts fehlt. Das ah Nikolaus übergebene Korn reichte hingegen für zwei Jahre und darüber hinaus noch zur Aussaat. Wer kann sich dann noch wundern, daß ob solcher Wundertaten an allen Orten Kirchen entstanden, um die Taten von Nikolaus zu preisen und dadurch den Glauben an Gott zu stärken.

In Andriake stehen noch die Fundamente von sechs kleinen Kirchen. Eine andere Legende des heiligen Nikolaus spielt ebenfalls in Andriake. Die in dieser Legende vorkommende Ortsbezeichnung Plakoma wird mit dem Marktplatz, der Agora von Andriake in Verbindung gebracht, da dieser, so wie das Wort Plakoma zu deuten ist, mit Platten ausgelegt war, und Andriake auch namentlich genannt wird.

In Plakoma stand ein heiliger Baum – die Meinungen schwanken zwischen Zypresse, Pinie und Olivenbaum – von ungeheurer Größe und hohem Alter. In ihm wohnte ein Geist, ein Dämon, der den Menschen Unheil brachte und für Mißernten verantwortlich gemacht wurde. Schon öfters hatte man versucht, den Baum zu fällen, aber jedes Mal war die Axt ausgeglitten und hatte den Baumfäller selber getroffen. Einmal war ein Bauer sogar mit zwei Äxten und einer Schaufel gekommen. Doch der Dämon hatte ihm die Äxte entrissen und ihn damit erschlagen. Man hatte dem Bauern unter dem Baum ein Grab geschaufelt und ihn dort begraben. Seitdem wagte es keiner mehr, den Baum zu fällen. Deshalb riefen die Leute Nikolaus aus dem benachbarten Myra. Dieser eilte hinüber nach Andriake und führte selber die ersten Axthiebe aus. Mit Gebeten verhinderte er, daß der tückische Geist den Baum auf die Umstehenden fallen ließ. Durch das Fällen war der Zauber gebrochen und der Dämon vertrieben.

In vorchristlicher Zeit galten Bäume von besonderem Aussehen als Wohnstätten von Gottheiten und in Lykien besonders von Apollo und seiner Schwester Artemis. In diesen Zusammenhang paßt eine Münze aus Myra, die zur Zeit Kaiser Gordians (238-244 n.Chr.) geprägt wurde. Sie zeigt einen Baum und in seiner Krone eine sphinxartige Göttin. Zwei Männer trachten danach, mit Doppeläxten den Baum zu fällen. Dies versuchen zwei aus den Baumwurzeln hervorzüngelnde Schlangen zu verhindern. In der Göttin wird die Patronin von Myra – Artemis Eleuthera -gesehen. In heidnischer Zeit galt sie noch als Beschützerin, die frevelhaftes Tun verhindert – in christlicher Zeit war sie nur noch ein böser Dämon, den es zu vertreiben galt.

Der Platz Plakoma in Andriake, eine Münze aus Myra und eine Legende des heiligen Nikolaus – sie spiegeln treffend die religiösen Strömungen ihrer Zeit unter verschiedenen Aspekten wider. Zahlreiche Fresken und Ikonen haben das Thema dargestellt und zeigen den heiligen Nikolaus als baumfällenden Dämonenaustreiber.

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