Christentum

Das 1. Sendschreiben an Ephesus

Das erste Sendschreiben ist an die Gemeinde zu Ephesus gerichtet:

Dem Engel der, Gemeinde zu Ephesus schreibe: Das sagt, der da hält die sieben Sterne in seiner Rechten, der da wandelt mitten unter den sieben goldenen Leuchtern: Ich weiß deine Werke und deine Arbeit und deine Geduld und daß du die Bösen nicht ertragen kannst, und hast geprüft die, welche sagen, sie seien Apostel, und sind’s nicht, und hast sie als Lügner erfunden, und hast Geduld, und hast um meines Namens willen Last getragen, und bist nicht müde geworden. Aber ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlässest. Gedenke, wovon du gefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke. Wo aber nicht, werde ich über dich kommen und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte, wenn du nicht Buße tust. Aber das hast du, daß du die Werke der Nikolaiten hassest, welche ich auch hasse. Wer Ohren hat, der höre was der Geist den Gemeinde sagt! Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist. (Offb. 2, 1-7).

Der Engel (griechisch:  angelos = Bote oder Gesandter) ist der Vorsteher der Gemeinde, heute würden wir sagen, der Gemeindeleiter oder Pastor. In so mancher Kirche, Gemeinde oder Versammlung (griechisch: ekklesia = ekklesia) geht es heute leider ebenso weltlich zu, als wäre fortan der Vorsteher der Gemeinde der Bürgermeister und nicht ein Bote Gottes. Oft sind die Verkündiger heute auch mehr Diplomaten als Zeugen. Anstatt klar und deutlich die biblische Botschaft zu bezeugen, ist man dagegen weithin zurückhaltend in Stellungnahmen zu lebenswichtigen Fragen der Gemeinde Jesu, denn man möchte es sich ja mit niemandem verderben.

Jesus stellt sich vor als: Das sagt, der da hält die sieben Sterne in seiner Rechten, der da wandelt mitten unter den sieben goldenen Leuchtern. Die Erklärung dazu hat uns Jesus ja ebenfalls selbst gegeben im vorigen Kapitel der Offenbarung: Das Geheimnis der sieben Sterne, die du gesehen hast in meiner rechten Hand, und die sieben goldenen Leuchter: die sieben Sterne sind Engel der sieben Gemeinden, und die sieben Leuchter sind die sieben Gemeinden. (Offb. 1, 20). Nun kommen wir zur Beschreibung der Gemeinde nach der eingangs gegebenen Einteilung:

  1. Ephesus oder Ephesos – eine Küstenstadt in Karien, wurde am Ende des 12. Jahrhunderts v. Chr. von den Ioniern unter Androklos als griechische Kolonie gegründet und besiedelt. Im Laufe der Zeit wechselte es jedoch mehrfach seine Besitzer. Ephesus lag in einer fruchtbaren Ebene, am linken Ufer des Flusses Ca·yster, etwa 5 km von der Stelle entfernt, wo dieses Gewässer in das Ägäische Meer mündet, das ein Teil des Mittelmeeres ist. Dieser Fluß Ca·yster ist etwa 130 km lang und heißt jetzt Bayindir. Die Stadt befand sich etwa 55 km südöstlich von Smyrna, dem heutigen Izmir. Ephesus hatte zunächst nur einen natürlichen Hafen, der jedoch immer mehr versandete. Deshalb erfolgte in der griechischen Zeit eine Veränderung der Stadt- und Hafenanlage, indem ein großer, künstlicher Hafen zusätzlich angelegt wurde.
     

 

Wie alle anderen Städte der insgesamt sieben Sendschreiben der Offenbarung gehörte auch Ephesus zur Zeit des Apostels Johannes zur römischen Provinz Asia.

Das verbliebene wüste Trümmerfeld liegt heute in der Nähe des Ortes Selcuk, neben einem Dorf, das Aja Soluk (ausgesprochen: Adscha Soluk) heißt, dessen Name entstanden ist aus: Hagios Theologos, auf Deutsch: „Heiliger Theologe“, zur Erinnerung an den Apostel Johannes, ehrfürchtig erwähnt als „heiligen Theologen“, der nach der Überlieferung dort begraben liegt.

Der Name Ephesus bedeutet „die Liebende“, kann aber auch mit „die Geliebte“, „die Liebliche“ oder gar mit „Luststadt“ übersetzt werden, denn es war der Hauptsitz der Weltlust. Die Stadt war der Mittelpunkt des kulturellen und religiösen Lebens der damaligen Zeit. Unter römischer Herrschaft wurde Ephesus zum Schmelztiegel vieler Völker, zur Weltstadt und zum Tummelplatz vieler Religionen, magischer Kulte und okkulter Praktiken. Damals war es eine Stadt von etwa 200.000 Einwohnern und somit eine der größten im östlichen Mittelmeergebiet. In den neuen, künstlichen Hafen von Ephesus fuhren die großen griechischen und römischen Handelsschiffe ein, die mit Schätzen aller Art beladen waren. Direkt am Hafen wurde ein Teil dieser Waren in besonderen Schaukästen ausgelegt, was man als: de·igma = de·igma (griechisch, Schau oder Ausstellung) bezeichnete, ähnlich wie auf einer heutigen Mustermesse.

Der griechische Geograph und Schriftsteller Strabon (= „Schieler“) aus Amaseia (63 v. Chr. – 19 n. Chr.), bekannt durch sein Werk: „Geographika“ (17 Bücher) schrieb damals, daß die Stadt sich jeden Tag zusehends vergrößerte. Sie war zur Zeit Jesu und dann auch noch während der Apostel Johannes sich dort aufhielt, eine der größten und wohlhabendsten Handelsstädte der damaligen Zeit und daher auch ein Zentrum der Geldwirtschaft, somit gewiß in etwa mit den heutigen Banken-Metropolen vergleichbar. Strabon schrieb dann darüber, jetzt wörtlich: Weithin erstrecken sich ihre Grenzen über das Land und weithin über das Meer, und jedem Bedürftigen vermag sie leicht zu genügen.

Aber nicht nur Geld und tote Waren liefen in den Hafen von Ephesus ein, sondern auch Sklaven in großen Mengen wurden angelandet, die zuweilen an einem Vormittag zu Tausenden dort verkauft wurden. Auf der benachbarten Insel Delos seien an einem Tage 10.000 dieser unglücklichen Menschen wie altes Eisen feilgeboten worden, so berichtete Strabon. Bis zu 50 000 Drachmen (griechisch) oder Denare (römisch) wurden für einen „edlen“ Sklaven geboten. Diese Münzen werden im Neuen Testament als „Groschen“ (Luk. 15, 8-9) oder „Silbergroschen“ (Matth. 18, 28; 20, 2; 22, 19) bezeichnet und waren der gewöhnliche Tagelohn eines Arbeiters.

Arbeiten galt in Ephesus als Schande, denn dafür hatte man ja Sklaven genug. Darum war auch hier sprichwörtlich „Müßiggang aller Laster Anfang“. So besaß es eines der großen Gymnasien, zu dessen Bodenbelag dreizehn verschiedene Marmorsorten verwendet wurden. Weiße Marmorsäulen trugen das Gebäude mit zwei Stockwerken, in deren herrlich geschmückten Hallen die schrecklichsten Laster heimisch waren. Das Wort Gymnasium kommt von dem griechischen: gumnoV = gymnos, auf Deutsch: nackt, und war bei den Griechen zunächst der Ort der Körpererziehung (Gymnastik), wo nackt geturnt wurde. Später dienten die Gymnasien vor allem dem allgemeinbildenden höheren Schulunterricht und wurden deshalb hinfort: gumnasiwn = gymnasion (auf Deutsch: Bildungsstätte) genannt.

Seit der Zeit des Krösus von Lydien, der von 560-546 v. Chr. König war, stand das religiöse Leben der Stadt ganz unter dem Zeichen der Göttin der Fruchtbarkeit, von den Griechen Artemis und von den Römern Diana genannt, die in einem großen und schönen Tempel verehrt wurde, dem sogenannten Artemision oder Artemisium, bzw. der Tempel der Diana. Dieser diente, wie alle griechischen Tempel, dem öffentlichen Leben, zugleich als Kultstätte, Museum und einer Art Bankinstitut, da die Tische der Geldwechsler ebenfalls dort untergebracht waren. Diese Unsitte hatten die Juden von den Griechen übernommen; davon ist in den Evangelien zu lesen: Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb heraus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß um der Wechsler Tische und die Stühle der Taubenkrämer und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jes. 56, 7): „Mein Haus soll ein Bethaus heißen“; ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus. (Matth. 21, 12-13, siehe auch Mark. 11, 15-16; Luk. 19, 45-46 und Joh. 2, 14-16).

Wie wir noch sehen werden, war in dieser Kultstätte die Prostitution gesetzlich erlaubt und wurde sogar von den Priestern gefördert. Die religiöse Bedeutung von Ephesus gipfelte in dem Kult dieser Fruchtbarkeitsgöttin, mit vielen Brüsten dargestellt, von der eine Statue im Vatikan aufbewahrt wird.

Ephesus war aber nicht nur wegen dieses Artemisiums berühmt, sondern es besaß zur Zeit des Apostels Johannes auch noch andere, ähnlich berühmte Tempel, die den göttliche Verehrung genießenden römischen Kaisern Claudius und Nero geweiht waren. Später kamen dann noch der Hadrian- und der Severus-Tempel hinzu. Auf dem Berg Pion befand sich das imposante Theater mit 66 Sitzreihen aus Stein, Platz genug für über 24 000 Menschen, allein auf diesen Steinsitzen. Die Ruine dieses Schauplatzes, wie er in Apg. 19, 29 im Luthertext von 1914 genannt wird, ist im letzten Jahrhundert ausgegraben worden und kann deshalb auch heute noch besichtigt werden. Dort fand die von dem Goldschmied Demetrius initiierte Protestkundgebung statt, wie sie uns in Apg. 19, 23-40 geschildert wird. In der Lutherbibel erklärt ist dieser Abschnitt überschrieben: Der Aufruhr des Demetrius.

Zur Zeit, da der Apostel Paulus noch eine Weile in der Landschaft Asien blieb, wird berichtet: Es erhob sich aber um diese Zeit eine nicht geringe Unruhe über die neue Lehre. Denn einer mit Namen Demetrius, ein Goldschmied, der machte silberne Tempel der Diana und wandte denen vom Handwerk nicht geringen Gewinn zu. Dieselben und die Beiarbeiter dieses Handwerks versammelte er und sprach: Liebe Männer, ihr wisset, daß wir großen Gewinn von diesem Gewerbe haben … (Apg. 19, 23-25). Daher wissen wir, daß es dort auch eine berühmte Goldschmiedezunft gab, die in der ganzen Landschaft Asien und dem Weltkreis bekannt war, genau wie die Diana von Ephesus, deren Souvenirs sie verkauften.

Dieser Demetrius beklagte sich nun öffentlich darüber, daß seine Geschäfte als Andenkenverkäufer rückläufig waren, seit die Nachfrage nach Artemis-Statuetten und der silbernen Tempel-Nachbildungen auf Grund der Predigten des Apostels Paulus stark gesunken war. Seine durchaus engagierte Rede bewirkte, daß Gajus und Aristarchus aus Mazedonien, die Begleiter des Paulus, von der aufgebrachten Menge ergriffen wurden. In der Apostelgeschichte wird dieses tumultartige Geschehen dann so berichtet: Und die ganze Stadt ward voll Getümmel; sie stürmten aber einmütig zum Theater und ergriffen Gajus und Aristarchus aus Mazedonien, des Paulus Gefährten. Da aber Paulus wollte unter das Volk gehen, ließen’s ihm die Jünger nicht zu. (Apg. 19, 29-30).

Außerdem war Ephesus das Zentrum des Okkultismus und Aberglaubens. Das Volk trieb Zauberei und lebte in der Furcht vor den Dämonen. Wie in Apg. 19, 13-20 berichtet wird, trieben dort auch jüdische Magier und Geisterbeschwörer ihr Unwesen, die „im Namen des Jesus, den Paulus predigt“ Besessene heilen wollten. Dieser Bericht stellt vor Augen, auf welche „Mächte“ der Apostel Paulus gerade im Epheser-Brief vielfach anspielt (Eph. 1, 21; 2, 2; 3, 10; 6, 11-12).

Einige Inschriften an ausgegrabenen Mauerresten bestätigen in der Tat, was der Apostel Paulus im Epheser-Brief andeutet: Die Bewohner der Stadt müssen sehr abergläubisch gewesen sein. Das kann man aus dem schließen, was Paulus den Gläubigen unter ihnen schrieb: So sage ich nun und bezeuge in dem Herrn, daß ihr nicht mehr wandeln dürft, wie die Heiden wandeln in der Nichtigkeit ihres Sinnes. Ihr Versand ist verfinstert, und sie sind fremd geworden dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, die in ihnen ist, durch die Verstockung ihres Herzens; in ihrem Gewissen sind sie stumpf geworden und ergeben sich der Unzucht und treiben

Dieser Tempel der Artemis oder Diana war ein großartiger Bau, der 130 m lang, 67 m breit und von 127 Säulen aus weißem Marmor umgeben war. Jede dieser Säulen war 18 m hoch und aus einem Stück. Das Artemisium von Ephesus galt als eines der Sieben Weltwunder des Altertums. Von beiden Bauphasen sind auch heute noch Reste erhalten. Bei Ausgrabungen wurden auch einige kostbare Weihegaben gefunden, die als Bauopfer unter dem Fußstück jenes Standbildes verborgen lagen, das in der Apostelgeschichte des Lukas erwähnt wird: Da aber der Kanzler das Volk beruhigt hatte, sprach er: Ihr Männer von Ephesus, wo ist ein Mensch, der nicht wisse, daß die Stadt Ephesus sei eine Hüterin der großen Göttin Diana und ihres Bildes, das vom Himmel gefallen ist? (Apg. 19, 35).

Nach ihrem Artemiskult trug die Stadt den Beinamen: nhwkwroV = neokoros, auf Deutsch: Tempelbewahrerin, was jedoch Dr. Martin Luther in Apg. 19, 35 dann mit „Hüterin“ übersetzt hat. Dieser Ehrentitel wurde ausschließlich durch römischen Senatsbeschluß einer Stadt verliehen, die zu Ehren des Kaisers einen Tempel errichtete und Spiele veranstaltete. Zur Zeit des Apostels Paulus wurde Ephesus durch einen Senat und eine Volksversammlung verwaltet, die ein Stadtschreiber leitete. Luther hat diesen aber in Apg. 19, 35 als „Kanzler“ bezeichnet.

Wer war nun eigentlich diese Artemis oder Diana? Ursprünglich war es sicherlich eine Fruchtbarkeitsgöttin, als Frau mit vielen Brüsten dargestellt, die später jedoch in der römischen Provinz auch als Jagd- oder Kriegsgöttin verehrt wurde. Kein Wunder, daß die großen Nachtfeiern im Monat Artemision (im März) in dem Lusthain des Artemistempels im Rausch der gemeinsten und widerlichsten Laster abgehalten wurden. Gewissenlose Priester rechtfertigten diese Unzucht und verbanden sie mit der Religion des Volkes. Sechstausend Mädchen, man beachte diese Zahl, sollen sich mit Leib und Seele an die Artemis der Epheser verkauft haben, und der Hurenlohn dieser Unglücklichen war eine der besten Einnahmequellen der Artemispriester.

Sakrale Prostitution war in heidnischen Religionen beliebt und verlockend. Gott will und wir dürfen damit nichts zu tun haben, hat er doch schon Mose geboten: Es soll keine Tempeldirne sein unter den Töchtern Israel und kein Tempelhurer unter den Söhnen Israel. Du sollst keinen Hurenlohn noch Hundegeld in das Haus des Herrn, deines Gottes, bringen aus irgendeinem Gelübde; denn das ist dem Herrn, deinem Gott beides ein Greuel. (5. Mose 23, 18-19).

Damit haben wir ein Bild der Stadt zu entwerfen versucht, in die der Apostel Paulus die Botschaft von Jesus Christus, dem Gekreuzigten, getragen hat. Diese Arbeit wurde von Gott reichlich gesegnet und war deshalb nachhaltig von Erfolg gekrönt. Sowohl in der Apostelgeschichte, wie auch in den Briefen des Paulus, wird uns das berichtet, was auch in außerbiblischen Quellen oftmals bestätigt wird.

  1. Durch die erfolgreiche Tätigkeit des Evangelisten Apollos wurde eine gesegnete Vorarbeit für die Annahe des Evangeliums von Jesus Christus in Ephesus geleistet (Apg. 18, 24-28). Anschließend hat der Apostel Paulus zunächst drei Monate, dann noch zwei Jahre lang, dort gewirkt und die christliche Gemeinde gegründet (Apg. 19, 1-12). Die Gesamtzeit der missionarischen Tätigkeit des Apostels Paulus in Ephesus kann man seiner eigenen Aussage vor den Ältesten der Gemeinde entnehmen: Darum seid wachsam und denket daran, daß ich nicht abgelassen habe drei Jahre, Tag und Nacht, einen jeglichen mit Tränen zu vermahnen. (Apg. 20, 31). Später ernannte Paulus seinen Mitarbeiter Timotheus zu seinem Nachfolger (1. Tim. 1, 3).
     

 

Laut dem Zeugnis des christlichen Altertums hatte nach ihm der Apostel Johannes seinen Wohnsitz dort. Nach dem Tode des Kaisers Domitian (96 n. Chr.) ist er aus seiner Verbannung dorthin zurückgekehrt. Daselbst ist er auch im Jahre 100 n. Chr. gestorben und begraben worden. Eusebius oder Eusebios, Bischof von Cäsarea (260-340 n. Chr.) schrieb in seiner Kirchengeschichte: Damals lebte noch in Asien der Apostel und Evangelist Johannes, den Jesus liebte, und leitete die dortigen Gemeinden, nachdem er nach dem Tode des Domitian von der Insel zurückgekehrt war, auf die man ihn verbannt hatte. Die Tatsache, daß Johannes in den Tagen des Trajan noch am Leben war, wird durch zwei Zeugen genügend bestätigt. (Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte, III, 23). Ferner schrieb er: An diesem Tage wird der Herr mit Herrlichkeit vom Himmel kommen und alle Heiligen aufsuchen, nämlich: Philippus, einen der zwölf Apostel, der in Hierapolis entschlafen ist, mit seinen beiden bejahrten, im jungfräulichen Stande verbliebenen Töchtern, während eine andere Tochter, die im Heiligen Geiste wandelte, in Ephesus ruht, und Johannes, der an der Brust des Herrn lag, den Stirnschild trug, Priester, Glaubenszeuge und Lehrer war und in Ephesus zur Ruhe eingegangen ist, ferner den Bischof und Märtyrer Polykarp von Smyrna und den Bischof und Märtyrer Thraseas aus Eumenea, der in Smyrna entschlafen. (Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte, V, 24). Später wurde die Verehrung der heidnischen Göttin Diana auf Maria, der Mutter Jesu, übertragen, die in Ephesus bei Johannes, allerdings vor seiner Verbannung, gelebt haben und auch dort gestorben sein soll (anscheinend nach Joh. 19, 26-27). Im Jahre 431 n. Chr. fand in Ephesus eine Synode (= griechisch) oder Konzil (lateinisch: concilium) statt, also eine Versammlung von hohen Kirchenführern, auf der Maria endgültig zur „Theotokos“ (= JhwtwkoV), zur Gottesmutter, erklärt wurde.

Der Engel oder Stern der Gemeinde zu Ephesus war Paulus, der Apostel, der etwa von 10-67 n. Chr. lebte. Paulus, lateinisch: „Der Kleine, der Geringe, der Niedrige“ hieß zuerst Saul, hebräisch: „Der Erbetene; den die Eltern von Gott durch Bitten erlangten“ oder Saulus (griechisch) und stammte aus Tarsus in Zilizien, früher auch Cilicien geschrieben (Apg. 9,11 und 13, 9). Mehrmals hat er Anspielungen auf seinen Namen gemacht: „Denn ich bin der geringste unter den Aposteln“ (1. Kor. 15, 9); und: „Mir, dem Allergeringsten unter allen Heiligen …“ (Eph. 3, 8).

Paulus hatte von seinem Vater das römische Bürgerrecht geerbt (Apg. 22, 28), war ein Sohn frommer und wohlhabender jüdischer Eltern, außerdem ein strebsamer Schüler, der von berühmten Männern zum Rabbiner ausgebildet wurde (Apg. 22, 3). Er bekämpfte als streng gesetzestreuer Pharisäer leidenschaftlich die Christen, bis er im Jahre 32 n. Chr. vor Damaskus in einer Vision von Jesus Christus persönlich den Auftrag erhielt, Juden und Heiden das Evangelium zu verkündigen (Apg. 9, 3-19). Nach Jahren der Besinnung in der Stille, teilweise in Arabien (Gal. 1, 17), begann er im Jahre 47 n. Chr. seine erste Missionsreise, die ihn auch nach Kleinasien führte (Apg., Kap. 13 und 14).

Während seiner dritten Missionsreise verbrachte er über zwei Jahre in Ephesus, bis zum Sommer des Jahres 55 n. Chr. (Apg. 20, 31), geriet dort durch Verfolgungen in Lebensgefahr, mußte die Stadt verlassen und zog auf dem Landwege über Mazedonien nach Korinth. In dieser Stadt blieb er den Winter über, bevor er dann nach Jerusalem reiste, um am Pfingstfest teilzunehmen und den dortigen Heiligen die Geldsammlung seiner Gemeinden zu überreichen. Daß diese Fahrt nach Jerusalem für ihn Gefangenschaft und vielleicht sogar den Tod bedeuten würde, war Paulus wiederholt von Brüdern mit prophetischer Gabe offenbart worden (Apg. 20, 22-23; Apg. 21, 4 + 10-13).

In der Apostelgeschichte wird uns sehr ausführlich über sein Ergehen in Jerusalem, seine Gefangennahme durch die Römer und später seine Fahrt nach Rom berichtet. Längst war es sein Wunsch, auch dort das Evangelium verkündigen zu können (Röm. 1, 15). Zwei Jahre lebte er in Rom in einer Art Untersuchungshaft mit Besuchserlaubnis, die er auch voll ausnutzte. Danach wissen wir nichts Genaueres mehr über ihn. Seine Briefe an Timotheus und Titus deuten darauf hin, daß er noch einmal frei wurde und u. a. auch Kleinasien besuchte. Unter Nero (Lucius Domitius Nero oder Claudius Drusus Germanicus), römischer Kaiser seit 54 n. Chr. (geb. 37 n. Chr. – Selbstmord am 9.6.68 n. Chr.), ist Paulus dann im Jahre 67 n. Chr. durch das Schwert hingerichtet bzw. enthauptet worden, und zwar, nach der Überlieferung der Gemeinde von Rom, gleichzeitig mit der Kreuzigung des Petrus.

LOB

  1. In der Gemeinde zu Ephesus sind es sieben christliche Tugenden, die der Herr Jesus nacheinander anerkennend hervorzuheben sucht. Dieses Lob hat er ihr ausgesprochen für:
    a) ihre Tätigkeit: Ich weiß deine Werke
    b) ihren Fleiß: und deine Arbeit
    c) ihr Ausharren: und deine Geduld
    d) ihre Gemeindezucht: und daß du die Bösen nicht ertragen kannst
    e) ihr Prüfungs- und Unterscheidungsvermögen: und hast geprüft die, welche sagen, sie seien Apostel, und sind’s nicht, und hast sie als Lügner erfunden …
    f) ihre Tragkraft: und hast Geduld, und hast um meines Namens willen Last getragen
    g) ihre Unermüdlichkeit: und bist nicht müde geworden.

Dann kommt der berechtigte Tadel: Aber ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlässest. Die Liebe zu Gott zeigt sich besonders auch in der Bruderliebe, wie der Apostel Johannes in seinem ersten Brief bestätigt: Verwundert euch nicht, meine Brüder, wenn euch die Welt hasset. Wir wissen, daß wir aus dem Tode in das Leben gekommen sind; denn wir lieben die Brüder. Wer nicht liebt, der bleibt im Tode. Wer seinen Bruder hasset, der ist ein Totschläger, und ihr wisset, daß ein Totschläger nicht hat das ewige Leben in ihm bleibend. Daran haben wir erkannt die Liebe, daß er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. Wenn aber jemand dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder darben und schließt sein Herz vor ihm zu, wie bleibt die Liebe Gottes in ihm? Meine Kindlein, lasset uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit. (1. Joh. 3, 13-18).

Eine ähnliche Ermahnung hat uns der Schreiber des Hebräer-Briefes hinterlassen: Bleibet fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein, vergesset nicht; denn dadurch haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Gedenket der Gebundenen als die Mitgebundenen und derer, die Trübsal leiden, als solche, die auch noch im Leibe leben. (Hebr. 13, 1-3).
Je nach unserem Herzenszustand beurteilt der Herr auch uns:

Wo die Liebe im Herzen erlischt und erkaltet,
da nistet behende das Böse sich ein.

Was sind die ersten Werke?

Von derselben Entwicklung war auch die Gemeinde in Galatien gekennzeichnet, worüber der Apostel Paulus klagen mußte: Wie waret ihr dazumal so selig! Ich bin euer Zeuge, daß, wenn es möglich gewesen wäre, ihr hättet eure Augen ausgerissen und mir gegeben. (Galater 4, 15). Es ergeht ein mahnender Bußruf: Gedenke, wovon du gefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke. Die ersten Werke werden uns in einer siebenfachen Kraftwirkung in der Apostelgeschichte gezeigt:
a) die Zeugniskraft der ersten Jünger;
b) die Anziehungskraft der wahren Menschen- und Sünderliebe;
c) die Tragkraft der herzlichen Bruderliebe;
d) die Glaubenskraft der erhörlichen Gebete;
e) die Abstoßungskraft gegenüber dem Ungöttlichen;
f) die Überwinderkraft in der Leidensfreudigkeit;
g) die Lebenskraft gegenüber den Krankheits- und Todesmächten.

Darum richtet sich auch an uns die Frage:

Wo ist der ersten Christen Liebesfeuer?
Wo ist die Einigkeit, wo ist die Harmonie?
Wo ist die Opferwilligkeit, wo ist die Treue?

Dann die drohende Warnung: Wo aber nicht, werde ich über dich kommen und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte, wenn du nicht Buße tust. Die Gemeinde zu Ephesus hat nicht Buße getan, und so kam, was kommen mußte. Die Stürme der weltgeschichtlichen Erschütterungen haben das Licht ausgeblasen und der schöne Leuchter mußte dem Halbmond Platz machen. Zwischen 630 und 640 n. Chr. fiel Ephesus erstmalig in die Hände der Türken, von denen es später vernachlässigt wurde und daraufhin versumpfte.

Wie schon erwähnt, liegt das verbliebene wüste Trümmerfeld nun neben einem Dorf, das Aja bzw. Adscha Soluk heißt, entstanden aus: Hagios Theologos (= agioV JhwlogoV), auf Deutsch: „Heiliger Theologe“, zur Erinnerung an den Apostel Johannes, den „heiligen Theologen“, der wahrscheinlich dort begraben liegt. Spätestens seit der Zerstörung ist in Ephesus keine christliche Gemeinde mehr, wie der Herr Jesus dem Apostel vorausgesagt hat. Aber, was noch ernster ist, unaufhaltsam ist die Kirche, abgesehen von einzelnen, meist örtlichen und vorübergehenden, zeitlichen Belebungen, auf dem Wege des Niederganges bis zu diesem Tage vorangeschritten, bis wir in dem siebenten und letzten Stadium, in dem von Laodicea, gegenwärtig in der Zeit des großen Abfalls angelangt sind.

Das vom Herrn der Gemeinde noch einmal zuteil werdende Lob lautet: Aber das hast du, daß du die Werke der Nikolaiten hassest, welche ich auch hasse. Die Nikolaiten waren eine bereits im ersten Jahrhundert auftauchende gnostische (= erkenntnismystische) Sekte, die sich durch sexuelle Zügellosigkeit hervorgetan hat. Sie waren ein schwärmerischer Kreis, bei dem sich die Gemeinschaft nicht nur auf das Vermögen, sondern auch auf die Frauen bezog. Der Kirchenvater Clemens von Alexandria (160-215 n. Chr.) berichtete, daß es eine Sekte der Nikolaiten gegeben habe, die sich nach dem in Apg. 6, 5 erwähnten Diakon Nikolaos nannte. Unter Berufung auf einen von ihnen falsch ausgelegten Ausspruch des Nikolaos: Man muß das Fleisch mißbrauchen“, verkehrten sie die christliche Freiheit in ihr vollkommenes Gegenteil, indem sie unter Preisgabe der eigenen Frauen einem skrupellosen, unzüchtigen und lasterhaften Leben frönten. – Nikolaos heißt „Volksbesieger“; nikaw = nikao = besiegen oder überreden und laoV = laos = Volk oder Laienstand. Die Nikolaiten waren Irrgeister und greuliche Wölfe, vor denen der Apostel Paulus schon bei seinem Abschied von der jungen Gemeinde von Ephesus prophetisch warnte: Denn das weiß ich, daß nach meinem Abscheiden werden unter euch kommen greuliche Wölfe, die die Herde nicht verschonen werden. (Apg. 20, 29).

Ein weiterer Aspekt sollte hierbei allerdings auch noch berücksichtigt werden. Nikolaos kann ebenfalls mit „Beherrscher des Laienstandes“ übersetzt werden. Das könnte ein Hinweis darauf sein, daß die Nikolaiten hier versuchten, einen Unterschied zwischen Geistlichen und Laien zu machen und diese voneinander zu trennen. Sie predigten den „Geistlichen Stand“, den Gott haßt, um dadurch die Laien oder das einfache Volk zu beherrschen, was die Gemeinde zu Ephesus auch haßte und verhinderte. Weil sie dieses Ansinnen entschieden unterbunden hatte, wurden sie von ihrem himmlischen Herrn dafür gelobt. Durch die Aufgabe des allgemeinen Priestertums, wie es die Bibel lehrt, entstanden nämlich die uns bekannten hohen geistlichen Würdenämter und schließlich das Papsttum selbst mit allen seinen weltlichen Machtansprüchen.

Zum Schluß noch die dringende Aufforderung, die in allen sieben Sendschreiben ergeht: Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Paulus erklärte: Der Herr ist der Geist. (2. Kor. 3, 17). Dazu dann die selige Verheißung: Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist. Überwinden heißt: Alle Stürme und Winde des Lebens im Aufsehen auf Jesus unter die Füße zu bekommen, um dann als Überwinder über den Winden, wie ein Flugzeug über den Wolken, triumphierend schweben zu können. Die notwendigen Voraussetzungen für ein erfolgreiches Überwinderleben sind:
a) die Wiedergeburt (Joh. 3, 3);
b) der Glaube (1. Joh. 5, 4);
c) die geistliche Waffenrüstung (Eph. 6, 10-20).

Die Bezeichnung „Baum des Lebens“ erhält ihre besondere Bedeutung, wenn man bedenkt, daß die Septuaginta (= LXX), die griechische Übersetzung des Alten Testamentes, die Worte „Baum des Lebens“ in 1. Mose 2, 9 (= Ez ha-Chaim) mit „Holz des Lebens“ (= xulon thV zoeV = xulon tés zoes) übersetzt. Demnach ist der „Baum des Lebens“ gleichbedeutend mit dem „Holz des Lebens“, wie es auch im Luthertext von 1914 heißt.

Die Anmerkung dazu in der Scofield-Bibel lautet: „Der Baum des Lebens“ ist einer der vielen Hinweise auf das 1. Buch Mose, die wir in der Offenbarung haben. Um den gefallenen Menschen davon abzuhalten, von „dem Baum des Lebens“ zu essen, trieb Gott ihn aus Eden hinaus und stellte die Cherubim an den Eingang, um den Weg zu diesem Baum zu bewahren (1. Mose 2, 9; 3, 22. 24). „Der Baum des Lebens“ erscheint dreimal in Offb. 22 (VV. 2. 14. 19. [griechisch]), wo das neue Paradies beschrieben wird. In dem N.T. wird das Wort, das übersetzt wird „Baum“ (griechisch: xulon = xulon, Anm.) von dem Kreuz gebraucht (Apg. 5, 30; 10, 39; 13, 29; Gal. 3, 13; 1. Petr. 2, 24). Durch den Tod Jesu an dem Baum kann die Menschheit ewiges Leben erhalten. Er „trug unsere Sünden an seinem eigenen Leibe auf das Holz“. Alle diese Bibelstellen gehen zurück auf 5. Mose 21, 22-23, wo im hebräischen Text wiederum „Ez“ (= Baum) steht.

Das Schlüsselwort: Laß die erste Liebe nicht!

Die Dauer der Gemeinde zu Ephesus (Zeitraum): etwa von 47-170 n. Chr., also 123 Jahre.

  1. Das Zeitalter der Gemeinde von Ephesus umfaßt zwei Abschnitte. Zunächst das apostolische Zeitalter, das von 34-100 n. Chr., dem Todesjahr des Apostels Johannes, dauerte. In dieser Zeitspanne hat der Siegeszug des Evangeliums seinen Anfang genommen, wie in dem Bericht über Christi Himmelfahrt vom Herrn Jesus vorausgesagt (Apg. 1, 8), und zwar:
    a) das Evangelium zu Jerusalem (Apg. Kap. 2 – 7);
    b) das Evangelium in ganz Judäa und Samarien (Apg. Kap. 8 – 12);
    c) das Evangelium bis an das Ende der Erde. Damals endete die Welt in Kleinasien (Apg. Kap. 13 – 16, 8), bzw. Griechenland, genauer Mazedonien (Apg. 16, 9 – Kap. 26), sowie Italien, insbesondere Rom (Apg. Kap. 27 + 28).

Zum anderen das nachapostolische Zeitalter, das ungefähr von 100-140 n. Chr. dauerte. Dieses Zeitalter umfaßt:
a) die Ausbreitung des Evangeliums im gesamten Römischen Reich;
b) den Kampf zwischen Gesetz und Evangelium;
c) das Auftreten der gnostischen Irrlehren vom ersten bis dritten Jahrhundert.

In diese Zeit fällt der Brand von Rom und die durch den römischen Kaiser Nero ausgelöste Christenverfolgung im Jahre 64 n. Chr., die nur örtlich begrenzt war. Dann der jüdische Aufstand gegen die Römer ab dem Jahre 66 n. Chr., über den der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus sodann in seinem Buch „Der Jüdische Krieg“ genaue Einzelheiten berichtet hat. Jerusalem wurde im Frühling des Jahres 70 n. Chr. durch den römischen Feldherrn Titus (37-100 n. Chr.), belagert, und am 10. August (= 9. Ab oder Aw nach dem jüdischen Kalender) noch desselben Jahres wurden der prachtvolle Tempel sowie die ganze Stadt zerstört. Der letzte Aufstand der Juden gegen die Römer fand später unter Bar Kochba in den Jahren 132-135 n. Chr. statt. Nach der seinerzeitigen totalen Niederlage der Juden wurde dann das Heilige Land entvölkert. Damit begann damals das „dritte Exil“ der Juden, das erst in unseren Tagen, nach fast 2000 Jahren, zu Ende geht.

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