Christentum

Bibelübersetzungen

Fehler im Buch der Bücher 

Kaum zu glauben: Die Bibel ist voll von irreführenden Übersetzungen. Einige davon haben sich tief in unser Gedächtnis eingeprägt.

 

Schon zu Beginn tauchen die ersten falschen Angaben auf. Jeder Lehrer würde eine Übersetzung, die so ungenau wäre, mit »mangelhaft« beurteilen. Und mit dem Kommentar: »Leider sind Dir einige gravierende Fehler unterlaufen. Es gab im Heiligen Land keine Äpfel, also lass Eva Adam nicht mit einem Apfel verführen. Außerdem: Gott hat Eva nicht aus einer Rippe gemacht, sondern aus Adams Flanke.«

 

Das ist mehr als nur ein kleiner, anatomischer Unterschied: Der Mensch hat 24 Rippen, also könnte er vielleicht eine entbehren. Flanken dagegen hat er nur zwei. Gibt er eine an seine Gefährtin ab, meint das im hebräischen Urtext: Eva ist Adam gleichwertig. Hätte Luther damals bei der Übersetzung nicht so geschludert, könnten heute Frauen selbstverständlich katholische Priesterinnen werden, und Eva Herman würde immer noch die »Tagesschau« verlesen, anstatt in Büchern die Emanzipation zu verteufeln.

 

Liest man in der Bibel, liest man von Gleichnissen, Metaphern, Übertreibungen. »Nur wenige Menschen nehmen die Heilige Schrift heute wörtlich und glauben, dass Gott die Welt in sieben Tagen erschaffen habe und Jesus 40 Tage lang in der Wüste war«, sagt der Münchner Theologe Harald Krause. »Wer aber sieben als zeitlich abgeschlossenen Zeitraum versteht und vierzig als Symbolzahl für Prüfung und Bewährung (40 Tage dauerten die Sintflut und Moses Aufenthalt auf dem Sinai), der fragt sich nicht: Wieso dauerte die Wüstenwanderung fast sechsmal länger als die Erschaffung der Erde?«

 

Ebenso steht heute fest, dass die Bibel nicht von jenen Autoren stammt, die in den einzelnen Büchern als Urheber genannt werden – Mose, verschiedene Propheten und Apostel. Spätestens als man herausfand, dass im Buch Mose Könige erwähnt werden, die zu seiner Zeit noch gar nicht lebten, war klar: Hier müssen andere Autoren am Werk gewesen sein. Heute nehmen die Experten an, dass die Bibel eine Sammlung von mündlichen Überlieferungen ist, die über viele hundert Jahre weitergegeben und irgendwann von unbekannten Schreibern festgehalten wurden: das Alte Testament in hebräischer Sprache, das Neue in altgriechischer.

 

Im Mittelalter wurden dann beide Testamente ins Lateinische übersetzt. Dabei entstanden so viele Fehler, dass der ursprüngliche Sinn mancher Aussagen geradezu ins Gegenteil verdreht wurde. Der evangelische Theologe Harald Krause hat in seinem »Lexikon der religiösen Missverständnisse« einige dieser falschen Angaben entlarvt. So ist zum Beispiel das bekannte »Auge um Auge, Zahn um Zahn« nicht als Vergeltung gemeint, sondern als Barmherzigkeit. Denn eigentlich heißt es: »Gib Auge um Auge« – und nicht »nimm Auge um Auge«. Ebenso falsch übersetzt wurde die bekannte Bibelstelle »Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf«. Richtig müsste es heißen: Den Seinen gibt der Herr Schlaf.

 

Das Problem beim Übersetzen der Bibeltexte: Entweder sind sie sprachlich exakt (strukturtreu), aber schwer verständlich. Oder sie sind verständlich (wirkungstreu), aber dann entsprechen sie nicht mehr dem Original. »Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal. Finsternis über Urwirbels Antlitz. Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser.« Das ist eine strukturtreue Übersetzung (von Martin Buber und Franz Rosenzweig), korrekt, aber schwer zu lesen.

 

Dass man beides nicht schafft, Strukturtreue und inhaltliche Lesbarkeit, ist bei fast jeder Übersetzung so, zu allen Zeiten. Nur: In der Bibel, dem meistgelesenen Werk der Welt, haben Übersetzungsfehler kulturprägende Folgen.

 

Martin Luther (1483 – 1546) hat nach einer Vorlage des lateinischen Kirchenlehrers Hieronymus die Bibeltexte in eine verständliche und sprachlich neuartige deutsche Form gebracht. Er wollte keine abgehobene Gelehrten-Bibel, sondern eine fürs Volk: »Man muss nicht die Buchstaben in lateinischer Sprache fragen, wie man soll deutsch reden, sondern man muss die Mutter im Hause drum fragen und danach dolmetschen, so verstehen sie es denn.«

 

Wie sehr Luther um eine gute Übersetzung gerungen haben muss, wird nachvollziehbar, wenn man Goethes Faust über die Schulter blickt, der schon bei einem einzigen Satz aus der Bibel ins Stocken gerät: »Geschrieben steht: ›Im Anfang war das Wort!‹ Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort? Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, ich muss es anders übersetzen, wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin. Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn. Oder doch eher: die Kraft? Die Tat?«

 

Faust weiß keine Lösung, und auch bei Luther werden diese inneren Monologe nächtelang gedauert haben. Nur elf Wochen brauchte er für die Übersetzung des Neuen Testaments – so lange würde heute mancher benötigen, um den übersetzten Text überhaupt zu lesen. Beim Alten Testament tat Luther sich schwerer: Der hebräische Urtext war komplizierter, und so dauerte es zwölf Jahre, bis auch der ältere Teil der Bibel ins Deutsche übertragen war.

 

Doch die Arbeit lohnte sich: Der Erfolg war bahnbrechend. Endlich konnte man nachlesen, was der Pastor auf der Kanzel predigte, endlich gab es die Bibel für alle. Und seitdem hört der Strom der Übersetzungsversuche nicht auf: Mehr als sechzig Varianten gibt es heute allein im Deutschen, von der »Berleburger Bibel« bis zur Jörg-Zink-Bibel.

Es gibt die Elberfelder Bibel, die sich sprachlich exakt an die Vorlage zu halten versucht, aber als schwer lesbar gilt. Es gibt die poetisch wie ein Harfenspiel übersetzte Buber-Rosenzweig-Version, die den »Geist Gottes« sinnlich-lyrisch »Braus Gottes« nennt. Und es gibt freakige Versionen, wie die jüngst herausgegebene »Volx-Bibel«. Textbeispiel: »Plötzlich war dort ein riesengroßer Engel, der auf sie zukam. Ein helles weißes Licht war um ihm rum, so ein Licht, das nur von Gott kommen konnte, so krass war es.«

 

Seriöse Bibelübersetzer nehmen immer noch den hebräischen Urtext als Quelle, wenn sie sich heute an die Übersetzungsarbeit machen. Zusätzlich werfen sie einen Blick auf alte syrische und samaritanische Übersetzungen oder auf die so genannte Targumim, die Übersetzung des Alten Testaments vom Hebräischen ins Aramäische. Warum aber versucht man sich heute überhaupt noch an Übersetzungen, wenn es schon so viele gibt? Und warum gibt es nicht »die« eine, richtige Fssung?

 

»Wie bei jeder Übersetzung muss man die Ausgangs- und die Zielsprache sehr gut kennen«, sagt Ruth Lapide. Sie ist jüdische Theologin und Historikerin. Zusammen mit ihrem 1997 verstorbenen Mann Pinchas Lapide hat sie sich mit ihren Übersetzungskorrekturen jahrzehntelang für einen aussöhnenden Dialog zwischen Juden und Christen eingesetzt. Beide waren schon bei der Ausgrabung der Qumranrollen dabei (siehe Seite 42). Seit dem Tod ihres Mannes versucht Ruth Lapide sein Lehr-Erbe weiterzugeben, indem sie in alten Bibeltexten Übersetzungsfehler Punkt für Punkt entziffert. »Entziffern trifft es buchstäblich genau«, sagt sie, »denn die hebräische Sprache kennt kein Komma und keinen Punkt.« Dafür hat sie für jede Silbe, jedes Wort einen bestimmten Zahlencode, der zusammenaddiert mit den anderen Wort-Zahlen eine Symmetrie oder Harmonie bilden muss.

 

»Kennen Sie auch den Rufer in der Wüste?«, fragt Ruth Lapide. »Sie kennen ihn, aber der hebräische Urtext lautet ganz anders. Dort heißt es nämlich sinngemäß: ›Der Rufer: In der Wüste …‹. Man hat in der Übersetzung vergessen, den im Original nicht vorkommenden Doppelpunkt in die Zielsprache einzusetzen. Und so wurde aus einem normalen Rufer, der seine Predigt mit ›In der Wüste‹ beginnt, ein ›Rufer in der Wüste‹.«

 

Da die Bibel kein Roman oder Sachbuch ist, das man nach der Lektüre zur Seite legt, sondern unsere gesamte christliche Kultur prägt, sind die Folgen mancher Übersetzungsfehler gravierend. Wer hat nicht schon mal bei der Aufforderung »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« resigniert oder ein schlechtes Gewissen verspürt? Hermeneutik-Schlaumeier versuchen sich so aus der Affäre zu ziehen: »Ich liebe mich nicht, also brauche ich auch die anderen nicht zu lieben.« Doch so wörtlich wie befürchtet, meint es die Bibel gar nicht. »Es heißt: Erweise deinem Nähesten einen Liebesdienst, denn er ist wie du«, sagt Ruth Lapide. »Und der Näheste ist der Mann in der Straßenbahn, der gerade gestolpert ist. Und er ist wie du, auch dir kann es morgen passieren, dass du Hilfe brauchst.« Mit dieser Definition kann man doch gut leben.

 

Der gravierendste, bis zum heutigen Tag politisch relevante Übersetzungsfehler ist die Geschichte mit Judas. »Judas paradidonai«: Diese altgriechische Formulierung kommt achtmal in der Bibel vor. Sieben Mal wurde sie mit »übergebend« (im Sinne von: Gott übergibt seinen Sohn) übersetzt. Ein Mal, und ausgerechnet an der entscheidenden Stelle, heißt es dagegen: »Judas hat verraten.«

 

»Seitdem ist Judas der Verräter Jesu«, sagt Ruth Lapide. »Man brauchte eine Schwarzfolie, um die Gottesgestalt Jesu umso strahlender erscheinen zu lassen. Man hatte einen Sündenbock neben der Heilsgestalt, darauf kam es an. Wer weiß heute, dass Jesus Judas als einzigen ›meinen Freund‹ nannte? Übersetzungsfehler sind also nicht nur Schlampigkeit, Ungenauigkeit oder Interpretation, sondern zuweilen auch bewusste und perfide Manipulation.

 

Doch Fehler lassen sich zum Glück korrigieren, auch wenn das manchmal dauert. Ruth Lapide hat bei der französischen Bischofskonferenz nach jahrelanger Intervention erreicht, dass zumindest in Frankreich das Vaterunser künftig anders gebetet wird. Sie lehnte die Formulierung »und führe uns nicht in Versuchung« ab und fragte jene, die daran festhalten wollten: »Ist Ihr Gottesbild so, dass Gott Sie zum Spaß verführt?« Schließlich überzeugte sie auch die Traditionalisten. Künftig heißt es im französischen Vaterunser nicht mehr »führe uns nicht in Versuchung«, sondern »lass uns der Versuchung nicht erliegen«.

 

Schon seit ein paar Jahren sind die christlichen Kirchen vom Judas-Irrtum überzeugt. Sie beten heute nicht mehr: »Die Nacht, in der er (Jesus) verraten wurde, brach er das Brot«, sondern moderner: »In der Nacht, da er freiwillig das Leid auf sich nahm…«

 

 

Der Verein Wycliff, mit weltweit rund 5000 Mitgliedern, 150 davon aus Deutschland, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Bibel in jene Sprachen zu übersetzen, die bisher noch keine eigene Fassung haben. Nach dem Vorbild Martin Luthers versuchen Ehrenamtliche, die Heilige Schrift zum Beispiel in die Foi-Sprache von Neuguinea zu übertragen oder in die Godje-Sprache von der Elfenbeinküste.

 

Damit das funktioniert, muss der jeweilige theologische Linguist erst einmal dorthin reisen, die Sprache lernen und eine Grammatik erstellen. Erst dann kann er sich ans Übersetzen machen. Und damit fangen auch die Schwierigkeiten an. »Ein erstes Problem ist das Wort für Gott«, erklärt Andreas Holzhausen, seit vielen Jahren Bibelübersetzer bei Wycliff. »Einen allgemeingültigen Begriff gibt es in vielen Ureinwohner-Sprachen wie zum Beispiel den Antipolo Ifugao auf den Philippinen nicht. Noch weniger ein Wort, das nur den Gott der Juden und der Christen bezeichnet. Die Ifugao verehren mehrere Götter, der wichtigste ist Meknengan.«

 

Es ist eine diffizile Arbeit, Wörter zu ersetzen, die der Stamm nicht kennt. Die Wüste wird dann zu »Orten, wo niemand wohnt«, der Anker zu »Eisenhaken, mit denen man Schiffe zum Halten bringt«. Es kann bis zu zwanzig Jahre dauern, bis eine Übersetzung vollständig, korrekt und verständlich ist.

 

So ist das Buch der Bücher, von dem sich rund eine halbe Milliarde Exemplare in den Haushalten der Erde befinden und dessen älteste Texte fast 3000 Jahre alt sind, nie dasselbe. Ob die Sache mit dem Apfel, die ein Irrtum war, eines Tages auch noch korrigiert wird?

 

 

 

 

Autor(in): Katrin Wilkens

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