Antike Zeiten und Kulturen

Aphrodisias

Dies ist eine antike Stadt in der Nähe des Distrikts Karacasu in der Provinz Aydin, die im Namen der Göttin Aphrodite gegründet wurde. Von der Bronzezeit bis zur byzantinischen Periode (2800 v.Chr.-220 n.Chr.) war diese Gegend dicht besiedelt. Bei archäologischen Ausgrabungen wurden ein Aphrodite-Tempel, ein Konzert- und Theaterbau, das Stadion und die Agora sowie Bäder ans Licht gebracht. Aphrodisias war schon in der Frühzeit als ein bedeutendes Bildhauerzentrum bekannt. Das Stadion von Aphrodisias gehört zu den am besten erhaltenen Stadien antiker Städte in Anatolien.
Zum Namen der Stadt:
Den Namen Aphrodisias erhielt die Stadt zu Ehren der Liebesgöttin Aphrodite. Ursprünglich hieß Aphrodisias „Lelegonpolis“, später Megapolis und schließlich nach dem byzantinischen König Ninos „Ninoi“.
Ab dem 2. Jh. vor Chr. ist Aphrodisias Hauptkultstätte von Aphrodite und seit der frühen Kaiserzeit ein Wallfahrtsort, der aufgrund ausschweifender Feiern zu Ehren Aphrodites berühmt wurde.
Nach dem Sieg des Christentums, als die Tempel geschlossen wurden und ein Bischof residierte, hieß die Stadt „Stauropolis“, was „Stadt des Kreuzes“ bedeutet.
Die ersten Besiedlungen auf dem Gebiet der späteren Großstadt gab es vor ungefähr 8000 Jahren. Auch in der Bronze-, Kupfer- und Eisenzeit siedelten dort Menschen. Der Hügel, an den das antike Theater angelehnt ist, ist eine Anhäufung aus diesen Zeiten. Obwohl es diese frühen Siedlungen gab, existiert Aphrodisias als Stadt erst im 1.Jh vor Chr.

In dieser Zeit wurden der Tempel und das Theater gebaut. Diese beiden Gebäude waren Kern des antiken Aphrodisias.

Im Jahre 82 vor Chr. schickte der römische General Sulla dem Aphrodite-Tempel eine Krone aus Gold und eine Axt, die damals im Gebiet Karien als heilig galt. Das zeigt, dass Aphrodisias zu dieser Zeit schon sehr an Bedeutung gewann.

Um 39 vor Chr. wurde Aphrodisias steuerfrei und war 10 Jahre später, also mit dem Beginn des Römischen Reiches unter Augustus, eine reiche und berühmte Stadt.

Im 2. Jh. nach Chr. vereinigte Aphrodisias sich mit der Nachbarstadt Plarasa. Das geschah damals dadurch, dass man gemeinsame Münzen prägte.
Aphrodisias hatte sehr lange zeit keine stadtmauer, weil man glaubte, die stadt sei durch den tempel der aphrodite geschützt. erst zur zeit der gotischen züge, also der völkerwanderung, bauten die einwohner in großer eile eine mauer zum schutz. da nur sehr wenig zeit zur materialbeschaffung blieb, verwendeten sie einfache bausteine von zerstörten denkmälern. aus diesem grund kann man in der stadtmauer architektonische teile und ınschriften finden.

die mauer hat drei große und drei kleine stadttore. die hauptstraßen, die bei diesen toren begannen, kann man heute nur noch teilweise erkennen.

vieles , was heute zu sehen ist, wurde in den 60er und 70er jahren von dem new yorker prof. dr. kenen erim ausgegraben. so zum beispiel auch der große tempelkomplex – das sebasteion: dass der tempel diesen namen trug, wissen wir aus ınschriften. „sebasteion“ ist gleichbedeutend mit dem lateinischen „augustus“ und bedeutet „groß“. das sebasteion war aphrodite und der familie des ersten römischen kaisers julius claudius gewidmet. zu seiner zeit wurden die drei hauptgebäude des tempelkomplexes errichtet.
Durch das Eingangsgebäude führte eine 14 m breite Straße aus Marmor, die in einem Siegestempel endete. Die Gebäude waren zwei bis drei Stockwerke hoch. Zwischen den Säulen des Zweiten und dritten Stockwerks befanden sich Tafeln mit frei entworfenen Fresken. Es gab kein anderes Sebasteion außerhalb von Rom, das so üppig mit Fresken gestaltete war wie dieses. Über 70 Tafeln, die in einem Museum zu besichtigen sind, wurden bei den Ausgrabungen gefunden. Sie zeigen mythologische Szenen wie zum Beispiel Dionisos und Herkules, die aus Troja flüchten und Bilder von Kaisern wie Augustus oder Cäsar und deren Familien.

Später wurde das Sebasteion – nachdem es durch Erdbeben zerstört wurde – als Einkaufszentrum benutzt. Nachdem die Stadt mit der Zeit noch mehr zerstört und durch Überschwemmungen mit Erde bedeckt wurde, erbaute man auf ihr die Häuser des Dorfes „Geyre“. In diesem Dorf lebten bis 1960 Menschen – sozusagen zwischen den Ruinen von Aphrodisias.

Als Prof. Erim 1960 mit seinen Ausgrabungen beginnen wollte, mussten zunächst die Einwohner des Dorfes Geyre in ein neues Geyre-Dorf an einem nahegelegenen Ort umgesiedelt werden.
Neben einem kleinen Theater, dem Odeon, in dem 1000 Menschen Platz hatten, gab es ein großes Theater. Es wurde 27 vor Chr. vom Herrscher Zoilos als Stiftung für Aphrodite und die Bürger der Stadt gebaut (so kann man es einer Inschrift auf dem Bühnengebäude entnehmen).

Das Theater wurde erbaut, indem der Akropolishügel ausgehöhlt wurde. Bei den Ausgrabungen wurde der untere Teil der Sitzreihen und das Erdgeschoss des Bühnen Gebäudes unversehrt freigelegt. Das Bühnengebäude ist das älteste dreistöckige Bühnengebäude ganz Anatoliens. Es ist im dorischen, ionischen und korinthischen Stil gebaut. In Nischen befanden sich große Statuen, von denen zum Beispiel die des Apollo gefunden wurden.
Inschriften an der nördlichen Bühnenwand berichten über Sonderrechte, die der Stadt eingeräumt wurden. Auch hier wird die damalige Bedeutung der Stadt deutlich. Nach der Christianisierung der Stadt wurden die Worte Aphrodisias und Aphrodite ausgekratzt
In der halbkreisförmigen Orkestra wurden zur Zeit des Marcus Aurelius (161-180) Stierkämpfe und Gladiatorenwettkämpfe durchgeführt. Für diese Kämpfe wurden die unteren Sitzreihen zur Sicherheit abgebaut.

Auch das Theater litt unter den späteren Erdbeben gewaltig. Der obere, zerstörte Teil des Theaters wurde eingeebnet. Später wurde der Hügel, an dem das Theater liegt für eine Festung geebnet und das Theater als Müllkippe benutzt.

Zum Theater gehörte das Theaterbad. Das „Apoditerium“ (Umkleideraum), das „Caldarium“ (warmer Teil) und das „Sudatorium“ (Schwitzraum) sind schon ausgegraben, ein großer Teil des Bades ist jedoch noch nicht zu sehen.
Das Stadion ist das am besten erhaltene Gebäude der Stadt und eines der wichtigsten antiken Bauwerke der Welt. Es ist elyptisch geformt und bietet 30000 Menschen Platz. Die 22 Sitzreihen wurden auf die schrägen Gewölbe platziert, in denen sich damals Geschäfte und Lagerdepots befanden. Der Zuschauerraum wurde durch tunnelförmige Eingänge betreten.

Das Stadion wurde hauptsächlich für athletische Sportveranstaltungen und später auch als Arena genutzt. Wenn es nötig war, wurden dort die Volksabstimmungen durchgeführt
Der Aphroditetempel ist das wichtigste Bauwerk der Stadt. Er wurde im 1.Jh vor Chr. im ionischen Stil, der für Anatolien typisch ist, erbaut. Die 14 gewaltigen Säulen stehen immer noch.

Im heiligen Teil des Tempels, der durch ein monumentales Eingangsgebäude vom übrigen Tempel getrennt war, befand sich das Kult-Denkmal der Göttin Aphrodite.

Dieser Bereich durfte nur von Priestern betreten werden, die einer Erzählung nach ausschließlich männlich waren.
Der Tempel war Zufluchtsort für Schutzsuchende und Wallfahrtsort. Mit der Christianisierung der Stadt wurde der Tempel zur Kirche umgebaut. Aus diesem Grund fand man dort auch Darstellungen von Jesus und Maria. Die Kirche wurde bis zum 11.Jh. nach Chr. benutzt, dann jedoch von einem Erdbeben zerstört.
Das Gebäude befindet sich neben der berühmten Bildhauerschule. Den Marmor für ihre Werke bezogen die Bildhauer aus den Marmorsteinbrüchen in der Nähe der Stadt. Dieser hochwertige Marmor war ein Exportgut, das für das Wirtschaftsleben in Aphrodisias von Bedeutung war.
Die Bildhauer von Aphrodisias waren auch Experten der Architekturornamentik, wie Pfeiler mit Akanthusranken, von Putten und Tieren belebt, Blendkapitellen sowie Büsten in Tondi oder Reliefs mit mythologischen Szenen. Es ist daher nicht überraschend, daß die Bildhauerwerkstätten von Aphrodisias fertige oder halbfertige Erzeugnisse exportierten und sogar Künstler, die in Rom und anderswo im Mittelmeergebiet arbeiteten, so z.B. in Nordafrika, wo sie vielleicht bei der Dekoration des Forums des Septimius Severus in Lepcis Magna (im heutigen Libyen) tätig waren. Über 30 Bildhauersignaturen mit der Herkunftsbezeichnung „Aphrodisieus“ (= von Aphrodisias) sind in verschiedenen Orten des römischen Reiches erhalten, und viele neue und schon bekannte Künstlernamen wurden in den Grabungen seit 1961 gefunden.
Die meisten antiken Quellen zählen Aphrodisias zu den Städten Kariens, d.h. eines Gebietes im Südwesten der heutigen Türkei. Die Stadt befindet sich aber auch nahe der Grenzen des antiken Lydien im Nordwesten und Phrygien im Nordosten.
Der späte Grammatiker Stephanus von Byzanz (6. Jh.n.Chr.) führt Aphrodisias als „Ninoe“ auf, ein Name, der sich von Ninos ableitet. Ninos, einer der mythischen Gründer des assyrisch-babylonischen Reiches und Gatte der berühmten Semiramis, war angeblich Sohn des Belos (Bei, mit dem griechischen Gott Kronos gleichgesetzt) und der Eroberer eines großen Teiles Westasiens, bis zum ägäischen Meer. Der Name Ninos wurde auch von den akkadischen Formen des Namens der nahöstlichen Göttin Ischtar-Astarte abgeleitet: Nin, Ninai, Nana oder Enana. Diese Göttin war mit Liebe und Krieg verbunden, und es ist daher nicht unmöglich, daß „Aphrodisias“ eine griechische Übersetzung von Ninoe war, die in mittelhellenistischer Zeit (2. Jh.v.Chr.) in Gebrauch kam, als die Lokalgottheit mit Aphrodite (und so mit der römischen Venus) gleichgesetzt und die Stätte zu einer wirklichen Stadt wurden. Bis dahin war Aphrodisias of fenbar die Stätte eines Heiligtums mit einem Tempel und zugehörigen Gebäuden und Liegenschaften, die von einer angemessen zahlreichen ländlichen Bevölkerung unterhalten wurde. Die Annahme eines neuen Namens war vielleicht sowohl vom wachsenden Ansehen der Göttin als auch vom römischen Einfluß in Westkleinasien begünstigt. Wie gesagt war Aphrodite mit der römischen Venus gleichgesetzt, von der die Römer, über ihren Sohn Aeneas, ihren Ursprung herleiteten. Aeneas selbst war Trojaner, d.h. er kam vom Nordwesten Anatoliens. Auf seiner Wanderung nach Westen gelangte er nach Italien, und seine Nachkommen gründeten Rom. Kurz, die Gleichsetzung der beiden Göttinnen könnte – nicht ungewöhnlich zu jener Zeit -als ein geschickter politischer Schachzug auf gefaßt werden, der im ersten Jahrhundert v. Chr. nutzbringend wurde.
Der Kult der Göttin, wie auch immer ihr ursprünglicher Name lautete, hatte zweifellos seine Wurzeln in vorgeschichtlicher Zeit. Neuere Ausgrabungen haben gezeigt, daß die Stätte vermutlich schon im späten Neolithikum besiedelt war, dann, nach einer Unterbrechung, im Chalkolithikum neu besiedelt wurde und sich in der Bronze – und Eisenzeit weiter ent wickelte (etwa 4360-546 v.Chr.). Die verhält nismäßige Nähe des Maeanders (türkisch Büyük Menderes) und seines fruchtbaren Tales spielte eine wichtige Rolle im frühen Wachstum der Siedlung. Die archäologischen Fun de der beiden künstlichen Bodenerhebungen (höyüks), nämlich des Akropolishügels und
des Pekmezhügels, weisen auf ein oder zwei Dörfer, die von Ackerbau lebten. Eine Fülle von Keramik und anderen Gebrauchsgegen ständen zeigt Verbindungen zu den benachbar ten anatolischen und ägäischen Siedlungen wie Hacilar, Beycesultan, Kum Tepe, Kusura und Troja.
Einige kleine steinerne Idole, die in diesen Schichten gefunden wurden, könnten vielleicht die frühesten Darstellungen der Göttin sein, die schließlich die Existenz der Stätte begründete.Zeugnisse für die Geschichte der archaischen und klassischen Zeit in Aphrodisias sind unklar, aber sie sprechen für eine langsame Entwicklung im Tempelgebiet und um die Akropolis herum. Wie schon erwähnt, führte die Befestigung der Römerherrschaft in Kleinasien zur Entwicklung des Heiligtums zur Stadt und zur Annahme des Namens Aphrodisias. Zeugnisse für die Geschichte der archaischen und klassischen Zeit in Aphrodisias sind unklar, aber sie sprechen für eine langsame Entwicklung im Tempelgebiet und um die Akropolis herum. Wie schon erwähnt, führte die Befestigung der Römerherrschaft in Kleinasien zur Entwicklung des Heiligtums zur Stadt und zur Annahme des Namens Aphrodisias
Das wachsende Ansehen der Göttin spiegelt sich in einer Stelle bei Appianus (2. Jh.n.Chr.) wieder, die den Bericht enthält, daß während der Kriege gegen Mithridates der römische Diktator Sulla im Jahre 82 v.Chr. vom delphischen Orakel den Rat erhielt, die karische Aphrodite zu ehren, und ihr daraufhin eine goldene Krone und eine Doppelaxt sandte. Etwa zur gleichen Zeit erscheint der Name Aphrodisias zusammen mit dem einer Nachbarstadt Plarasa (wahrscheinlich das heutige Bingec,) auf kleinen Bronze – und Silbermünzen.
Zur Geschichte von Aphrodisias im 1. Jhr Viele wichtige inschriftliche Dokumente.v.Chr. wurden während der Ausgrabung des Theaters auf den Wänden des Bühnengebäudes gefunden. Eine dieser Inschriften nennt eine goldene Statue des Eros, von Julius Caesar der Aphrodite geweiht. Diese Weihung und andere Inschriften legen die Annahme nahe, daß Caesar die Göttin vielleicht durch einen Besuch ihres Heiligtums ehrte, und ferner, daß nach seiner Ermordung im Jahre 44 v.Chr. die Stadt durch die Truppen des Labienus, eines Anhängers der Caesarmörder, eingenommen und geplündert wurde, weil sie Partei für Oktavian und Antonius ergriffen hatte. Als Belohnung für diese Treue erhielt Aphrodisias im Jahre 39 v.Chr. besondere Privilegien, und zwar durch ein Triumviratsdekret, einen Senatsbe-schluß, einen Vertrag und ein Gesetz. Diese Privilegien enthielten Freiheit, Steuerfreiheit und erweitertes Asylrecht im Heiligtum der Aphrodite, wie aus anderen im Theater gefundenen Inschriften hervorgeht. Der Einfluß Ok-tavians, Caesars Erben, war zweifellos ausschlaggebend bei diesen Entscheidungen. In einem Brief Oktavians, inschriftlich auf einer Wand des Bühnengebäudes erhalten, finden sich Ausdrücke freundschaftlicher Gefühle nicht nur für Aphrodisias sondern auch für seinen Freigelassenen Zoilos, einen Bürger der Stadt. Derlei Gefühle dauerten an, nachdem Oktavian im Jahre 27 v.Chr. Augustus wurde. Zoilos seinerseits stand in hohem Ansehen bei seinen Mitbürgern wegen seiner Rolle in ihren Beziehungen zu Rom und wegen der zahlreichen Wohltaten, die er der Stadt erwies.
Seit dem späteren l. Jh.v.Chr. genoß Aphrodisias eine lange Periode der Wohlhabenheit und des Ansehens. Die julisch-claudischen Kaiser waren selbstverständlich der Stadt gewogen. Im Jahre 22 n.Chr. bestätigte Tiberius die Privilegien, die der Senat der Stadt früher gewährt hatte. Spätere Kaiser von Trajan bis Im Lauf des krisenreichen dritten Jahrhunderts änderten sich die Geschicke von Aphrodisias wie die vieler anderer Städte. Eine Zeit lang wurde Aphrodisias Sitz der Verwaltung einer Provinz, die aus Karien und Phrygien bestand. Unter Diokletian (284-305) oder etwas später wurde es Hauptort, Metropolis, einer kleineren Provinz Karien. Seit der allmählichen Zweiteilung des Reiches teilte die Stadt natürlich das Schicksal des oströmischen und später byzantinischen Reiches. Der Sieg des Christentums im 4. Jahrhundert führte zur Einrichtung eines Bischofssitzes, was allerdings die tiefen Wurzeln einer heidnischen Vergangenheit nicht so bald zerstörte. Immerhin werden der Stadt zwei christliche Märtyrer zugeschrieben, und ihre Bischöfe beteiligten sich an den theologischen Disputen und Haeresien über die Natur Christi, die die frühen christlichen Jahrhunderte plagten. Doch überlebte auch die heidnische Philosophie in Aphrodisias. Der Neuplatoniker Asklepiodotos (aus Alexandrien) scheint einer der Wohltäter der Stadt im späten 5. Jh. gewesen zu sein. Doch war die neue Ordnung entschlossen, alle Spuren des Heidentums zu verwischen. Der Name Aphrodisias und die davon abgeleiteten Wörter wurden fast systematisch von den meisten Inschriften getilgt. Im 7. Jahrhundert wurden Versuche gemacht, die Stadt Stauropolis (Stadt des Kreuzes) zu nennen. Doch verschwand der Name Aphrodisias nicht gänzlich. In byzantinischer Zeit kam aber der Name Karia für die Stadt, die weiterhin der Hauptort des Gebietes war, in Gebrauch. Höchstwahrscheinlich leitet sich der türkische Name des Dorfes Geyre von diesem byzantinischen Namen ab.
Die geologische Beschaffenheit des Gebietes führte dazu, daß die Stadt von zahlreichen Erdbeben heimgesucht wurde. Einige aus der früheren Kaiserzeit, über die wir entweder von antiken Historikern oder Inschriften Kenntnis haben, mögen schwer gewesen sein, aber ihre Spuren sind wegen erfolgreicher Wiederherstellung an den noch vorhandenen Bauten nicht mehr zu bemerken. Solche aturkatastrophen des 4. Jahrhunderts und späterer Zeit lassen sich eher feststellen. So war z.B. Aphrodisias in den fünfziger und sechziger Jahren des 4. Jh., ebenso wie das nahe Ephesos, von schweren Erdbeben getroffen. Die schlimmste Folge dieser Katastrophen war das Steigen des Grundwasserspiegels, wodurch ein großer Teil der Kanäle, die die Stadt mit Wasser von den östlichen Berghängen versorgten, beschädigt wurden. Die Folge davon waren Überschwemmungen in den tiefer gelegenen Gebieten. Eine Anzahl der beschädigten Gebäude wurde im 5. Jh. repariert, gleichzeitig mit Versuchen, weitere Überschwemmungen zu verhindern. Spätere Erdbeben vergrößerten die Probleme, vor allem ein besonders katastrophales während der Regierung des Kaisers Heraclius (610-641). Ein großer Teil der an mehreren Bauten sichtbaren Schäden wurde niemals repariert, und wo einst ansehnliche Gebäude standen, blieben nur Ruinen.

Wie viele Städte des spätrömischen und byzantinischen Reiches konnte Aphrodisias seine Bedeutung bis zum 7. Jahr hundert erhalten. Doch Invasionen vom Osten, Religionsstreitigkeiten, politische und wirtschaftliche Schwierigkeiten sowie Seuchen beschleunigten den Niedergang der Stadt.
Die Stadt erholte sich auch nie mehr von den oben erwähnten Erdbeben. Der Befestigungsgürtel, der in der Hauptsache im 4. Jahrhundert um das damals bewohnte Stadtgebiet gelegt wurde, konnte weder wiederhergestellt noch verteidigt werden. Stattdessen wurde die Akropolis (der ehemalige höyük) zu einer Festung ausgebaut, da der Hügel einen ausgezeichneten Überblick über das benachbarte Gebiet gewährte
Nur wenig ist über die Geschichte von Aphrodisias-Karia nach dem 7. Jahrhundert bekannt. In verschiedenen kirchlichen Akten finden sich Namen von Bischöfen. Eine kurze Blüte im 11. Jahrhundert kann aus archäologischen Funden erschlossen werden. Aber die Ankunft und schließliche Herrschaft der Seldschuken in Anatolien und seinen westlichen Randgebieten zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert bedeuteten den Untergang der meisten noch vorhandenen städtischen Siedlungen. Wir wissen aus byzantinischen Quellen von mindestens vier Eroberungen von Karia Aphrodisias im 12. und 13. Jahrhundert. Danach war die ganze Gegend Teil der Herrschaft (beylik] Aydın-Mentese. Aphrodisias wurde verlassen. Doch im 15. oder 16. Jahrhundert wurde die fruchtbare Ebene wieder besiedelt, und schließlich entstand das türkische Dorf Geyre auf den Ruinen der einst glanzvollen Stadt.
Der Zoilos-Fries in Aphrodisias Museum

Die Reihe von Platten gehörte zu einem Ehrendenkmal für Zoilos aus Aphrodisias, einen Freigelassenen des Octavian. Da er als Wohltäter in seiner Vaterstadt auftrat, wurde dieses Denkmal in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts v.Chr. für ihn errichtet. Zu den Stiftungen des Zoilos gehörte das Bühnengebäude des Theaters. Die Reliefplatten des Denkmals wurden im Nordwesten der Stadt, hinter dem heutigen Museum, gefunden.
Derzeit ist es noch nicht möglich, die Form des Monumentes selbst und seinen genauen Standort festzustellen.

1. Platte: Eine Herme links neben einem aufgehängten Kranz bezeichnet den Ort des Geschehens: ein öffentlicher Platz oder ein Gymnasium vor einem Heiligtum. Demos, die Personifikation des Volkes, inschriftlich so benannt, schreitet nach rechts, auf Zoilos zu. Der Demos ist mit einem Himation bekleidet und trägt ein Zepter mit einem geschnitztem Knauf, mit dem er auf die an der Wand im Hintergrund aufgehängten Kränze zeigt.
2. Platte: Zoilos steht Demos gegenüber und streckt seine Rechte zu ihm aus. Er ist als Reisender gekleidet und trägt einen verhältnismäßig kurzen Mantel (Chlamys) über einer weitärmeligen Tunika sowie einen runden Hut (Petasos).
3. Platte: Eine Frau, im Dreiviertelprofil gesehen, als Personifikation der Polis durch eine Inschrift und die Mauerkrone auf dem Kopf gekennzeichnet, hält einen Kranz über das Haupt des Zoilos. Sie ist mit einem Peplos und einem kurzen Mantel, der sich hinter ihrem Kopf wie im Winde bauscht, bekleidet.
4. Platte: Zoilos steht unter zwei aufgehängten Kränzen, in der Haltung eines römischen Redners. Er trägt eine fest um den Körper geschlungene Toga. Links von ihm steht eine Frau, inschriftlich als Personifikation der Time (Ehre) bezeichnet. Ihre rechte Hand ist zum Kopf des Zoilos hingestreckt, entweder in der Geste des Schützens oder ihn bekränzend. Sie trägt einen Mantel, der über die linke Schulter geworfen ist, den ganzen Oberkörper aber frei lässt. In der Linken hält sie ein Füllhorn.
5. Platte: Eine Frauengestalt im Dreiviertelprofil nach rechts gesehen. Ihr linkes Bein ist vorgesetzt, mit der linken Hand hält sie einen mit einem Gorgoneion verzierten Schild. Eine Inschrift bezeichnet sie als Andreia (lateinisch Virtus ) d.h. als Personifikation der Mannhaftigkeit.
6. Platte: Rechts ein alter, bärtiger Mann, auf einem Felsen sitzend und nach links blickend. Er trägt ein langärmeliges Untergewand und einen über den Hinterkopf gezogenen Mantel. Seine rechte Hand hat er an die Schläfe geführt. Auch diese Figur ist inschriftlich benannt und daher als Aion (griechisch = Ewigkeit) zu interpretieren.
7. Platte: Eine sitzende, behelmte Frau, nach links blickend. Sie trägt ein Untergewand, das ihre rechte Brust und Schulter frei lässt, und einen Mantel. Sie lehnt den linken Arm auf einen Schild, der auf einer Plinthe steht, und hält einen Speer in der Rechten. Eine Inschrift ist nicht erhalten, aber die Gestalt ist klar als die bewaffnete Göttin Roma in Amazonentracht zu deuten. Diese nur teilweise erhaltene Gruppe von Reliefs bezeugt die Meisterschaft der Bildhauer von Aphrodisias schon in der 2. Hälfte des 1. Jahrhunderts v.Chr.

Alltagsskizzen aus Aphrodisias

Nicht anders als heute haben auch die Menschen der Spätantike all das, was sie bewegte, an die Wände öffentlicher Gebäude, an Pfeiler und Mauern geschrieben. Besonders viele solcher Grafitti haben sich in der kleinasiatischen Stadt Aphrodisias erhalten, seinerzeit ein blühendes urbanes Zentrum. Angelos Chaniotis, gebürtiger Grieche und Direktor des Seminars für Alte Geschichte, untersucht seit 1995 die schriftlichen Hinterlassenschaften der Menschen aus Aphrodisias. Sein Beitrag macht anschaulich, wie wichtig selbst scheinbar unbedeutende Zeugnisse sind, um unser Bild vom antiken Leben zu vervollständigen. Die Graffiti zeigen in unmittelbarer Weise, wovon andere historische Quellen oft schweigen: die Sorgen und Gefühle der einfachen Menschen.
Aphrodisias, die Stadt der Aphrodite, war vom späten ersten Jahrhundert vor Christus bis zum siebten Jahrhundert nach Christus eine der wichtigsten Städte Kleinasiens. Die Bündnistreue der Aphrodisieis gegenüber Rom und die mythologisch begründete Verwandtschaft ihrer Göttin zur Familie des Oktavian verschafften ihnen politische und wirtschaftliche Privilegien. Reiche Bürger ließen in der Stadt im späten ersten Jahrhundert vor Christus prächtige Bauten errichten: Theater und Stadion, die beiden von aufwendig dekorierten Hallen umstandenen Marktplätze oder die Stätte des Kaiserkultes (Sebasteion) beeindrucken den heutigen Besucher. Die kaiserliche Unterstützung, das fruchtbare Territorium und die berühmte Bildhauerschule von Aphrodisias machten die Stadt zu einem blühenden urbanen Zentrum. Seit dem Ende des dritten Jahrhunderts war Aphrodisias die Hauptstadt der Provinz Karien.
Der zeitgenössische Besucher von Aphrodisias wird von den in der Sonne strahlenden Bauten geblendet. Dabei vergisst er die Probleme des Alltags einer antiken Stadt: Schmutz, baufällige Gebäude, mangelhafte Wasserversorgung und eine schlechte Kanalisation. Diese Stadt war von Menschen bewohnt, die arbeiteten, feierten, sich stritten oder sich verliebten. Nicht anders als heute haben sie das, was sie bewegte, mit Zeichnungen, Schlagworten oder kurzen Texten an den Wänden öffentlicher Bauten, an Säulen oder den Sitzplätzen der Versammlungsorte festgehalten. Wenn sich in Aphrodisias – anders als in vielen anderen Städten – Hunderte dieser Graffiti erhalten haben, dann vielleicht deshalb, weil sie nicht nur gemalt oder geritzt, sondern tief in den Stein eingemeißelt wurden.
Eine Erklärung dafür ist die Tatsache, dass ein großer Teil der Bevölkerung in den Bildhauerwerkstätten von Aphrodisias arbeitete. Einige der Zeichnungen sind so anspruchsvoll, dass sie nur von künstlerisch tätigen Menschen stammen können, die das Theater, das Stadion oder den Markt mit ihrem Handwerkszeug besuchten. Ein nettes Beispiel dafür ist das kleine Gesicht, welches ein Bauarbeiter auf eines der Kapitelle des Aphrodite-Tempels eingemeißelt hat.
Die Graffiti von Aphrodisias sind von jedweder Art: Es finden sich Skizzen von Gegenständen und Bauten, vereinzelte Buchstaben, anzügliche Texte, Namen, Liebeserklärungen und Gebete, politische Parolen und religiöse Symbole. Der Quellenwert solcher Graffiti kann nicht genug betont werden. Sie zeigen uns unmittelbar die Sorgen und Gefühle der einfachsten Menschen, die literarische Quellen manchmal verschweigen. Oft lässt sich der Hintergrund der Graffiti nur schwer oder gar nicht interpretieren: Nicht immer ist ein Text so leicht zu verstehen wie „Ich liebe Apollonios, den Herren“, der sich auf einer Säule des Sebasteion findet. Doch auch dieser Text lässt Fragen offen: Spiegelt das Graffito die Treue eines Sklaven oder Liebeskummer wider? Ist es von einer Sklavin oder von einem Sklaven geschrieben worden?

Größere historische Aussagekraft haben Graffiti, die sich in vier Gruppen ordnen lassen: Graffiti aus Stadion und Theater, die mit Schaustellungen zusammenhängen; Graffiti vom Marktplatz, die uns in die soziale Schichtung der Stadt und das Berufsleben einblicken lassen; Graffiti, die von Bauarbeitern stammen, und Graffiti, die mit religiösen Konflikten zusammenhängen. Einige dieser Graffiti möchte ich hier exemplarisch vorstellen.
Ein erster Komplex umfasst Zeichnungen und Texte, die Schaustellungen betreffen. Sie finden sich vor allem im Theater und im Stadion. Es handelt sich um Platzreservierungen, Zeichnungen von Schauspielern und Gladiatoren, deren Namen – beispielsweise des Gladiators Thrax – oder die Namen der Besucher. Unter diesen Graffiti findet sich die grobe Zeichnung eines Seiltänzers (Abbildung Seite 4). Er ist dargestellt, wie er mit einem Stab in der Hand auf dem Seil balanciert. Vom Seiltanz gibt es kaum ikonographische Zeugnisse, sieht man von zwei Satyrn ab, die auf ausgestrecktem Seil in einem Haus in Herculaneum dargestellt sind.
Der Seiltanz war seinerzeit sehr beliebt und wurde sogar ein Fall für die römische Jurisprudenz. In den so genannten Digesten wird beispielsweise folgender Rechtsfall behandelt: Ein Sklave, der das Seiltanzen erlernt hat, wird von seinem Herrn verkauft. Auf Geheiß des alten Herrn – aber unter dem neuen Besitzer – bricht sich der Sklave ein Bein. Ist der alte Herr, der ihn dazu aufgefordert hat, oder der neue Herr dafür verantwortlich? Die Meinungen der Juristen hierüber gehen auseinander. Für uns ist dieses juristische Problem wichtig, weil es belegt, dass Sklavenbesitzer ihre Sklaven wohl von frühester Kindheit an zu Akrobaten ausbilden ließen, um daraus Gewinn zu schlagen. Sie verkauften die spezialisierten Sklaven zu einem guten Preis oder sie vermieteten sie anlässlich verschiedener Feiern. Die Darstellung im Theater von Aphrodisias zeigt, dass derartige Darbietungen zum Programm der lokalen Feste gehörte.
Auf einer Säule der Nordhalle des Südmarktes von Aphrodisias sind die Skizzen von zwei Löwen (Abbildung Seite 5 rechts) zu sehen. Die beiden Tiere haben wahrscheinlich einen Besucher der Gladiatoren- und Tierkämpfe im Stadion beeindruckt. Die Angaben zur Herkunft der Schausteller oder die Kommentare über ihre Leistungen oder Persönlichkeit – zum Beispiel „Karmidianos ist eine Tunte“ – geben uns einen lebendigen Einblick in eines der wichtigsten Aspekte des öffentlichen und kulturellen Lebens kaiserzeitlicher Städte.
Eine zweite große Gruppe von Graffiti besteht aus Texten, die uns auf den Bau und die Funktion von Gebäuden hinweisen. Wer Bauten wie den Tempel oder das Theater errichtet oder finanziert hat, wem die Bauten gewidmet waren und unter welchem Statthalter sie restauriert worden sind – darüber informieren uns die monumentalen „Weih- und „Bauinschriften“. Wie aber die Bauarbeiter ihre Arbeit organisiert haben, erfahren wir von diesen Texten nicht. Darüber geben uns eher einzelne Buchstaben oder Zahlen Aufschluss. Sie finden sich beispielsweise hinter einer Säule oder unterhalb eines Mauerblocks.
Ein charakteristisches Beispiel sind zwölf mit roter Farbe bemalte Inschriften auf großen Blöcken entlang der Außenwand des im zweiten Jahrhundert nach Christus restaurierten Rathauses. Es handelt sich immer um das gleiche Wort: „PROBATA“ (Abbildung Seite 6 links außen). In drei Fällen steht der Text auf dem Kopf. Er muss also geschrieben worden sein, bevor die Blöcke für den Bau des Rathauses benutzt worden sind.

Als Grieche dachte ich zunächst an das griechische Wort próbata (Schafe) – aber es war nicht klar, was das Wort „Schafe“ an der Wand eines Rathauses zu suchen hatte (ob eine Parallele zwischen den Parlamentariern und „Schafen“ gezogen werden sollte, sei dahingestellt). Wie sich schließlich herausstellte, handelt es sich um das mit griechischen Buchstaben geschriebene lateinische Wort probata. Es bedeutet „geprüft und genehmigt“.
Die Zusammenhänge stellten sich nun so dar: Größere Blöcke, vermutlich von einem abgerissenen Gebäude, wurden für den Bau des Rathauses verwendet. Die Blöcke wurden von einen Baumeister für geeignet erklärt, der mit roter Tinte probata schrieb. Heute würde er wohl eher „o.k.“ schreiben. Man wusste wohl schon im voraus, wo die Blöcke anzubringen waren, denn sie bilden alle eine einheitliche Schicht, die rund um den Bau läuft.
Von den zahlreichen Zeichen von Steinmetzen, die sich im Rathaus finden, ist ein kurzer Schriftzug hervorzuheben. Am Ende des Korridors hinter der Bühne des Rathauses befinden sich Fenster. Neben einem Fenster erkennt man mit großer Mühe und nur unter besonderen Lichtverhältnissen den Text DEKATAKLES. Man erkennt das Wort katakleis (Fenster), auch wenn nicht sicher ist, was DE bedeutet. Etwa die Abkürzung von de(ka) = zehn oder das Ende von ide = siehe? Dennoch kann man davon ausgehen, dass der Text die Bauarbeiter anwies, nach diesem Mauerblock Platz für ein Fenster zu lassen.
Dass Graffiti mit ideologischen, politischen und religiösen Konflikten zusammenhängen, ist uns bestens bekannt. Graffiti in Pompei geben uns beispielsweise einen lebhaften Eindruck von der Wahlpropaganda in dieser Stadt. Die Graffiti sprechen allerdings nicht „von selbst“ – sie lassen sich erst dann in einen historischen Zusammenhang einordnen, wenn man die literarischen, dokumentarischen und archäologischen Quellen berücksichtigt. Über derartige Quellen verfügen wir glücklicherweise in Aphrodisias.
Die für die Religionsgeschichte relevanten Graffiti stammen aus der Spätantike (viertes bis sechstes Jahrhundert nach Christus), einer Zeit, die mit religiösen Auseinandersetzungen aufgeladen war. Die Graffiti betreffen alle drei religiösen Gruppen, die für diese Zeit in Aphrodisias bezeugt sind: Christen, Heiden und Juden. Das Toleranzedikt des Jahres 311 ließ in Kleinasien einen „Markt der Religionen“ entstehen; Christen, Juden und Heiden konkurrierten untereinander. Die Reden der Kirchenväter lassen keinen Zweifel an den Erfolgen des Judentums, sie bezeugen aber auch den erbitterten Widerstand der Heiden. Dass die Christen den Siegeszug ihrer Religion dokumentierten, in dem sie das Kreuz auf die Wände paganer Tempel einmeißelten, ist gut belegt.
In Aphrodisias ist die kämpferische Auseinandersetzung der Anhänger der griechischen Religion mit den Juden bis ins sechste Jahrhundert interessant. Die Existenz einer großen jüdischen Gemeinde ist durch zwei auf einem Pfeiler aufgezeichnete Texte überliefert (viertes beziehungsweise fünftes Jahrhundert nach Christus). Sie nennen die Namen, Vatersnamen und teilweise die Berufsbezeichnungen von 68 Juden, drei Proselyten und 52 „Gottesfürchtigen“ ,das heißt Sympathisanten der Judentums. Unter den Gottesfürchtigen befinden sich reiche und wichtige Männer, darunter neun Mitglieder des Rates.
Diese Texte lassen sich historisch besser einordnen, berücksichtigt man die anderen Zeugnisse jüdischer Präsenz in Aphrodisias. Es handelt sich dabei fast ausschließlich um Graffiti: kurze Texte (Gebete), vor allem aber um gezeichnete jüdische Symbole. Sie befinden sich an mehreren Orten der Stadt: im Rathaus, im Sebasteion und in der Agora. Auf den Sitzplätzen des Rathauses befinden sich Platzreservierungen für die Hebraioi (siehe Abbildung Seite 6 Mitte), deren Ältesten und möglicherweise einer jüdischen Jugendorganisation. Das Rathaus (Bild oben) wurde in der Spätantike unter anderem auch für Schaustellungen verwendet und für Letztere wurden diese Plätze reserviert (fünftes Jahrhundert nach Christus).
An mehreren Orten der Stadt sind jüdische Graffiti gefunden worden. Bei den insgesamt zwanzig Graffiti handelt es sich um Darstellungen jüdischer Kultgegenstände, die Privathäuser und vor allem Läden schmückten. Nach der Unterbrechung des Kaiserkultes im frühen vierten Jahrhundert nach Christus wurde das Sebasteion von Händlern okkupiert, die zwischen den Säulen der Nord- und Südhalle ihre Läden errichteten (Abb. Seite 10 oben). Auf diesen Säulen sind bisher neun Darstellungen von Siebenarmleuchtern (Menoroth) registriert worden (Abbildung Seite 6/7 Mitte). Man darf annehmen, dass die derart gekennzeichneten Läden Juden gehörten. Sie machten mit den Darstellungen bei den eigenen Leuten Werbung; doch auch Nicht-Juden gehörten zu ihrer Kundschaft. Der Kontext führt zu einer Datierung in die zweite Hälfte des vierten Jahrhunderts.
Die Juden und die Sympathisanten des Judentums vertreten ein weites Spektrum sozialer Positionen und wirtschaftlicher Tätigkeiten. In dieser Zeit treten die Juden selbstbewusst auf: Sie bringen Zeichen ihrer Präsenz und ihres Glaubens auf den Wänden öffentlicher Bauten an. Für sie sind Plätze im Rathaus reserviert; drei Personen bekennen sich offen als Proselyten; die Säulenhallen der entweihten Stätte des Kaiserkultes werden von jüdischen Händlern besetzt; neun Mitglieder des Rates besuchen regelmäßig die Synagoge. Und all dies in einer Zeit, in der die kaiserliche Gesetzgebung die Diskriminierung der Juden unterstützte, die Konversion verbot und die Juden aus dem öffentlichen Dienst ausschloss. In Aphrodisias kommen die Zeichen, die für eine Verfolgung und Diskriminierung der Juden sprechen, erst später.
In einer Zeit, in der die Juden die Symbole ihrer Religion einritzten und in der die Christen die Wände öffentlicher Bauten mit Kreuzen bedeckten, blieben die zahlreichen Anhänger der griechischen Religion nicht untätig. Das Studium der Graffiti führt zur – an sich nicht überraschenden – Feststellung, dass die Symbole der drei religiösen Gruppen sehr häufig direkt nebeneinander stehen, was auf einen „Dialog“ hindeutet. Dass es zu einem Dialog mit Hilfe von Graffiti kommen kann, ist jedem zeitgenössischen Bewohner einer modernen Stadt bekannt.
Im spätantiken Kontext und stets in unmittelbarer Nähe zu anderen religiösen Symbolen, insbesondere zu Kreuzdarstellungen, sieht man sehr viele Darstellungen von Doppeläxten. Beispielsweise auf dem Boden des Tores, das zum Tempel der Aphrodite führte (Abbildung Seite 7 Mitte und Abbildung Seite 9), oder auf der Wand einer Zisterne. Der Labrys (Doppelaxt) war in Aphrodisias das Symbol des karischen Zeus. Der Kontext legt den Verdacht nahe, dass die Doppeläxte von Heiden eingeritzt wurden, und zwar als Reaktion auf das sehr ähnlich aussehende Symbol der Christen.

Im Falle der Juden von Aphrodisias sind wir ausschließlich auf die Graffiti und die Inschriften angewiesen. Für den Kampf zwischen Heiden und Christen verfügen wir jedoch auch über archäologische, literarische und andere epigraphische Zeugnisse. Im siebten Jahrhundert wurde die Stadt in Stauroupolis – „Stadt des Kreuzes“ – umbenannt. Der alte Name Aphrodisias wurde wie der Name der Göttin aus älteren Inschriften entfernt.
Diese Beispiele zeigen: Auch die scheinbar unbedeutendsten Zeugnisse können dazu beitragen, unser Bild vom antiken Leben zu vervollständigen. Dies bedeutet keineswegs, dass der Althistoriker bei der Untersuchung antiker Zeugnisse keine Prioritäten setzt und zwischen Trivialem und Innovativem, Bedeutsamem und Gewöhnlichem nicht unterscheidet. Aber erst die Berücksichtigung aller Kategorien von Quellen – das heißt schriftlicher und ikonographischer, literarischer und dokumentarischer – macht die Erforschung antiker Kultur sinnvoll.

Autoren:
Prof. Dr. Angelos Chaniotis
Ismail Altincekic

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