Antike Zeiten und Kulturen

Agora

Die Agora war der Mittelpunkt des politischen, gesellschaftlichen und wirt­schaftlichen, oft auch des religiösen Lebens der Polis, sie war eine der Voraussetzungen, daß eine Stadt als solche galt (Pausanias X 4,1); in Delos und Delphi gehörte eine solche Agora auch zu den dortigen Heiligtümern. Aus Vorformen minoisch-mykenischer Zeit hat sie- der politischen Gestaltfindung der Polis zeitlich nachfolgend – erst sehr allmählich eine bauli­che Gestalt gewonnen, deren Vorstufen im 877. Jh. bei Homer dargestellt sind: Versammlungs- und Gerichtsort, Kultplatz und Raum für Agone – oft in räumlicher und kultischer Verbindung mit Grabbezirken. Diese litera­risch überlieferten Anlagen sind archäologisch kaum zu fassen: auch die archaischen Frühformen von Agora-Anlagen (zum Beispiel in Dreros, La­to, Megara Hybläa, Thera) sind in ihrem Baubestand noch nicht ausrei­chend bekannt. Auf unregelmäßig begrenzten, platzartigen Erweiterungen von Straßen finden sich hier neben kleinen Tempeln Heroa, Altäre und gelegentlich Stufenbauten, die an die zuvor genannten minoischen Schau­treppen oder frühe Theater erinnern und die in der Frühzeit oft mit Agora-Anlagen verbunden waren. Während sich in einzel­nen Fällen in der Nähe von Heiligtümern gelegene ältere Versammlungs­plätze allmählich ganz zu Sakralbereichen wandelten (z.B. Kadmeia in Theben), blieb die Mehrzahl der Agora-Anlagen von archaischer bis in hellenistische Zeit in gleicher Funktion am gleichen Ort, wobei sich freilich ihr Erscheinungsbild mit zunehmender Tendenz zu repräsentativer Selbst­darstellung und der Entwicklung neuer Bautypen erheblich veränderte. Die ohnehin erst späte Kopplung von wirtschaftlichen und politischen Funktionen auf demselben Platz hat sich offenbar nur in Klein- und Mittelstädten gehalten (z.B. in Kos, Thasos, Chalkis), in größeren Poleis finden sich neben dem zentralen „Staatsmarkt“ noch weitere Plätze, die der Versor­gung der Bürger, dem regionalen Warenaustausch oder auch dem Fernhan­del dienten, wie zum Beispiel Nord- und Westmarkt in Milet oder die Tetragonos agora in Ephesos; vielfach be­gnügte man sich – wie zum Beispiel in Priene – für diese Aufgaben auch mit einfacheren Platzformen.

Ebenso wie im Städtebau der Zeit lassen sich auch bei den Agora-Anla­gen zwei Grundtypen unterscheiden: die unregelmäßige, meist über längere Zeit hin „gewachsene“ Agora und die nach Pausanias (VI 24,2) sogenannte ionische Agora, die bei rechtwinklig-regelmäßigem Grundriß zusammen mit dem Stadtplan ausgesteckt und danach allmählich ausgebaut wurde. Die einzelnen Ausbau-Elemente waren im Prinzip dieselben, unterschied­lich war nur die Art ihrer Zusammenfügung, die alle Stufen von völlig unge­ordneter, oft dem Gelände angepaßter Anordnung (in Elis und in Athen zum Beispiel) über teilregulierte Formen (so in Assos, Pergamon, Aigai, Thasos; vgl. Abb. 97-98) bis hin zu straff rechtwinkligen Anlagen kannte; letztere sind vor allem im ionischen Raum (in Priene, Milet, Herakleia, Ephesos unter anderen), aber auch in vielen hellenistischen Neugründun­gen zu finden (zum Beispiel in Dura-Europos, AiKhanum, Damaskus). Bau-Elemente waren in der Hauptsache Hallen unterschiedlicher Form und Funktion und daneben häufig kleinere Tempel – oft des Zeus Agoraios, aber auch anderer Gottheiten nach lokaler Tradition – und eine große Zahl verschiedenartigster Ehrendenkmäler; in vielen Fällen gehörten auch Buleuterion, Prytaneion oder andere Amtsgebäude zum Baubestand der Agora.

Die Platzwände wurden durch Hallen begrenzt, die nicht selten Längen bis 200 m erreichten und oft parallel zu Straßen lagen, die die Plätze durchquerten. Diese direkte Verbindung von Straßennetz und Platz ist eines der wichtigsten Kennzeichen früh- und hoch­hellenistischer Platzanlagen; sie wurde erst in späthellenistischer Zeit aufge­geben zugunsten allseits geschlossener Plätze (zum Beispiel Agora des Ita­liens in Delos; vgl. auch die Entwicklung des Nord-Marktes in Milet und andere), die in der Kaiserzeit zur Regel wurden. Bei den Hallenbauten selbst sind trotz des scheinbar gleichförmigen Motivs der langen Säulenrei­hen einige Varianten in Grund- und Aufriß zu beobachten: neben der weit­verbreiteten Grundform der langen, geraden Halle mit meist eingeschossi­ger dorischer Front finden sich vor allem in den Agora-Bereichen Hallen mit rückwärtigen Kammersystemen sowie in hellenistischer Zeit solche mit seitlich vorgezogenen Flügeln; einige Hallen waren mehrgeschossig mit unterschiedlichen Ordnungen in den Ge schössen (meist ionisch über dorischem Erdgeschoß wie zum Beispiel bei der Attalosstoa in Athen und Hallen in Delos und Pergamon), andere zur Ausnutzung abfallenden Geländes und zur Terrassierung des Agorabezirkes mit mehreren Sockelgeschossen angelegt – so vor allem im Einflußbereich Pergamons.

Nächst den Hallenbauten bestimmten den Eindruck von Platzanlagen am stärksten die zahlreichen Denkmäler, deren Formenvielfalt von der ein­fachsten Stele über Basen mit oder ohne Statuenschmuck bis hin zu Klein­architekturen (Exedren, choregische Monumente, Siegesmale u.a.) und naiskos-ähnlichen Schreinen reichte; angesichts des Überwiegens bildhaue­rischer Qualitäten stehen sie zwischen Architektur und Skulptur, doch spie­geln sich in ihnen künstlerische Zeitströmungen oft deutlicher und eher als in der „großen“ Architektur, die stets zögerlicher auf Neuerungen reagiert. Die Vielfalt aller möglichen Formen hier auch nur anzudeuten, ist unmög­lich; genannt seien nur die eher zum „Gebäude“ tendierenden Formen: hier finden sich neben einfacheren Denkmälern vom Exedra-Typus (U-förmige oder halbrunde Nischenbauten auf einem Stufenunterbau, oft mit Sitzbän­ken ausgestattet) Naiskoi aller Arten vom Miniatur-Tempelchen bis zum kleinen Prostylos sowie die sehr verschiedenartigen choregischen Denkmä­ler (in Athen zum Beispiel Stufenbauten für die Siegesdreifüße, aber auch tholos- oder tempelartige Bauten wie das Lysikrates- und Thrasyllos-Monument.

Da Denkmäler a priori auf Ansicht hin konzipiert sind, ist es verständ­lich, daß gerade hier mit der Veränderung der Stellung des Individuums in der Gesellschaft und mit dem Zunehmen von „Ansichts-Architekturen“ in allen Bereichen des Bauens seit spätklassischer Zeit besonders deutliche Tendenzen zu exponierter Lage und repräsentativer Ausgestaltung zu be­obachten sind; oft wurden sie allein schon durch einfache Steigerung älterer Formen in neue Dimensionen oder durch die Vermehrung der zu einem Denkmal gehörenden Statuen ausgedrückt wie zum Beispiel beim Nauar-chendenkmal in Delphi mit 37 Figuren oder beim Weihgeschenk der Messenier in Delphi.

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